{"id":31449,"date":"2024-06-07T09:58:18","date_gmt":"2024-06-07T07:58:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern-2\/"},"modified":"2024-09-24T14:03:14","modified_gmt":"2024-09-24T12:03:14","slug":"bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern-2\/","title":{"rendered":"Bordelle in deutschen  Konzentrationslagern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora existierten Bordelle, in denen sich die m\u00e4nnlichen KZ-H\u00e4ftlinge als Freier bet\u00e4tigen konnten. Die SS wandte mehrere Methoden an, um die KZ-Bordelle mit Frauen zu \u201ebef\u00fcllen\u201c. Unter anderem benutzte sie dazu das System der \u201efreiwilligen Meldung\u201c. Dieses sollte sich vor allem an Frauen wenden, die wegen \u201esexuell unangepassten Verhaltens\u201c oder wegen Prostitution ins KZ eingeliefert worden waren. Aber es konnte auch auf Kommandos angewendet werden, in denen hochgradig schlechte Lebensbedingungen herrschten. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurde immer h\u00e4ufiger auch w\u00e4hrend der Appelle oder bei medizinischen Untersuchungen selektiert. Die Entscheidung, welche Frauen als Prostituierte f\u00fcr die m\u00e4nnlichen KZ-H\u00e4ftlinge in Frage k\u00e4men, trafen Kommandanten, Lager\u00e4rzte, SS-M\u00e4nner und Offiziere. In den KZ wurde nicht nur f\u00fcr die KZ-internen Bordelle selektiert, sondern auch f\u00fcr Wehrmachts- und SS-Bordelle au\u00dferhalb.<br \/>\nDas Prinzip der \u201efreiwilligen Meldung\u201c fand auch f\u00fcr andere Kommandos als f\u00fcr das als \u201eSonderkommando\u201c bezeichnete Bordellkommando statt, vor allem dann, wenn die SS Kr\u00e4fte f\u00fcr diese Kommandos ben\u00f6tigte. Daf\u00fcr versprach die SS denjenigen Menschen, die sich f\u00fcr das neue Kommando meldeten, eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, verschwieg aber gleichzeitig auch wichtige Informationen \u00fcber dieses neue Kommando \u2013 dies fand auch bei der \u201efreiwilligen Meldung\u201c f\u00fcr die Bordelle genau so statt. Die SS erhoffte sich von den \u201efreiwilligen Meldungen\u201c drei Dinge: erstens, dass sich ehemalige Prostituierte melden w\u00fcrden, die man f\u00fcr den Bordellbetrieb nicht erst \u201eeinarbeiten\u201c m\u00fcsse. Zweitens, durch eine behauptete \u201efreiwillige Meldung\u201c der Frauen den H\u00e4ftlingsfreiern das schlechte Gewissen dar\u00fcber zu nehmen, ihre weiblichen Mith\u00e4ftlinge im Bordell sexuell auszubeuten und drittens, den Frauen selbst die Schuld f\u00fcr ihr Schicksal zuzuweisen, da sie sich ja \u201efreiwillig\u201c darauf eingelassen h\u00e4tten. Vor allem zu Beginn der Rekrutierungen arbeitete die SS h\u00e4ufig mit dem Versprechen, diejenigen Frauen, die sich \u201efreiwillig\u201c f\u00fcr das Sonderkommando meldeten, w\u00fcrden nach einem halben Jahr \u201eDienst\u201c aus dem KZ entlassen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>W\u00e4hrend der Musterungen stellte man den Frauen auch Fragen nach ihrer \u201eEignung\u201c. Eine H\u00e4ftlingsfrau berichtet, nach der P\u00e4ppelung der Frauen \u201esind einige SS-M\u00e4nner gekommen und haben sie im Operationssaal ausprobiert\u201c, sprich, vergewaltigt.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings ist keine Frau bekannt, die tats\u00e4chlich nach Ablauf der sechs Monate entlassen worden ist. Die wenigen Frauen, die aus den KZ-Bordellen entlassen wurden, kamen entweder deswegen frei, weil ihre Haftzeit \u201everb\u00fc\u00dft\u201c war \u2013 oder sie wurden, nachdem ihre sexuelle \u201eArbeitskraft\u201c verb\u00fc\u00dft war, zur\u00fcck in andere KZ-Kommandos verschafft, um dort weiter durch k\u00f6rperliche Arbeit ausgebeutet zu werden. Die SS hatte niemals vorgehabt, das von ihr gegebene Versprechen der Entlassung nach sechs Monaten einzul\u00f6sen. Das best\u00e4tigt auch ein Brief Heinrich Himmlers aus dem November 1942, in dem er schreibt: \u201eEine Entlassung, die ihnen \u201airgendein Wahnsinniger\u2018 versprochen habe, komme bei diesen Frauen erst in Frage, wenn sie kein Verderbnis mehr f\u00fcr die Jugend, die Gesundheit, die \u00f6ffentliche Ordnung und Sicherheit darstellten\u201c((1)).<br \/>\nIm sogenannten \u201eHurenblock\u201c, wo Frauen festgehalten wurden, die wegen Prostitution eingeliefert worden waren, existierten besonders harte Lebensbedingungen. Von dort erhoffte sich die SS die meisten \u201efreiwilligen Meldungen\u201c, erstens, weil die Umst\u00e4nde dort so schwer und die Frauen entsprechend verzweifelt waren und zweitens, weil die Frauen ja bereits w\u00fcssten, wie man sich als Prostituierte im Bordell zu benehmen habe. Ab 1943 meldeten sich aber trotz ihres dringenden Wunsches zu \u00fcberleben und trotz ihres Ungl\u00fccks nicht mehr genug Frauen \u201efreiwillig\u201c f\u00fcr die KZ-Bordelle, da sie sahen, dass die SS die Frauen eben nicht nach einem halben Jahr entlie\u00df, sondern dass Frauen aus den Bordellen in die KZ r\u00fcck\u00fcberstellt wurden. Auch Frauen aus anderen Bordellen, z.\u2009B. aus Bordellen f\u00fcr die SS, wurden, wenn sie \u00fcberlebten, in die KZ zur\u00fcckverschafft und berichteten dort von den unglaublichsten Zust\u00e4nden. Da sie derart geistig und k\u00f6rperlich zerst\u00f6rt waren, waren sie zumeist nur noch f\u00fcr die Vernichtung vorgesehen. Eine H\u00e4ftlingsfrau beschreibt die R\u00fcckkehr einer ihrer Kameradinnen aus dem Bordell ins KZ: \u201eThea. Sechs Wochen sp\u00e4ter war sie zu uns zur\u00fcckgeschickt worden mit dem Vermerk \u201aAbgen\u00fctzt\u2018. So sieht die Praxis dieser Angelegenheit aus. Nach wenigen Wochen mit dem Vermerk \u201aVerbraucht\u2018 ins Lager zur\u00fcck zur Vernichtung. Als Zeuginnen dessen, was ihnen in diesen Wochen widerfuhr, d\u00fcrfen sie nicht am Leben bleiben. Thea verst\u00f6rt bis zum Rand des Irrsinns, hatte ihrer Lagerfreundin berichtet, bevor man sie im Wagen mit anderen Verbrauchten vergaste. Nat\u00fcrlich sprachen sich ihre Schilderungen, wie alles, was uns angeht, in allen Einzelheiten in Windeseile herum(\u2026)\u201c ((2)).<br \/>\nFrauen in den SS-Bordellen waren schwererer Gewalt ausgesetzt als Frauen, die in den Bordellen f\u00fcr m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge anschaffen mussten. Diese blieben zudem l\u00e4nger in den \u201eSonderbauten\u201c genannten Bordellen. Ihre Berichte h\u00f6rten die Frauen aus den KZ also nicht, aber was die wenigen Frauen erz\u00e4hlten, die ein SS-Bordell \u00fcberlebten, wird viele Frauen abgeschreckt haben, sich in ein KZ-Bordell zu melden, um so vermeintlich ihre \u00dcberlebenschancen zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen ging die SS dazu \u00fcber, in den Strafblocks zu re-\u2028krutieren. Die Strafblocks waren eines der schlechtesten Kommandos, die es gab. Vor allem Frauen mit gr\u00fcnem (Haftgrund: \u201ekriminell\u201c) und schwarzem (Haftgrund: \u201easozial\u201c) Winkel waren dort interniert, also Prostituierte, Obdachlose, straff\u00e4llige Frauen, Sintize und Romnja. Im Strafblock herrschte besonders viel Hunger, Geschrei, Elend und Gewalt. Eine Frau aus dem Strafblock berichtet dar\u00fcber, wie sie von dort f\u00fcr das Bordellkommando selektiert worden ist: \u201eIm Sommer 1943 hie\u00df es eines Tages im Strafblock: Nummer sowieso, Nummer sowieso, nicht zum Arbeitsappell antreten, drinbleiben! Etwas sp\u00e4ter mu\u00dften wir doch raus, mu\u00dften uns anstellen. Da waren Kommandant K\u00f6gel, oder war das Meier? Oberaufseherin Langefeld und fremde SS-Leute, ein fremder Kommandant mit seinem Anhang. Die schritten unsere Horde ab und guckten und suchten die und die und die. Die anderen mu\u00dften wieder zur\u00fcck auf den Strafblock. Wir mu\u00dften anschlie\u00dfend gleich ins Revier. In einem Raum mu\u00dften wir uns alle ausziehen, nackend. Dann kam diese SS-Horde rein, da war auch Schiedlausky, der Lagerarzt, dabei. Da haben sie uns gemustert. (\u2026) Dann kamen wir in den Zellenbau, alle in eine Zelle. Was machen die mit uns? Ich hatte von einem Kapo aus dem Revier geh\u00f6rt, da\u00df es Bordelle gab, f\u00fcr die jugoslawische SS in Berlin. Und wenn diese Frauenh\u00e4ftlinge ausgeleiert waren, so m\u00f6chte ich jetzt mal sagen, hat man sie erschossen, und dann kam ein neuer Transport. Ich wusste das. (\u2026) Aber ich wusste nun nicht, wo wir in diesem Loch mit den 16 Frauen sa\u00dfen, da\u00df wir auch ins Bordell sollten\u201c ((3)).<br \/>\nFrauen wurden also ausgesucht, aber nicht \u00fcber ihr weiteres Schicksal informiert. Eine weitere Zwangsprostituierte berichtet: \u201eWir mu\u00dften dann zum Lagerkommandeur und mu\u00dften uns alle nackt ausziehen. Da wurden wir begutachtet wie bei einer Fleischbeschauung. Dann hie\u00df es \u201aJa, ja weg\u2018. Wir waren ungef\u00e4hr acht Frauen (\u2026), die ausgesucht wurden\u201c ((4)).<br \/>\nBei diesen Selektionen kam es auch zu verbalen Dem\u00fctigungen durch diejenigen, die selektierten: \u201eNebenbei wurden die ausgesuchten Frauen mit zynischen Bemerkungen bombardiert, von Lagerf\u00fchrer, Kommandant und Arzt beschimpft und von den diensthabenden Aufseherinnen in den unfl\u00e4tigsten Ausdr\u00fccken glossiert\u201c ((5)).<br \/>\nAls im Sp\u00e4tsommer 1944 das Frauenkonzentrationslager Ravensbr\u00fcck komplett \u00fcberf\u00fcllt war, stellte die SS ein Zelt auf, in dem \u00fcber 3.000 Frauen unter erb\u00e4rmlichsten Bedingungen untergebracht waren. Auch dort selektierte die SS f\u00fcr die KZ-Bordelle. \u00dcberhaupt ging gegen Ende des Krieges die SS dazu \u00fcber, bei allen m\u00f6glichen Gelegenheiten Frauen f\u00fcr die KZ-Bordelle auszusuchen: bei Appellen, beim Antreten vor dem Block, bei medizinischen Untersuchungen. Eine H\u00e4ftlingsfrau berichtet \u00fcber eine Selektion, bei der im KZ Frauen f\u00fcr ein Wehrmachtsbordell ausgesucht wurden: \u201eDann kamen die Gener\u00e4le. Sie sind 5 Mal auf und ab gegangen und haben Frauen f\u00fcr das Bordell ausgesucht. Die haben gesagt, Du raustreten\u201c ((6)).<br \/>\nSogar im Krankenbau suchte die SS nach Frauen, die sie benutzen konnten, um sie den m\u00e4nnlichen H\u00e4ftlingen sexuell zur Verf\u00fcgung zu stellen. Dort wurden Frauen gebadet, hochgep\u00e4ppelt und f\u00fcr ihren \u201eDienst\u201c im Bordell vorbereitet. W\u00e4hrend dieser Musterungen stellte man den Frauen auch Fragen nach ihrer \u201eEignung\u201c. Eine H\u00e4ftlingsfrau berichtet, nach der P\u00e4ppelung der Frauen \u201esind einige SS-M\u00e4nner gekommen und haben sie im Operationssaal ausprobiert\u201c ((7)), sprich, vergewaltigt. Vor allem das Frauen-KZ Ravensbr\u00fcck entwickelte sich mit der Zeit zum \u201eUmschlagplatz\u201c f\u00fcr Frauen, die in die KZ-, Wehrmachts- und SS-Bordelle verschafft wurden. F\u00fcr das Bordell in Auschwitz-Monowitz rekrutierte man eigens in Auschwitz-Birkenau, auch beim Eintreffen von Transporten.<br \/>\nDarum, wie der Bordellbetrieb konkret ablief und wie der Alltag der Frauen in den KZ-Bordellen aussah, soll es in der n\u00e4chsten Ausgabe gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora existierten Bordelle, in denen sich die m\u00e4nnlichen KZ-H\u00e4ftlinge als Freier bet\u00e4tigen konnten. Die SS wandte mehrere Methoden an, um die KZ-Bordelle mit Frauen zu \u201ebef\u00fcllen\u201c. Unter anderem benutzte sie dazu das System der \u201efreiwilligen Meldung\u201c. 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