{"id":3219,"date":"2000-03-01T00:00:28","date_gmt":"2000-02-29T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3219"},"modified":"2022-07-26T14:16:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:59","slug":"42-tage-gelebte-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/03\/42-tage-gelebte-anarchie\/","title":{"rendered":"42 Tage gelebte Anarchie"},"content":{"rendered":"<p>Eine Ratssitzung kann schon sehr erheiternd sein, vor allem dann, wenn es wie am 9. Februar in M\u00fcnster, um die Zukunft eines besetzten Geb\u00e4udes geht. &#8222;Wo kommen wir denn da hin, wenn sich jeder nimmt, was er braucht?&#8220; gab die FDP-Fraktion zu bedenken und appellierte an die im Gleichtakt nickenden Ratsmitglieder: &#8222;Dieser neue Stil von Politik mu\u00df verhindert werden!&#8220;. Die CDU kam \u00e4hnlich weise daher und stellte fest: &#8222;M\u00fcnster ist nicht Prenzlauer Berg&#8220;. Ein jungdynamischer Karrierist aus den Reihen der SPD meinte gar zu wissen: &#8222;Die Zeiten des H\u00e4userkampfes sind vorbei!&#8220;. Angesichts des Tenors, die Besetzung ausschlie\u00dflich als Rechtsbruch zu behandeln, lie\u00df es sich der einzige Abgeordnete f\u00fcr die PDS nicht nehmen, Bert Brecht mit den Worten: &#8222;Was ist das Ausrauben einer Bank im Verh\u00e4ltnis zu ihrer Gr\u00fcndung&#8220;, zu zitieren, was mi\u00dfbilligendes Raunen und Schnaufen im Festsaal hervorrief. Das &#8222;politische Engagement der jungen Menschen&#8220; w\u00fcrdigend sahen die Gr\u00fcnen in dem &#8222;sozialen Experiment &#8218;autonomes Zentrum&#8216; &#8220; eine &#8222;Chance f\u00fcr den Abbau von Politikverdrossenheit&#8220; und \u00e4u\u00dferten die &#8222;Bef\u00fcrchtung vor dem Verlust von Wahlbeteiligung im Hinblick auf die Landtagswahlen&#8220;. Das belustigende und doch so bittere Kasperle-Theater m\u00fcndete jedenfalls erwartungsgem\u00e4\u00df in dem Beschlu\u00df, einen &#8222;z\u00fcgigen R\u00fcckbau&#8220; des Geb\u00e4udes, inklusive aller daf\u00fcr erforderlichen Ma\u00dfnahmen, vorzunehmen. Der Antrag der Gr\u00fcnen &#8222;bis zur Realisierung des Neuordnungskonzeptes das Geb\u00e4ude der Uppenbergschule bestehen zu lassen, um es f\u00fcr soziale und kulturelle Zwecke \u00fcbergangsweise zur Verf\u00fcgung stellen zu k\u00f6nnen&#8220;, wurde mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit abgelehnt.<\/p>\n<p>Der Rat offenbarte mit dieser Sitzung sehr anschaulich seine pseudodemokratische Funktion des Absegnens von Entscheidungen, die lange vorher und an anderen Orten getroffen werden. Weder die Demonstration noch die an den Oberb\u00fcrgermeister h\u00f6chst pers\u00f6nlich \u00fcberreichten 1264 Unterschriften f\u00fcr den Erhalt der Uppenbergschule als selbstverwaltetes Zentrum und auch nicht die Verhandlungsbem\u00fchungen seitens der BesetzerInnen konnten an der politischen Entscheidung, den Freiraum zu zerst\u00f6ren, etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Am 10. 02. 2000 um 6.00 Uhr morgens, also keine 12 Stunden nach dem Ratsbeschlu\u00df, wurden die BesetzerInnen von \u00fcber 200 Polizisten in voller Montur gezwungen, die besetzte Uppenbergschule zu verlassen. Gefangenentransporter und Bauarbeiter eines Abri\u00dfunternehmens standen planm\u00e4\u00dfig bereit und warteten auf ihren Einsatz. Im Anschlu\u00df an die R\u00e4umung demonstrierten spontan 100 w\u00fctende und traurige Menschen und legten f\u00fcr ca. eine Stunde den Berufsverkehr lahm. Als die Demo wieder am Haus ankam, war mit dem Abri\u00df bereits begonnen worden.<\/p>\n<p>Die Idee der Besetzung war mit der Tatsache gereift, da\u00df in M\u00fcnster ein Raum fehlt, in dem sich Menschen fernab des Konsum- und Verwertungswahns treffen und ihre Tr\u00e4ume und Utopien leben k\u00f6nnen. Es gibt viele linke und linksradikale Gruppen und Initiativen in M\u00fcnster, die wohl am Rande voneinander wissen, sich untereinander und die jeweiligen Schwerpunktthemen aber kaum kennen. Es sollte ein selbstverwaltetes Zentrum entstehen, in dem die M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Austausch und die Vernetzung der jeweiligen Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe besteht. Die Idee war auch, Menschen mit dem Zentrum anzusprechen, die zwar in keiner Gruppe aktiv, aber politisch interessiert und engagiert sind. Oft ist es schwer, in die bestehenden Strukturen reinzukommen, vor allem, wenn mensch neu ist, sich nicht traut, Leute anzusprechen oder einfach nicht wei\u00df, an wen mensch sich wenden kann. Es gab jedenfalls und es gibt immer wieder viele gute Gr\u00fcnde, f\u00fcr Freir\u00e4ume zu k\u00e4mpfen. Anfang 1999 bildete sich eine Initiative f\u00fcr ein Libert\u00e4r Unabh\u00e4ngiges Zentrum (LUZI), die sich \u00fcber mehrere Monate traf, Ideen sammelte und konkretisierte. Gegen Jahresende waren einige Leute auf die ehemalige und leerstehende Uppenbergschule aufmerksam geworden. Das sch\u00f6ne 128 Jahre alte Geb\u00e4ude sollte nach den Pl\u00e4nen der Stadt und im Einverst\u00e4ndnis aller Ratsfraktionen inklusive Gr\u00fcne abgerissen werden und einem Parkhaus oder einem modernen Luxuswohnkomplex weichen. Konkrete Bebauungspl\u00e4ne gab es jedoch bisher nicht. Es zu besetzen hie\u00df, sich gegen die profitorientierte Umstrukturierungspolitik der Stadt zu wehren und diesen, mit vielen AnwohnerInnen geteilten Widerstand mit der Idee f\u00fcr ein Zentrum zu verbinden.<\/p>\n<p>So kam es, da\u00df im Anschlu\u00df an die allj\u00e4hrliche Knastkundgebung in der Silvesternacht einige Dutzend Menschen unbemerkt in die Uppenbergschule zogen und ein Transparent mit der Aufschrift &#8222;Besetzt!&#8220; aus dem Fenster hingen. Die unspektakul\u00e4re Aktion, der nur eine kurzfristige Planung voraus gegangen war, wurde erst eineinhalb Tage sp\u00e4ter von der Polizei bemerkt. Nach einer Woche Leben in akuter R\u00e4umungsgefahr teilten Vertreterinnen der Stadtverwaltung den \u00fcberraschten BesetzerInnen mit, da\u00df sie bis zur Ratssitzung am 9.Februar geduldet seien und garantierten ihnen Straffreiheit. Damit hatte keineR gerechnet. Und noch unglaublicher schien die ge\u00e4u\u00dferte Bereitschaft der Stadt, \u00fcber eine Anfrage beim Liegenschaftsamt nach einer Ersatzimmobilie zu suchen.<\/p>\n<p>Keinerlei Verhandlungsbereitschaft bestand allerdings \u00fcber eine l\u00e4ngerfristige Nutzung der Uppenbergschule. Aber um genau dieses Geb\u00e4ude ging es den BesetzerInnen; es war ihnen mit jedem Tag und jeder neuen bunten Wand ein St\u00fcckchen mehr ans Herz gewachsen.<\/p>\n<p>So unglaubw\u00fcrdig wie die Verhandlungsbereitschaft schien, war sie dann auch. Nachdem die VertreterInnen der Stadt bei dem von ihnen angesetzten Verhandlungstermin am 1. Februar nicht gekommen waren, flatterte zwei Tage sp\u00e4ter ein Brief ins Haus, der den BesetzerInnen eine Strafanzeige mit der Folge einer Zwangsr\u00e4umung in Aussicht stellte, wenn die Uppenbergschule bis zum 14. Februar nicht &#8222;freiwillig ger\u00e4umt&#8220; sei.<\/p>\n<p>42 Tage und N\u00e4chte lang gab es in M\u00fcnster einen Freiraum, der von vielen unterschiedlichen Menschen lebendig gef\u00fcllt und gestaltet wurde. Viele politische Gruppen hatten ihre Plena aus Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung und nicht zuletzt aufgrund der vorhandenen R\u00e4umlichkeiten in die Uppenbergschule verlegt. F\u00fcr jede Woche wurde ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm zusammengestellt, das von allen mitgestaltet werden konnte. Neben dem t\u00e4glichen Info-Caf\u00e9 und den offenen NutzerInnen-Plena fanden Tag f\u00fcr Tag spannende Veranstaltungen und sch\u00f6ne Feste statt. Ich erinnere mich z.B. gerne an den vom Verein f\u00fcr politische Fl\u00fcchtlinge organisierten Interkulturellen Musizierabend oder an die strahlenden Augen eines FAU-Genossen, als bei der Esperanto-Infoveranstaltung ganz viele neue Gesichter auftauchten und dabei eine Esperanto-Lerngruppe geboren wurde. Das Umweltzentrum und der Infoladen Bankrott wechselten sich mit B\u00fcchertischen ab und die VoK\u00fc-Gruppe kochte leckeres Essen f\u00fcr kleines Geld. Parties und Konzerte von solidarischen Bands waren ein guter Anla\u00df f\u00fcr viele Neugierige, mal vorbeizuschauen. Petzi und Jockl lasen Gedichte und Kurzgeschichten und der Liedermacher Baxi gab vor dem freudig \u00fcberrachten Publikum den &#8222;Uppenbergsong&#8220; zum Besten. Auch das legend\u00e4re m\u00fcnsteraner Kabarettensamble &#8222;Der Blarze Schwock&#8220; gl\u00e4nzte mit Auftritten, um nur einige Highlights aus der langen Liste von Veranstaltungen zu nennen.<\/p>\n<p>Das Interesse und die Solidarit\u00e4t, die den BesetzerInnen und ihrem Projekt entgegengebracht wurde, war \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00df und best\u00e4tigte die Notwendigkeit eines solchen Zentrums. Zahlreiche Menschen aus M\u00fcnster unterst\u00fctzten das Projekt und halfen wo sie konnten: Eine B\u00e4ckerei schenkte regelm\u00e4\u00dfig Brot, das Kneipenkollektiv der ehemals besetzten Frauenstr. 24 spendete pro Getr\u00e4nk einen &#8222;Soligroschen&#8220;, der Kiosk um die Ecke versorgte die BesetzerInnen mit Chips, ein Kopierladen bot kostenloses Kopieren von Flugbl\u00e4ttern an und eine Druckerei berechnete f\u00fcr den Druck des Demo-Plakates lediglich die Materialkosten.<\/p>\n<p>Leute aus vielen St\u00e4dten von Amsterdam bis Berlin besuchten die Uppenbergschule und erz\u00e4hlten von ihren Erfahrungen mit dem Kampf f\u00fcr selbstbestimmte R\u00e4ume. Freude und Kraft gaben auch die vielen solidarischen Gr\u00fc\u00dfe und Briefe anderer autonomer Projekte und Zentren, so z.B. von der &#8222;Roten Flora&#8220; aus Hamburg, der &#8222;K\u00f6pi&#8220; aus Berlin, dem &#8222;JUZI&#8220; aus G\u00f6ttingen und der AZ-Gruppe in K\u00f6ln, die in einer Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung schrieb: &#8222;In einer Zeit, in der selbstbestimmter Lebens- und Arbeitsraum zugunsten einer konsumorientierten Freizeitmaschinerie immer mehr zerst\u00f6rt wird, und die Schaffung von neuen autonomen Freir\u00e4umen vielfach als utopisch betrachtet wird, ist euer bisheriger Erfolg ein deutlicher Lichtblick.&#8220; Oder die mutmachenden Worte des &#8222;Druckluft&#8220; aus Oberhausen: &#8222;Wir haben auch nicht viel anders angefangen&#8230; Initiative brauchte R\u00e4ume, suchte Geb\u00e4ude, bekam Nutzungsvertrag von Stadt, viel viel Arbeit&#8230; usw. Und 1999 haben wir dann unseren 20. Geburtstag gefeiert.&#8220;<\/p>\n<h3>Jedes Danach ist ein Davor!<\/h3>\n<p>Auch wenn das Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt werden konnte, so werden doch die Utopien, die darin verwirklicht wurden, weiter leben. Weiter leben werden viele Kontakte und Freundschaften, die in der Uppenbergschule aufgebaut wurden. Weiter leben wird auch die Erinnerung an ein Zentrum, in dem sechs Wochen lang ein kulturelles und politisches Programm auf die Beine gestellt wurde. Es wurde zusammen diskutiert, gelacht, geweint, gefeiert und getanzt und erfahren, wie wichtig selbstbestimmte R\u00e4ume sind.<\/p>\n<p>Die Zeiten des H\u00e4userkampfes sind ganz und gar nicht vorbei, wie es uns die PolitikerInnen glauben machen wollen. Die politische Aktion der Besetzung ist ein Ausdruck f\u00fcr die \u00dcberzeugung, da\u00df alles allen geh\u00f6rt und da\u00df es legitim und richtig ist, sich die R\u00e4ume zu nehmen, die wir brauchen. Der Kampf um freie R\u00e4ume ist ein Kampf, der von vielen Menschen in vielen St\u00e4dten seit langem gef\u00fchrt wird und von einigen, wie z.B. in M\u00fcnster und Heidelberg, wiederentdeckt wird. Ein Freund aus dem Wendland schrieb in das BesetzerInnen-Buch:<\/p>\n<p>&#8222;Zu sch\u00f6n um wahr zu sein? Vielleicht zu sch\u00f6n und wahr um zu bleiben, doch:<br \/>\n1. Es ist sch\u00f6n und wahr!<br \/>\n2. Es wird immer sch\u00f6n und wahr gewesen sein!<br \/>\n3. Es kann immer wieder sch\u00f6n und wahr werden!&#8220;<\/p>\n<p>In diesem Sinne, Leute bleibt heiter, der H\u00e4userkampf geht weiter!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Ratssitzung kann schon sehr erheiternd sein, vor allem dann, wenn es wie am 9. 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