{"id":31737,"date":"2024-10-01T12:30:16","date_gmt":"2024-10-01T10:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/shakespeare-ist-es-nicht\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:16","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:16","slug":"shakespeare-ist-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/shakespeare-ist-es-nicht\/","title":{"rendered":"Shakespeare \tist es nicht"},"content":{"rendered":"<p>Begeben wir uns auf eine kleine Erinnerungsreise in den Deutschunterricht. So ungef\u00e4hr in der 8. bis 10. Klasse ging es vielleicht mal um Stilfiguren wie Metaphern, Anaphern, Onomatopoeia. Wer erinnert sich? Da gab es auch eine Figur, das Oxymoron, das Gegens\u00e4tze zusammenf\u00fcgt. William Shakespeare beispielsweise war ein Meister des Oxymorons: \u201eLiebreicher Ha\u00df! Streits\u00fcchtge Liebe! Du Alles, aus dem Nichts zuerst erschaffen! Schwerm\u00fctger Leichtsinn! Ernste T\u00e4ndelei! Entstelltes Chaos gl\u00e4nzender Gestalten! Bleischwinge! Lichter Rauch und kalte Glut!\u201c, l\u00e4sst Shakespeare seinen liebeskranken Romeo hauchen. Wundersch\u00f6n, nicht wahr? W\u00e4hrend Shakespeare mit seinen Oxymora h\u00f6chstpoetisch das Leid unerwiderter Liebe zum Ausdruck brachte, verstecken sich hinter den Oxymora, von denen wir t\u00e4glich umgeben sind (\u201eklimafreundlicher Verbrennungsmotor\u201c!) zumeist allergr\u00f6\u00dfter Unfug in wohlklingender Form. M\u00f6glicherweise deshalb hat bereits der Titel des hier rezensierten Werks gr\u00f6\u00dferes Unbehagen bei mir ausgel\u00f6st: \u201eAnarchafeministisches Manifest\u201c. Es bezeichnet den Versuch, etwas manifest, also handfest, zu machen, was sich gerade durch Dynamik, Prozesshaftigkeit und Fluidit\u00e4t auszeichnet, durch eine Vielschichtigkeit diverser Positionen, die best\u00e4ndig im Austausch und in der Debatte stehen. Das auf 77 nicht allzu eng bedruckten Buchseiten zusammenzupressen kann eigentlich nur nach hinten losgehen.<br \/>\nEntsprechend besteht das Manifest \u2013 notwendigerweise \u2013 aus radikalen Verk\u00fcrzungen, Vereindeutigungen und Vereinheitlichungen. Dass es zu vielen Themen, die hier angerissen werden, wissenschaftliche und aktivistisch-politische Debatten gibt, wird nicht erw\u00e4hnt. Irritierendstes Symptom dieses Vorgehens ist das \u201eWir\u201c im Text. In jedem Kapitel finden sich Formulierungen wie \u201ewir Anarchafeminist:innen fordern\u201c (z.\u2009B. S. 18, 26, 48, 53, 60, 68), ohne dass gekl\u00e4rt w\u00fcrde, wer dieses Wir ist. Auf dem Buchdeckel steht nur ein einziger Name, Chiara Bottici. Scheinbar schreibt Bottici auf, was sie f\u00fcr Anarchafeminismus h\u00e4lt, und dr\u00fcckt allen, die sich mit dieser Bezeichnung identifizieren, ihren Stempel auf. Das ist ziemlich wenig anarchistisch, finde ich. \u00dcberhaupt beschr\u00e4nkt sich der Bezug zu anarchistischen Theorien auf wenige, extrem vereinfachende S\u00e4tze zu Bakunin. Im Zentrum stehen feministische Denkans\u00e4tze, deren Darstellung allerdings auch fragw\u00fcrdig ist. Gleich zu Beginn geht es um die \u201eMannokratie\u201c, einen Begriff, den sie nutzt, um das Fortbestehen m\u00e4nnlicher Herrschaft bei gleichzeitiger Abnahme klassisch patriarchaler Strukturen zu bezeichnen. Sie schreibt: \u201eWo bleiben die Cis-M\u00e4nner in diesen Zahlen? Wo sind sie in all den F\u00e4llen von geschlechtsbezogener Abtreibung, weiblichen Kindesmords, Gewalt gegen LGBTQI+-Personen und Femiziden? Die wenigsten von ihnen tragen Schilder mit feministischen Parolen durch die Stra\u00dfen: Weil sie zu sehr damit besch\u00e4ftigt sind, daf\u00fcr zu sorgen, dass das \u201aerste Geschlecht\u2019 noch eine ganze Weile das erste bleiben wird.\u201c\u00a0(S. 13)<br \/>\nFreilich prangert sie zu Recht das System der Gewalt gegen Frauen, M\u00e4dchen und queere Personen an und verortet es im Prinzip der m\u00e4nnlichen Herrschaft. Es ist aber unzul\u00e4ssig, allen Cis-M\u00e4nnern eine absichtsvolle Beteiligung im \u201eglobalen Genderzid\u201c (S. 11) zuzuschreiben. Zumindest m\u00fcsste man einen Satz dazu verlieren, dass auch M\u00e4nnlichkeit ein Produkt gewaltsamer Zurichtung durch das System m\u00e4nnlicher Herrschaft ist und keine kollektive B\u00f6swilligkeit \u2013 freilich ohne die individuelle Schuld einzelner T\u00e4ter an Gewalttaten gegen Frauen zu relativieren. Zu solchen komplexen Reflektionen tritt aber das Manifest nicht an, es will nat\u00fcrlich eine Kampfschrift sein. Doch die Gratwanderung zwischen politischem Pamphlet und reflektierter politischer Positionierung gelingt hier leider nicht. Chiara Botticis \u201eAnarchafeministische Manifest\u201c strotzt vor undifferenzierten Verk\u00fcrzungen, die stellenweise einen Stammtischcharakter annehmen. Hinzu kommen Schw\u00e4chen in der Argumentation, das Springen von H\u00f6cksken auf St\u00f6cksken, ein belehrender bis befehlsf\u00f6rmiger Ton und viele, viele fehlende Bezugnahmen auf Theoretiker:innen, deren Positionen hier mitlaufen, ohne genannt zu werden.<br \/>\nDas Unbehagen, das das Oxymoron im Titel bei mir ausgel\u00f6st hat, setzt sich also durch den Text fort und ich kann die Lekt\u00fcre am Ende leider nicht empfehlen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begeben wir uns auf eine kleine Erinnerungsreise in den Deutschunterricht. 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