{"id":31455,"date":"2024-06-07T09:58:20","date_gmt":"2024-06-07T07:58:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/ich-will-einen-richter\/"},"modified":"2024-08-24T12:51:23","modified_gmt":"2024-08-24T10:51:23","slug":"ich-will-einen-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/ich-will-einen-richter\/","title":{"rendered":"\u201eIch will einen Richter\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch will einen Richter\u201c, sagte Ante P. Momente, bevor er sterben sollte. Zwei Polizisten erstickten ihn am 2. Mai 2022 auf dem Mannheimer Marktplatz inmitten von vielen Zeug*innen. Ihre Rufe, aufzuh\u00f6ren, oder dass Ante P. nicht mehr atme, eine verzweifelte Bitte, ihm Wasser zu holen, ignorierten sie dabei. Am 2. Mai 2022 befand sich der 47-j\u00e4hrige Ante P. in einem psychischen Ausnahmezustand. Um ihn in das Zentralinstitut f\u00fcr Seelische Gesundheit einweisen zu lassen, wurde die \u00f6rtliche Polizei involviert. Eine Tatsache, die Ante P. das Leben kostete. Ante P. entfernte sich von der zu Rate gezogenen Polizeiwache in Richtung des Marktplatzes. Er erkannte weder die Polizisten noch seinen behandelnden Arzt und schien sehr desorientiert. Die beiden Polizisten verfolgten ihn, und Ante P. zeigte keinerlei Reaktion auf das Handeln der Polizei. Sogleich setzte der Hauptt\u00e4ter Pfefferspray gegen ihn ein. Es schien beinahe, als wollten die beiden Polizisten Ante P. mittels Pfeffersprays in eine bestimmte Richtung lenken. Dass dies eine gelernte Strategie zur Deeskalation ist, mit dem Ziel der R\u00fcckf\u00fchrung eines verwirrten Patienten, scheint mehr als fraglich. Da dies anscheinend nicht den gew\u00fcnschten Effekt erzielte, sprang der Hauptt\u00e4ter Ante P. in den R\u00fccken, um ihn zu Boden zu bringen. Es folgten vier Schl\u00e4ge gegen den Kopf. Ante P., welcher inzwischen stark blutete, wurde zun\u00e4chst weder in die stabile Seitenlage gebracht, noch wurde eine Reanimation eingeleitet. Zwischen der Feststellung, dass er keine Vitalzeichen mehr aufwies, und der Reanimation vergingen mehrere wertvolle Minuten. Ante P. lag f\u00fcnf Minuten und 21 Sekunden ohne sichtbare Reaktion auf dem Boden und erhielt keine Hilfeleistung.<br \/>\nEtwa zwei Jahre sp\u00e4ter, am 12. Januar 2024, begann ein Prozess gegen die beiden angeklagten Polizisten, welcher sich als eine zynische Ansammlung von Prozesstagen entpuppen sollte, die von Rassismus, Ableismus und \u00fcbergriffigem und einsch\u00fcchterndem Verhalten von Justitia und Polizei gepr\u00e4gt waren. Die Strategie, die die Verteidigung dabei verfolgte, ist Schuldabwehr und eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr. Es wurde ein Bild von Ante P. gezeichnet, welches stark verzerrt war und nur wenig mit der Realit\u00e4t gemein hatte. Ante P. liebte die Band \u201eQueen\u201c, machte Sport oder fuhr mit seiner damaligen Freundin in den Urlaub. Doch vor Gericht wurde jeder Aspekt seiner psychischen Erkrankung ausgeschlachtet und so der Eindruck vermittelt, er sei ein schwer kranker und kaum zurechnungsf\u00e4higer Mensch gewesen, unter der Verwendung ableistischer Vorurteile. Eine weitere Strategie bestand darin, zu behaupten, Ante P. w\u00e4re auch ohne das Einwirken der Polizei an diesem Tag durch seine Vorerkrankungen gestorben. Die Wunden am Kopf, die ihm durch die Faustschl\u00e4ge der Polizisten zugef\u00fcgt wurden, st\u00fcnden in keinem Zusammenhang mit seinem Tod. Dass weder eine sofortige Reanimation durchgef\u00fchrt wurde, noch Ante P. in die stabile Seitenlage gebracht wurde, nehme ebenfalls keinen Einfluss auf dessen Tod. Eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, die sich wie ein roter Faden durch s\u00e4mtliche F\u00e4lle von Polizeigewalt und Polizeimorden zieht, blieb auch in diesem Fall nicht aus. Die Polizei behauptet, Ante P. sei aggressiv gewesen und habe eine Fremdgefahr dargestellt. Zeugenaussagen widersprechen dem. Ante P. schien verwirrt und wollte in Ruhe gelassen werden. Das Verhalten der Polizei beschrieben die Zeug*innen als \u201eviel zu brutal\u201c. Noch am Tattag wurden die teils minderj\u00e4hrigen Zeug*innen unter Druck gesetzt, etwa durch Strafandrohung, keine Falschaussagen zu t\u00e4tigen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Strafbares Verhalten und Rechtsverst\u00f6\u00dfe innerhalb des Polizeiapparates werden nur selten aufgekl\u00e4rt, dabei ist es ganz gleich, ob es sich um schwere K\u00f6rperverletzung, sexualisierte oder t\u00f6dliche Polizeigewalt handelt<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ante P. hatte einen Migrationshintergrund und war psychisch krank, eine Tatsache, welche ebenfalls einen erheblichen Teil der Opfer von (t\u00f6dlicher) Polizeigewalt eint. Vor Gericht argumentierte ein Arzt, Ante P. habe sich in einem \u201ehandlungsleitenden Wahn\u201c befunden; so wollte er beispielsweise einem Freund am gemeinsamen Arbeitsplatz zu Hilfe eilen, von welchem er glaubte, dass dieser seine Hilfe ben\u00f6tigte. Eine Fremdgef\u00e4hrdung ging jedoch nicht von ihm aus. Der Arzt beschrieb ihn als defensiv, abwehrend und ungef\u00e4hrlich. Ein geladener Gutachter der Verteidigung, Dr. Betz, t\u00e4tigte w\u00e4hrend des Prozesses mehrere menschenfeindliche Aussagen. \u201eSchizophrene\u201c, sagte er, \u201esind mit Vorsicht zu genie\u00dfen\u201c und \u201ebekannt f\u00fcr T\u00f6tungsdelikte und Suizide\u201c. Zudem sei das Herz von Ante P. nach seinen Aussagen \u201ejederzeit versagensbereit\u201c gewesen. Die Fixierung am Boden stelle keinesfalls die Todesursache dar, denn \u201edicke Menschen k\u00f6nnen am Strand auch auf dem Bauch liegen, ohne dass gleich der Notarzt kommt\u201c. So k\u00f6nne auch das Blut besser abflie\u00dfen. Ante P. blutete aufgrund der Schl\u00e4ge gegen seinen Kopf.<br \/>\nDie anwesenden Polizist*innen verhielten sich ihren beiden Kollegen solidarisch gegen\u00fcber, so war der Saal stets gef\u00fcllt mit Polizist*innen, teils in zivil, teils bewaffnet und uniformiert. In der Schlange vor dem Gerichtssaal kam es zu Schubsereien seitens der Polizei und weiterem \u00fcbergriffigem und unangebrachtem Verhalten.<br \/>\nLetztlich endete der Prozess mit einer sehr bescheidenen Geldstrafe f\u00fcr die Hauptangeklagten: 120 Tagess\u00e4tze \u00e0 50 Euro, und einem Freispruch. Seitens der Polizeigewerkschaft erhielten die beiden angeklagten Polizisten vollste Unterst\u00fctzung.<br \/>\nAnte P.s Schwester Antonia \u00e4u\u00dferte sich folgenderma\u00dfen: \u201eEs ist ja leider nicht so, dass der Tod meines Bruders Ante ein Einzelfall ist [&#8230;]\u201c. Weiter erkl\u00e4rte sie: \u201eDie Reduzierung einer Strafe wegen T\u00f6tung eines psychisch kranken Menschen faktisch auf einen minimalen Symbolgehalt \u2013 de facto Straflosigkeit bei einer solchen Tat, das ist es, was Angst macht. Ich habe mich mit Opfern und Angeh\u00f6rigen von Polizeigewalt vernetzt. Es gibt viele.\u201c<br \/>\nAm 10. Mai 2022, nur acht Tage nach der Tat, kam es in Mannheim erneut zu t\u00f6dlicher Polizeigewalt. Ein 31-j\u00e4hriger Mann, welcher sich ebenfalls in einer Krisensituation befand, verstarb nach einem Polizeieinsatz. Nach einem Streit mit seiner Mutter verletzte dieser sich selbst und drohte mit Suizid. Seine Mutter alarmierte mit Hilfe einer Nachbarin die Polizei, welche beim Eintreffen in der Wohnung der eigenen Aussage zufolge versuchte, die Situation zu deeskalieren. Da dies aber anscheinend nicht funktioniert habe, setzten diese kurzerhand Pfefferspray ein. Anschlie\u00dfend gab die Polizei einen Schuss auf sein Bein ab. Er starb noch vor Ort. Die Tat spielte sich isoliert von der \u00d6ffentlichkeit ab, so wurde auch das Verfahren schnell wieder eingestellt.<br \/>\nAm 23. Dezember 2023 wird Ertekin \u00d6. von der Polizei erschossen. Auch er befand sich zum Tatzeitpunkt in einem psychischen Ausnahmezustand. \u201eEine Gefahr f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung besteht nicht\u201c, so die erste Polizeimeldung um 13:28 Uhr. Zuvor rief Ertekin \u00d6. selbst die Polizei und teilte mit, ein Verbrechen begangen zu haben. Er lief mit blo\u00dfem Oberk\u00f6rper langsam und desorientiert die Stra\u00dfe auf und ab. Er hielt ein Messer in der Hand und schien von seiner Umgebung kaum Notiz zu nehmen. Teile seiner Familie, die anwesend waren, wollten mit ihm sprechen, um ihn zu beruhigen, jedoch wurde dies von der Polizei untersagt. Immer wieder kniete Ertekin sich hin, stand auf, ging ein paar Schritte, kniete sich wieder hin. Dann fielen vier Sch\u00fcsse. Ertekin \u00d6. wurde vor den Augen seiner Tochter und seiner Mutter mit vier Sch\u00fcssen in die Brust get\u00f6tet. Die anwesenden Polizist*innen drehten die Arme des sterbenden, schwer verletzten Mannes nach hinten und fesselten ihn. Wieder stirbt ein Mensch in Mannheim mit einer psychischen Erkrankung, wieder stirbt ein Mensch mit Migrationshintergrund. Ertekin \u00d6. und seine Familie durchliefen bereits zuvor einen Spie\u00dfrutenlauf durch die Institutionen, ihm wurde die Hilfe verwehrt, die er ben\u00f6tigte. An einer Mahnwache nach der Tat nahmen Hunderte Menschen teil.<br \/>\nAm 23. April 2024 hielt sich ein psychisch auff\u00e4lliger Mann in der Mannheimer Universit\u00e4tsbibliothek auf. Dort soll dieser bereits negativ aufgefallen sein, er trug eine Machete bei sich. Eine Gef\u00e4hrdung der anwesenden Studierenden bestand nicht, \u00e4u\u00dferte sich ein Polizeisprecher. Der 31-J\u00e4hrige wurde vor Ort von der Polizei erschossen. Das LKA (Landeskriminalamt) ermittelt wegen des Schusswaffengebrauchs durch die Polizei \u2013 in Mannheim inzwischen routinem\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ermittlungen bei t\u00f6dlicher Polizeigewalt bleiben oftmals ergebnislos. H\u00e4ufig werden von der Presse und weiten Teilen der Gesellschaft Narrative \u00fcbernommen, die jegliche Schuld dem Opfer zuweisen und dem Handeln der Polizei vollstes Vertrauen entgegenbringen. Durch verzerrte mediale Darstellung werden eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr weitgehend \u00fcbernommen und dar\u00fcber hinaus rassistische und ableistische Vorbehalte reproduziert. Ein gro\u00dfes Problem stellt Rechtsextremismus innerhalb der Polizei dar. Jedoch fehlt es an anonymen Beschwerdestellen. Strafbares Verhalten und Rechtsverst\u00f6\u00dfe innerhalb des Polizeiapparates werden nur selten aufgekl\u00e4rt, dabei ist es ganz gleich, ob es sich um schwere K\u00f6rperverletzung, sexualisierte oder t\u00f6dliche Polizeigewalt handelt. Das System krankt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch will einen Richter\u201c, sagte Ante P. Momente, bevor er sterben sollte. Zwei Polizisten erstickten ihn am 2. Mai 2022 auf dem Mannheimer Marktplatz inmitten von vielen Zeug*innen. Ihre Rufe, aufzuh\u00f6ren, oder dass Ante P. nicht mehr atme, eine verzweifelte Bitte, ihm Wasser zu holen, ignorierten sie dabei. Am 2. Mai 2022 befand sich der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/ich-will-einen-richter\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":31577,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eIch will einen Richter\u201c - graswurzelrevolution","description":"\u201eIch will einen Richter\u201c, sagte Ante P. Momente, bevor er sterben sollte. Zwei Polizisten erstickten ihn am 2. 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