{"id":31727,"date":"2024-10-01T12:30:13","date_gmt":"2024-10-01T10:30:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/starkes-engagement-und-gelebte-solidaritaet\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:13","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:13","slug":"starkes-engagement-und-gelebte-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/starkes-engagement-und-gelebte-solidaritaet\/","title":{"rendered":"Starkes Engagement und gelebte Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Die Kinderpsychologin Katrin Glatz Brubakk ist ganz zuf\u00e4llig in \u201eEuropas Fl\u00fcchtlingsgeschichte\u201c gestolpert. Sie war mit 14 norwegischen KollegInnen im August 2015 auf einem Seminar in einem Kloster in der N\u00e4he von Kallon\u00ed, einer Kleinstadt auf der griechischen Insel Lesbos. Die TeilnehmerInnen kamen dabei auch mit Gefl\u00fcchteten und der Hilfsorganisation Agkalia in Kallon\u00ed in Kontakt.<br \/>\n\u201e[W]ir sp\u00fcrten schnell, dass wir in den wenigen Tagen, die wir hier waren, versuchen mussten, etwas zu tun. Mitmenschen in Not waren zu nah an uns herangekommen, als dass wir h\u00e4tten wegschauen k\u00f6nnen.\u201c (S.\u00a015) Das war der Beginn ihres starken Engagements, denn in den folgenden Jahren kam sie immer wieder dorthin, um zu helfen. Daraus ist nun ein Buch entstanden, das von ihren insgesamt zw\u00f6lf Reisen nach Lesbos und einer nach Idomeni berichtet. Idomeni ist ein kleiner Ort an der griechisch-bulgarischen Grenze, der im Fr\u00fchjahr 2016 im Fokus der Fluchtbewegung Richtung Mitteleuropa stand.<br \/>\nDas 2024 im Frankfurter Westend Verlag erschienene Buch ist zuerst 2023 in norwegischer Sprache in Norwegen erschienen. Es wurde ins Deutsche \u00fcbersetzt und um einen Epilog erg\u00e4nzt, der die Entwicklung der Fl\u00fcchtlingssituation auf Lesbos bis Ende 2023 thematisiert.<\/p>\n<p>Brubakks Reisen haben meistens zirka einen Monat gedauert, es gab aber auch zwei, bei denen sie f\u00fcr jeweils f\u00fcnf Monate auf Lesbos war. Sie hat immer wieder in anderen NGOs mitgearbeitet, bei Better Days for Moria, \u00c4rzte ohne Grenzen, Caritas etc. und sich dabei verst\u00e4rkt um gefl\u00fcchtete Kinder gek\u00fcmmert, aber nicht nur. Anfangs hat sie an den Str\u00e4nden der Nordk\u00fcste ankommenden Gefl\u00fcchteten geholfen, das war Krisenmanagement, das ihr nur viele kurze Begegnungen mit ihnen erm\u00f6glichte. Sp\u00e4ter arbeitete sie dann in Lagern wie Moria oder Kara Tepe. Dort hatte sie \u201emehr Zeit, die Menschen kennenzulernen, denen ich begegnete, mehr von ihren Geschichten zu h\u00f6ren und besser zu verstehen, warum sie sich auf die Flucht begeben hatten\u201c (S. 111).<\/p>\n<p>Diese Begegnungen und Gespr\u00e4che mit Gefl\u00fcchteten und die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die Brubakk auf Lesbos gemacht hat, bilden den Kern dieses Buches. Wobei es anfangs ganz anders gedacht war: \u201eWir hatten ein kurzes, einfaches Buch im Sinn gehabt. Der norwegische Verlag Forlaget Press und unsere Redakteure [&#8230;] haben uns neu denken und uns sprachlich und inhaltlich mit dem gro\u00df gewordenen Projekt auf tolle Art geholfen.\u201c (S. 367) \u201eWir\u201c meint hier neben Brubakk die Co-Autorin und Journalistin Guro Kulset Merakeras. Eingeflochten in die chronologische Erz\u00e4hlung der Erlebnisse von Brubakk sind immer wieder die tagespolitischen Ereignisse, die einen Einfluss auf die Situation Gefl\u00fcchteter auf Lesbos hatten und durch die Medien (weltweit) gingen, wie zum Beispiel der EU-T\u00fcrkei-Vertrag von 2016, die Corona-Pandemie oder der russische Krieg gegen die Ukraine ab Februar 2022. Bez\u00fcglich Letzterem hatte Brubakk die Reaktion einiger Gefl\u00fcchteter auf Lesbos mitbekommen, und schreibt dazu bitter: \u201eSie hegen Sympathie und Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Ukrainer, die zur Flucht gezwungen werden, empfinden die ungleiche Behandlung jedoch als brutal. Einige nennen es Rassismus, einer sagt, er f\u00fchle sich wie ein \u201aUntermensch\u2018.\u201c (S. 290)<br \/>\nDie Recherche zu der allgemeinen politischen Entwicklung rund um Gefl\u00fcchtete auf Lesbos wurde von Merakeras durchgef\u00fchrt. Zus\u00e4tzlich in den chronologischen Ablauf des Buches eingeflochten sind au\u00dferdem 22 Fachbeitr\u00e4ge zu psychologischen Themen, und zwar immer so, dass sie zum Kontext des Geschehens passen. Beispiele: \u201eSchock und Krisenreaktion\u201c, \u201eTraumata\u201c, \u201eDas kindliche Gehirn\u201c.<br \/>\nIch hatte am 6. Mai 2024 im Haus der Volksarbeit in Frankfurt\/Main die Gelegenheit, die beiden norwegischen Autorinnen bei ihrer Buchvorstellung mit Lesung und Diskussion pers\u00f6nlich kennenzulernen. Veranstalterinnen waren Amnesty International Frankfurt und der Westend Verlag. An einer Stelle ihrer Lesung aus dem Buch hatte Brubakk sogar Tr\u00e4nen in den Augen. Man konnte merken, wie sie diese ganze Problematik mit den Gefl\u00fcchteten emotional mitnimmt. Und ich denke, dass sie daraus ihre ganze Kraft f\u00fcr ihr starkes Engagement her nimmt.<\/p>\n<p>Die ganz pers\u00f6nlichen Erlebnisse von Brubakk sowie das, was die zahlreichen Gefl\u00fcchteten ihr erz\u00e4hlt haben, auch \u00fcber ihre Flucht selbst, sind besonders interessant an diesem spannenden Buch. Geben sie doch einen tiefen Einblick in die Fl\u00fcchtlingsproblematik, aber auch in die Gef\u00fchlswelt zahlreicher Gefl\u00fcchteter. Die Schilderung des mehr Allgemeinen, was sich drum herum und auch weltweit ereignet hat, rundet dieses Buch gelungen ab. So kann sich der\/die Lesende einen guten \u00dcber- und Einblick in die sogenannte Fl\u00fcchtlingskrise von 2015 bis heute verschaffen. Zum Beispiel \u00fcber die \u201eHerzensw\u00e4rme seitens der Lokalbev\u00f6lkerung\u201c (S.\u00a043), die 2015 noch auf Lesbos geherrscht hat; \u00fcber das seinerzeit vorbildlich gef\u00fchrte Pikpa Camp; \u00fcber den Brand von \u201eEuropas gr\u00f6\u00dfte[m] Fl\u00fcchtlingslager\u201c (S. 213)\u2006 \u2006 Moria im September 2020; \u00fcber die Angriffe auf Freiwillige w\u00e4hrend der Corona-Pandemie durch Teile der Lokalbev\u00f6lkerung und zugereister Rechter, die bez\u00fcglich Freiwilliger meinten, \u201ew\u00fcrden sie nicht hier sein, dann w\u00e4ren es auch die Fl\u00fcchtlinge nicht\u201c (S. 206). Au\u00dferdem \u00fcber die staatliche Kriminalisierung von HelferInnen bzw. von Solidarit\u00e4t ganz allgemein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kinderpsychologin Katrin Glatz Brubakk ist ganz zuf\u00e4llig in \u201eEuropas Fl\u00fcchtlingsgeschichte\u201c gestolpert. 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