{"id":31736,"date":"2024-10-01T12:30:16","date_gmt":"2024-10-01T10:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/kolonialismus-in-nordeuropa\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:16","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:16","slug":"kolonialismus-in-nordeuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/kolonialismus-in-nordeuropa\/","title":{"rendered":"Kolonialismus in Nordeuropa"},"content":{"rendered":"<p>Obgleich ein schlankes Sachbuch, wird dessen Inhalt durch den Titel etwas reduziert. Tats\u00e4chlich geht es jenseits des dort skizzierten Schwerpunkts um deutlich mehr. Der sachkundige Autor versteht es, in die (Kultur-)Geschichte und heutige Lage der S\u00e1mi (fr\u00fcher diskriminierend als \u201eLappen\u201c bezeichnet) in den angrenzenden Regionen der L\u00e4nder Schweden, Finnland, Norwegen und Russland (zusammen unter dem indigenen Territorialnamen S\u00e1pmi) einzuf\u00fchren. Immerhin nimmt die \u201epolitische Kurzgeschichte S\u00e1pmis\u201c den gr\u00f6\u00dften Teil ein (S. 15-42). Damit wird indigene Geschichte und Gegenwart kompakt pr\u00e4sentiert.<br \/>\nNicht \u00fcberraschend, ist dies eine Geschichte der Kolonisierung: \u201eIm 18. Jahrhundert waren die kolonialen Strukturen in S\u00e1pmi fest etabliert. Was wir heute als \u201aLandgrabbing\u2018 kennen, war genauso gew\u00f6hnlich geworden wie Zwangsumsiedlungen von samischen Rentierhalter:innen, wenn ihre Weidefl\u00e4chen f\u00fcr Entwicklungsprojekte (Bergbau, Holzwirtschaft, permanente Siedlungen) gebraucht wurden.\u201c (S. 25) \u2013 Der Ausdruck \u201eEntwicklungsprojekte\u201c mutet hier etwas deplatziert an. Friedlich und ohne politische Organisation hatten die S\u00e1mi dem nichts entgegenzusetzen. Die Folgen fasste am Beispiel Schwedens eine Vertreterin der Samischen Vereinigung Stockholm 2004 so zusammen: \u201eWir, die S\u00e1mi, wurden nicht Opfer eines blutigen Genozids, sondern eines kulturellen, \u201asoften\u2018 Genozids, heimlich, aber effektiv gesteuert vom schwedischen Staat, der uns unseres Landes, unseres Wassers, unserer Sprache, unserer Religion, unserer Identit\u00e4t und unserer traditionellen Lebensgrundlagen beraubte.\u201c (S. 24)<br \/>\nSchweden tat sich mit anthropologischen Forschungen an den S\u00e1mi besonders menschenverachtend hervor. Als Studienobjekte wurden diese an dem 1922 gegr\u00fcndeten und bis 1958 betriebenen staatlichen Institut f\u00fcr Rassenbiologie in Uppsala im Namen von Wissenschaft vermessen, ausgestellt, abgebildet und katalogisiert. Menschliche Gebeine der S\u00e1mi wurden in zahlreichen Einrichtungen verwahrt. Erst 1976 wurde ein Gesetz abgeschafft, dass deren Zwangssterilisierungen legalisiert hatte.<br \/>\nViele S\u00e1mi wanderten nach Alaska und Nordamerika aus. In den USA und Kanada wird die Zahl ihrer Nachfahren auf 30.000 gesch\u00e4tzt. 2011 bezifferte ein Bericht des Menschenrechtsrates der Vereinten Nationen die Zahl der S\u00e1mi in Nordeuropa auf insgesamt 70.000 bis Hunderttausend, davon 40.000 bis 60.000 in Norwegen, 15.000 bis 20.000 in Schweden, 9.000 in Finnland und 2.000 in Russland. Sie sind inzwischen vom Kontakt mit den nordischen L\u00e4ndern abgeschnitten. Schon lange sind S\u00e1mi Minderheiten im eigenen Land. Ihre Marginalisierung wird auf den folgenden Punkt gebracht: \u201eEin Sprichwort in den nordischen L\u00e4ndern besagt, dass den Menschen in den s\u00fcdlichen Provinzen das Schicksal der S\u00e1mi egal ist, w\u00e4hrend die Menschen in den n\u00f6rdlichen Provinzen die S\u00e1mi schikanieren.\u201c (S.\u00a031)<br \/>\nBis heute scheuen sich S\u00e1mi vielerorts, ihre traditionelle Kleidung zu tragen \u2013 aus Angst, beschimpft oder in Schl\u00e4gereien verwickelt zu werden. Auch werden oftmals durch Fahrzeuge \u00fcberfahrenen Rentieren von den Unfallverursacher:innen die Ohren abgeschnitten. Durch das Entfernen dieser Kennmerkung wird die Inanspruchnahme einer staatlichen Entsch\u00e4digung durch die Besitzer:innen sabotiert.\u00a0(S. 64)<br \/>\nIn Norwegen sorgte die Energiepolitik 1968 mit einem geplanten Wasserkraftwerk am Fluss Alta im Kernland der S\u00e1mi f\u00fcr einen langj\u00e4hrigen Konflikt, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist (S. 34-38). Nach fast zwanzig Jahren erbittertem Widerstand wurde dort 1987 das Kraftwerk in Betrieb genommen. Doch der Widerstand dagegen wurde nicht gebrochen. Er lebt in unterschiedlichen Formen der Erinnerung weiter und st\u00e4rkt die Identit\u00e4t. So f\u00fchrten der Widerstand der S\u00e1mi, nicht zuletzt auch durch Beschreitung des Rechtswegs zur Verhinderung von Einschr\u00e4nkungen, zur schrittweisen Anerkennung ihrer indigenen Rechte in den nordischen L\u00e4ndern. Sie finden dabei auch prominente Unterst\u00fctzung. So beteiligt sich mittlerweile Greta Thunberg an Sitzblockaden im schwedischen S\u00e1pmi im Protest gegen neue Ressourcenpl\u00fcnderung. Ein Prozess der Selbstbehauptung, der aber auch mit kultureller Stereotypisierung und Vereinnahmung, insbesondere in der Tourismusbranche, einhergegangen ist und die S\u00e1mi weiterhin zu Objekten degradiert.<br \/>\nEine ausf\u00fchrliche Behandlung der Auswirkungen des gr\u00fcnen Kolonialismus macht den zweiten Hauptteil aus. Bergbau, Windkraft, Holzwirtschaft sowie Fischfangrechte sind wesentliche Elemente im Kampf um die Verf\u00fcgungsmacht \u00fcber und Nutzung von Land und Wasser in S\u00e1pmi. Dies wird in dem erg\u00e4nzenden Kapitel zur Selbstbestimmung auf den Punkt gebracht. Dabei spielt die globale Solidarit\u00e4t im Kampf indigener Gemeinschaften eine viel wichtigere Rolle als Ideologien. Die Erfahrungen sind wesentlicheres Antriebsmoment als Theorien und speisen den Widerstand. Das eindringliche Schlusswort dieser aufkl\u00e4rerischen Schrift f\u00e4llt so auch dem Pr\u00e4sidenten des Samischen Rates zu, der vor einigen Jahren in einem Interview erkl\u00e4rt hatte: \u201ePolitischer Kampf wird meist in negativen Begriffen gedacht, als Kampf oder Opposition gegen etwas. Aber die Geschichte unseres Kampfes hat uns viel gelehrt. Wir wissen, wozu wir als Gesellschaft f\u00e4hig sind und wozu nicht. Wir haben es gelernt, zu \u00fcberleben. Wir wissen, wie man sich gegen die Kr\u00e4fte der Globalisierung wehrt. Mehrheitsgesellschaften, die sich nicht auf starke Traditionen st\u00fctzen k\u00f6nnen, sind viel verwundbarer. Sie verschwinden schnell. Die Konsumgesellschaft macht aus allem einen Einheitsbrei. Wir sind f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet.\u201c (S. 65f.)<br \/>\nF\u00fcr alle, die sich f\u00fcr den autochthonen Widerstand gegen zentralstaatliche Vereinnahmung unter der Dominanz erfundener Nationen und Traditionen interessieren, ist dieses Fallbeispiel ein Erkenntnisgewinn.\u2006 \u2006 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obgleich ein schlankes Sachbuch, wird dessen Inhalt durch den Titel etwas reduziert. Tats\u00e4chlich geht es jenseits des dort skizzierten Schwerpunkts um deutlich mehr. 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