{"id":31728,"date":"2024-10-01T12:30:14","date_gmt":"2024-10-01T10:30:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/machno-und-die-erinnerung\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:14","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:14","slug":"machno-und-die-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/machno-und-die-erinnerung\/","title":{"rendered":"Machno und die Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p>Nestor Machno (1888\u20131934) war ein ukrainischer Anarchist und in den Jahren des B\u00fcrgerkriegs von 1917 bis 1921 Anf\u00fchrer der Machnowschtschina, die zeitweise die Kontrolle \u00fcber einen gro\u00dfen Teil der Ukraine \u00fcbernahm, mit dem erkl\u00e4rten Ziel, anarchistische Gesellschaftsstrukturen zu verwirklichen. Der kanadische Historiker Sean Patterson begr\u00fcndet sein Interesse an Machno und der mit ihm verbundenen Bauernbewegung biographisch. Im Studium habe er angefangen, sich f\u00fcr die Theorien des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin zu interessieren, was ihn wiederum auf Machno gebracht habe. Als er im mennonitischen Umfeld, in dem er aufgewachsen sei, davon erz\u00e4hlt habe, sei ihm jedoch Machno vollkommen anders dargestellt worden, als er ihn aus anarchistischen Werken kannte. Aus dem Revolutionsf\u00fchrer, der die Unterdr\u00fcckten befreit habe, wurde bei den heutigen Mennonit_innen, deren Vorfahr_innen in den 1920er Jahren aus der Sowjetunion in L\u00e4nder wie Kanada flohen, ein Terrorist und Bandit. Dieser Widerspruch ist darum umso bemerkenswerter, weil Mennonit_innen seit Jahrhunderten f\u00fcr ihre religi\u00f6s begr\u00fcndete Gewaltfreiheit bekannt sind und gerade auch aus diesem Grund immer wieder Verfolgung erfahren haben.<br \/>\nIn seinem Buch geht Patterson diesen gegens\u00e4tzlichen Urteilen \u00fcber Nestor Machno und den mit ihm verbundenen Ereignissen in der S\u00fcdukraine mit historischem Handwerkszeug auf den Grund. Im ersten Kapitel besch\u00e4ftigt er sich mit der anarchistischen Sichtweise und erl\u00e4utert dabei besonders lesenswert die Entstehungsgeschichte der von ihm als \u201eMakhnovist canon\u201d bezeichneten Werken: Machnos im Pariser Exil angefangenen, aber unvollendeten Autobiographie, dem Werk des Historikers der Bewegung, Pjotr Arschinow, und der darauf aufbauenden, aber ebenso dar\u00fcber hinausgehenden Darstellung des auch ins Exil geflohenen Aktivisten Volin.<br \/>\nW\u00e4hrend in diesen anarchistischen Darstellungen die mennonitische Bev\u00f6lkerung der S\u00fcdukraine fast nie vorkommt, spielt Machno eine unr\u00fchmliche Rolle in der Erinnerungskultur dieser religi\u00f6sen Gemeinschaft, wie Patterson im zweiten Kapitel darlegt. Auch deren Schriftquellen ordnet er abw\u00e4gend ein, wobei er besonders die sozialen Beziehungen in der Region bis zur Russischen Revolution und die praktische Bedeutung der mennonitischen Gewaltfreiheit diskutiert. Viele Ukrainer_innen, darunter auch Machno selbst, waren n\u00e4mlich gezwungen gewesen, ihre Arbeitskraft mennonitischen Gro\u00dfbauern zu verkaufen, was zu Spannungen f\u00fchrte, die sich dann w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs entluden. Dar\u00fcber hinaus hatten nicht wenige Mennoniten mit deutschen, \u00f6sterreichischen sowie antirevolution\u00e4ren russischen Truppen (den sogenannten Wei\u00dfen) zusammengearbeitet und dabei manchmal auch zu den Waffen gegriffen, was zus\u00e4tzlich zur Abneigung innerhalb gro\u00dfer Teile der ukrainischen Landbev\u00f6lkerung beitrug und auch innerhalb der Religionsgemeinschaft umstritten blieb.<br \/>\nAbschlie\u00dfend werden die anarchistische und die mennonitische Sichtweise im dritten Kapitel am Beispiel eines konkreten Ereignisses, dem Massaker im mennonitischen Dorf Eichenfeld im November 1919, gegen\u00fcbergestellt. W\u00e4hrend der Massenmord, bei dem ungef\u00e4hr 75 Bewohner_innen ermordet und zahlreiche Frauen vergewaltigt wurden, in keiner anarchistischen Darstellung explizit Erw\u00e4hnung findet, ist er ein wichtiger Bestandteil der mennonitischen Erinnerungskultur. Nach einer gr\u00fcndlichen Analyse der Ereignisse kommt Patterson zu dem Schluss, dass, auch wenn der Hintergrund f\u00fcr die Tat zu einem nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil in der angespannten Beziehung zwischen der mennonitischen Dorfgemeinschaft und ihren ukrainischen Nachbar_innen lag, das Massaker dennoch als Verbrechen gesehen werden muss, f\u00fcr das Machno mitverantwortlich war, obwohl er weder anwesend war noch die Tat befohlen hat. Das Massaker f\u00fcgte sich in eine zunehmend brutalere Kriegsf\u00fchrung ein, die Machno nicht nur nicht verhinderte, sondern ihr teilweise auch selbst Vorschub leistete.<br \/>\nSean Patterson ist es zu verdanken, dass wir mit der Perspektive der mennonitischen Gemeinschaft den Blick auf Nestor Machno und seine politische Bewegung um eine weitere kritische Perspektive\u2006 \u2006 erg\u00e4nzen k\u00f6nnen, die uns dabei hilft, ein ausgewogenes Bild seiner Person und der Ereignisse zu erhalten. Pattersons gr\u00fcndliche Quellenkritik ist vor allem deshalb aufschlussreich, weil \u2013 wie der Autor selbst hervorhebt \u2013 immer noch anarchistische Literatur ver\u00f6ffentlicht wird, die die Verbrechen der Machno-Armee ignoriert oder schlichtweg leugnet. Dar\u00fcber hinaus spricht Patterson allgemeine Fragen von allgemeinem\u2006 \u2006 Interesse f\u00fcr eine anarchistische Leser*innenschaft an, die \u00fcber das besprochene Fallbeispiel hinausgehen, wie den Zusammenhang von Klasse und Ethnizit\u00e4t und die Bedeutung entmenschlichender Sprache als Vorbedingung f\u00fcr die Anwendung von Gewalt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nestor Machno (1888\u20131934) war ein ukrainischer Anarchist und in den Jahren des B\u00fcrgerkriegs von 1917 bis 1921 Anf\u00fchrer der Machnowschtschina, die zeitweise die Kontrolle \u00fcber einen gro\u00dfen Teil der Ukraine \u00fcbernahm, mit dem erkl\u00e4rten Ziel, anarchistische Gesellschaftsstrukturen zu verwirklichen. 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