{"id":3195,"date":"2000-03-01T00:00:02","date_gmt":"2000-02-29T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3195"},"modified":"2022-07-26T14:26:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:25","slug":"wir-lehnen-die-beteiligung-an-kriegen-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/03\/wir-lehnen-die-beteiligung-an-kriegen-ab\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir lehnen die Beteiligung an Kriegen ab&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Nach einem f\u00fcnfw\u00f6chigen Bombardement sind wir aus unserem Heimatland geflohen, da wir den schrecklichen Druck nicht mehr aushalten konnten. T\u00f6dlich erschrocken durch die milit\u00e4rischen Autorit\u00e4ten, die \u00fcberall nach neuen Soldaten suchten, realisierten wir, dass dies der einzige Ausweg war. Wir taten dies auf dem einzig m\u00f6glichen Weg &#8211; illegal. Unser Grund f\u00fcr die Verweigerung basierte auf unserem Politikverst\u00e4ndnis, jegliche Art der Beteiligung an diesem Konflikt abzulehnen.<\/p>\n<p>Anfang Mai 1999 hatten wir es geschafft, ein kleines Dorf in der N\u00e4he der bosnischen Grenze zu erreichen, in dem Verwandte von Milan lebten. Sie halfen uns, Menschen zu finden, die Waren \u00fcber den Flu\u00df Drina schmuggelten. Wenige Tage sp\u00e4ter war es uns m\u00f6glich, die Grenze zu \u00fcberqueren. Wir zahlten daf\u00fcr jeweils 150 DM, was zu dieser Zeit als sehr billig gelten kann. Preise f\u00fcr einen illegalen Grenz\u00fcbertritt nach Ungarn beliefen sich auf bis zu 1000 DM.<\/p>\n<p>Wie auch immer, am 4. Mai erreichten wir Bosnien-Herzegovina und reisten weiter nach Sarajevo. Da unsere &#8222;Freunde&#8220; aus Belgrad, die zu dieser Zeit in Sarajevo lebten, sich weigerten, uns zu helfen, klopften wir bei der Nichtregierungs- Organisation &#8222;Frauen f\u00fcr Frauen&#8220; an und beschrieben unsere schwierige Situation. Selma Hadzihalilovic, die Frau, die uns die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte, war in der folgenden Woche unsere Gastgeberin. Wir planten, nach Israel zu gehen, da ein dort lebender Freund uns nach Tel Aviv eingeladen hatte. Ungl\u00fccklicherweise gibt es in Sarajevo keine israelische Botschaft und die n\u00e4chste befindet sich in Budapest. Dorthin mu\u00dften wir fliegen, denn f\u00fcr die Durchreise durch Kroatien h\u00e4tten wir Visa gebraucht. Die Prozedur zur Erlangung der Visa h\u00e4tte einen Monat gedauert.<\/p>\n<p>Mitte Mai erreichten wir Budapest. Die Grenzpolizei am Flughafen behandelte uns wie Verbrecher. Ohne die Bescheinigung, in Israel einreisen zu d\u00fcrfen, mu\u00dften wir eine Nacht auf dem Flughafen bleiben. Nach dreist\u00fcndiger Befragung und Dem\u00fctigung wurden wir endlich in das Land gelassen. Die ersten zwei Wochen waren sehr hart f\u00fcr uns. Wir beantragten Touristenvisa in der israelischen Botschaft und mu\u00dften einen Monat auf diese warten. Fast jede Nacht schliefen wir in einer anderen Wohnung und haben es nur durch die Hilfe unserer Freunde geschafft, in Budapest zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Letztendlich ergriff unser Freund Bojan Aleksov die Initiative und startete das Projekt &#8222;Safe House&#8220; mit der Hilfe von Rudi Friedrich (&#8222;Connection e.V.&#8220;-Netzwerk aus Offenbach). Zwei von uns arbeiteten hier als Koordinatoren. Wir mieteten eine Vierzimmer-Wohnung und machten daraus eine Unterkunft. Unser Job war es, die Wohnung in Ordnung zu halten und die Deserteure und Totalverweigerer, die meist illegal aus Jugoslawien nach Ungarn kamen, zu betreuen. Wir halfen ihnen so gut wir konnten &#8211; bei der Anmeldung, durch die Zurverf\u00fcgungstellung eines Telefons, Ratschl\u00e4ge und moralischen Beistand. Zu dieser Zeit begann unser schriftlicher Kontakt zu Stefan R. aus M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Ende Juli bekamen wir endlich unsere israelischen Visa, die jedoch nur einen Monat g\u00fcltig waren. Mit Hilfe des B\u00fcros des &#8222;American Friends Service Commitee&#8220; in Budapest und Geld, das wir durch unsere Arbeit beim &#8222;Safe House&#8220;-Projekt verdient hatten, kauften wir uns die Tickets, um nach Israel zu reisen. Unsere ungarischen Visa waren kurz vor dem Ablaufen, so mu\u00dften wir das Land also in jedem Fall verlassen. Da wir uns bewu\u00dft waren, in Ungarn keine Chance auf einen legalen Status zu haben, beschlossen wir, es in Israel zu versuchen.<\/p>\n<p>Am 4. Juli kamen wir nach Tel Aviv. W\u00e4hrend der Zeit, die wir dort verbrachten, bekamen wir viel Hilfe von den Nichtregierungs-Organisationen &#8222;Frauen in Schwarz&#8220; (vgl. GWR 238, 239 u.a.) und &#8222;Physitains for Human Rights&#8220; aus Tel Aviv, insbesondere von Edna Yamm, Arabia Monsuri, Micki Fisher und Ramy Adut.<\/p>\n<p>Obwohl interessant und voller M\u00f6glichkleiten, war Tel Aviv keine Stadt f\u00fcr ein leichtes Leben. Wir mu\u00dften arbeiten, obwohl wir wu\u00dften, da\u00df wir ohne Arbeitserlaubnis sofort des Landes verwiesen werden konnten und im Gef\u00e4ngnis gelandet w\u00e4ren. Aviva Lori, Journalist der w\u00f6chentlich erscheinenden &#8222;Haretz&#8220;, schaffte es, Autorit\u00e4ten dazu zu \u00fcberreden, uns eine Aufenthaltserlaubnis f\u00fcr weitere zwei Monate zu geben, aber ohne Arbeitserlaubnis und langfristige Sicherheit war es uns unm\u00f6glich, dort zu bleiben.<\/p>\n<p>Wir kehrten Mitte August nach Budapest zur\u00fcck. Zum Ende dieses Monats erreichten uns erste Nachrichten aus M\u00fcnster. Mitte September bekamen wir eine Best\u00e4tigung der Aufenthaltserlaubnis in Deutschland und beantragten deutsche Visa, nachdem wir tagelang vor der deutschen Botschaft in Budapest warten mu\u00dften.<\/p>\n<p>Ist es schwer zu erraten, wie jugoslawische B\u00fcrger dort behandelt werden? Nichtsdestotrotz, einen Monat sp\u00e4ter bekamen wir die deutschen Visa und begaben uns wieder auf die Reise.<\/p>\n<p>Am 13. November erreichten wir M\u00fcnster und wurden herzlich willkommen gehei\u00dfen. Anna L. und das VIS (Verfahrensinformationsstelle f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge)-Team halfen uns, mit der Verwaltung zu verhandeln, einen legalen Status zu bekommen und uns hier einzurichten. Immer noch ist dies keine endg\u00fcltige L\u00f6sung, aber nach einer siebenmonatigen Odyssee auf der Suche nach einem Bleibeort ist es eine sehr erleichternde Situation.<\/p>\n<p>Zur\u00fcckschauend auf die letzten Monate k\u00f6nnen wir sagen, da\u00df wir zu den Gl\u00fccklicheren geh\u00f6ren. Tausende sind noch in Ungarn, leben dort unter extrem schwierigen Bedingungen und k\u00e4mpfen f\u00fcr einen Ausweg. Die Camps in Debrecin und Bekescaba sind schreckliche Orte und die ungarischen Autorit\u00e4ten machen nichts, um die Lebenssituation zu verbessern. Diese Leute, wie auch viele andere in Budapest, brauchen dringend Hilfe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem f\u00fcnfw\u00f6chigen Bombardement sind wir aus unserem Heimatland geflohen, da wir den schrecklichen Druck nicht mehr aushalten konnten. 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