{"id":31749,"date":"2024-10-01T12:30:18","date_gmt":"2024-10-01T10:30:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/bauplatzbesetzung-in-marckolsheim-1974\/"},"modified":"2024-11-06T20:29:30","modified_gmt":"2024-11-06T18:29:30","slug":"bauplatzbesetzung-in-marckolsheim-1974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/bauplatzbesetzung-in-marckolsheim-1974\/","title":{"rendered":"Bauplatzbesetzung in Marckolsheim 1974"},"content":{"rendered":"\r\n<p>Nein, nicht L\u00fctzerath! Dieser Refrain aus Walter Mossmanns \u201eNeuer Wacht am Rhein\u201c beschreibt ein wichtiges Datum einer zutiefst vergesslichen Umwelt- und Klimaschutzbewegung. Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz eines geplanten Bleiwerks im els\u00e4ssischen Marckolsheim von Menschen beiderseits des Rheins besetzt und inspiriert durch die egalit\u00e4re AnArchitektur der nordamerikanischen Ureinwohner*innen ein h\u00f6lzernes Rundhaus, das erste Freundschaftshaus am Rhein, errichtet. Vor 50 Jahren verhinderte die badisch-els\u00e4ssische Bev\u00f6lkerung den Bau eines extrem umweltverschmutzenden Bleichemiewerks.<br \/>Drei\u00dfig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und der deutsch-franz\u00f6sischen \u201eErbfeindschaft\u201c\u2006 \u2006 wurde auf dem besetzten Platz der Traum vom gemeinsamen, grenzenlosen Europa der Menschen getr\u00e4umt und realisiert. Die Marckolsheimer Erfahrungen und der Erfolg der illegalen Besetzung waren wichtig f\u00fcr den erfolgreichen Protest gegen die geplanten Atomkraftwerke in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F). Aus diesen fr\u00fchen Anf\u00e4ngen der Umweltbewegung und der Bewegung f\u00fcr Luftreinhaltung entwickelten sich auch die sp\u00e4teren Konflikte um das Waldsterben 1.0 und in diesen K\u00e4mpfen liegen Wurzeln der heutigen Klimaschutzbewegung. Die alte Nachkriegs-Naturschutzbewegung wurde politisch. Von einem kleinen els\u00e4ssischen Dorf am Rhein ging ein wichtiger Impuls f\u00fcr die globale Umweltbewegung aus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>\u201eWeil wir nicht dulden, dass unser Recht derart missachtet wird.<\/em><br \/><em>Deshalb haben wir beschlossen, die vorgesehenen Baupl\u00e4tze f\u00fcr das Atomkraftwerk Wyhl und das Bleiwerk in Marckolsheim gemeinsam zu besetzen, sobald dort mit dem Bau begonnen wird. Wir sind entschlossen, der Gewalt, die uns mit diesen Unternehmen angetan wird, solange passiven Widerstand entgegenzusetzen, bis die Regierungen zur Vernunft kommen.\u201c<\/em><br \/>Erkl\u00e4rung der 21 B\u00fcrgerinitiativen an<br \/>die badisch-els\u00e4ssische Bev\u00f6lkerung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"560\" class=\"wp-image-31794\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar1.jpg\" alt=\"Mar1\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar1.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar1-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar1-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/>\r\n<figcaption class=\"wp-element-caption\">Axel Mayer tackert Nai-H\u00e4mmer-Gsait-Plakate &#8211; Foto: Meinrad Schw\u00f6rer<\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Den Hintergrund des Umweltkonflikts aus dem Sp\u00e4tsommer und Winter 1974\/75 w\u00fcrde man heute als klassisches Beispiel der Globalisierung deuten. Ein deutscher Konzern, die CWM (Chemische Werke M\u00fcnchen), machte sich die Grenzlage zunutze und wollte in Frankreich direkt am Rhein ein extrem umweltbelastendes Bleichemiewerk bauen. Vom toxischen Bleistaub betroffen w\u00e4re die Bev\u00f6lkerung auf beiden Rheinseiten gewesen. Auch damals schon gab es viele Versuche, die Menschen grenz\u00fcberschreitend gegeneinander auszuspielen. W\u00e4hrend heute die Konflikte h\u00e4ufig zwischen \u201eTarn- und Vorfeldorganisationen\u201c der Konzerne und der Umweltbewegung ausgetragen werden, gab es damals noch den direkten Konflikt zwischen den Chemischen Werken M\u00fcnchen, den Beh\u00f6rden und den B\u00fcrgerinitiativen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Baupl\u00e4ne wurden 1973 bekannt, einer politisch brisanten Zeit am Oberrhein. Vorangegangen waren der umstrittene Baubeginn des franz\u00f6sischen AKW Fessenheim und erste massive B\u00fcrgerproteste gegen die Pl\u00e4ne des Badenwerks, erst in Breisach und sp\u00e4ter in Wyhl ein Atomkraftwerk zu bauen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><em>\u201eHerr Rosenthal hat einen Plan,<\/em><br \/><em>der uns gar nicht gef\u00e4llt.<\/em><br \/><em>Dem Rosenthal ist das egal,<\/em><br \/><em>den interessiert nur Geld.<\/em><br \/><em>Uns aber interessieren<\/em><br \/><em>der Fluss, der Wald, das Feld<\/em><br \/><em>und unsere Gesundheit<\/em><br \/><em>kauft uns keiner ab f\u00fcr Geld\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gr\u00fcnde, gegen die Bleifabrik des Unternehmers Rosenthal anzugehen, gab es viele. Es gab vor 50 Jahren noch Formen der Umweltvergiftung, die heute, zumindest in Zentraleuropa unvorstellbar sind. Es war die Zeit der \u201eguten, alten, offenen\u201c und vor allem sichtbaren Umweltzerst\u00f6rung und Umweltvergiftung. Fl\u00fcsse waren stinkende Kloaken, Kinder in der Umgebung von Verbrennungsanlagen litten an Pseudokrupp und die Schweiz versenkte ihren Atomm\u00fcll im Meer. Es war eine Zeit unkritischer Technikbesoffenheit mit DDT, Asbest, Atomkraft und FCKW.<br \/>\u00dcber neun Tonnen Blei h\u00e4tte die neue Fabrik in Marckolsheim j\u00e4hrlich \u00fcber den Schornstein abgegeben und das in einer Weinbauregion. Bleivergiftung f\u00fchrt zu verminderter Intelligenz, irreparablen Hirnsch\u00e4den, Kr\u00e4mpfen, Fehlgeburten und Krebs.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Schnell wurde am Oberrhein auch bekannt, dass in der Umgebung vergleichbarer Werke in Deutschland die K\u00fche auf der Weide gelegentlich tot umgefallen waren. Ursache: Bleivergiftung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\r\n<p class=\"has-text-align-right\"><em><strong>Was bleibt, ist ein Erfolg. Ein Erfolg f\u00fcr Mensch und Umwelt, denen j\u00e4hrlich viele Tonnen giftiges Blei erspart geblieben sind<\/strong><\/em><\/p>\r\n<\/blockquote>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201e\u2009\u201aDas Sterben dauert zwei Tage: Zun\u00e4chst erblinden die Tiere und finden kein Futter mehr, sp\u00e4ter beginnen sie sich im Kreis zu drehen, bl\u00f6ken und haben Schaum vor dem Maul. Schlie\u00dflich treten L\u00e4hmungserscheinungen hinzu, die Tiere brechen zusammen, k\u00f6nnen sich nicht mehr erheben und verenden qualvoll.\u2018 So beschrieben Augenzeugen das Rindersterben, das am vergangenen Wochenende \u2013 wenige Tage nach dem Weideauftrieb \u2013 pl\u00f6tzlich in der N\u00e4he von Nordenham an der Unterweser auftrat. Bis zum 17. Mai gingen dort sechzehn K\u00fche und K\u00e4lber ein, mu\u00dften 69 Rinder notgeschlachtet sowie weitere sechzehn als sichere Todeskandidaten von den Weiden getrieben werden. Die Nordwest-Zeitung charakterisierte die Stimmung im Wesermarschgebiet mit den Worten: \u201aIn Nordenham grassiert die nackte Angst.\u2018<br \/>Angst versp\u00fcrten dabei nicht nur die Bauern, die ihre Existenz bedroht sahen \u2013 die Landwirte beziffern den bisher entstandenen Schaden auf insgesamt 250.000 Mark \u2013, Angst machte sich gleichzeitig unter der Bev\u00f6lkerung breit. Denn: Das Massensterben von Rindern (und Kaninchen) ist auf ein Gift zur\u00fcckzuf\u00fchren, das auch Menschen gef\u00e4hrdet \u2013 auf Blei.\u201c<br \/>Quelle: Die Zeit vom 26. Mai 1972<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"560\" class=\"wp-image-31795\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar4.jpg\" alt=\"Mar4\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar4.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar4-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar4-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/>\r\n<figcaption class=\"wp-element-caption\">Marckholsheim-Freundschaftshaus &#8211; Foto: Meinrad Schw\u00f6rer<\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gegen Bleichemie und Atomindustrie schlossen sich im August 1974 deutsche und franz\u00f6sische Umweltsch\u00fctzende zusammen und gr\u00fcndeten das Internationale Komitee der 21 badisch-els\u00e4ssischen B\u00fcrgerinitiativen. Einen \u00e4hnlichen grenz\u00fcberschreitenden Zusammenschluss dieser Art hatte es nach den Wunden des Ersten und Zweiten Weltkrieges bis dahin nicht gegeben. Erstaunliches tat sich vor 50 Jahren und fast 30 Jahre nach Kriegsende in der l\u00e4ndlichen, konservativen Region beiderseits des Rheins: \u00dcber 3.000 Menschen aus beiden L\u00e4ndern kamen beim Sternmarsch zum geplanten Standort in Wyhl zusammen, \u00fcber 4.000 Menschen beim Demonstrationszug unter Glockengel\u00e4ute gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim. Fortschritt wurde kritisch hinterfragt und menschengerechte Technik eingefordert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dennoch begannen Mitte September 1974 die bauvorbereitenden Ma\u00dfnahmen auf dem Marckolsheimer Baugel\u00e4nde und ein Zaun sollte errichtet werden. Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltsch\u00fctzer*innen beiderseits des Rheins besetzt und nach indigenem Vorbild ein h\u00f6lzernes Rundhaus, das erste Freundschaftshaus am Rhein, errichtet. Bauplatzbesetzungen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH), Gerstheim (F) und Heiteren (F) sollten folgen und auch die badischen Ackerbesetzerinnen und -Besetzer in Sachen Genmais Buggingen beriefen sich zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter noch auf die Marckolsheimer Erfahrungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Proteste und erfolgreichen Bauplatzbesetzungen in Marckolsheim (F), Wyhl (D), Gerstheim (F) und Kaiseraugst (CH) fielen in eine Hoch-Zeit der europ\u00e4ischen Regionalbewegungen. Im Baskenland und in Katalonien g\u00e4rte es und auf dem Larzac-Plateau in S\u00fcdfrankreich gab es erfolgreiche und unkonventionelle Proteste gegen einen geplanten Truppen\u00fcbungsplatz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auf den besetzten Pl\u00e4tzen in Wyhl, Markolsheim und Kaiseraugst wurde haupts\u00e4chlich Dialekt gesprochen und es wurde deutlich: Dialekt ist immer auch Sand im Getriebe der globalen Megamaschine. Dialekte st\u00f6ren die Verwandlung der vielf\u00e4ltigen Welt in eine gro\u00dfe, einheitlich genormte Fabrik, eine Agrar-Fabrik, eine Fabrik-Fabrik, eine Konsum-Fabrik und eine Wohn-Fabrik, in der zunehmend \u00fcbers\u00e4ttigte Menschen immer unzufriedener werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Frauen wie Solange Fernex, Lore Haag und Annemarie Sacherer spielten auch als Rednerinnen und Organisatorinnen im aktiven Widerstand eine wichtige Rolle, eine Rolle, die nicht unbedingt dem Geschlechterverst\u00e4ndnis der 1970er Jahre am konservativen Kaiserstuhl und im Elsass entsprach.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Das Elsass erlebte eine Bl\u00fcte (und leider auch einen Schwanengesang) els\u00e4ssisch-alemannischer Regionalkultur. Eine Vielzahl els\u00e4ssischer, badischer und Schweizer K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, sprachen von einer \u201eAlemannischen Internationale\u201c. Sie traten bei Demos, Aktionen und sp\u00e4ter in Wyhl auch im Rahmen des Programms der Volkshochschule Wyhler Wald auf. HAP Grieshaber erstellte Plakate und stellte sie den B\u00fcrgerinitiativen zur Verf\u00fcgung. Schallplatten und Liederb\u00fccher entstanden und es wurde viel gesungen bei Demos und auf den besetzten Pl\u00e4tzen. Pr\u00e4gende Kunst- und Kulturschaffende in dieser breiten trinationalen Protestbewegung waren u.a. Walter Mossmann, Andr\u00e9\u2006 \u2006 Weckmann, Rene Egles, Buki (Roland Burkhart), Ernst Born, Fran\u00e7ois Brumpt, Karl Meyer, Meinrad Schw\u00f6rer, Roland Engel, die Blaskapelle \u201eRote Note\u201c, Ernst Schillinger, la Rue de Dentelles, Roger Siffer, Francis Keck &#8230; Und die lange Liste ist unvollst\u00e4ndig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"560\" class=\"wp-image-31796\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar6.jpg\" alt=\"Mar6\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar6.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar6-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar6-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/>\r\n<figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Meinrad Schw\u00f6rer<\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Marckolsheim-Protest war nicht nur das erste militante Nein zur Luftvergiftung. Er war immer auch Protest f\u00fcr Vielfalt, Demokratie und f\u00fcr ein grenzenloses Europa der Menschen und Regionen. Keiner hat diesen Traum vom grenzenlosen Europa damals so deutlich ausgedr\u00fcckt wie der els\u00e4ssische Liedermacher Fran\u00e7ois Brumpt in seinem Dreyeckland-Lied \u201eMir keije mol d Gr\u00e4nze \u00fcber de H\u00fcfe und danze drum erum \/ Wir werfen einmal die Grenzen \u00fcber den Haufen und tanzen drumherum\u201c.\u2006 \u2006 Ohne die massive Einbindung und den positiven Einfluss der Kultur in den Protest w\u00e4re der Erfolg nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEnde September 1974, w\u00e4hrend der Platzbesetzung gegen ein deutsches Bleichemiewerk im els\u00e4ssischen Marckolsheim, hat der franz\u00f6sische Schullehrer Jean Gilg ein Transparent in den Schlamm gepflanzt: \u201aDeutsche und Franzosen gemeinsam: Die Wacht am Rhein\u2019. Das hei\u00dft, er hat ganz bewusst den Titel der informellen, deutschen Nationalhymne aus dem Ersten Weltkrieg aufgegriffen und mit einer vollkommen neuen, entgegengesetzten Bedeutung versehen: Deutsche und Franzosen machen sich nicht mehr kriegerisch den Besitz des Rheinstroms streitig, sondern schlie\u00dfen sich zusammen, um die gemeinsame Region am Oberrhein gegen die neuartigen, grenz\u00fcberschreitenden Gefahren wie Radioaktivit\u00e4t und die Emissionen der Chemie-Industrie zu sch\u00fctzen \u2013 eine in der Tat \u201aAndere Wacht am Rhein\u2018. Vom ersten Tag an hat sich die oberrheinische Umweltbewegung der 70er Jahre als die historische Antwort auf das Menschheits-Verbrechen des Ersten Weltkriegs verstanden.\u201c<br \/>Zitat Walter Mossmann<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bauplatzbesetzung, das schreibt sich mit 50 Jahren Abstand so einfach. Doch diese erste, von einer breiten Bev\u00f6lkerungsschicht getragene Bauplatzbesetzung in Marckolsheim, das war zuallererst Matsch, Schnee, kn\u00f6cheltiefer Schlamm in einem nassen, kalten Winter. Das war der R\u00fccktritt des Marckolsheimer Gemeinderats aus Protest gegen die Fabrik und eine mehrfach besetzte Pontonbr\u00fccke \u00fcber den Rhein nach Sasbach. Das waren Frauen und M\u00e4nner, Badisch, Els\u00e4ssisch, Hochdeutsch und Franz\u00f6sisch sprechende Menschen und Sprachprobleme zwischen Deutschen, Franzosen und Dialektsprechenden. Es gab ein Aufbl\u00fchen der alemannischen Regionalkultur und gleichzeitig eine Bl\u00fcte des els\u00e4ssischen Dialekts. Bei Demos und im Rundhaus fanden sich Frauen und M\u00e4nner, Winzer und Freaks, Junge und Alte, Linke und Wertkonservative. Ich erinnere mich an viele Gesichter, Reden, Streit, Liebesbeziehungen, Gespr\u00e4che und Lieder am Lagerfeuer, Demos, Br\u00fcckenbesetzungen, Flugbl\u00e4tter, Liederb\u00fccher und Plakate. Die Vergangenheitsverkl\u00e4rung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung. Und aus den fr\u00fchen erfolgreichen K\u00e4mpfen zur Luftreinhaltung erwuchs der gro\u00dfe Streit ums Waldsterben und die heutige Bewegung f\u00fcr den Klimaschutz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Am 25. Februar 1975 kam dann der Erfolg. Die franz\u00f6sische Regierung untersagt der deutschen Firma CWM offiziell die Errichtung der Bleifabrik in Marckolsheim, Mit dem Wissen, dass illegale Bauplatzbesetzungen auch zu Erfolgen f\u00fchren k\u00f6nnen, wendet sich der Protest gegen das wenige Kilometer entfernte AKW Bauprojekt im Wyhler Wald. Doch das ist eine andere Geschichte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Was bleibt, ist ein Erfolg. Ein Erfolg f\u00fcr Mensch und Umwelt, denen j\u00e4hrlich viele Tonnen giftiges Blei erspart geblieben sind. Erstaunlicherweise sogar ein nachtr\u00e4glicher Erfolg f\u00fcr die Firma CWM, denn die Fabrik sollte Stabilisatoren f\u00fcr PVC und andere Kunststoffe herstellen, Produkte, die heute f\u00fcr PVC nicht mehr gebraucht werden. Wie so h\u00e4ufig hatte die Umweltbewegung auch einen \u00f6konomischen Flop verhindert. Wir waren keine \u201eVerhinderer\u201c, sondern haben geholfen, den Fortschritt menschengerechter zu gestalten. Die Umweltbewegung wird heute f\u00fcr das gelobt, was sie in der Vergangenheit getan und erreicht hat und sie wird daf\u00fcr kritisiert und kriminalisiert, was sie aktuell fordert und durchsetzen will.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"560\" class=\"wp-image-31797\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar5.jpg\" alt=\"Mar5\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar5.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar5-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Mar5-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/>\r\n<figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Meinrad Schw\u00f6rer<\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In diesen fr\u00fchen \u00f6kologischen K\u00e4mpfen am Oberrhein liegen auch wichtige Wurzeln des BUND, von Alsace Nature und der GR\u00dcNEN. Hier wurden aus konservativen Naturschutzverb\u00e4nden politische Umweltorganisationen und der religions\u00e4hnliche Wachstumsglaube der 1960er Jahre bekam erste Risse. Hier begannen die fr\u00fchen, erfolgreichen K\u00e4mpfe f\u00fcr saubere Luft, aus denen sich die Bewegung gegen das Waldsterben 1.0 und auch die heutige Klimaschutzbewegung entwickelten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Heute stehen auf dem ehemals besetzten Gel\u00e4nde ein Autoauslieferungslager der Firma Peugeot und eine Zitronens\u00e4urefabrik. Beide Firmen sind bei weitem nicht mehr so umweltbelastend, wie es das Bleichemiewerk gewesen w\u00e4re. Und doch stinkt manchmal die Zitronens\u00e4urefabrik, wenn auch nicht giftig, in die D\u00f6rfer beiderseits des Rheins &#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde sich \u00fcber vergangene Erfolge zu freuen und immer noch unendlich viel zu tun. Wenn heute in B\u00e4chen und Seen wieder gebadet werden kann, wenn die Luft sauberer geworden ist, wenn Strom aus Wind und Sonne um ein Vielfaches g\u00fcnstiger ist als Strom aus AKW, dann sind diese Erfolge nicht vom Himmel gefallen, sondern sie wurden gegen Lobbyisten, Konzerne und marktradikale Seilschaften in m\u00fchsamen Konflikten erk\u00e4mpft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im gro\u00dfen, globalen Krieg des Menschen gegen die Natur und damit gegen uns selber, wurden auch in Marckolsheim die globalen Zerst\u00f6rungsprozesse entschleunigt und kleine, wichtige Teilerfolge erzielt. Marckolsheim war ein wichtiger Impuls f\u00fcr die erwachende Umweltbewegung. Es lohnt, sich zu engagieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wichtiger Nachtrag:<br \/>Mit dem Kampf gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim begann das Ende der \u201eguten, alten, offenen, ehrlichen Umweltvergiftung\u201c steht zu Recht im oberen Text. Doch diese Aussage bezieht sich leider nur auf Kerneuropa. In Marckolsheim h\u00e4tte das Bleiwerk zu einer massiven und gesundheitssch\u00e4digenden Bleibelastung gef\u00fchrt. Doch massive menschengef\u00e4hrdende Umweltvergiftung gibt es immer noch. In Afrika, S\u00fcdamerika und Teilen von Asien werden Menschen, Natur und Umwelt von europ\u00e4ischen, amerikanischen und chinesischen Konzernen f\u00fcr unseren \u00dcberkonsum vergiftet. Es gibt global und regional noch viel zu tun.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, nicht L\u00fctzerath! Dieser Refrain aus Walter Mossmanns \u201eNeuer Wacht am Rhein\u201c beschreibt ein wichtiges Datum einer zutiefst vergesslichen Umwelt- und Klimaschutzbewegung. Am 20. 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