{"id":32100,"date":"2024-12-19T17:30:46","date_gmt":"2024-12-19T15:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/12\/hoffnung-in-hoffnungslosen-zeiten\/"},"modified":"2025-01-22T01:39:53","modified_gmt":"2025-01-21T23:39:53","slug":"hoffnung-in-hoffnungslosen-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/12\/hoffnung-in-hoffnungslosen-zeiten\/","title":{"rendered":"Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): John, k\u00f6nntest du kurz erkl\u00e4ren, worum es in deinem neuen Buch geht und warum es dir wichtig war, es im CIDECI in San Crist\u00f3bal de las Casas vorzustellen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway:<\/strong> Das Buch ist das dritte in einer Reihe, die versucht, \u00fcber die Bedeutung von Revolution heute nachzudenken \u2013 und dar\u00fcber, ob es \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich ist, von Revolution zu sprechen. Das erste Buch, \u201eDie Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen\u201c, erschien 2002 und argumentierte, dass der zentrale Grund f\u00fcr das Scheitern der Revolutionen des 20. Jahrhunderts darin lag, dass sie sich auf den Staat und die Macht\u00fcbernahme konzentrierten. Es ist dringender denn je, den Kapitalismus zu brechen, aber das kann nicht \u00fcber den Staat geschehen. Die offensichtliche Frage ist dann: \u201eJa, aber wie?\u201c<br \/>\nIm zweiten Buch, \u201eKapitalismus aufbrechen\u201c, schlug ich vor, Revolution durch die Schaffung von Rissen in der kapitalistischen Herrschaft zu denken \u2013 durch das Erkennen, Schaffen, Erweitern, Multiplizieren und Zusammenf\u00fchren von Rissen. Diese Risse sind R\u00e4ume oder Momente, in denen wir Nein zur Logik des Geldes sagen und gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse auf einer anderen Grundlage schaffen. Solche Risse gibt es \u00fcberall \u2013 gro\u00dfe (wie die Zapatistas oder Rojava) und kleine (alle Arten von Widerst\u00e4nden, Kooperationsprojekten und Versuchen, andere Lebensweisen zu schaffen). Diese Risse sind immer widerspr\u00fcchlich, weil wir in einer Welt leben, die vom Kapital geformt ist. Aber sie sind allesamt Vorst\u00f6\u00dfe in Richtung einer anderen Welt \u2013 sie sind Widerst\u00e4nde und Rebellionen.<br \/>\nDieses dritte Buch, \u201eHoffnung in hoffnungslosen Zeiten\u201c, ist die \u201eEnkelin\u201c von \u201eVer\u00e4ndern\u201c und die \u201eTochter\u201c des \u201eRisses\u201c. Es entstand in einem d\u00fcstereren Kontext, in dem revolution\u00e4re Hoffnung schwieriger geworden ist. Die \u201eHoffnung\u201c schl\u00e4gt einen etwas anderen Weg ein. Statt sich nur auf unsere K\u00e4mpfe zu konzentrieren, fragt sie, ob es m\u00f6glich ist, in unseren K\u00e4mpfen eine wachsende Schw\u00e4che oder Fragilit\u00e4t des Kapitals zu erkennen.<br \/>\nGeld ist der Feind der Hoffnung, Geld ist der Feind des Lebens selbst. Hoffnung zeigt, dass unsere Widerst\u00e4nde-und-Rebellionen \u2013 auch wenn es nicht so scheint \u2013 das Geld in eine zunehmend fiktive Existenz dr\u00e4ngen, n\u00e4mlich durch die Ausweitung der Verschuldung. Wir haben das Kapital in eine Situation gro\u00dfer Fragilit\u00e4t gebracht, was sowohl be\u00e4ngstigend als auch hoffnungsvoll f\u00fcr uns ist.<br \/>\nWarum war die Pr\u00e4sentation im CIDECI so wichtig f\u00fcr mich? Weil das CIDECI eng mit den Zapatistas und anderen wichtigen K\u00e4mpfen verbunden ist.<\/p>\n<p><strong>GWR: In deinem Vortrag im CIDECI und in deinem Buch beziehst du dich auf europ\u00e4ische Philosophen wie Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung) und die Frankfurter Schule. Siehst du Herausforderungen oder St\u00e4rken darin, diese europ\u00e4ischen Ontologie auf den globalen S\u00fcden anzuwenden, insbesondere im Kontext des zapatistischen Aufstands?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway:<\/strong> Ich glaube nicht, dass wir die Welt in Form von territorialen Abgrenzungen betrachten sollten. Die kapitalistische Welt ist eine Welt des Klassenkampfes, eine Welt, in der die Herrschaft des Geldes, die Herrschaft des Kapitals uns t\u00e4glich angreift und uns in den Untergang zu treiben droht. Die Zukunft der Menschheit h\u00e4ngt davon ab, ob wir in der Lage sind, die Organisation der Gesellschaft auf der Grundlage des Warentausches zu brechen und etwas anderes zu schaffen. Es ist ein globaler Kampf, wie die Zapatistas immer wieder betont haben. Menschen wie Ernst Bloch waren in diesem Kampf wichtige Inspirationen.<\/p>\n<p><strong>Wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du dich entschieden gegen Identit\u00e4tspolitik ausgesprochen und pl\u00e4dierst stattdessen f\u00fcr eine Politik, die das Geld und die Tauschlogik des Kapitalismus infrage stellt. Ist das korrekt? Und wie verh\u00e4lt sich das zu indigenen Identit\u00e4ten sowie dem Wissen und den Praktiken der Maya, die im Zentrum der zapatistischen Bewegung stehen und vielen in den letzten Jahren Hoffnung gegeben haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway:<\/strong> Identit\u00e4t schlie\u00dft uns ein, definiert uns. Wir sind Indigene, Deutsche, Frauen, Trans, Anarchist*innen oder was auch immer. Jede Identit\u00e4tserkl\u00e4rung setzt ein Etikett auf uns \u2013 oder auf andere. Wir sperren uns in ein Bild ein. Widerstand-Rebellion-Revolution \u00fcberschreitet und durchbricht Labels und dr\u00e4ngt in-gegen-und-jenseits des Identit\u00e4ren. Die Zapatistas waren von Anfang an sehr anti-identit\u00e4r. Sie sagen: \u201eWir sind Indigene, stolz auf unser Erbe, und mehr als das: Unser Kampf gilt der gesamten Menschheit. Unser Kampf ist f\u00fcr das Leben gegen das Geld, das hei\u00dft, f\u00fcr das Leben gegen den Tod.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es ist dringender denn je, den Kapitalismus zu brechen, aber das kann nicht \u00fcber den Staat geschehen. Die offensichtliche Frage ist dann: \u201eJa, aber wie?\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Jede Politik, die innerhalb einer Identit\u00e4t verbleibt, ohne \u00fcberzuflie\u00dfen ((2)), tr\u00e4gt zur Reproduktion kapitalistischer Unterdr\u00fcckung bei. Der Aufstieg der Rechten ist nichts anderes als die Identifikation mit Wut, das Etikettieren von \u201eanderen\u201c als Feinde.<\/p>\n<p><strong>Wie h\u00e4ngt der Kampf gegen den Kapitalismus mit dem Kampf f\u00fcr etwas Neues zusammen? Oft scheint der Fokus auf dem Widerstand gegen etwas zu liegen, anstatt f\u00fcr etwas zu k\u00e4mpfen. Welche Rolle spielt eine positive Vision oder Utopie in deinem Buch und f\u00fcr dich pers\u00f6nlich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway<\/strong>: Der Kapitalismus ist eine spezifische Form sozialer Koh\u00e4sion, die Menschen im Wesentlichen durch den Austausch von Waren und Geld zusammenbringt. Er bringt die Menschen auf eine Art und Weise zusammen, die uns buchst\u00e4blich zerst\u00f6rt. Den Kapitalismus zu \u00fcberwinden bedeutet zwangsl\u00e4ufig, andere Formen des sozialen Miteinanders und andere Formen der Verbindung menschlicher Aktivit\u00e4ten zu entwickeln. W\u00e4hrend der Kapitalismus eine totalisierende Gesellschaft ist, die alle Aktivit\u00e4ten einer einzigen Logik unterwirft (der Logik von Arbeit-Geld-Profit-Kapital), wollen wir eine Welt schaffen, die nicht auf die gleiche Weise totalisiert, die keine einheitliche Logik aufzwingt, sondern Selbstbestimmung auf vielen Ebenen erlaubt. Eine Welt vieler Welten, wie die Zapatistas sagen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr viele sind Hoffnung und Utopie Begriffe, die mit der Zukunft verbunden sind. Wie beziehen sie sich auf die Vergangenheit, und warum ist diese Verbindung wichtig?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway<\/strong>: Hoffnung ist eine Bewegung in-gegen-und-jenseits-von. Wir bewegen uns vom Dasein in der Welt zum Dr\u00e4ngen gegen-und-jenseits-von. Das ist Geschichte, das ist Klassenkampf, das ist, woher wir kommen, und wohin wir gehen. Das ist unser kreativer Reichtum. Utopie ist kein fester Ort, den wir erreichen k\u00f6nnen; sie ist ein \u00dcberflie\u00dfen, ein Dr\u00e4ngen in-gegen-und-jenseits-von. Das Kapital versucht, uns einzuschr\u00e4nken \u2013 durch die Gewalt des Geldes, der physischen Gewalt, der Bildung \u2013, aber wir dr\u00e4ngen weiter, \u00fcberflie\u00dfen Grenzen.<\/p>\n<p><strong>Als jemand, der in der Klima-\u2028gerechtigkeitsbewegung aktiv ist, scheint mir im Moment etwas zu fehlen. Vor f\u00fcnf Jahren f\u00fchlte ich mich anders. Ich finde mich zunehmend bei Konzepten wie sozialer Revolution und dem zapatistischen Spruch \u201eWir m\u00fcssen langsam gehen, denn wir haben einen weiten Weg vor uns\u201c wieder. Doch im Kampf gegen die Klimakrise haben wir nicht viel Zeit. Wie, denkst du, beeinflusst die Hoffnung unsere Theorien des Wandels?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway<\/strong>: Vielleicht fehlt ein \u00dcberflie\u00dfen, ein weiterf\u00fchrendes Dr\u00e4ngen. \u201eKlimagerechtigkeitsbewegung\u201c ist ein schrecklicher Name, oder? Es geht nicht um Gerechtigkeit, und es geht nicht nur um fossile Brennstoffe. Es geht darum, eine Form der gesellschaftlichen Organisation zu brechen, die die Umweltgrundlagen der menschlichen Existenz zerst\u00f6rt. Nat\u00fcrlich geht es um soziale Revolution. Das Problem ist, dass \u201esoziale Revolution\u201c allein zu abstrakt klingt. Alle K\u00e4mpfe sind konkrete K\u00e4mpfe, K\u00e4mpfe um konkrete Themen \u2013 und das muss so sein. Aber wir brauchen die F\u00e4higkeit, dar\u00fcber hinauszugehen. Wir m\u00fcssen sagen: \u201eWir m\u00fcssen den Tagebau bei L\u00fctzerath stoppen (zum Beispiel), aber wir m\u00fcssen weitergehen. Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, fossile Brennstoffe zu nutzen, aber wir m\u00fcssen weitergehen. Wir m\u00fcssen eine Entwicklung stoppen, die auf der Jagd nach Profit basiert. Wir m\u00fcssen den Kapitalismus brechen und andere Beziehungsweisen schaffen.\u201c<br \/>\nIch denke an eine \u201eP.S.-Politik\u201c. Wir m\u00fcssen die lokale Biodiversit\u00e4t sch\u00fctzen, das Aussterben so vieler Lebensformen verhindern \u2013 und P.S.: Das bedeutet, dass wir die Beziehung zwischen Menschen und anderen Lebensformen \u00e4ndern m\u00fcssen \u2013 und P.S.: Das bedeutet, dass wir die Organisation der menschlichen Gesellschaft \u00e4ndern m\u00fcssen \u2013 und P.\u2009S.: Das bedeutet, dass wir den Kapitalismus abschaffen und eine kommunisierende Gesellschaft schaffen m\u00fcssen. Dieses \u201eP.S.\u201c ist ein \u201eUnd au\u00dferdem\u201c, ein \u00dcberflie\u00dfen. Wie viele Menschen, die den ersten Teil des Satzes akzeptieren (\u201eWir m\u00fcssen die lokale Biodiversit\u00e4t sch\u00fctzen\u201c), werden mit dem letzten Teil \u00fcbereinstimmen (\u201eWir m\u00fcssen den Kapitalismus abschaffen und eine kommunisierende Gesellschaft schaffen\u201c)? Wir wissen es nicht: vielleicht sehr wenige, vielleicht sehr viele. Es ist ein \u00dcberflie\u00dfen, das wir artikulieren m\u00fcssen \u2013 nicht, indem wir mit der Schlussfolgerung beginnen (\u201eWir brauchen eine soziale Revolution\u201c), und nicht, indem wir diejenigen, die am Anfang stehen (\u201eBiodiversit\u00e4t sch\u00fctzen\u201c), als Reformist:innen abtun.<br \/>\nZur Spannung zwischen dem zapatistischen \u201eWir gehen langsam, denn wir haben einen weiten Weg vor uns\u201c und der Dringlichkeit, den Kapitalismus zu zerst\u00f6ren, bevor er uns zerst\u00f6rt, wei\u00df ich keine Antwort. Es ist eine schwierige Frage. Im Englischen gibt es das Sprichwort: \u201eMore haste, less speed\u201c (Eile mit Weile). Vielleicht ist das die Antwort.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6chtest du noch etwas hinzuf\u00fcgen? Und wird das Buch auch auf Deutsch erscheinen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>John Holloway:<\/strong> Ja, das Buch wird 2025 im Mandelbaum Verlag in Wien ver\u00f6ffentlicht. Es wird bereits von meinem Freund Lars Stubbe \u00fcbersetzt, sodass es bestimmt besser wird als das englische Original.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr das Interview und auch f\u00fcr die Hilfe bei der \u00dcbersetzung an Lars.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): John, k\u00f6nntest du kurz erkl\u00e4ren, worum es in deinem neuen Buch geht und warum es dir wichtig war, es im CIDECI in San Crist\u00f3bal de las Casas vorzustellen? 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