{"id":32091,"date":"2024-12-19T17:30:44","date_gmt":"2024-12-19T15:30:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/12\/pinar-selek-jenseits-der-repression\/"},"modified":"2025-02-27T00:41:14","modified_gmt":"2025-02-26T22:41:14","slug":"pinar-selek-jenseits-der-repression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/12\/pinar-selek-jenseits-der-repression\/","title":{"rendered":"P\u0131nar Selek: Jenseits der Repression"},"content":{"rendered":"<p>Bei dem im Dezember 2024 erfolgten Sturz der brutalen Diktatur des Assad-Familienclans in Syrien hat sich eine von Islamist*innen dominierte Koalition in Szene gesetzt, der auch die fr\u00fchere Freie Syrische Armee angeh\u00f6rt, welche massiv von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt wird. Es besteht die Gefahr, dass die T\u00fcrkei via ihrer Geld- und Waffenlieferungen f\u00fcr diese islamistisch dominierte Koalition ihren imperialistischen Einfluss auf Syrien ausweitet \u2013 u.\u2009a. auf Kosten der dortigen kurdischen Bev\u00f6lkerungsgruppe, die bereits bei der Einnahme von Aleppo in gro\u00dfer Zahl nach Osten, in die \u00fcberwiegend von Kurd*innen bewohnten Gebiete, fliehen musste.<br \/>\nDie seit 2009 im franz\u00f6sischen Exil lebende antimilitaristische Anarchafeministin und Wissenschaftlerin P\u0131nar Selek hat ihre wissenschaftliche Forschung f\u00fcr ihr Diplom in Soziologie an den Unis von Ankara und Istanbul in den 1990er-Jahren auf eine Reihe von Interviews mit kurdischen Oppositionellen gest\u00fctzt. Im Juni 1998 wurde sie von der t\u00fcrkischen Polizei in Istanbul verhaftet und gefoltert, als sie die Namen der von ihr f\u00fcr ihre wissenschaftliche Arbeit Interviewten nicht preisgab. Ihre Protokolle, Notizhefte und wissenschaftlichen Aufzeichnungen fielen dennoch in die H\u00e4nde der t\u00fcrkischen Polizei und ihrer Folterer. Seit 1998 wird P\u0131nar Selek vom t\u00fcrkischen Milit\u00e4rregime zus\u00e4tzlich wegen falscher Anklage eines angeblichen Bombenattentats in Istanbul, das sie nie begangen hat, oder ihrer angeblichen PKK-Mitgliedschaft juristisch verfolgt. Diese nahezu lebenslange Repression durch die t\u00fcrkische Autokratie setzt sich aktuell durch eine Anh\u00f6rung am 7. Februar 2025 in Istanbul fort, zu der eine Internationale Delegation der Solidarit\u00e4tsgruppen aus Europa anreisen wird, um die Abwesenheit bei der Anh\u00f6rung und den Verbleib von P\u0131nar Selek im franz\u00f6sischen Exil \u00f6ffentlich zu verteidigen. ((1))<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong> Ich will von meinem Versuch sprechen, mich von einem Regime zu emanzipieren, das alles tut, um die akademische Freiheit einzuschr\u00e4nken, aber auch, um die Forschung und die Forscherin zu zerquetschen und zu zerst\u00f6ren.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Den folgenden Vortrag hat P\u0131nar Selek in der letzten Novemberwoche 2024 an der Universit\u00e9 Paris Cit\u00e9 gehalten. Er befasst sich mit ihrer pers\u00f6nlichen Traumaaufarbeitung, die die Verfolgung durch die t\u00fcrkische Justiz seit nunmehr 26 Jahren verursacht hat, auch wenn sie am 7. Februar 2025 noch weiter im sicheren franz\u00f6sischen Exil verbleiben kann. (GWR-Red.)<br \/>\nEs gibt tausend Arten der Unterdr\u00fcckung. Es gibt tausend Arten, sie zu verletzen, die akademische Freiheit. Und tausend Arten, Widerstand zu leisten, sich zu emanzipieren und die eigene pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t wiederherzustellen. Ich spreche von Wiedergutmachung und Bew\u00e4ltigung, denn jede Forscherin, die daran gehindert wird, ihren reflexiven Ansatz zu einem Thema zu teilen; jeder Forscher, der daran gehindert wird, seine Fragen und Problemstellungen mitzuteilen und Forschung zu betreiben, ist Opfer von Gewalt.<br \/>\nSobald wir eine Fragestellung erarbeiten, geb\u00e4ren wir neues Wissen. Ein Wissen, das in Bewegung ist, sowohl in uns als auch au\u00dferhalb von uns. Sobald es erschaffen wurde, muss es frei flie\u00dfen, wie ein Fluss. Wenn sein Fluss behindert wird, leidet es: Die Bedeutungsgehalte der Fragezeichen, die ungel\u00f6sten Fragen werden sch\u00e4rfer und verwandeln sich in Klingen, die schmerzen. Wenn dieses Wissen jedoch seinen Weg findet, wenn es ihm gelingt, zu flie\u00dfen, dann gewinnt es an Autonomie. Diese Entwicklung vollzieht sich durch die Materialien, die wir durch unsere Arbeit in der Feldforschung formen. Indem wir arbeiten, gestalten wir ein Wissen mit einer eigenen Struktur und einem eigenen Bedeutungsgehalt. Dieses Wissen nennt man Forschungsergebnis. Und was passiert, wenn dieses Ergebnis entf\u00fchrt wird? Was ist, wenn es seit \u00fcber 26 Jahren kein Lebenszeichen von ihm gibt?<\/p>\n<p><strong>Gewalterfahrung und Rekonstruktion einer Forschung<\/strong><\/p>\n<p>Heute will ich, um Ihnen eine mich selbst in der Opferrolle festbindende Erz\u00e4hlung zu ersparen, \u00fcber meinen eigenen Versuch sprechen, diese Unterdr\u00fcckung zu transzendieren. Ich will von meinem Versuch sprechen, mich von einem Regime zu emanzipieren, das alles tut, um die akademische Freiheit einzuschr\u00e4nken, aber auch, um die Forschung und die Forscherin zu zerquetschen und zu zerst\u00f6ren. Ist das m\u00f6glich, wenn die Erinnerung an die extreme Gewalt, die ich erlitten habe, jeden Tag so pr\u00e4sent ist? Wenn ich permanent verfolgt werde? St\u00e4ndig mit dem Tod bedroht werde? Wenn meine Familie ebenfalls bedroht wird? Der Sinn meines Vortrags liegt auch nicht darin, wie es mir gelingt, gegen alle gegenw\u00e4rtigen Repressionen eine Strategie des Aushaltens zu leben, wenn ich meine wissenschaftlichen Aktivit\u00e4ten fortsetze, ohne auf die damit verbundenen Themenstellungen zu verzichten.<br \/>\nIch erz\u00e4hle Ihnen von meinem Versuch, meine vom Regime beschlagnahmte Forschung zu retten. Ich mache mir und Ihnen klar, wie ich die verschwundenen Seiten meiner Forschungsarbeit ge\u00f6ffnet habe. Ohne sie wiedergefunden zu haben. Ich habe sie nie wiedergefunden. Ich erz\u00e4hle von meiner soziologischen Forschung \u00fcber die kurdische Bewegung. Meine entf\u00fchrte, enteignete und verschwundene Forschung. Meine verletzte Forschung in mir. Und es ist ungef\u00e4hr ein Jahr her, dass mir die tragischere Seite dieser Geschichte bewusst wurde: ihre Ausl\u00f6schung in meinem Gehirn. Wie kann eine Arbeit, die ich mit gro\u00dfer Neugier begonnen und drei Jahre lang bis zur letzten Minute mit Enthusiasmus durchgef\u00fchrt habe, einfach so liegen bleiben?<br \/>\nWas seltsam ist: Ich hatte nicht die Vorstellung, dass diese Arbeit unvollendet war. Ich habe nie dar\u00fcber nachgedacht, warum ich sie nicht wieder aufgenommen habe.<br \/>\nVor weniger als einem Jahr stellte ich mich erneut vor den Brunnen meiner Forschungsarbeit f\u00fcr ein Diplom in Soziologie. Ich blickte in ein schwarzes Loch und begann, nur ein paar konfiszierte Materialien aus meiner Forschung nach oben zu ziehen&#8230; Ich habe nichts anderes. Weder die Interviews mit kurdischen Aktivist*innen noch die Notizen, ebenso nicht meine Notizb\u00fccher&#8230;<br \/>\nIch wusste genau, dass es allein aus meiner Erinnerung heraus unm\u00f6glich war, eine dreij\u00e4hrige Arbeit zu rekonstruieren.<\/p>\n<p><strong>Selbstbefragung nach einer Verinnerlichung des Verbots<\/strong><\/p>\n<p>Aber ich musste zuerst verstehen, was mit mir selbst und meinen Interviewpartner*innen geschehen war. Also griff ich zur Feder. Etwa mit folgender Ausgangsfrage:<br \/>\n\u201eIst das eine Verinnerlichung des Verbots meiner Materialien? Habe ich das Verbot zu einem Teil von mir selbst gemacht? Ist das ein Zustand, gegen den ich keinen Widerstand leiste? Wenn dem so w\u00e4re, wie erkl\u00e4rt sich dann die Tatsache, dass ich mich oft im \u00f6ffentlichen Raum zu diesem Thema \u00e4u\u00dfere? Es ist also keine Angst! Was ist es dann? Ist es M\u00fcdigkeit? Das ist unwahrscheinlich. Vielleicht gab es eine Blockade in mir: Meine Forschung war ein lebender Organismus. Sie wurde geboren und wuchs weiter. Sie wurde nur entfernt, aber nicht abgetrieben. Die Geburt ist nicht die Ver\u00f6ffentlichung. Diese Materialien sind verletzt, aber immer noch am Leben, in Transformation, in Schwingung. Um sie wiederherzustellen, schreibe ich.\u201c<br \/>\nWie Sie aus diesen Worten heraush\u00f6ren werden, war ich zutiefst erstaunt. Es war mein tiefes Erstaunen, das mir die Kraft zum Schreiben gab. Ich schrieb, um etwas herauszufinden und um die Verwirrung loszuwerden. Als mir vorgeschlagen wurde, hier an der Universit\u00e4t davon zu sprechen, war ich mitten in dieser umwerfenden, ersch\u00fctternden Erfahrung. Es war intensiv, aber auch \u00fcberraschend. Ich hatte gerade \u00fcber das unvollendete Werk von Germaine Tillion ((2)) gelesen. F\u00fcr den Titel meines heutigen Vortrags schlug ich den Begriff \u201eTraumabew\u00e4ltigung\u201c vor. Es ging darum, meine Forschung zu retten, sie wortw\u00f6rtlich zu bew\u00e4ltigen und mich selbst wiederherzustellen. Es ist eine sozialanthropologische Bew\u00e4ltigung, aber auch eine psychologische.<br \/>\nAber je weiter ich kam, desto schwieriger wurde es. Mein t\u00e4gliches Leben ist gest\u00f6rt. Ich verstehe, wie im Prozess der Zerst\u00f6rung meiner Forschung meine Erinnerungen an diese Materialien nicht nur zu meinem Forschungsfeld geh\u00f6ren, sondern auch zu einem anderen Kontext. Sie wurden nicht nur beschlagnahmt, sondern w\u00e4hrend meiner Folter gelesen und wiederholt. Da mir die Augen verbunden waren, konnte ich die M\u00fcnder, die sie vorlasen, nicht sehen.<br \/>\nWenn ich aus dem Schacht meines Ged\u00e4chtnisses ein solches Material herausziehe, rieche ich den Geruch ihrer Zigaretten und sp\u00fcre einen enormen Schmerz. Und ich verstehe, wie diese Materialien mein Inneres w\u00e4hrend der Folter gepr\u00e4gt haben. Da ich mehrere N\u00e4chte und Tage damit experimentiert habe, sie vor der Polizei zu verstecken, haben sie sich in mir eingepr\u00e4gt. Heute sind sie ein Teil von mir. Die Folter, anstatt sie auszuwerfen, hatte einen gegenteiligen Effekt und sorgte daf\u00fcr, dass sich die Erinnerung an meine Studien in mir einpr\u00e4gte.<\/p>\n<p><strong>Keine Bew\u00e4ltigung ohne Gerechtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Dabei sch\u00e4mte ich mich vor meinen Interviewpartner*innen, die mir immer f\u00fcr meinen Widerstand und meine Aufmerksamkeit beim Aufschreiben ihrer Erinnerungen gedankt hatten. Ich hatte also meine Interviewpartner*innen durch meine Aussageverweigerung gegen\u00fcber den Folterern gesch\u00fctzt. Aber eben nicht meine Materialien selbst, die mir mit gro\u00dfer Diskretion anvertraut worden waren. Es war mir, als ob ich sie mit den H\u00e4nden der Folterer beschmutzt h\u00e4tte.<br \/>\nSeit zwei Monaten schlafe ich weniger als vier Stunden. Es handelt sich nicht um Schlaflosigkeit. Aber dieser Brunnen hat mich immer mehr in Beschlag genommen und ich kann die Feder nicht mehr weglegen. Mein Versuch ist noch nicht abgeschlossen. Im Moment habe ich zu gro\u00dfe Schmerzen. Und es ist schwer, dar\u00fcber zu sprechen, wenn ich gerade dabei bin, Dinge zu sp\u00fcren, die zerbrechen, die enorm bluten, die in meinem Inneren schreien.<br \/>\nDa ich nicht nachgeben will, beginne ich allm\u00e4hlich, das Ruder in den Sozialwissenschaften herumzurei\u00dfen. Ich zwinge mich, die Reflexion voranzutreiben, um die verletzte Forschung in mir zu objektivieren, anstatt sie zu erleiden. Ich gehe sie als einen Prozess an, der zu meinem Forschungsobjekt geworden ist. Beim Schreiben verwandelt er sich in eine Erz\u00e4hlung. Unsere Erz\u00e4hlung? \u00dcber mich, meine Forschung und meine Inter-viewpartner*innen.<br \/>\nBald werde ich meine Feder niederlegen. Und Sie werden sehen, dass das Buch, das voraussichtlich im Herbst des Jahres 2025 dabei herauskommen wird, in erster Linie meinen Interviewpartner*innen Gerechtigkeit widerfahren lassen will.<br \/>\nOhne Gerechtigkeit gibt es keine Bew\u00e4ltigung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dem im Dezember 2024 erfolgten Sturz der brutalen Diktatur des Assad-Familienclans in Syrien hat sich eine von Islamist*innen dominierte Koalition in Szene gesetzt, der auch die fr\u00fchere Freie Syrische Armee angeh\u00f6rt, welche massiv von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt wird. 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