{"id":31721,"date":"2024-10-01T12:30:12","date_gmt":"2024-10-01T10:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/die-zeitschrift-der-gegner-1931\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:12","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:12","slug":"die-zeitschrift-der-gegner-1931","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/die-zeitschrift-der-gegner-1931\/","title":{"rendered":"Die Zeitschrift \u201eDer Gegner\u201c (1931)"},"content":{"rendered":"<p>Franz Jung (1888\u20131963) steht f\u00fcr Revolution und Literatur, Aktivismus und Avantgarde, Dada und Klassenkampf. Ein kompromisslos Suchender, schon zu Lebzeiten so legend\u00e4r wie r\u00e4tselhaft. Die Texte in dem Band \u201eDer Sprung aus der Zeit. Avantgarde \u2013 Agitprop \u2013 Autobiographisches\u201c entstanden von 1911 bis 1961, reichen von expressionistischer Prosa und autobiographischen Reflexionen bis zu politischen Kommentaren und Ausz\u00fcgen aus dem theoretischen Hauptwerk \u201eDie Technik des Gl\u00fccks\u201c. Die Heraus-geber*innen der 14-b\u00e4ndigen Werkausgabe haben dieses Buch kuratiert, das die au\u00dfergew\u00f6hnliche Figur Franz Jung in all ihren Facetten und Wirkungsbereichen zeigt und sein Werk neu zug\u00e4nglich macht. Das von Hanna Mittelst\u00e4dt und Wolfgang Bortlik herausgegebene Buch ist soeben bei Edition Nautilus in Hamburg erschienen. Wir drucken einen Text zur Herausgabe der Zeitschrift \u201eDer Gegner\u201c von 1931, eine Programmatik, die auch heute angesichts des faschistischen Schattens aktuell ist, oder zumindest so gelesen werden kann. (GWR-Red.)<br \/>\nHat Der Gegner<br \/>\nein Programm?<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Menschen, die heute mit ihren Ansichten in die \u00d6ffentlichkeit gehen, ist das Wort \u201eAktivit\u00e4t\u201c schon so etwas wie ein Schimpfwort geworden. Ganze Berufsgruppen begn\u00fcgen sich damit, sich eine Vertretung zu geben und diese Vertretung auch anzuerkennen, wenn sie selbst schon auch an ihrer Zusammensetzung nicht mehr mitgewirkt haben. Und das, was diese Vertretung dann tut und spricht, ist richtig. Der Horizont hat sich verengt, und die Aussicht, selbst denken, selbst eingreifen, selbst mit entscheiden zu m\u00fcssen, ist wie ein Abenteuer.<br \/>\nDiese Tr\u00e4gheit schafft eine bestimmte Atmosph\u00e4re, die wie ein Schutzwall um Personen und Ansichten ist, die bestimmt nicht richtig sind, die sich widersprechen, die selbst bis zu dem Eingest\u00e4ndnis f\u00fchren, dass es auf dem bisherigen Wege nicht weitergehen kann \u2013, hervorgeht aber aus dieser Einsicht nur ein Achselzucken, eine negative unterirdische Wut gegen denjenigen, der widerspricht.<br \/>\nSollte es nicht an der Zeit sein, gegen diese Atmosph\u00e4re zu k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Wir wollen kein Programm<\/p>\n<p>Wir sammeln die Fragestellungen. Wir sind bestrebt, die daraus erwachsene Unsicherheit zu verbreitern und ihr die M\u00f6glichkeit einer Tiefenwirkung zu geben \u2013 der Nebel soll sich teilen!<br \/>\nDas mag zun\u00e4chst nur eine schmale Plattform sein. Es ist sogar bestimmt fraglich, ob es \u00fcberhaupt eine Plattform ist. Bestimmt ist es keine Partei, es ist auch nicht einmal eine Grundanschauung. Es ist nur, wenn in diesem Lande heute dieses Wort zu sagen gestattet ist, eine Einsicht.<br \/>\nDiese Einsicht, Unklares durchzudenken, die Grundeinteilung zu erkennen, aus der heraus Ansichten gewachsen sind, die h\u00e4ufig genug nur zu Stimmungen geworden sind, aktivisiert sich, das hei\u00dft, diese Einsicht soll sich aktivisieren im Kampf gegen den einen, sicher aber den gr\u00f6\u00dften Feind: die Tr\u00e4gheit.<br \/>\nDie Zeitschrift will nicht nur angreifen, obwohl so sch\u00f6ne Voraussetzungen hierf\u00fcr gegeben sind. Sie will auch nicht aufbauen, sie will eine Atmosph\u00e4re treffen, zerst\u00e4uben, aufsaugen, einen Zustand schaffen, aus dem die Pers\u00f6nlichkeiten, das aus der Person Bedingte in den Anschauungen und Forderungen eindeutig klar auf die Person, auf ihre Begrenztheit, auf ihr Entwicklunggebundenes zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. Sie wird damit auch zur Kl\u00e4rung beitragen in den zu Schlagworten gewordenen Auseinandersetzungen politischer Anschauungen. Sie wird mithelfen, das Politische in seiner heutigen Mechanik aufzul\u00f6sen. Und dann wird auch die Zeit sein, sich mit den Weltanschauungen auseinanderzusetzen. Solche Weltanschauungen, sofern sie mit Schlagworten \u00fcbernommen werden, sofern die politischen Anschauungen aus der Tradition erwachsen einfach hin\u00fcbergenommen sind, sind nicht so wichtig. Sie sind heute, obwohl es gewiss nicht ein erstrebenswerter Zustand ist, sogar nicht einmal trennend. Man sch\u00e4le nur aus solchen Weltanschauungen das Pers\u00f6nlich-Gebundene, das Menschlich-Wahre und in einem Wort: die Wahrheit heraus.<br \/>\nWir geben aber auch der Ansicht Raum, statt der Wahrheit den Menschen zu finden.<\/p>\n<p>Was ist schon Wahrheit? <\/p>\n<p>Und was ist schon der Mensch \u2013 wenn die Einsicht von Mensch und Wahrheit sich in Unzufriedenheit ersch\u00f6pft. Und wenn es die Erf\u00fcllung des Lebens bedeutet zu k\u00e4mpfen, sich durchzusetzen, zu widersprechen, Gegner zu sein.<br \/>\nMancher im Mitarbeiterkreis dieser Zeitschrift ist davon \u00fcberzeugt, dass es gen\u00fcgt, auszusprechen, was ist, gleichg\u00fcltig von welchem an Erziehung und Entwicklung gebundenen Standpunkt aus, um bestimmte Widerst\u00e4nde, die aus Tr\u00e4gheit, Unwissenheit und \u00dcberlieferung geboren sind, zu brechen. Vielleicht sind manche Perspektiven irrig, manche Anschauungen sogar falsch. Was schadet das? Oder schadet es mehr als dieses starre, aufgebl\u00e4hte Festhalten an Weltanschauung und Partei? Niemand wird in dieser Zeitschrift davon sprechen, einer Disziplin, f\u00fcr die er gewonnen worden ist, und in der er f\u00fcr sich selbst als Rahmen lebt, den R\u00fccken zu kehren. Niemand wird in dieser Zeitschrift jemanden werben wollen, wie die politischen Parteien heute ihre Mitglieder auf Flugbl\u00e4ttern auf der Stra\u00dfe zu werben gezwungen sind. Die Zeitschrift vertritt in der Reihe ihrer Mitarbeiter aus Grundeinstellungen her voneinander verschiedene Anschauungen und sie wird dennoch einheitlich wirken, einheitlicher als viele Publikationen, die vorgeben, in einer in sich geschlossenen Vorstellungswelt eine bestimmte Frage zu vertreten.<br \/>\nWeil diese Zeitschrift nicht der Wahrheit und nicht dem Glauben, sondern dem Zweifel dient.<\/p>\n<p>\u201eWir waren alle der Meinung, dass Jung ein Punk war, noch bevor er bei Dada mitmischte.<br \/>\nUnd wenn er schon Punk war, dann war er auch in einer Band und spielte die Rhythmusgitarre.\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Jung (1888\u20131963) steht f\u00fcr Revolution und Literatur, Aktivismus und Avantgarde, Dada und Klassenkampf. Ein kompromisslos Suchender, schon zu Lebzeiten so legend\u00e4r wie r\u00e4tselhaft. Die Texte in dem Band \u201eDer Sprung aus der Zeit. 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