{"id":31722,"date":"2024-10-01T12:30:12","date_gmt":"2024-10-01T10:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/moral-gegen-gewalt-und-terror\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:12","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:12","slug":"moral-gegen-gewalt-und-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/moral-gegen-gewalt-und-terror\/","title":{"rendered":"Moral gegen Gewalt und Terror"},"content":{"rendered":"<p>Isaak Steinbergs \u201eGewalt und Terror in der Revolution\u201c wurde 2024 von Gerald Gr\u00fcneklees Anares Verlag in Bremen neu herausgegeben. Zwei Vorg\u00e4nger gab es von diesem Werk des russischen linken Sozialrevolution\u00e4rs. 1931 erschien seine Analyse der Russischen Revolution erstmals auf Deutsch bei Rowohlt in Berlin und in einer kleinen Teilauflage wurde sein Buch auch von der \u201eGilde Freiheitlicher B\u00fccherfreunde\u201c der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) angeboten. 1974 erschien es erneut im Berliner Karin Kramer Verlag.<br \/>\nZeitgenoss*innen wie Emma Goldman, Alexander Berkman, Augustin Souchy, Pierre Ramus oder Victor Serge haben sich deutlich positioniert und die bolschewistische Partei Lenins und Trotzkis f\u00fcr den Niedergang einer Revolution verantwortlich gemacht, die urspr\u00fcnglich von breiten Volksmassen getragen war. Die Neuauflage ist dennoch begr\u00fc\u00dfenswert, weil Steinberg eine gr\u00fcndliche Analyse von Gewalt und Terror leistet.<br \/>\nWer war Isaak Steinberg, der selten Erw\u00e4hnung findet und doch in vielerlei Kontexten Bedeutung hat. In seinem Nachwort formuliert es Hendrik Wallat treffend: \u201eSteinberg war stets die lebendige Ausnahme von der Regel: lebenslang gl\u00e4ubiger Jude und zugleich sozialrevolution\u00e4rer Maximalist, promovierter Jurist und Verteidiger des Rechtsstaats und im Herzen doch Anarchist, f\u00fchrender Protagonist der territorialistischen Rettung der osteurop\u00e4ischen Juden und ihrer Kultur und zugleich Kritiker Israels und des staatszentristischen Zionismus, fest verwurzelt in der jiddischen Kultur seiner baltisch-russischen Heimat und zugleich Kosmopolit in jedem erdenklichen Sinne des Wortes.\u201c (S.\u00a0342)<br \/>\nSein Buch verfasste Steinberg zwischen 1920 und 1923 in Moskau, in einer Zeit, als die bolschewistische Partei andere sozialistische Revolution\u00e4r*innen aller Richtungen als Konkurrent*innen verfolgte, in die Gef\u00e4ngnisse verbrachte oder sie ins Exil trieb.<br \/>\nVor der deutschen Ver\u00f6ffentlichung 1931 erschien das Buch in russischer Sprache 1923 im Skythen-Verlag der vertriebenen Sozialrevolution\u00e4re in Berlin.<br \/>\nIn seiner Analyse bezieht Steinberg auch die Franz\u00f6sische Revolution mit den Antagonisten Danton und Robespierre mit ein. Es gelingt ihm, alle sozialistischen Richtungen in seine Betrachtungen aufzunehmen. Zun\u00e4chst kreist er um die Frage \u201eWelche Gewalt ist erlaubt?\u201c<br \/>\nAngesichts der Zerst\u00f6rung der sozialen Revolution durch den Bolschewismus folgert er, dass auch das \u201eGewaltrecht des Guten\u201c, das Ernst Bloch definierte, sich notwendig in B\u00f6ses verkehrt. Eine soziale Revolution, die die Selbstbefreiung des Menschen zum Ziel erkl\u00e4rt, kann diese Selbstbefreiung w\u00e4hrend des revolution\u00e4ren Prozesses nicht \u2013 auch nicht zeitweise \u2013 durch Fremdbestimmung erreichen. Wenn die soziale Revolution Befreiung und nicht Rache sein will, \u00fcbernehmen die Protagonist*innen Verantwortung f\u00fcr ihre Handlungen. \u201eKein Unrecht kann ihr eigenes Unrecht legitimieren oder aufwiegen.\u201c (Hendrik Wallat, S.\u00a0351) Oder in Steinbergs Worten: \u201eGerade das Verhalten gegen\u00fcber den Feinden ist der Pr\u00fcfstein f\u00fcr die sittliche Standhaftigkeit der Menschen und der Revolution.\u201c(S.\u00a0139) Wenn Gewalt akzeptiert wird, weil niemand einen anderen Weg zur Befreiung des Menschen sehen kann als \u00fcber einen gewaltsamen Aufstand oder Umsturz der bestehenden gewaltt\u00e4tigen Verh\u00e4ltnisse, akzeptiert man in derselben Logik auch den Terror als unvermeidlich.<br \/>\nNichts lehnt Steinberg aber mehr ab als eine innewohnende Logik in die falsche gesellschaftliche Richtung. Von Anfang an, so fordert er, muss erkannt werden, dass die herrschende Gewalt zum Schutz der bestehenden Verh\u00e4ltnisse zwar durch eine zeitweilige Gegengewalt durchbrochen werden muss, dass diese wenn unvermeidbar, aber dennoch unzul\u00e4ssig ist. Seine Vorstellung um aus diesem Dilemma herauszufinden, beruht darauf, dass die Gewalt von Anfang an \u201ebegrenzt\u201c werden, \u201everantwortungsvoll\u201c eingesetzt und defensiv sein muss. Auch in dem \u201eZustand der Notwehr darf die Gewalt die Grenzen des Unvermeidlichen nicht \u00fcberschreiten.\u201c (S.\u00a0144) F\u00fcr ihn steht fest, dass jede Gewaltanwendung auch immer gegen die T\u00e4ter selbst gerichtet ist.<br \/>\nAn dieser Stelle unterscheidet Steinberg die Gewaltdefinition von der Terrordefinition. Sah er den Terror zun\u00e4chst als die Gewaltaus\u00fcbung auf einer institutionalisierten Ebene der Revolution oder ausge\u00fcbt von totalit\u00e4ren Systemen, so grenzt er nun die Terrordefinition genauer ein. \u201eDer Terror strebt nicht nach Selbstbeschr\u00e4nkung, sondern nach Ausdehnung seiner Sph\u00e4re.\u201c(S.\u00a0145) An einem extremen Punkt ber\u00fchren sich Gewaltaus\u00fcbung und Terror; bei der Verh\u00e4ngung der Todesstrafe. Das Morden von oben ist f\u00fcr ihn keine Gewalt mehr, sondern ein grunds\u00e4tzliches Mittel des Terrors. Wenn Terror erforderlich ist, um eine Revolution siegreich zu gestalten, muss darauf verzichtet werden. Aus dem eigenen Erleben stellt Steinberg fest, dass der Terror der Russischen Revolution nicht von den Arbeiter*innen ausging, sondern dass er \u201ek\u00fcnstlich von oben durch einen Teil der revolution\u00e4ren Intellektuellen eingeimpft\u201c wurde.\u00a0(S.\u00a0156)<br \/>\nSteinberg versucht im Folgenden vielerlei Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Anwendung von Gewalt und Terror aufzugreifen, zu diskutieren und zu hinterfragen, wie etwa die Haltung Robespierres: \u201eDie Regierung der Revolution ist die Despotie der Freiheit gegen die Tyrannei.\u201c (S.\u00a0254)<br \/>\nDie Bolschewiki sieht er mit der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c in dessen Nachfolge, weil auch sie andere Prinzipien der sozialistischen Bewegung, wie Br\u00fcderlichkeit, Liebe, Solidarit\u00e4t mit den Schwachen, au\u00dfer Acht lassen.<br \/>\nSteinberg beginnt seine Schlussfolgerungen mit dem Satz: \u201eWir sprechen allen revolution\u00e4ren Gewalthandlungen jede sittliche, sozialistische W\u00fcrde entschieden ab.\u201c Die Gewalt \u201esteht im sch\u00e4rfsten Widerspruch zum Geist des sozialistischen Ideals.\u201c (S.\u00a0290)<br \/>\nEr akzeptiert aber die Gewalt, wenn ihre Ablehnung bedeuten w\u00fcrde, ein totalit\u00e4res Gesellschaftsgebilde bestehen und Menschen leiden zu lassen. Gewalt darf jedoch kein dauerhafter Prozess werden, muss in die Verantwortung genommen werden und muss sich des falschen Vorgehens bewusst sein. Das \u201emoralische Prinzip\u201c muss bestimmend bleiben. \u201eNur als eine moralische Bewegung wird der Sozialismus den Menschen befreien oder gar nicht.\u201c (S.\u00a0326)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Isaak Steinbergs \u201eGewalt und Terror in der Revolution\u201c wurde 2024 von Gerald Gr\u00fcneklees Anares Verlag in Bremen neu herausgegeben. 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