{"id":31734,"date":"2024-10-01T12:30:15","date_gmt":"2024-10-01T10:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/menschen-retten\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:15","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:15","slug":"menschen-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/menschen-retten\/","title":{"rendered":"Menschen retten!"},"content":{"rendered":"<p>Wir schreiben das Jahr 1943. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Welt wehrt sich im Zweiten Weltkrieg milit\u00e4risch gegen das angreifende Nazideutschland und seine Verb\u00fcndeten. Juden und J\u00fcdinnen bangen um ihr Leben und werden millionenfach ermordet. Vielen Menschen erschien es als v\u00f6llig undenkbar, gegen einen hochger\u00fcsteten, extrem brutalen und zu allem f\u00e4higen Angreifer etwas mit gewaltfreien Mitteln ausrichten zu k\u00f6nnen. Und doch hat es den eigentlich \u201eunm\u00f6glichen\u201c zivilen Widerstand gegeben. Hier\u00fcber berichtet das jetzt erschienene B\u00fcchlein \u201eMenschen retten!\u201c an Beispielen aus Bulgarien, D\u00e4nemark, Deutschland und Frankreich.<\/p>\n<p>Die Begleitumst\u00e4nde, AkteurInnen und Auspr\u00e4gungen dieser Aktionsform sind in den vorgestellten L\u00e4ndern denkbar unterschiedlich und zeigen hierdurch auch, was alles trotz verschiedenster Umst\u00e4nde m\u00f6glich ist, wenn mutige und gut organisierte Menschen die Initiative ergreifen. Die beiden AutorInnen Lou Marin und Barbara Pfeifer betonen in ihrer ausf\u00fchrlichen Einleitung, dass die Alliierten gegen Nazideutschland vor allem milit\u00e4risch k\u00e4mpften und ihnen trotzdem das Schicksal der kurz vor ihrer Ermordung stehenden J\u00fcdinnen und Juden so wenig wichtig war, dass sie noch nicht einmal das Konzentrationslager in Auschwitz bombardierten, um Rettungschancen zu erh\u00f6hen. Demgegen\u00fcber war es das Ziel der zivil Widerstand leistenden Menschen, unmittelbar in der Gegenwart Menschenleben zu retten. Sie folgten damit einer anderen Logik. W\u00e4hrend die Einen zweckrational nur in milit\u00e4rischen Kategorien dachten, handelten die Anderen im Hier und Jetzt. Wie das konkret geschah und welche Erfolgsmuster hinter den vorgestellten historischen Beispielen zu erkennen sind, wird an den vier Beispielen deutlich.<\/p>\n<p>Bulgarien<\/p>\n<p>In Bulgarien konnten fast alle der ca. 50.000 J\u00fcdinnen und Juden gerettet werden, weil Teile der orthodoxen Kirche und der politischen Elite gegen die vorbereiteten Deportationen intervenierten. Das taten sie, obwohl der Antisemitismus im Land weit verbreitet war. Das leitende Gremium der orthodoxen Kirche protestierte, ein Metropolit riskierte eine direkte gewaltfreie Aktion. Der Vize-Parlamentspr\u00e4sident, SchriftstellerInnen, \u00c4rztInnen und JuristInnen zeigten sich solidarisch mit den Verfolgten. Und es kam zu einer \u00f6ffentlichen Massendemonstration, die die Aufhebung des Deportationsbeschlusses bewirkte.<\/p>\n<p>D\u00e4nemark<\/p>\n<p>Sehr bemerkenswert war die Entwicklung im seit dem 9. April 1940 besetzten D\u00e4nemark, das die Nazis zu einem Vorzeigeprotektorat machen wollten. Aber daran bissen sie sich die Z\u00e4hne aus. Die\u2006 \u2006 Autorin Barbara Pfeifer f\u00fchrt aus, dass eine ganze Reihe von Besonderheiten dazu gef\u00fchrt haben, dass die D\u00e4nInnen zum gro\u00dfen Teil unempf\u00e4nglich f\u00fcr Antisemitismus und faschistische Ideologien waren. Hinzu kam ein ausgepr\u00e4gtes famili\u00e4res Gemeinschaftsgef\u00fchl, Toleranz, eine humanistisch gesonnene d\u00e4nische Volkskirche, Humor und eine spezielle Lebensfreude, die sich unter anderem in opulenten \u201eTortenschlachten\u201c und Mitsingfesten als Oppositionsbekundung gegen die Besatzer manifestierte. Bis Anfang 1943 lebten die 7.000 bis 8.000 J\u00fcdinnen und Juden in D\u00e4nemark unbehelligt. Nachdem die Nazis die d\u00e4nische Regierung unter Druck setzten, repressive Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, trat sie geschlossen zur\u00fcck und weigerte sich, zu regieren. Doch als die Gestapo im September 1943 im Archiv der j\u00fcdischen Gemeinde Daten beschlagnahmte, spitzte sich die Situation dramatisch zu. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit tauchten tausende J\u00fcdinnen und Juden unter, \u00fcbergaben ihre Habe an f\u00fcrsorgliche NachbarInnen und es wurden hektische Vorbereitungen getroffen, um mit Fischerbooten ins neutrale Schweden \u00fcberzusetzen. Zum allergr\u00f6\u00dften Teil gelang dieses dramatische Unterfangen. Aber durch Spitzel wurden einmal 80 Verfolgte in einer Kirche aufgesp\u00fcrt und unter den entsetzten Augen der D\u00e4nInnen nach Theresienstadt deportiert. Letztendlich war die Rettungsaktion aber ein gro\u00dfer Erfolg und viele D\u00e4nInnen halfen dabei mit.<\/p>\n<p>Deutschland<\/p>\n<p>In zahlreichen Ausgaben der \u201eGraswurzelrevolution\u201c und durch Gernot Jochheims Buch \u201eFrauenprotest in der Rosenstra\u00dfe\u201c wurde thematisiert, dass in Berlin 1943 zeitweise bis zu tausend Menschen eine Woche lang Tag und Nacht f\u00fcr die Freilassung von ca. 1.700 Juden und J\u00fcdinnen demonstriert haben, um sie vor der Deportation nach Auschwitz zu retten. Den gewaltfreien Widerstand \u00fcbten haupts\u00e4chlich die nichtj\u00fcdischen Ehefrauen der inhaftierten j\u00fcdischen M\u00e4nner aus und wurden von Familienangeh\u00f6rigen unterst\u00fctzt. Die Staatsmacht positionierte Maschinengewehre und drohte, die Protestierenden zu erschie\u00dfen. Der Autor William Wright beschreibt, wie mitten in Berlin unter den Augen der Nazielite sich eine Dynamik entwickeln konnte, mit der niemand gerechnet hatte. Letztendlich mussten die Inhaftierten nach Tagen voller Dramatik freigelassen werden, um gr\u00f6\u00dferes Aufsehen zu vermeiden. Wright beklagt zu Recht, dass in der offiziellen Erinnerungspolitik und in fast allen Leitmedien dieser gewaltfreie Widerstand nicht ausreichend gew\u00fcrdigt wurde. Stattdessen wurden Opfererz\u00e4hlungen beispielsweise \u00fcber die Versenkung des deutschen Fl\u00fcchtlingsschiffes \u201eWilhelm Gustloff\u201c von dem \u201eGro\u00dfschriftsteller\u201c G\u00fcnter Grass in den Vordergrund gestellt. Auch auf diese Weise bereitete man den Boden f\u00fcr die Rechtsentwicklung in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Frankreich<\/p>\n<p>Lou Marin schreibt in dem letzten Beitrag dieses B\u00fcchleins \u00fcber die Rettung der Juden in Chambon-sur-Lignon, dem Hochplateau im S\u00fcden Frankreichs w\u00e4hrend der Nazi-Besatzung, und f\u00fchrt ausf\u00fchrlich aus, welche Rolle Albert Camus und seine Hinwendung zum gewaltfreien Anarchismus hierbei gespielt hat. In der protestantisch gepr\u00e4gten Stadt und in ihrer Umgebung auf den Bauernh\u00f6fen wurden etwa 5.000 Juden und J\u00fcdinnen versteckt. Der erste Entwurf seines Romans \u201eDie Pest\u201c zeigt in vielen Passagen, dass Camus die gewaltfreien Widerstandsaktionen kannte und mehrfach Fl\u00fcchtende dorthin vermittelt hatte. Schon damals gab es Gandhianer unter den AkteurInnen. Lou Marin betont in diesem Zusammenhang: \u201eDas Prinzip \u201aMenschen retten statt Menschen opfern\u2018 ist zum integralen Bestandteil von Camus\u2019 Konzept der Revolte geworden.\u201c Und findet seine Fortsetzung in heutiger Zeit in den Bem\u00fchungen, die in Seenot geratenen Gefl\u00fcchteten zu retten. Letzteres hat auch der Camusianer Rupert Neudeck mit dem Rettungsschiff \u201eCap Anamur\u201c praktiziert.<br \/>\nDieses Buch bietet beispielhaft eine F\u00fclle von aufschlussreichen und wenig bekannten Hintergrundinformationen \u00fcber die gewaltfrei durchgef\u00fchrte Rettung von J\u00fcdinnen und Juden. Es ist mit gro\u00dfem Erkenntnisgewinn zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir schreiben das Jahr 1943. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Welt wehrt sich im Zweiten Weltkrieg milit\u00e4risch gegen das angreifende Nazideutschland und seine Verb\u00fcndeten. Juden und J\u00fcdinnen bangen um ihr Leben und werden millionenfach ermordet. 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