{"id":3153,"date":"2000-02-01T00:00:58","date_gmt":"2000-01-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3153"},"modified":"2022-07-26T14:26:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:25","slug":"bedrohung-maheshwar-damm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/02\/bedrohung-maheshwar-damm\/","title":{"rendered":"Bedrohung Maheshwar-Damm"},"content":{"rendered":"<p>Nur kurz zu Beginn der siebziger Jahre schien sich die deutsche Entwicklungspolitik zu wandeln: keine Gro\u00dfprojekte mehr, angepa\u00dfte, dezentrale Technologie war in aller Munde, sogar der Begriff &#8222;Entwicklung&#8220; begann von offizieller Seite hinterfragt zu werden, nachdem Basisgruppen Druck gemacht hatten. Davon ist heute nichts mehr zu sp\u00fcren: der deutsche Staat und deutsche Firmen beteiligen sich heute wieder an Gro\u00dfprojekten, als h\u00e4tte es diese Diskussionen nie gegeben.<\/p>\n<h3>Der Maheshwar-Damm<\/h3>\n<p>Ein besonders absto\u00dfendes Beispiel ist der sich noch in Anfangsphase befindliche Bau des Maheshwar-Dammes im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Er geh\u00f6rt zu dem indischen Wahnsinnsstaudammprojekt von ca. 30 gro\u00dfen und 135 mittelgro\u00dfen D\u00e4mmen entlang des Riesenflusses Narmada. Vom Gro\u00dfdamm Maheshwar sollen einmal 400 Megawatt Energie gewonnen werden. Daf\u00fcr sollen 61 D\u00f6rfer \u00fcberflutet werden. Nicht nur \u00fcber die \u00f6kologische, sondern auch \u00fcber die \u00f6konomische Sinnlosigkeit diese Projektes lie\u00dfe sich viel sagen: so erbringt der Damm seine Leistung nur zur Regenzeit, in der aber die Nachfrage an Strom als auch an Bew\u00e4sserung in Indien sowieso gedeckt ist &#8211; in der Trockenzeit hingegen kann auch der Damm kaum Strom produzieren oder Felder bew\u00e4ssern, weil dem indischen Staat das gesamte Normada- Staudammprojekt finanziell l\u00e4ngst \u00fcber den Kopf gewachsen ist, hat man\/ frau sich Anfang der 90er Jahre im Rahmen der allgemeinen Liberalisierungspolitik daf\u00fcr entschieden, die Konzessionen einer Privatfirma (S. Kumars) zu \u00fcbergeben. 1988 beteiligten sich deutsche Konzerne und Banken an der Finanzierung. Bereits 1997 gab die deutsche Regierung eine Grundsatzgarantie, mit Hermes-B\u00fcrgschaften diese Privatkredite abzusichern, wenn die indischen Partner Kredite nicht zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Anfang 1999 kamen 66 % des im Maheshwar-Damm projektierten Geldes aus der BRD. So planten die Energiekonzerne Bayernwerk und VEW jeweils 24&#8243;5 % der Aktien zu finanzieren. 51 % des Gesamtaktienpakets h\u00e4lt S. Kumars, an dem aber wiederum die Firma Siemens mit 17 % Aktien beteiligt ist. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 530 Mio. US-Dollar, wof\u00fcr wiederum die deutsche HypoVereinsbank einen Exportkredit von 257 Mio. Dollar versprochen hat. Der Widerstand der lokalen Bev\u00f6lkerung begann im Jahre 1997 mit Demonstrationen.<\/p>\n<h3>Lokaler Widerstand f\u00fchrt zum ersten R\u00fcckzug deutscher Firmen<\/h3>\n<p>Nachdem die Regierung dies ignorierte, besetzten im Januar 1998 rund 10 000 M\u00e4nner und Frauen den Bauplatz, einen Tag sp\u00e4ter waren es sogar 25 000 Menschen. 20 Tage blieben die BesetzerInnen, einige starteten einen Hungerstreik. Am 30.1.98 wurden die Arbeiten durch Regierungsbeschlu\u00df erstmals eingestellt. Eine Untersuchungskommission unter Beteilung der Narmada Bachar Andalan (NBA &#8211; Bewegung zur Rettung der Narmada) wurde gebildet. Trotz deren kritischem Bericht nahm die Regierung im April 1998 die Arbeiten wieder auf. Ende April 98 besetzten die Bauern und B\u00e4uerinnen erneut das Gel\u00e4nde, diesmal wurden sie von der Polizei brutal ger\u00e4umt und zeitweise gefangen genommen. Danach blockierte die Bewegung drei Monate lang die Zufahrtsstra\u00dfen und lie\u00df keinen LKW mit Baumaterial durch. Mehrere Wellen und Festnahmen konnten diesen zivilen Ungehorsam nicht brechen. Seither ist der Bauplatz weitere sechs Mal besetzt worden. Im April 1999 gab es schlie\u00dflich einen Marsch in die Landeshauptstadt Bhopal und ein 26-t\u00e4giges Sit- in. In dieser Zeit entschieden sich VEW und Bayernwerk, aufgrund des anhaltenden lokalen Widerstands von der Projektbeteiligung zur\u00fcckzutreten.<\/p>\n<p>Anfang Dezember 1999 demonstrierte die NBA in Delhi vor der deutschen Botschaft f\u00fcr einen R\u00fcckzug der Hermes- B\u00fcrgschaften, auf deren Zusicherung nun besonders Siemens stark dr\u00e4ngt, nachdem VEW und Bayernwerk abgesprungen sind.<\/p>\n<h3>Ein erster gro\u00dfer Erfolg<\/h3>\n<p>Das Projekt befindet sich also gerade jetzt, zum Jahrhundertwechsel in einer entscheidenden Phase und es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, die Siemens-Beteiligung am Maheswar-Damm in den Siemens Boykott mitaufzunehmen, der derzeit allerdings nur wegen deren Nukleartechnik-Export nach Osteuropa gef\u00fchrt wird. Es w\u00e4re auch w\u00fcnschenswert, Druck auf die deutsche Regierung auszu\u00fcben, die Hermes-B\u00fcrgschaft f\u00fcr gegebene Kredite zur\u00fcckzuziehen. Der Widerstandswille der betroffenen Bev\u00f6lkerung ist jedenfalls ungebrochen. Schon jetzt werden die n\u00e4chsten Besetzungen gepr\u00fcft. Das betroffene Gebiet ist sehr fruchtbar und die Menschen haben an Kompensationen nichts zu erwarten. Bei dem Maheshwar- Damm vorausgegangenen Sardar-Sarowar-Gro\u00dfdamm ist den Betroffenen kaum gleichwertiges Ersatzland gegeben worden, auf das Landlose Bauern\/ B\u00e4uerinnen sowieso keinen Anspruch hatten. Auch dort war der Widerstand sehr stark. Nur 87 von projektierten 140 Metern hoch konnte der Sardar-Sarovar-Damm bis heute gebaut werden. Bei der j\u00fcngsten Teil\u00fcberflutung 1999 blieben viele Betroffene in ihren H\u00e4usern, bis ihnen das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Halse stand und die Polizei sie r\u00e4umen lie\u00df. Im Maheshwar-Dammgebiet sind 70 % der Betroffenen Kleinbauern\/ &#8211; b\u00e4uerinnen, aber es gibt auch Fischerfamilien, Landlose und Flu\u00dfarbeiterinnen, die aus den Flu\u00df Sand gewinnen, der zu Lehmziegeln verarbeitet wird, die \u00f6kologisch sehr wertvoll sind. Ihnen allen w\u00fcrde mit dem Damm die Lebensgrundlage entzogen. Die NBA f\u00fchlt sich den gandhianischen Prinzipien des radikalen gewaltfreien Widerstands verpflichtet, obwohl sich auch undogmatische MarxistInnen und MaoistInnen als AktivistInnen beteiligen. Es gibt ca. 30 GanzzeitaktivistInnen in der NBA, die die D\u00f6rfer organisieren. Obwohl sie das bewu\u00dft ablehnen, halten sie auch leicht F\u00fchrungspositionen inne. Immerhin lassen sie sich nicht von Fremdgeldern finanzieren, sondern nur von innerindischen Spenden. Und wenn ihnen die Bauern\/ B\u00e4uerinnen nicht zu essen g\u00e4ben, k\u00f6nnten sie ihr Leben als &#8211; n\u00fcchtern betrachtet &#8211; Berufsrevolution\u00e4rInnen wohl kaum fristen. Trotz dieses Problems ist die Bewegung sehr unterst\u00fctzenswert &#8211; gerade von uns aus der BRD.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur kurz zu Beginn der siebziger Jahre schien sich die deutsche Entwicklungspolitik zu wandeln: keine Gro\u00dfprojekte mehr, angepa\u00dfte, dezentrale Technologie war in aller Munde, sogar der Begriff &#8222;Entwicklung&#8220; begann von offizieller Seite hinterfragt zu werden, nachdem Basisgruppen Druck gemacht hatten. 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