{"id":31636,"date":"2024-09-02T13:56:34","date_gmt":"2024-09-02T11:56:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/09\/eine-vision-vom-guten-leben-im-gepaeck\/"},"modified":"2024-11-06T20:27:47","modified_gmt":"2024-11-06T18:27:47","slug":"eine-vision-vom-guten-leben-im-gepaeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/09\/eine-vision-vom-guten-leben-im-gepaeck\/","title":{"rendered":"Eine Vision vom Guten Leben im Gep\u00e4ck"},"content":{"rendered":"<p>Die Tour f\u00fchrte von Wolfsburg nach Stuttgart an 14 Tagen durch 14 St\u00e4dte mit 14 Veranstaltungen, die Information und Austausch boten und M\u00f6glichkeiten der Unterst\u00fctzung aufzeigten.<br \/>\nStartpunkt Wolfsburg, H\u00f6hle des L\u00f6wen der Automobilindustrie am VW-Stammsitz! Dort ist von Widerstand nicht viel zu vernehmen. Das \u201ePerformanceprogramm\u201c, Arbeitsplatzabbau im Hochglanzformat als gemeinsames Produkt von Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, Betriebsrat, IG Metall und Politik, verf\u00e4ngt. Und dies, obwohl seit zwei Jahren die Kampagne \u201eVW steht f\u00fcr VerkehrsWende\u201c den automobilen Konsens aufzubrechen versucht. Gemeinsam mit k\u00e4mpferischen Arbeiter*innen veranstalteten kreative Aktivist*innen spektakul\u00e4re Aktionen, um Wege aus der Krise aufzuzeigen, die zugleich \u00f6kologisch und sozial sind.<br \/>\nEin angemessener Ausgangspunkt f\u00fcr die Konversionstour mit einem Aufruf zur Solidarit\u00e4t und der Vision vom Guten Leben im Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p><strong>Das Herzst\u00fcck der Tour \u2013 das besondere E-Lastenrad<\/strong><\/p>\n<p>Auf das Lastenrad kamen die Arbeiter*innen der ehemaligen GKN-Fabrik in Campi Bisenzio auf der Suche nach einer sinnvollen Produktion, die ihre Arbeitspl\u00e4tze sichern k\u00f6nnte.<br \/>\nAm 9. Juli 2021 bekamen die 422 Festangestellten und ca. 80 Leiharbeiter*innen des Automobilzulieferers GKN Driveline per E-Mail mitgeteilt, dass sie am kommenden Montag nicht mehr zur Arbeit erscheinen sollten. Dabei befand sich das Unternehmen keineswegs in einer Krise.<br \/>\nGKN ist ein Automobilzulieferer mit mehr als 50 Produktionsst\u00e4tten auf der ganzen Welt. In Florenz wurden bis zum Sommer 2021 haupts\u00e4chlich Achswellen f\u00fcr Fiat, Maserati und Ferrari hergestellt.<br \/>\nDie Inhaber des Werkes in Campi Bisenzio gaben sich in den vergangenen Jahrzehnten stetig die Klinke in die Hand. Einst im Besitz von Fiat, wurde das Werk im Jahr 1994 von dem Unternehmen GKN erworben, das wiederum 2018 vom britischen Investmentfonds Melrose Industries f\u00fcr 8,1 Milliarden Dollar aufgekauft wurde. Nur drei Jahre sp\u00e4ter verk\u00fcndete die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung die Schlie\u00dfung des Werks in Campi Bisenzio und die Entlassung der gesamten Belegschaft. Hier werden die spekulativen Prinzipien in der Logik des Shareholder-Kapitalismus umgesetzt: Das einzelne Werk wird einer profitorientierten Re-Strukturierung geopfert und die Produktion ins Ausland verlagert. Das Motto von Melrose \u201eBuy, Improve, Sell\u201c l\u00e4sst diesbez\u00fcglich keinen Zweifel zu.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Arbeiter*innen in Italien stellen die Grundfesten unseres Wirtschaftssystems in Frage. Sie zeigen uns, dass es m\u00f6glich ist, eine gerechtere und herrschaftskritische Welt aufzubauen, in der die Arbeiter*innen die Entscheidungen \u00fcber das, was produziert wird und das, was ihr Leben betrifft, mitbestimmen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Doch sie haben die Rechnung ohne die gut organisierte Belegschaft gemacht. Bereits in den Jahren vor der \u00dcbernahme durch Melrose gab es eine eigenst\u00e4ndige betriebliche Organisierung. Im Jahr 2018 gr\u00fcndete sich das Fabrikkollektiv Collettivo di Fabbrica GKN. Die Jahre bis zur Schlie\u00dfung wurden genutzt, eine partizipative betriebliche Arbeit in der Belegschaft zu verankern, die gewerkschaftlich organisierte und unorganisierte Besch\u00e4ftigte verband und zu einem konstanten politischen Austausch \u00fcber die Geschehnisse im Betrieb f\u00fchrte. Auf dieser Grundlage konnte die Belegschaft so schnell und entschlossen auf die Schlie\u00dfung des Werkes reagieren. Noch am selben Tag wurde das Werk besetzt und eine permanente Versammlung ausgerufen, wodurch bis heute eine R\u00e4umung und ein Abtransport der in der Fabrik lagernden Maschinen verhindert werden konnte.<\/p>\n<p><strong>Der climate-labour-turn<\/strong><\/p>\n<p>Doch wie kam es, dass die Schlie\u00dfung eines Werkes zur Mobilisierung einer ganzen Region f\u00fchrte? Und wie konnte hier der Widerspruch zwischen Arbeitsplatzerhalt und \u00f6kologischem Umbau \u00fcberwunden werden? Ist es nicht dieser Widerspruch, der die Klima- und die Arbeiter*innenbewegung spaltet?<br \/>\n\u201eWir befanden uns stets im Dilemma, unsere Besch\u00e4ftigung und L\u00f6hne zu erhalten, aber gleichzeitig unseren Kindern einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen. Eine Achswellenfabrik wie unsere kann in die Produktion f\u00fcr \u00f6ffentliche Verkehrsmittel eingegliedert werden f\u00fcr die nachhaltige Mobilit\u00e4t. [&#8230;] Es gibt also nicht den \u00f6konomischen Kampf der Arbeiter*innenbewegung, der dann irgendwann durch einen seltsamen Altruismus auch zur Umweltbewegung wird. Es gibt nur einen Kampf: F\u00fcr das Gute Leben. Das Leben ist die Luft, die wir atmen, das Leben ist das Land, auf dem wir wohnen, und die F\u00e4higkeit, unseren Kindern einen intakten Planeten zu hinterlassen. Dazu geh\u00f6rt die M\u00f6glichkeit, vom eigenen Lohn zu leben, aber auch, zu entscheiden, was wir produzieren: Wem n\u00fctzt deine Arbeit? Welche Welt wird sie hinterlassen? In welcher Welt findet sie statt?\u201c ((1))<br \/>\nDer \u00f6kologische Klassenkampf, der seit drei Jahren in der Toskana gef\u00fchrt wird, ist nicht vom Himmel gefallen. Seine Urspr\u00fcnge liegen einerseits in der kontinuierlichen Gewerkschaftsarbeit im Betrieb und der unerm\u00fcdlichen B\u00fcndnisarbeit des Fabrikkollektivs vor und nach der Werkschlie\u00dfung. Das Fabrikkollektiv besuchte Belegschaften, soziale Zentren und Umweltorganisationen in ganz Italien, um ihren Kampf zu verbreiten. Der andere Grund liegt im offensiven Angebot des Kollektivs an die Klimabewegung, gemeinsam soziale und \u00f6kologische Forderungen herauszuarbeiten und zu verfolgen.<\/p>\n<p><strong>Der Re-Industrialisierungsplan<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Entwicklung eines Re-Industrialisierungsplans arbeitete das Kollektiv auch intensiv mit Forscher*innen von der Uni Pisa zusammen. Als das Kollektiv die T\u00fcren der Fabrik unmittelbar nach der Besetzung f\u00fcr alle Interessierten \u00f6ffnete, betraten auch Ingenieur*innen und \u00d6konom*innen das Werk. Aus individuellen Solidarisierungen entstand bald der Arbeitskreis der \u201eEconomisti solidali\u201c und der \u201eIngenieri solidali\u201c, die begannen, basierend auf den Ideen der Arbeiter*innen einen konkreten Plan f\u00fcr eine alternative Produktion in Campi Bisenzio zu schreiben.<br \/>\nIm ersten Plan war es noch um die Fortf\u00fchrung der Produktion von Achswellen gegangen, doch nicht mehr f\u00fcr Autos, sondern f\u00fcr Busse, f\u00fcr Fahrzeuge des \u00f6ffentlichen Verkehrs. Dass ein solches Vorhaben scheitern muss, liegt in den Spielregeln der kapitalistischen M\u00e4rkte begr\u00fcndet. Konzerne wie MAN oder Iveco w\u00fcrden sicher keine Vertr\u00e4ge mit einem demokratischen Kollektiv abschlie\u00dfen. Die Produktion w\u00fcrde keinen Absatz finden.<br \/>\nIm zweiten Re-Industalisierungsplan wurden dann E-Cargo-Bikes pr\u00e4sentiert und ein paar Dutzend wurden bereits gebaut. Eins davon wurde f\u00fcr die Konversionstour nach Deutschland geholt, wo es nun bereits \u00fcber 1.500 Kilometer problemlos gefahren ist. Die Kolleg*innen und mit ihnen die Klimagerechtigkeitsbewegung und gro\u00dfe Teile der engagierten Wissenschaft tr\u00e4umen davon, ihre Fabrik in eine Genossenschaft umzuwandeln, die nachhaltige und sinnvolle G\u00fcter wie Solarmodule und Lastenfahrr\u00e4der produziert. Aber ihr Weg ist voller Hindernisse, von finanziellen Herausforderungen bis hin zu Rechtsstreitigkeiten mit dem Eigent\u00fcmer der Fabrik.<br \/>\nDie Arbeiter*innen in Italien k\u00e4mpfen nicht nur um ihre Arbeitspl\u00e4tze; sie stellen die Grundfesten unseres Wirtschaftssystems in Frage. Sie zeigen uns, dass es m\u00f6glich ist, eine gerechtere und herrschaftskritische Welt aufzubauen, in der die Arbeiter*innen die Entscheidungen \u00fcber das, was produziert wird und das, was ihr Leben betrifft, mitbestimmen.<br \/>\nDario Salvetti, ehemaliger Betriebsrat von GKN und nun ex-GKN-Fabrikkollektivs schreibt uns zusammenfassend: \u201eWir k\u00e4mpfen seit drei Jahren. Die Region, in der wir leben und k\u00e4mpfen, hat es uns erm\u00f6glicht, so lange Widerstand zu leisten. Ich wei\u00df nicht, wie lange wir weitermachen k\u00f6nnen mit unserem Kampf. Hoffen wir, dass wir Inspiration sein k\u00f6nnen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Pflanzen, die wachsen werden.\u201d<\/p>\n<p><strong>Die Konversionstour \u2013 Auf zwei R\u00e4dern f\u00fcr eine andere Welt<\/strong><\/p>\n<p>Die Konversionstour war mehr als nur eine Radtour: es war eine Mission. In jeder Stadt kamen Menschen zusammen, die sich f\u00fcr die Idee einer solidarischen Wirtschaft begeisterten. Sie sahen in der Besetzung der Fabrik in Florenz ein leuchtendes Beispiel daf\u00fcr, wie eine andere Welt m\u00f6glich ist. Bei den Abendveranstaltungen wurde zum Auftakt und als Diskussionsgrundlage der 30-min\u00fctige Film \u201eInsorgiamo \u2013 Lasst uns aufstehen\u201c von labournet.tv geschaut. Die Entschlossenheit des Collettivo di Fabbrica GKN bewegt und erzeugt Wellen der Solidarit\u00e4t. Die Reise war also deutlich mehr als nur eine Informationsveranstaltung, sondern auch eine Gelegenheit, Menschen zusammenzubringen und Netzwerke zu kn\u00fcpfen. In den St\u00e4dten versammelten sich Aktivist*innen und Arbeiter*innen, Engagierte verschiedener Bewegungen, die sich bereits f\u00fcr \u00e4hnliche Themen einsetzen. Gemeinsam wurde \u00fcber Strategien diskutiert und Erfahrungen ausgetauscht. Die Resonanz auf die Tour war \u00fcberw\u00e4ltigend. Viele Menschen spendeten Geld, kauften Genossenschaftsanteile oder bestellten ein eigenes Lastenrad. Aber die gr\u00f6\u00dfte Unterst\u00fctzung war die Solidarit\u00e4t. Es war klar, dass die Geschichte der Arbeiter*innen in Florenz viele Menschen ber\u00fchrte und inspirierte. Die Tour erfuhr auch mediale Resonanz. Das Ziel wurde erreicht: Die Idee in Deutschland noch bekannter zu machen und den Arbeiter*innen in Italien ein Zeichen der Solidarit\u00e4t zu senden. Doch dies ist nur ein kleiner Schritt auf einem langen Weg. Der Kampf f\u00fcr eine bessere Zukunft geht weiter. Nehmen wir uns ein Beispiel am Collettivo di Fabbrica GKN. Seien wir \u201en\u00fcchterne, geduldige Menschen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.\u201c ((2))<br \/>\nSeien wir entschlossen und begeistert, denn, so sagte schon Rosa Luxemburg: \u201eSo ist das Leben und so muss man es nehmen. Tapfer, unverzagt und l\u00e4chelnd \u2013 trotz alledem.\u201c<br \/>\nHelft den Kolleg*innen dabei, ihre Fabrik in \u00f6ffentliche und genossenschaftliche Hand zu \u00fcberf\u00fchren, um zuk\u00fcnftig Lastenr\u00e4der und Photovoltaikmodule zu produzieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tour f\u00fchrte von Wolfsburg nach Stuttgart an 14 Tagen durch 14 St\u00e4dte mit 14 Veranstaltungen, die Information und Austausch boten und M\u00f6glichkeiten der Unterst\u00fctzung aufzeigten. Startpunkt Wolfsburg, H\u00f6hle des L\u00f6wen der Automobilindustrie am VW-Stammsitz! Dort ist von Widerstand nicht viel zu vernehmen. Das \u201ePerformanceprogramm\u201c, Arbeitsplatzabbau im Hochglanzformat als gemeinsames Produkt von Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, Betriebsrat, IG &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/09\/eine-vision-vom-guten-leben-im-gepaeck\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":31713,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Eine Vision vom Guten Leben im Gep\u00e4ck - graswurzelrevolution","description":"Die Tour f\u00fchrte von Wolfsburg nach Stuttgart an 14 Tagen durch 14 St\u00e4dte mit 14 Veranstaltungen, die Information und Austausch boten und M\u00f6glichkeiten der Unter"},"footnotes":""},"categories":[2057],"tags":[],"class_list":["post-31636","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-491-september-2024"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31636","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31636"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31636\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31715,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31636\/revisions\/31715"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/31713"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}