{"id":31450,"date":"2024-06-07T09:58:19","date_gmt":"2024-06-07T07:58:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/auto-maenner-und-ihr-hass-auf-umweltaktivistinnen\/"},"modified":"2024-09-08T18:06:46","modified_gmt":"2024-09-08T16:06:46","slug":"auto-maenner-und-ihr-hass-auf-umweltaktivistinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/auto-maenner-und-ihr-hass-auf-umweltaktivistinnen\/","title":{"rendered":"Auto-M\u00e4nner und ihr Hass auf Umweltaktivistinnen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eW\u00fcrde ich sofort ficken, auch wenn ich mir danach stundenlang das Klimazeug anh\u00f6ren m\u00fcsste.\u201c<br \/>\nDieser misogyne Kommentar unter dem Facebook-Profil von Klimaaktivistin Luisa Neubauer ist nur einer von vielen. Wer sich in Kommentarspalten, Popkultur, Talkshows, auf sozialen Medien, Werbeplakaten und Heckscheiben-Stickern umschaut und dabei auf Misogynie gegen\u00fcber Umweltaktivistinnen achtet, wird schnell f\u00fcndig. Auff\u00e4llig hoch ist dabei die Schnittmenge mit sich \u00fcber Fleisch, Benzin und \u00d6l definierender M\u00e4nnlichkeit: Dieses Ph\u00e4nomen wurde von Cara Daggett mit dem Begriff der \u201ePetromaskulinit\u00e4t\u201c in ihrem gleichnamigen Buch ((1)) beschrieben. Sie beschreibt darin die \u201eKonvergenz zwischen einem sich in die Ecke gedr\u00e4ngt f\u00fchlenden fossilen Brennstoffsystem sowie einer zunehmend fragilen westlichen Hypermaskulinit\u00e4t\u201c. Die Wirkungsmacht jener Hypermaskulinit\u00e4t ist dabei eng an bestehende gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse gekn\u00fcpft: an ein starkes Patriarchat, starre bin\u00e4re Geschlechterrollen und einen fossilen Kapitalismus. Im Folgenden versuche ich mich an einer Erkl\u00e4rung, wie Petromaskulinit\u00e4t und Misogynie gegen\u00fcber Umweltaktivistinnen zusammenh\u00e4ngen. Dazu beginne ich mit der Vorstellung und Erl\u00e4uterung einiger Kernbegriffe.<\/p>\n<p>Der Begriff der Petromaskulinit\u00e4t setzt sich zusammen aus Petro, griechisch f\u00fcr Stein und wie in Petroleum; und Maskulinit\u00e4t, also M\u00e4nnlichkeit. Die Wahl des Wortes Petro erkl\u00e4rt Cara Daggett mit dem Zusammenspiel aus unflexiblem, verh\u00e4rteten Gestein und flie\u00dfendem, schmierigen Erd\u00f6l. Ersteres steht f\u00fcr die starre, unflexible, konservative, toxische M\u00e4nnlichkeit und letzteres f\u00fcr fossile Energietr\u00e4ger in all ihren menschlichen Nutzungsformen: Verbrennung, Qualm, dicke Autos, Benzin, \u00d6lplattformen, Kettens\u00e4gen. Im Zuge der engen Verflechtung von M\u00e4nnlichkeit und fossilen Brennstoffen stellt Daggett eine \u201eAnpreisung fossiler Brennstoffe innerhalb der neuen autorit\u00e4ren Bewegungen des Westens\u201c fest. Dies liegt in der ideellen und materiellen Beziehung zwischen fossilen Brennstoffen und wei\u00dfer patriarchaler Ordnung begr\u00fcndet, da sich der westliche, insbesondere der US-amerikanische, Lebensstil um eine Version eben jener Ordnung herum anordnet, bei der der Erfolg hegemonialer Maskulinit\u00e4t auf einen intensiven Verbrauch fossiler Brennstoffe sowie auf Arbeitspl\u00e4tze in entsprechenden Branchen angewiesen ist. Deren Gewinnung und Verbrauch ist dabei oftmals eine Darbietung von M\u00e4nnlichkeit.<\/p>\n<p>Misogynie meint im Allgemeinen Frauenverachtung oder -hass. Sie geht dabei stets mit der Aufwertung von M\u00e4nnlichem einher, was die Abwertung von Weiblichem impliziert. Diese Abwertung ist dabei nicht nur auf weibliche Subjekte beschr\u00e4nkt, sondern es k\u00f6nnen auch andere, weniger \u201emaskuline\u201c M\u00e4nner\/Gegenst\u00e4nde\/Aktivit\u00e4ten\/Charaktereigenschaften\/u.v.m. als weiblich beschrieben und damit abgewertet werden. Nach Kate Manne ((2)) ist Misogynie nicht nur als auf Einzelpersonen bezogener und von Einzelpersonen ausgehender Frauenhass zu verstehen, sondern als System innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung, das Frauen unterwirft, kontrolliert und die m\u00e4nnliche Herrschaft aufrechterh\u00e4lt. Frauen sind gebende Menschen und d\u00fcrfen nicht \u2013 wie M\u00e4nner \u2013 einfach sein. Erf\u00fcllt eine Frau die Erwartung des nehmenden Mannes nicht, kann es sein, dass sie daf\u00fcr bestraft wird. Misogynie ist au\u00dferdem als Spektrum zu verstehen, das von Infantilisierung bis zu Vergewaltigungsfantasien und tats\u00e4chlicher physischer Gewalt geht. Weiterhin ist Misogynie die \u201eExekutive des Patriarchats\u201c. Diese agiert speziell gegen Frauen, die in der ihnen zugedachten Rolle im Patriarchat nicht mitspielen und denen \u201eeine Lektion erteilt\u201c werden soll.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Kehrseite aller der M\u00e4nnlichkeits-Narrative ist Misogynie, mit der \u201aechte M\u00e4nnlichkeit\u2018, \u201aHeimat\u2018 und \u201aVolk\u2018 verteidigt werden sollen<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Anfangs habe ich bereits Beispiele f\u00fcr Misogynie gegen\u00fcber Umweltaktivistinnen angebracht. Weitere finden sich in diesem Interviewausschnitt mit Luisa Neubauer: \u201eDa ist alles dabei: Beleidigungen, sexualisierte Memes, Erniedrigungen. Manchmal schreiben Leute ganze Aufs\u00e4tze \u00fcber ein Oberteil von mir, aus dem sie ableiten, dass ich \u201aunterv\u00f6gelt\u2018 sei. Der sexualisierte Hass in den Kommentaren geht irritierend oft \u00fcber zu Foren, in denen \u00fcber meine Vergewaltigung fantasiert wird\u201c. Oder ein Werbesticker des kanadischen \u00d6lunternehmens X-Site, welcher einen nackten Frauenr\u00fccken und zwei lange, geflochtene Z\u00f6pfe zeigt, sowie H\u00e4nde, die von hinten an diesen ziehen. Auf dem unteren R\u00fccken der gezeichneten Figur steht \u201eGreta\u201c, darunter X-Site Energy Services. Die Liste an Beispielen l\u00e4sst sich beliebig erweitern.<br \/>\nMaren Behrensen ((3)) argumentiert, dass sich Klimawandelverharmlosung \u201eideologisch gut mit anderen populistischen Narrativen verzahnen l\u00e4sst \u2013 mit dem Narrativ der bedrohten M\u00e4nnlichkeit [&#8230;] und v\u00f6lkisch-nationalen Positionen [&#8230;]. Die Kehrseite aller dieser Narrative ist Misogynie, mit der \u201aechte M\u00e4nnlichkeit\u2018, \u201aHeimat\u2018 und \u201aVolk\u2018 verteidigt werden sollen.\u201c<br \/>\nDiese enge Verzahnung zeigt sich demnach besonders deutlich in Form von Gewaltfantasien gegen\u00fcber jungen Frauen, die als Person oder symbolisch f\u00fcr Umweltaktivismus stehen. Denn dort, wo Frauen den Status quo der patriarchalen Weltordnung infrage stellen und sich nicht nur weigern, ihrer gebenden Rolle nachzukommen, sondern andere sogar dazu auffordern, ihre Aufgaben zu \u00fcbernehmen, meldet sich die von Kate Manne beschriebene Misogynie als Exekutive des Patriarchats \u201ebesonders laut zu den Waffen\u201c. Misogyne Gewaltfantasien gegen\u00fcber Umweltaktivistinnen fungieren dann als Strafaktionen, da der Umweltaktivismus als Kampf gegen den Status quo per se zu verstehen ist und somit auch einen Kampf um \u201ebestimmte Formen der M\u00e4nnlichkeit\u201c impliziert. Cara Daggett erg\u00e4nzt hier, dass bei der gemeinsamen Analyse von Misogynie und Klimawandelleugnung eine gender anxiety zum Vorschein kommt. Denn hinter der geradezu manischen Proklamation patriarchaler Ideale sowie der Obsession mit Hypermaskulinit\u00e4t liegt demnach eine Angst bez\u00fcglich der sozialen Fragilit\u00e4t von Maskulinit\u00e4t sowie die Sorge, den eigens proklamierten Idealen nicht gerecht werden zu k\u00f6nnen. Daggett erkennt eine tief sitzende Angst vor Schw\u00e4che und den emsigen Versuch, die Konfrontation mit ihr unbedingt zu vermeiden. Stattdessen resultiert aus gender anxiety und der Angst vor Schw\u00e4che oft frauenfeindliche Gewalt, die sich zuweilen als fossile Gewalt entl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Die hier relevanteste \u00dcberschneidung der Ausbeutung(en) von Natur und Frauen ist die Machtdemonstration, die damit einhergeht. Die \u201eRolling Coal\u201c- Bewegung in den USA ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel: Automotoren werden so modifiziert, dass sie auf Knopfdruck besonders gro\u00dfe dunkle, stinkende Rauchwolken produzieren, welche gefilmt und auf Social Media geteilt werden ((4)). Motivation daf\u00fcr ist die pure Lust an Verschmutzung und Zerst\u00f6rung, ein Kommentator nennt die Videos treffenderweise \u201eVerschmutzungspornos\u201c. Was auf den ersten Blick nach purem white trash aussieht, birgt ganz reale Gefahren. Denn auch Dominanz und Befriedigung durch Unterdr\u00fcckung sind Motivationen f\u00fcrs coal-rolling, weswegen die Rauchwolken bevorzugt Radfahrer*innen, jungen Frauen und kleinen Autos asiatischer Firmen entgegengeblasen werden. Der Trend ist also nicht nur abgedreht, sondern auch zutiefst misogyn und rassistisch. Daggett schreibt dazu: \u201eFossile Brennstoffsysteme bieten einen Bereich f\u00fcr den explosiven Kontrollverlust und f\u00fcr all die damit einhergehenden Freuden \u2013 Bohren, Graben, Fracking, Gipfelabsprengen, Dieseltrucks.\u201c<br \/>\nBeim Trend des \u201eRolling Coal\u201c klingt auch der der Naturzerst\u00f6rung und Frauenunterdr\u00fcckung verbindende Sadomasochismus mit. Daggett benennt ihn als Ausdruck des Bed\u00fcrfnisses, andere zu \u00fcberw\u00e4ltigen, sie zu unterwerfen und \u201eder Versuche, sekund\u00e4r zu St\u00e4rke zu kommen, wo genuine St\u00e4rke fehlt\u201c. Denn pr\u00e4faschistische Bewegungen koppeln \u201emaskuline Rigidit\u00e4t gleicherma\u00dfen mit Gewalt\u201c. Dabei ist das petromaskuline Individuum in zweierlei Arten des Sadomasochismus verstrickt: zum einen als Dominator von Frauen, People of Color, Queers und \u201eschwachen\/verweiblichten\u201c M\u00e4nnern. Zum anderen als unterworfener Handlanger der fossilen Industrie und des fossilen Kapitals. \u201eUm Macht zu bekunden, ist die machtlose autorit\u00e4re Pers\u00f6nlichkeit gezwungen, ihr Verlangen nach Dominanz durch Unterwerfung unter eine st\u00e4rkere, externe Kraft zu subsumieren, sei dies Gott, das Gesetz des Marktes [&#8230;] oder eben die Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger.\u201c Kernelement der Misogynie gegen\u00fcber Umweltaktivistinnen ist also die Machtdemonstration der Macht wegen. Petromaskuline Individuen profitieren von Patriarchat, Kapitalismus, white supremacy und Heteronormativit\u00e4t. Sie tun deshalb alles daf\u00fcr, diese Machtstrukturen aufrecht zu halten. Ihre hegemoniale Machtstellung verteidigen sie mit aller Kraft und \u2013 nicht nur notfalls \u2013 mit Gewalt.<\/p>\n<p>Petromaskulinit\u00e4t \u00e4u\u00dfert sich in physischer, psychischer und struktureller Gewalt gegen Frauen, Queers, nicht ausreichend \u201emaskuline\u201c M\u00e4nner, People of Color und gegen die Natur. Sie nutzt und verkn\u00fcpft verschiedene Unterdr\u00fcckungsmechanismen, um das vermeintlich \u201eSchw\u00e4chere\u201c auszuloten, sich dar\u00fcber lustig zu machen, es zu unterdr\u00fccken und klein zu halten. Sie dominiert aus Spa\u00df an der Dominanz und aus dem unbedingten Willen zum eigenen Privilegien- und Machterhalt. Sich nicht in ihre zugeteilte Rolle einf\u00fcgende, widerspenstige, sich wehrende Individuen oder Gruppen passen nicht in dieses Weltbild und werden deshalb mit aller H\u00e4rte bek\u00e4mpft. Dabei vereinen Umweltaktivistinnen die Gegenwehr mehrerer, von Petromaskulinit\u00e4t zur Zielscheibe gemachter Gruppen miteinander und werden damit zum ultimativen Feindbild. Und je mehr marginalisierte Gruppen und Eigenschaften sie in sich vereinen, desto weiter oben stehen sie auf der Abschussliste \u2013 weswegen beispielsweise Indigene Umweltaktivistinnen noch mehr Hass und Gewalt ausgesetzt sind \u2013 und regelm\u00e4\u00dfig tats\u00e4chlich get\u00f6tet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eW\u00fcrde ich sofort ficken, auch wenn ich mir danach stundenlang das Klimazeug anh\u00f6ren m\u00fcsste.\u201c Dieser misogyne Kommentar unter dem Facebook-Profil von Klimaaktivistin Luisa Neubauer ist nur einer von vielen. Wer sich in Kommentarspalten, Popkultur, Talkshows, auf sozialen Medien, Werbeplakaten und Heckscheiben-Stickern umschaut und dabei auf Misogynie gegen\u00fcber Umweltaktivistinnen achtet, wird schnell f\u00fcndig. 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