{"id":318,"date":"1996-05-01T00:00:23","date_gmt":"1996-04-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=318"},"modified":"2022-07-26T14:26:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:39","slug":"gewaltfreies-training-im-kontext-unterschiedlicher-kulturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/05\/gewaltfreies-training-im-kontext-unterschiedlicher-kulturen\/","title":{"rendered":"Gewaltfreies Training im Kontext unterschiedlicher Kulturen"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren, auf einem Ratstreffen der War Resisters&#8216; International, diskutierten gewaltfreie TrainerInnen aus verschiedenen L\u00e4ndern \u00fcber die L\u00e4nge der Trainings. Die US-AmerikanerInnen unter uns beschwerten sich dar\u00fcber, da\u00df sie Ganztagstrainings bevorzugen, aber die TeilnehmerInnen w\u00fcrden sich nur f\u00fcr einen halben Tag verpflichten. Die TrainerInnen aus England sprachen von Wochenendtrainings, doch zu besonders kritischen oder dringenden Themen (z.B. Reaktion auf Angriffe auf Homosexuelle) werden Trainings \u00fcber mehrere Wochenenden abgehalten. TrainerInnen aus anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sprachen von Trainings von einer Woche oder l\u00e4nger &#8211; zum Neid derer, die die Menschen nicht f\u00fcr einen ganzen Tag bekommen konnten. Der letzte, der sprach, war Narayan Desai aus Indien. Er sagte: &#8222;Ich denke, so um die 18 Jahre ist eine gute Einf\u00fchrung.&#8220;<\/p>\n<p>Gewaltfreies Training ist ein Lernproze\u00df, um Menschen mit den verschiedenen Aspekten von Gewaltfreiheit vertraut zu machen. Es ist ein Proze\u00df, der uns hilft, die Einstellungen und Verhaltensweisen, die allgemein in der Gesellschaft gelehrt werden, zu verlernen. Die Trainings bestehen aus einem aktiven Gruppenproze\u00df, bei dem durch verschiedene Trainingsmethoden ein kreatives Lernen gef\u00f6rdert wird. Die Art des Trainings ist vom kulturellen Kontext abh\u00e4ngig. Sinnvollerweise mu\u00df das Training an die Erfahrungen und Erwartungen der TeilnehmerInnen ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<h3>Ein Mittel f\u00fcr viele Bewegungen weltweit<\/h3>\n<p>Genauso wie Gewaltfreiheit in L\u00e4ndern und Kulturen auf der ganzen Welt gelebt und praktiziert wird, ist es mit Gewaltfreien Trainings. Gewaltfreie Trainings werden von vielen Bewegungen f\u00fcr sozialen Wandel genutzt. An der Arbeitsgruppe &#8222;Interkultureller Austausch zu Gewaltfreien Trainings&#8220; auf der WRI-Dreijahreskonferenz in Brasilien 1994 nahmen beispielsweise 15 TrainerInnen aus neun L\u00e4ndern (aus S\u00fcd- und Nordamerika, Europa und Asien) teil. Unsere Arbeit und Interessen umfa\u00dften: Friedenserziehung in Schulen, mit Kindern, LehrerInnen und Eltern; Arbeit mit KDV-Gruppen; Arbeit mit wirtschaftlich Schwachen in Slums, D\u00f6rfern und Stadtvierteln, Basisgemeinden und landlosen B\u00e4uerInnen und Ind\u00ecgenas; Arbeit f\u00fcr Menschenrechte, Frieden, Demokratie, Demilitarisierung, R\u00fcstungskonversion; Training f\u00fcr Direkte Aktion, Konfliktl\u00f6sung, Frieden und Gerechtigkeit, gegen Rassismus.<\/p>\n<h3>Was meinen wir mit &#8222;Gewaltfreiem Training&#8220;?<\/h3>\n<p>Auch wenn wir die Bezeichnung &#8222;Gewaltfreies Training&#8220; verwenden, so sind wir uns doch bewu\u00dft, da\u00df das nicht die beste Beschreibung f\u00fcr das ist, was wir machen. &#8222;Training&#8220; (zu deutsch: Ausbildung) ist ein zu enges und militarisiertes Wort. Wir sprechen \u00fcber einen Proze\u00df der Bildung, der Menschen hilft, ihre eigene F\u00e4higkeit f\u00fcr ein der Gewaltfreiheit verpflichtetes Engagement in der Friedens- und Gerechtigkeitsarbeit zu entwickeln.<\/p>\n<p>In einigen Kulturen wird der Begriff &#8222;Gewaltfreiheit&#8220; einfach als &#8222;ohne Gewalt&#8220; verstanden, so da\u00df andere Bezeichnungen bevorzugt werden. In Chile und Brasilien werden &#8222;ausdauernde Entschlossenheit&#8220; oder &#8222;standhafte Beharrlichkeit&#8220; an Stelle von &#8222;Gewaltfreiheit&#8220; verwendet. In Mexiko hei\u00dft es &#8222;ziviler Widerstand&#8220;.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch \u00fcber Gewaltfreies Training auf der WRI-Dreijahreskonferenz in \u00c5land 1988 sagte Narayan Desai, da\u00df Training gewaltfreie Aktionen f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Menschen m\u00f6glich macht. Er beschrieb drei Gr\u00fcnde f\u00fcr Training:<\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li>um Bewu\u00dftsein zu f\u00f6rdern und Informationen zu vermitteln;<\/li>\n<li>um Methoden\/Fertigkeiten zu erlernen und<\/li>\n<li>um das richtige Verhalten zu entwickeln.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Fernando Aliaga Rojas aus Chile war ein Ko-Teamer der Themengruppe &#8222;Interkultureller Austausch zu Gewaltfreiem Training&#8220; auf der WRI-Dreijahreskonferenz in Brasilien 1994. Fernando beschrieb die Dynamik der Kraft des Lebens, die nach au\u00dfen geht und gegen die Mauer der Strukturen, der Dominanz und Entfremdung st\u00fcrzt. Wenn wir darauf st\u00fcrzen, schlagen wir die Mauer und prallen mit Gewalt zur\u00fcck. Gewaltfreiheit hei\u00dft, einen anderen Weg zu finden, in eine andere Richtung zu gehen, die positiv ist. Durch den Proze\u00df des &#8222;Trainings&#8220; finden wir diesen anderen Weg &#8211; finden wir Wege zu kommunizieren, unsere Wirklichkeit zu betrachten und unsere Bed\u00fcrfnisse zu erkennen, sich geachtet zu f\u00fchlen und von der Reflektion in der Gemeinschaft zur Aktion zu kommen.<\/p>\n<p>In Europa und Nordamerika bedeutet gewaltfreies Training vieles, u.a.:<\/p>\n<ul>\n<li>Vorbereitung auf Aktionen und Zivilen Ungehorsam;<\/li>\n<li>Konfliktl\u00f6sung &#8211; die Schaffung von Strukturen, um mit Konflikten umzugehen;<\/li>\n<li>Entscheidungsfindung, Gruppendynamik;<\/li>\n<li>Friedensbildung &#8211; nicht Textb\u00fccher \u00fcber Krieg und FriedensstifterInnen, sondern Bildung f\u00fcr einen Lebensweg;<\/li>\n<li>Bewu\u00dftsein f\u00fcr Unterdr\u00fcckung (Antirassismus, Antisexismus, usw.);<\/li>\n<li>Soziale Verteidigung &#8211; Vorbereitung von Gruppen f\u00fcr Widerstand bei milit\u00e4rischer Besetzung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein Brainstorming mit TrainerInnen aus vielen L\u00e4ndern zu &#8222;Warum machen wir Trainings&#8220; ergab eine Vielzahl von Antworten: um neue Herangehensweisen und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Aktionen zu finden, um Gemeinschaften zu bilden, um etwas \u00fcber die gewaltfreie Philosophie zu lernen, zur F\u00e4higkeit zur Behauptung, um Revolution zu schaffen, Kampagnen zu entwickeln, um unsere Zweifel, wie Gewaltfreiheit funktionieren kann, loszuwerden, um die Situation zu verstehen, in der wir uns befinden.<\/p>\n<p>Gewaltfreie TrainerInnen nutzen eine Vielzahl von Techniken. Trainings m\u00fcssen partizipativ sein. Learning by doing, durch Interaktion, indem man allen TeilnehmerInnen eines Trainings zuh\u00f6rt. Die Rolle des\/r TrainerIn ist, dies zu erm\u00f6glichen, nicht das eigene Denken aufzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<h3>Kulturelle Einfl\u00fcsse auf Trainings<\/h3>\n<p>Auf der Dreijahreskonferenz 1985 in Indien diskutierten zw\u00f6lf TrainerInnen (sechs aus Indien, zwei Europ\u00e4erInnen, vier aus den USA) \u00fcber Techniken, Mittel und die Art des Herangehens an Trainings. In der Auswertung, wie Gewaltfreie Trainings von unserer Kultur beeinflu\u00dft sind, fanden wir drei Bereiche, in denen Trainings und die sich daraus ergebenden Aktivit\u00e4ten am meisten beeinflu\u00dft werden. Als erstes beeinflussen kulturelle Konzept von Zeit und die Auffassung dar\u00fcber, wie schnell Dinge funktionieren, sehr stark die Zeit, die Menschen, in Trainings oder gesellschaftlichen Wandel zu investieren bereit sind. In der schnellebigen Mikrowellen-Kultur der USA wollen die Menschen h\u00e4ufig kurze Trainings und schnelle Aktionen mit wesentlich weniger Betonung auf langfristige Kampagnen und die Ver\u00e4nderung des pers\u00f6nlichen Lebensstils. In Indien, wo es langsamer zugeht, haben die Menschen ein anderes Verst\u00e4ndnis von Zeit. Vorbereitung auf gesellschaftlichen Wandel hei\u00dft pers\u00f6nliche Ent-Bildung (z.B. das &#8222;Verlernen&#8220; des Kastensystems), Ver\u00e4nderung des Lebensstils und Teilnahme an langen Kampagnen und konstruktiven Programmen. Doch TrainerInnen in Indien, die mit armen D\u00f6rflerInnen arbeiten, die wenig Zeit haben, m\u00fcssen das Leben der D\u00f6rflerInnen ber\u00fccksichtigen, wenn sie Trainings planen.<\/p>\n<p>Ein zweiter Einflu\u00df ist der unseres kulturellen Systems. Gibt es in der Gesellschaft eine Akzeptanz f\u00fcr Autorit\u00e4t? Wird Autorit\u00e4t, Hierarchie und m\u00e4nnliche Dominanz in Frage gestellt? Wenn eine Akzeptanz f\u00fcr das System vorhanden ist, mu\u00df Gewaltfreies Training diese zun\u00e4chst durchbrechen. In Indien zerst\u00f6ren gemeinschaftliches Leben und das Teilen von handwerklicher Arbeit das Kastensystem. In den USA mu\u00df Gewaltfreies Training Rassismus, Sexismus und Homophobie thematisieren.<\/p>\n<p>Ein dritter Einflu\u00df der Kultur ist die eigene Tradition oder Geschichte sozialen Wandels. In Indien haben die Lehren Gandhis den st\u00e4rksten Einflu\u00df auf die gewaltfreie Bewegung, dabei ist Training ein wichtiger Bestandteil. Doch in vielen L\u00e4ndern gibt es keine Tradition von Gewaltfreiheit oder Gewaltfreien Trainings. Andere Kulturen, z.B. die USA, haben eine reiche Trainingsgeschichte aus der B\u00fcrgerInnenrechtsbewegung, doch diese ist viel zu oft vergessen.<\/p>\n<h3>Internationaler Austausch<\/h3>\n<p>1986, auf der Dreijahreskonferenz in Indien, wurde von der WRI die Arbeitsgruppe zu gewaltfreien Trainings gebildet. Viel fr\u00fcher, 1965, organisierte die WRI eine Konferenz in Perugia. Nat\u00fcrlich waren gewaltfreie TrainerInnen in ihren eigenen WRI-Sektionen aktiv und nahmen an internationalen TrainerInnen-Versammlungen wie dem Internationalen Seminar zu Training in Gewaltfreier Aktion (IST-NA) 1976 und 1977 teil. Dennoch gab es in den letzten zehn Jahren mehr Anstrengungen der WRI, f\u00fcr gewaltfreie TrainerInnen aus der ganzen Welt M\u00f6glichkeiten f\u00fcr interkulturellen Austausch zu Gewaltfreien Trainings zu schaffen. Die Arbeitsgruppe zu Gewaltfreien Trainings hat Themengruppen auf Dreijahreskonferenzen organisiert und bei der Organisation der Transnationalen TrainerInnen-Versammlung 1991 geholfen. Durch diese Treffen gewaltfreier TrainerInnen aus der ganzen Welt waren wir in der Lage, uns \u00fcber unsere Ideen, Themen, \u00dcbungen und Auswertungen Gewaltfreier Trainings auszutauschen. Wir sind in der Lage voneinander zu lernen, um unser Tun zu verbessern und eine tiefere Sensibilit\u00e4t f\u00fcr interkulturelle Trainingserfahrungen zu entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Jahren, auf einem Ratstreffen der War Resisters&#8216; International, diskutierten gewaltfreie TrainerInnen aus verschiedenen L\u00e4ndern \u00fcber die L\u00e4nge der Trainings. Die US-AmerikanerInnen unter uns beschwerten sich dar\u00fcber, da\u00df sie Ganztagstrainings bevorzugen, aber die TeilnehmerInnen w\u00fcrden sich nur f\u00fcr einen halben Tag verpflichten. 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