{"id":31745,"date":"2024-10-01T12:30:17","date_gmt":"2024-10-01T10:30:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern-4\/"},"modified":"2024-10-01T12:30:17","modified_gmt":"2024-10-01T10:30:17","slug":"bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern-4\/","title":{"rendered":"Bordelle in deutschen Konzentrationslagern"},"content":{"rendered":"<p>Um m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge zu h\u00f6herer Arbeitsleistung zu motivieren, richteten die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora sogenannte \u201eSonderbauten\u201c ein \u2013 Bordelle, in denen die m\u00e4nnlichen KZ-H\u00e4ftlinge ihre von den Nazis zwangsprostituierten weiblichen Mith\u00e4ftlinge sexuell missbrauchen konnten. Darum, wie der Bordellbesuch aussah, wie die zwangsprostituierten Frauen diese Gewalt psychisch bew\u00e4ltigten und wie es ihnen ging, soll es in diesem Text gehen.<\/p>\n<p>Nicht jedem H\u00e4ftling war der Bordellbesuch erlaubt \u2013 Russen und Juden waren von dieser Verg\u00fcnstigung ausgeschlossen. Au\u00dferdem musste der H\u00e4ftling eine Arbeitsleistung erbracht haben, die der SS belohnenswert erschien \u2013 oder Funktionsh\u00e4ftling (meist aus der H\u00e4ftlingsgruppe der \u201eAsozialen\u201c oder \u201eKriminellen\u201c, aber durchaus auch \u201ePolitische\u201c) sein. H\u00e4ftlinge, die k\u00f6rperlich nicht mehr in der Lage waren, den Geschlechtsverkehr auszuf\u00fchren, kamen f\u00fcr den Bordellbesuch nicht in Frage. Manche H\u00e4ftlinge, zum Beispiel einige Kommunisten, verzichteten aus ihrer politischen Haltung heraus auf den Bordellbesuch. Zehn bis zwanzig Minuten Zeit hatten die H\u00e4ftlinge, um mit der ihnen zugewiesenen Frau im Bordell den Geschlechtsverkehr auszuf\u00fchren. Dabei wurden sie durch ein Guckloch in der T\u00fcr von einem SS-Mann beobachtet, um sicherzustellen, dass kein kontrollfreier Raum entstanden war. W\u00e4hrend des Verkehrs kam es, so erinnern sich Zwangsprostituierte aus den KZ-Bordellen, auch zu h\u00e4mischen Bemerkungen durch die sie beobachtende SS und zu \u201eschmutzigen Bemerkungen\u201c. Nach dem Geschlechtsverkehr hatten die Frauen Scheidensp\u00fclungen durchzuf\u00fchren, um Geschlechtskrankheiten zu verhindern, denn Kondome wurden ihnen nicht ausgeteilt. Auf Geschlechtskrankheiten wurden die Frauen allerdings regelm\u00e4\u00dfig untersucht. Kranke Frauen wurden entweder behandelt oder kamen als H\u00e4ftlinge zur\u00fcck ins KZ, manche sind dort gestorben. Einige von ihnen wurden f\u00fcr medizinische Versuche, bei denen es um Geschlechtskrankheiten ging, benutzt.<br \/>\nFrauen, die schwanger wurden, wurden nach einer Zwangsabtreibung oder gewaltvollen Kindswegnahme weiter im KZ-Bordell ausgebeutet oder vernichtet. Einige der Frauen konnten allerdings gar nicht mehr schwanger werden, weil sie schon zuvor als \u201eAsoziale\u201c von den NS-\u00c4rzten zwangssterilisiert worden waren, um \u201emoralisch minderwertigen\u201c Nachwuchs zu verhindern.<\/p>\n<p>Die permanente Erniedrigung durch die SS und die H\u00e4ftlingsfreier sowie die sexuelle Ausbeutung belastete die Frauen in den \u201eSonderbauten\u201c stark. Die ehemalige Zwangsprostituierte W. berichtet: \u201eMan wird abgestumpft. Das Leben z\u00e4hlt einfach nicht mehr, denn sie hatten einem als Mensch alles kaputt gemacht. (\u2026) Man wird gleichg\u00fcltig, wie soll ich sagen\u2026 man hat eine Empfindung\u2026 es ersch\u00fcttert einen nichts mehr. Reizlos bis zum geht nicht mehr, die h\u00e4tten mit einem machen k\u00f6nnen, was die wollten, wir wussten, wir waren denen ausgeliefert, man konnte sich ihnen nicht widersetzen. Wir haben uns nur gesagt, je eher, desto besser, soweit waren wir, nicht nur ich allein.\u201c ((1))<br \/>\nUnter den Frauen gab es kaum Freundschaften. \u00dcberlebende berichten, eine jede sei abgestumpft gewesen und h\u00e4tte nur f\u00fcr sich versucht, den Tag hinter sich zu bringen. Die Angst, einer anderen Frau etwas anzuvertrauen, das schlie\u00dflich an die SS weitergegeben werden k\u00f6nnte, mag eine Rolle bei der Isolation der Frauen untereinander gespielt haben. Die Frauen beschreiben, sie h\u00e4tten sich nicht aussprechen k\u00f6nnen und auch die Gedanken und Gef\u00fchle der anderen Frauen nicht gekannt.<br \/>\nUm zu \u00fcberleben, unterhielten viele der Frauen Beziehungen zu Stammfreiern, die ihnen zum Beispiel zus\u00e4tzliche Nahrungsmittel brachten. Dies war allerdings von der SS bei Strafe verboten. Einige Frauen erz\u00e4hlen, Stammfreier h\u00e4tten ihnen geholfen, auf dem Papier die acht Freier, die sie pro Tag bedienen sollten, vollzumachen, weil sie die vielen M\u00e4nner nicht mehr aushielten. Daf\u00fcr habe der Stammfreier allerdings auch \u201esein Recht\u201c verlangt.<\/p>\n<p>Wie die Frauen von der SS behandelt wurden, gestaltete sich von Ort zu Ort unterschiedlich. An das Verbot, sich im Bordell f\u00fcr die KZ-H\u00e4ftlinge sexuell zu bet\u00e4tigen, hielten sich die SS-M\u00e4nner nicht immer. Mehrere \u00fcberlebende Frauen aus den KZ-Bordellen berichten, auch von SS-M\u00e4nnern missbraucht und geschlagen worden zu sein. Andere SS-M\u00e4nner lie\u00dfen den Frauen Verg\u00fcnstigungen zukommen oder halfen ihnen, jedoch meist, wenn sie an diesen sexuell interessiert waren. <\/p>\n<p>Eine weitere Bew\u00e4ltigungsstrategie, die es den Frauen erlaubte, die sexuelle Ausbeutung auszuhalten, war es, die seelischen und k\u00f6rperlichen Schmerzen von sich abzuspalten und mittels Dissoziation in einen Zustand innerer Distanziertheit und Gleichg\u00fcltigkeit zu verfallen. Dieses \u201eSichrausnehmen\u201c aus der gewaltvollen Situation zeigt sich auch in Sprache und Schilderungen der zwangsprostituierten Frauen, zum Beispiel, wenn diese Frau sich selbst wie einen Gegenstand beschreibt: \u201eWir mussten jetzt jeden Abend die M\u00e4nner \u00fcber uns r\u00fcbersteigen lassen, innerhalb von zwei Stunden. Das hie\u00df, die konnten rein, mussten ins Arztzimmer, sich \u00b4ne Spritze abholen, konnten zu der Nummer, also dem H\u00e4ftling, konnten ihre Sachen da verrichten. Rein, rauf, runter, raus, wieder zur\u00fcck, kriegten sie nochmals eine Spritze. Der H\u00e4ftling musste raus. Wir hatten ein Badezimmer mit soundsoviel WCs. Also an Sauberkeit hat es da nicht gefehlt. Und dann kam gleich der n\u00e4chste wieder. Am laufenden Band. Und die hatten nicht l\u00e4nger wie eine Viertelstunde.\u201c ((2))<\/p>\n<p>Schilderungen lassen darauf schlie\u00dfen, dass die Frauen nicht, wie von den Nazis versprochen, nach sechs Monaten \u201eDienst\u201c im KZ-Bordell wieder freikamen. In der Regel wurden sie als H\u00e4ftlinge in die KZ r\u00fcck\u00fcberstellt und waren teilweise k\u00f6rperlich und seelisch schwer belastet. Trotz allem konnten die \u00dcberlebenschancen der Frauen in den KZ-Bordellen von Fall zu Fall auch h\u00f6her sein als die der anderen H\u00e4ftlinge. Dies lag daran, dass sie f\u00fcr die SS von gro\u00dfem Nutzen waren. So war ihr Ern\u00e4hrungszustand h\u00e4ufig ein besserer als der anderer H\u00e4ftlinge, was ihnen auch bei R\u00fcck\u00fcberstellung ins KZ helfen konnte, zu \u00fcberleben. <\/p>\n<p>Einige der Frauen wurden f\u00fcr Menschenversuche benutzt, und zwar in Testreihen zu Geschlechtskrankheiten, die der Reichsf\u00fchrer-SS Heinrich Himmler angeordnet hatte. Aber auch zu Versuchen \u00fcber homosexuelle M\u00e4nner zog man sie zwangsweise heran. Himmler glaubte, 98\u00a0% aller m\u00e4nnlichen Homosexuellen seien nicht angeboren schwul, sondern \u201eumerziehbar\u201c. Zur L\u00f6sung dieser \u201eHomosexuellenfrage\u201c stellte er in Aussicht, dass schwule M\u00e4nner als \u201egeheilt\u201c gelten k\u00f6nnten, wenn sie vor einer Kommission bewiesen, dass sie in Bezug auf eine Frau sexuell handlungsf\u00e4hig seien. Dabei zwang man beide, den homosexuellen Mann und die zwangsprostituierte Frau, vor dieser Kommission geschlechtlich zu verkehren, was von \u00dcberlebenden als schwer dem\u00fctigend und entw\u00fcrdigend geschildert wurde.<br \/>\nAuch bei Unterk\u00fchlungsversuchen wurden die Zwangsprostituierten aus den KZ-Bordellen herangezogen. Bei diesen Versuchen ging es darum, zu ergr\u00fcnden, wie ins Eismeer abgest\u00fcrzten deutschen Piloten das Leben gerettet werden k\u00f6nnte. M\u00e4nnliche H\u00e4ftlinge wurden in der Versuchsgruppe \u201eSeenot\u201c in mit kaltem Wasser gef\u00fcllte Wannen\u2006 \u2006 gelegt, bis sie unterk\u00fchlt waren. Die Frage der Forscher war dabei, ob die M\u00e4nner dadurch, dass Frauen an ihnen den Koitus ver\u00fcbten, schneller aufw\u00e4rmten oder nicht. Der Leiter der Versuche, Dr. Rascher, bestand dabei darauf, nur \u201eAsoziale\u201c und \u201eZigeunerinnen\u201c, die als Prostituierte in den KZ-Bordellen waren, zu nehmen. Ein blondes M\u00e4dchen namens Ursula, das ihm aus einem KZ-Bordell geschickt worden war, sandte er zur\u00fcck: \u201eEs widerstrebt meinem rassischen Empfinden, ein M\u00e4dchen, das dem \u00c4u\u00dferen nach rein nordisch ist, und durch einen entsprechenden Arbeitseinsatz vielleicht auf den richtigen Weg gef\u00fchrt werden k\u00f6nnte als Bordellm\u00e4dchen rassisch minderwertigen KL Elementen zu \u00fcberlassen. Aus diesem Grunde lehne ich die Verwendung dieses M\u00e4dchens f\u00fcr meine Versuchszwecke ab.\u201c ((3))<br \/>\nLetztlich stellte sich heraus, dass die unterk\u00fchlten H\u00e4ftlinge sich durch Koitus nicht schneller aufw\u00e4rmten als durch ein hei\u00dfes Vollbad. Allein dadurch wurde verhindert, dass die zwangsprostituierten Frauen auch noch f\u00fcr die Lebensrettung an deutschen Soldaten verwendet wurden. <\/p>\n<p>Wenig gesprochen wurde bisher \u00fcber die H\u00e4ftlingsfreier. Welche Motivation trieb sie dazu, weibliche Mith\u00e4ftlinge zu missbrauchen? Wie sahen sie die Frauen und das Lagerbordell? Darum soll es im n\u00e4chsten Teil dieser Artikelserie gehen. Der Artikel erscheint voraussichtlich im November in der GWR 493.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge zu h\u00f6herer Arbeitsleistung zu motivieren, richteten die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora sogenannte \u201eSonderbauten\u201c ein \u2013 Bordelle, in denen die m\u00e4nnlichen KZ-H\u00e4ftlinge ihre von den Nazis zwangsprostituierten weiblichen Mith\u00e4ftlinge sexuell missbrauchen konnten. 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