{"id":31730,"date":"2024-10-01T12:30:14","date_gmt":"2024-10-01T10:30:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/john-oldays-rebellenleben\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:14","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:14","slug":"john-oldays-rebellenleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/john-oldays-rebellenleben\/","title":{"rendered":"John Oldays Rebellenleben"},"content":{"rendered":"<p>John Olday? Wem der Name hierzulande \u00fcberhaupt etwas sagt, wird sich an einen genialen englischen Karikaturisten erinnern, der sich vor allem durch seine Cartoons f\u00fcr die anarchistische Londoner Zeitschrift FREEDOM (im Krieg verboten \u2013 statt dessen: WAR COMMENTARY), mitten im Zweiten Weltkrieg, einen Namen machte. Olday teilte nicht nur gegen die Hitlerist*innen &#038; Co. aus, sondern auch gegen Stalins perfides System, ebenso wie gegen die Alliierten der Anti-Achsenm\u00e4chte-Koalititon, insbesondere die seines englischen Heimatlandes. Das hat Seltenheitswert.<br \/>\nDer von K\u00e4the Kollwitz und George Grosz beeinflusste Autodidakt Olday hat seine Stelle in der deutschen Kunst- und sonstigen Geschichte noch nicht gefunden, weil er von Anfang an zwischen allen St\u00fchlen sa\u00df, zwischen den L\u00e4ndern switchte, auf eigenen F\u00fc\u00dfen stand und sich rundherum unbeliebt machte \u2013 sogar bei einem Gro\u00dfteil seiner anarchistischen Genoss*innen in Deutschland.<br \/>\nJahrzehnte nach seinem Tod sind nun seine handschriftlichen autobiografischen Aufzeichnungen aufgetaucht und im \u201eRevolutionsverlag\u201c erschienen. Ein zweiter Band mit weiteren Dokumenten soll folgen.<br \/>\nOldays Geschichte und Aktivit\u00e4ten gingen weit \u00fcber die bislang bekannten antimilitaristischen und Kapitalismus anprangernden Cartoons hinaus, die 1995 auch in dem schmalen B\u00e4ndchen \u201eThe March to Death\u201c in GB wiederver\u00f6ffentlicht wurden. Wer aber war dieser Olday? Geboren am 10. April 1905 als Sohn eines schottischen Seemanns und einer deutschen (ungenannten) Mutter in London, war Arthur William Oldag, so sein Geburtsname, damit auch B\u00fcrger Gro\u00dfbritanniens. Dies rettete ihn letztlich vor dem Zugriff der GeStaPo, die sogar versuchte, ihn anzuheuern.<br \/>\nBis zum achten Lebensjahr auf den Stra\u00dfen New Yorks aufgewachsen, brachte seine Mutter ihn schlie\u00dflich nach Hamburg zu seiner Gro\u00dfmutter und kehrte ohne ihn in die USA zur\u00fcck, um dort US-Amerikanerin zu werden. Schon als Kind beteiligte John sich 1916 an den Hungeraufst\u00e4nden und organisierte hernach f\u00fcr sich und seine geliebte Gro\u00dfmutter, sehr gegen deren Willen, das Lebensnotwendige, weit jenseits der Legalit\u00e4t: Erst kommt das Fressen und dann die Moral. So kam er in Kontakt mit Stra\u00dfengangs, der Unterwelt und revolution\u00e4ren kommunistischen Kreisen. Fr\u00fch kam die Sexualit\u00e4t auf ihn zu, in diesen Zeiten nichts Ungew\u00f6hnliches. Heute w\u00fcrde mensch ihn als queer bezeichnen. Seine kleinb\u00fcrgerliche Gro\u00dfmutter versuchte ihm zwar eine m\u00f6glichst gute Ausbildung zukommen zu lassen, aber John reizte mehr das abenteuerliche, wilde Dasein, das auch eine Drogensucht nicht auslie\u00df. An den Matrosenaufst\u00e4nden beteiligt und dann am Hamburger Aufstand 1923, kam er nur knapp mit dem Leben davon. Inzwischen hatte er sein k\u00fcnstlerisches Talent entdeckt, zeichnete, schrieb und trat auch mit Gesangsdarbietungen in Kabaretts auf. Die Spartakisten hatten ihn wegen anarchistischer Abweichung rausgeschmissen, aber er hielt den Kontakt zu einzelnen, w\u00e4hrend er in der anarchistischen Bewegung mitarbeitete. Von seinem Zeichen- und Schreibtalent konnte er nun leben, indem er f\u00fcr Zeitungen arbeitete. Gleichzeitig blieb er radikal und klandestinen Gruppen verbunden, insbesondere der chinesischen Unterwelt. Durch seine schwulen und verwandtschaftlichen Beziehungen konnte er die verhassten Nazis infiltrieren, Genossen warnen und so vor Verhaftung und KZ bewahren. Schlie\u00dflich wurde der Boden f\u00fcr ihn zu hei\u00df und er fl\u00fcchtete 1938 nach England. Dort schrieb er als Erstes seinen Anti-Nazi-Roman \u201eKingdom fo Rags\u201c, \u00fcber eine prek\u00e4re Jugend in Deutschland. Im Jahr 1941 heiratete er die j\u00fcdische intellektuelle Widerstandsk\u00e4mpferin und Linkssozialistin (ISK) Hilda Monte, auch bekannt als Hilde Meisel, um der Deutschen einen britischen Pass zu verschaffen. Monte arbeitete dann f\u00fcr das ultrageheime SOE, ein todgeweihtes Einsatzkommando und erhielt eine Spezialausbildung. Eine SOE-Agentin im Einsatz hatte kaum drei Monate \u00dcberlebenszeit. \u00dcberlegt und tollk\u00fchn ging Monte mehrfach heimlich nach Deutschland, um den Untergrund zu unterst\u00fctzen und Hitler zu t\u00f6ten. Ende 1944 wurde sie beim Versuch, tzur\u00fcck in die Schweiz zu kommen, an der Grenze t\u00f6dlich angeschossen. W\u00e4hrend der ganzen Zeit arbeitete Olday seinerseits an Pl\u00e4nen, zusammen mit seinen alten klandestinen Genossen, Hitler zu beseitigen. Um Mittel dazu zu erhalten, musste er mit dem britischen Geheimdienst zusammenarbeiten. Als Beweis ihrer Aktionsf\u00e4higkeit wurde ein Nazi-Munitionsschiff versenkt.<br \/>\nDas gescheiterte Hitler-Attentat Johann Georg Elsers 1939 im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller M\u00fcnchen soll, laut Oldays Ansicht und \u00f6ffentlicher Aussage nach dem Krieg, mit Hilda Monte und deren Gruppe in Zusammenhang gestanden haben. Hier wird nahegelegt, dass Elser doch kein Einzelt\u00e4ter war. Zu beweisen ist das bislang nicht.<br \/>\nNach 1945 agitierte Olday mit Hilfe anarchistischer Freunde deutsche Kriegsgefangene in GB durch vermeintliche \u201eUmschulung\u201c und versuchte im zonalen Deutschland r\u00e4tekommunistische \u201eBakunin-Gruppen\u201c zu gr\u00fcnden. Das war zwar zun\u00e4chst recht erfolgreich, aber unter dem alliierten Besatzungsregime in Ost und West gelang es nur ansatzweise, bzw. musste schlie\u00dflich scheitern. Mit viel Verve seitens Oldays hielt dieser Versuch rund zehn Jahre an.<br \/>\nIm Nachkriegs-England musste er wegen seiner Antikriegsaktivit\u00e4ten \u2013 er war zu Kriegszeiten untergetaucht, um dem als falsch angesehenen imperialistischen Milit\u00e4rdienst zu entgehen \u2013 trotz des Protests etlicher Prominenter eine einj\u00e4hrige Gef\u00e4ngnisstrafe absitzen. Nachdem auch das Bakuninprojekt in Deutschland gescheitert war, ging er mit seinem \u201eAdoptivsohn\u201c, der in Wirklichkeit sein schwuler Freund war, nach Australien.<br \/>\nDort arbeitete er weiter scharf gegen die dorthin geflohenen Nazis und machte mit seinem Freund auf einem Wohnschiff ein politisches Kabarett auf, das ihnen den Lebensunterhalt sicherte. Anscheinend war es auch ein schwuler Treffpunkt. Nachdem er und sein \u201eSohn\u201c von zwei M\u00e4nnern mit Messern, mutma\u00dflich Nazis, angegriffen und schwer verletzt wurden, ging Olday wieder nach England zur\u00fcck. Bis zu seinem Lebensende 1977 arbeitete er weiter mit der anarchistischen, antimilitaristischen Bewegung zusammen, lebte als anerkannter K\u00fcnstler und starb letztendlich an Krebs. Dies verhinderte auch die Vollendung seiner Lebensaufzeichnungen, die nur bis Anfang der 1940er Jahre reichen, was den geplanten zweiten Band mit Texten und Dokumenten von und \u00fcber ihn notwendig macht.<br \/>\nDen insurrektionalistischen Herausgeber-*innen passt diese Biografie nat\u00fcrlich prima in den Kram. Dennoch ist das Buch ein spannendes Zeitzeugnis, das die offizielle Geschichte wider den Strich b\u00fcrstet. Ob mensch mit Oldays gewaltt\u00e4tiger Militanz sympathisiert oder nicht \u2013 diese Lebensgeschichte rei\u00dft mit und lohnt zu lesen. Das rund 300 Seiten starke Buch mit einem aufschlussreichen Anhang ist f\u00fcr wohlfeile acht Euro zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Olday? Wem der Name hierzulande \u00fcberhaupt etwas sagt, wird sich an einen genialen englischen Karikaturisten erinnern, der sich vor allem durch seine Cartoons f\u00fcr die anarchistische Londoner Zeitschrift FREEDOM (im Krieg verboten \u2013 statt dessen: WAR COMMENTARY), mitten im Zweiten Weltkrieg, einen Namen machte. Olday teilte nicht nur gegen die Hitlerist*innen &#038; Co. aus, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/john-oldays-rebellenleben\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"John Oldays Rebellenleben - graswurzelrevolution","description":"John Olday? Wem der Name hierzulande \u00fcberhaupt etwas sagt, wird sich an einen genialen englischen Karikaturisten erinnern, der sich vor allem durch seine Cartoo"},"footnotes":""},"categories":[2058],"tags":[],"class_list":["post-31730","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-492-oktoer-2024"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31730","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31730"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31730\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}