{"id":31725,"date":"2024-10-01T12:30:13","date_gmt":"2024-10-01T10:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/stoffwechselpolitik\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:13","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:13","slug":"stoffwechselpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/stoffwechselpolitik\/","title":{"rendered":"Stoffwechselpolitik"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte \u00fcber Klima und Klimakrise wird in den verschiedenen linken Spektren heftig gef\u00fchrt. Doch in den vielen B\u00fcchern, die dazu in der letzten Zeit entstanden sind, gibt es eine auff\u00e4llige Leerstelle. Das ist die Rolle der Arbeiter*innen. Wenn sie in der linken Debatte vorkommen, dann vor allem als Kohlekumpel oder Besch\u00e4ftigte der fossilen Industrie, die ein Interesse daran haben, diese umweltsch\u00e4dlichen Industriezweige zu erhalten. Arbeiter*innen werden dann also als diejenigen dargestellt, die einen Ausstieg aus dem fossilen Kapitalismus verhindern wollen und deshalb kein B\u00fcndnispartner einer Klimagerechtigkeitsbewegung sein k\u00f6nnen. Dagegen gibt es allerdings in Teilen der linken Klimabewegung Widerspruch. Initiativen wie \u201eWir fahren zusammen\u201c haben in den letzten Jahren die Tarifk\u00e4mpfe der Besch\u00e4ftigten des \u00d6ffentlichen Dienstes unterst\u00fctzt, daf\u00fcr haben die sich an Aktionstagen der Klimabewegung beteiligt. Schlie\u00dflich ist ein gut ausgebauter Nahverkehr die Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Nutzung der umweltsch\u00e4dlichen PKWs abnimmt. Diese Initiative w\u00fcrdigt auch der Soziologe Simon Schaupp in seinem jetzt im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buch \u201eStoffwechselpolitik\u201c. \u201eAktuell gibt es in Deutschland erste Vorst\u00f6\u00dfe zu einer Zusammenf\u00fchrung sozialer und \u00f6kologischer Forderungen. Die Gewerkschaft Verdi und Fridays for Future kooperieren etwa bei einer Kampagne f\u00fcr den Ausbau des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs und besserer Arbeitsbedingungen\u201c (S.361), schreibt Schaupp. In seinem Buch liefert er auch f\u00fcr Nichtwissenschaftler*innen gut lesbar eine F\u00fclle von Beispielen aus aller Welt, die zeigen, dass Arbeiter*innen immer wieder gegen ungesunde Umweltbedingungen aufgetreten sind. Dabei ging es oft um den Kampf f\u00fcr die Einhaltung grundlegender Umweltstandards am Arbeitsplatz. Sein erstes Buch hat Schaupp 2016 im Verlag Graswurzelrevolution ver\u00f6ffentlicht: \u201eDigitale Selbst\u00fcberwachung. Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus\u201c.<br \/>\nIn seinem neuen Werk \u201eStoffwechselpolitik\u201c zitiert er immer wieder aus dem Buch \u201eDie Arbeit des K\u00f6rpers. Von der Hochindustrialisierung bis zur neoliberalen Gegenwart\u201c, in dem der Arbeitssoziologe und Mentor der Arbeiter*innengesundheitsbewegung Wolfgang Hien beschreibt, welche Zumutungen die Lohnarbeit f\u00fcr die Gesundheit der Arbeiter*innen bedeutete und noch immer bedeutet. Hien verschwieg nicht, dass es gerade in der fossilen Industrie, wie beispielsweise in Bergwerken, eine Geschichte der Leidenskultur und Schicksalsergebenheit gibt. Da werden dann die h\u00e4ufig t\u00f6dlichen Unf\u00e4lle, aber auch die Staublunge, an der viele Bergleute jung starben, fast schon heroisiert. Es gab und gibt aber immer Lohnabh\u00e4ngige, die gegen ungesunde Arbeitsbedingungen auch in den Bergwerken ank\u00e4mpften. An diese in aller Welt gef\u00fchrten K\u00e4mpfe erinnert Schaupp in \u201eStoffwechselpolitik\u201c. So beschreibt er wie es 1889 im Ruhrgebiet zum ersten Massenstreik in Deutschland kam. Die Kohlekumpel legten f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen die Arbeit nieder. \u201eDie Industriellen erkl\u00e4rten sich zu keinerlei Zugest\u00e4ndnissen bereit; stattdessen lie\u00dfen sie den Streik durch halbprivate Schutztruppen niederschlagen\u201c (S.119). Trotz der Niederlage hatte dieser Streik dazu beigetragen, dass sich die Besch\u00e4ftigten in festen Verb\u00e4nden organisierten, was als Durchbruch zu einer kampfstarken Gewerkschaftsbewegung gesehen wird. Schaupp beschreibt, wie die Bergleute anfangs noch ein Hoch auf die Monarchie anstimmten, weil sie hofften, dass der Kaiser sie gegen die Zechenbesitzer, die oft auch als Kohlebarone bezeichnet wurden, unterst\u00fctzen w\u00fcrde. Diese Illusionen verloren sie erst, als sie sahen, wie die Staatsgewalt gegen sie und ihre K\u00e4mpfe eingesetzt wurde. Schaupp liefert eine F\u00fclle von Beispielen, wie Arbeiter*innen sich gegen krank machende Arbeitsbedingungen einsetzen. Er liefert damit gute Argumente f\u00fcr die linken Kr\u00e4fte innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung, denen es nicht um eine romantische Verkl\u00e4rung der Natur geht, sondern um bessere Lebensbedingungen f\u00fcr die Menschen, die sich dabei f\u00fcr eine Kooperation mit den Arbeiter*innen und ihren Organisationen einsetzen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte \u00fcber Klima und Klimakrise wird in den verschiedenen linken Spektren heftig gef\u00fchrt. Doch in den vielen B\u00fcchern, die dazu in der letzten Zeit entstanden sind, gibt es eine auff\u00e4llige Leerstelle. Das ist die Rolle der Arbeiter*innen. 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