{"id":31862,"date":"2024-10-29T18:23:13","date_gmt":"2024-10-29T16:23:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/ein-buch-fuer-alle-antimilitaristinnen\/"},"modified":"2024-11-28T12:50:48","modified_gmt":"2024-11-28T10:50:48","slug":"ein-buch-fuer-alle-antimilitaristinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/10\/ein-buch-fuer-alle-antimilitaristinnen\/","title":{"rendered":"Ein Buch f\u00fcr alle Antimilitarist:innen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">38 Delegierte sozialistischer Gruppen und auch einige Anarchisten fuhren am 5. September 1915 in vier Kutschen als Vogelkundler getarnt zur Pension \u201eBeau Sejour\u201c in Zimmerwald im Berner Mittelland. Sie standen nicht f\u00fcr die \u201enationale Solidarit\u00e4t mit der Ausbeuterklasse, sondern auf dem Boden der internationalen Solidarit\u00e4t des Proletariats und des Klassenkampfes\u201c, wandten sich gegen die Unterst\u00fctzung der Kriegsf\u00fchrung des Ersten Weltkriegs durch die sozialistischen Parteien und Arbeiterorganisationen und riefen auf, das \u201eRingen um den Frieden aufzunehmen\u201c, sich nicht mehr in den \u201eDienst der herrschenden Klassen\u201c zu stellen, sondern f\u00fcr die \u201eZiele des Sozialismus, f\u00fcr die Erl\u00f6sung der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker wie der geknechteten Klassen einzutreten durch den unvers\u00f6hnlichen proletarischen Klassenkampf\u201c. Es war der Anfang einer antimilitaristischen Wende in der Arbeiterbewegung, die mit der Revolution in Russland 1917 und der Revolution in Deutschland 1918 tats\u00e4chlich den Weltkrieg beendete. Es war also der Anfang der erfolgreichsten Friedensbewegung aller Zeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesen Appell f\u00fcr den Frieden wollen die nicht als Vogelkundler, sondern als \u201eAK Beau Sejour\u201c getarnten Herausgeber des im September 2024 erschienenen Buches \u201eSterben und Sterben lassen\u201c ankn\u00fcpfen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine waren, so stellen sie im Vorwort fest, \u201eder Militarismus und der Ruf nach Aufr\u00fcstung (\u2026) pl\u00f6tzlich nicht mehr die Sache der politischen Rechten, sondern fanden ihre mitunter vehementen F\u00fcrsprecher in linken und linksliberalen Milieus, wo die Remilitarisierung der Deutschen offen zur antifaschistischen Pflicht erkl\u00e4rt wurde. (&#8230;) Dieser neue progressive Militarismus befiel selbst Teile der sozialistischen, anarchistischen und autonomen Linken.\u201c<br \/>\nDer Band richtet sich \u201ean alle Antimilitarist:innen, die gegenw\u00e4rtig wohl leider ebenso minorit\u00e4r sind, wie die sozialistische Kriegsgegner\u201c, die sich 1915 in Zimmerwald trafen. Das Wort \u201eebenso\u201c d\u00fcrfte es nicht ganz treffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genauso wie die Kriegsgegner 1915 in Zimmerwald, liegen die Beitr\u00e4ge des Bandes keineswegs auf einer Linie. Es geht richtig gut los. Den Anfang machen Interviews und Artikel mit <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/pazifismus-ist-kein-verbrechen\/\">Kriegsgegner:innen aus der Ukraine<\/a> und Russland, die dem von ukrainischen Gruppen auch in linken Publikationen verbreiteten Narrativ des \u201eantiimperialistischen Volkskrieges\u201c entgegentreten. Ein Informatikstudent aus dem westukrainischen Lemberg, der sich dem Kriegsdienst in der Ukraine entzogen hat, deshalb in der Ukraine untertauchen musste, bevor ihm die Flucht ins Ausland gelang, schildert anschaulich die Zeit der russischen Invasion und pl\u00e4diert f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von \u201eMassendesertionen und Meuterei auf beiden Seiten\u201c. Die anarchistische Gruppe Assembly aus Charkiw, die wegen der Repression des Staates fast vollst\u00e4ndig klandestin und online arbeiten muss, schildert den bedr\u00fcckenden Alltag in der Frontstadt mit einst mehreren Millionen Einwohner:innen. \u201eMittlerweile ist der durchschnittliche Bewohner so ca. 50 Jahre alt. Schaut man sich unsere \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze an, so f\u00e4llt auf, dass kaum M\u00e4nner im wehrf\u00e4higen Alter unterwegs sind. Es herrschen Depression, Alkoholismus und totale Traurigkeit.\u201c<br \/>\n\u201eWir versuchen aufzuzeigen, dass die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/09\/standwithobjectors\/\">Desertion<\/a> eine bewusste politische Position ist, die sich verweigert f\u00fcr die Villen und Yachten anderer zu t\u00f6ten und zu sterben\u201c, wobei sie explizit auch russische Soldaten zur Desertion aufrufen. Der Beitrag der \u201eArbeiterfront der Ukraine\u201c liest sich freilich wie ein MLPD-Flugblatt und der Artikel von Maxim Goldarb von der Union der Linken Kr\u00e4fte aus der Ukraine ist vor allem wegen der Darstellung der politischen Repression in der Ukraine von Interesse.<br \/>\nNeben diesen Stimmen aus Russland und der Ukraine gibt es einen lesenswerten Text von Axel Berger zur Geschichte der Zimmerwalder Linken und anschlie\u00dfend beschreibt der omnipr\u00e4sente Peter Nowak, wie (fast) immer verl\u00e4sslich, theoretische und praktische Ansatzpunkte des Antimilitarismus in Europa, etwa die Proteste der italienischen Basisgewerkschaft USB gleich nach Kriegsbeginn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den weiteren Beitr\u00e4gen sind der von Ewgenyi Kasakow \u00fcber die russische Opposition, das Interview mit Felix Laitner zur Restauration des Kapitalismus in Russland und ganz besonders der Beitrag der britischen Gruppe \u201ecritisticuffs\u201c hervorzuheben. Ausgehend von den Auseinandersetzungen der Friedensbewegung in UK arbeitet die Gruppe \u201ecritisticuffs\u201c die strategischen Hintergr\u00fcnde der Konfrontation heraus: \u201eF\u00fcr Russland und die USA geht es um alles.\u201c<br \/>\nNach einer quellenreichen Analyse der Atomwaffenstrategien beider Seiten, wie ich sie seit der Friedensbewegung der 80er Jahre, als das Wissen um NATO Strategien wie \u201eAirland-battle 2000\u201c Allgemeingut war, selten gelesen habe, kommen sie zu dem Schluss: \u201eF\u00fcr Russland und die USA steht auf dem Spiel, was sie als Nationen sind und zu sein beanspruchen. F\u00fcr die eine Seite ihr Status als Gro\u00dfmacht und geachtetes Mitglied der Staatenwelt, f\u00fcr die andere Seite ihre konkurrenzlose St\u00e4rke und uneingeschr\u00e4nkte Weltherrschaft.\u201d<br \/>\nLeider fallen demgegen\u00fcber die Beitr\u00e4ge von Aaron Eckstein\/Ruth Jackson von der Internetzeitung \u201ecommunaut\u201c deutlich ab. Den Mangel an konkreter Analyse wollen sie durch ein \u00dcberma\u00df an \u201eEinsch\u00e4tzungen\u201c des \u201egeopolitischen Kontextes\u201c ausgleichen, dessen Substanzarmut durch den Vergleich mit dem Beitrag der \u201ecritisticuffs\u201c ins Auge f\u00e4llt. Gleiches gilt, wenn Klaus Dallmer unter der neugierig machenden \u00dcberschrift \u201eWas treibt die Linke in die Arme ukrainischer Nationalisten\u201c das Verh\u00e4ltnis Deutschlands zu den USA als \u201eVassallensystem\u201c bezeichnet und beklagt, dass Sahra Wagenknecht und Sevim Da\u011fdelen in der Linkspartei auf w\u00fctende Proteste sto\u00dfen. Da h\u00e4tte man dem Autor doch besser Gelegenheit gegeben, seinen aus dem Oktober 2022 stammenden Beitrag zu \u00fcberarbeiten. Der Beitrag von Rainer Zilkenat zur Ukraine-Politik des Deutschen Reiches ist zwar interessant, man wird freilich den Verdacht nicht ganz los, dass nicht nur eine historische Kontinuit\u00e4t der Kriegsgegner, sondern so etwas wie eine historische Kontinuit\u00e4t des Imperialismus beschworen werden soll. Dabei hat die \u201eEurop\u00e4ischen Friedensordnung\u201c von heute, also der Imperialismus des 21. Jahrhunderts nur noch sehr wenig mit dem Imperialismus am Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun. Konkrete Analysen insoweit fehlen in dem Band freilich, vom Beitrag der Gruppe \u201ecritisticuffs\u201c abgesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schw\u00e4chen des Buches \u00e4ndern aber nichts daran, dass es ein wichtiger und \u00fcberf\u00e4lliger Aufschlag f\u00fcr eine linke antimilitaristische Debatte ist. Denn Zimmerwald erinnert daran, dass der Kampf gegen den Krieg ohne den Kampf gegen den Kapitalismus nicht zu haben ist und damit etwas grundlegend anderes ist, als auf Friedenskundgebungen die regierenden Politiker:innen daran zu erinnern, was ihre \u201ePflicht\u201c ist und diejenigen zu beklatschen, die gerne regieren wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn eine neue Zimmerwalder Linke wohl jenseits jeder Vorstellungskraft und Phantasie liegt, die Vorschl\u00e4ge der Konf\u00f6deration der revolution\u00e4ren Anarchosyndikalisten aus Russland klingen gut:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e1. Nicht mit den W\u00f6lfen heulen, keine Unterst\u00fctzung der Staaten, des Krieges der Nationalismen, jeglicher Einheit der Nation und der Klassenkollaboration.<br \/>\n2. Reale Kriegsgr\u00fcnde erkl\u00e4ren, es ist revolution\u00e4r die Wahrheit zu sagen.<br \/>\n3. Praktische Aktivit\u00e4ten gegen den Krieg entwickeln, wie klein diese auch sein k\u00f6nnen, Propaganda, Sabotage des Krieges und der Armeemobilisierung, praktische Solidarit\u00e4t mit Deserteuren, Kriegsverweigerern usw.<br \/>\n4. Partizipation (mit eigener Position) in den konkreten Klassenkonflikten, sozialen K\u00e4mpfen&#8230;.\u201d.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 208 Seiten sind eng bedruckt, die 15 Euro gut angelegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>38 Delegierte sozialistischer Gruppen und auch einige Anarchisten fuhren am 5. September 1915 in vier Kutschen als Vogelkundler getarnt zur Pension \u201eBeau Sejour\u201c in Zimmerwald im Berner Mittelland. 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