{"id":3223,"date":"2000-03-01T00:00:57","date_gmt":"2000-02-29T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3223"},"modified":"2022-07-26T12:59:10","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:10","slug":"ich-bin-dem-tod-begegnet-und-habe-von-ihm-die-neugier-aufs-leben-gelernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/03\/ich-bin-dem-tod-begegnet-und-habe-von-ihm-die-neugier-aufs-leben-gelernt\/","title":{"rendered":"Ich bin dem Tod begegnet und habe von ihm die Neugier auf&#8217;s Leben gelernt"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<p>In ihrer Erz\u00e4hlung &#8222;Selbstmord&#8220; hat sie geschrieben: <strong>&#8222;Heute morgen habe ich mich wieder umgebracht. Keine hat&#8217;s bemerkt.&#8220;<\/strong> Ihr Leben lang hat sie geschrieben, getextet, gesungen, gelesen, Kabarett &#8211; Makabarett &#8211; gemacht: \u00dcber das \u00dcberleben von sexualisierter Gewalt, \u00fcber Leben und Tod, um Leben und Tod.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich bin dem Tod begegnet und habe von ihm die Neugier auf&#8217;s Leben gelernt.&#8220;,<\/strong> hatte sie geschrieben und sich diese Worte ins Zimmer geh\u00e4ngt. Sie hat das gewagt und getan, was andere f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten haben und sich niemals trauen konnten. Sie hat gelebt, immer wieder versucht zu leben, nachdem sie als Kind erlebt hat, wie Gewalt t\u00f6tet. In ihrem ersten ver\u00f6ffentlichten Buch, dem Kinderbuch &#8222;Wen, Do und der Dieb&#8220; irrt die Prinzessin durch die Welt. Ihr ist die Seele gestohlen worden. Sie trifft eine Freundin und gemeinsam machen sie sich auf die Suche. Der Vater und K\u00f6nig hat die Seele gestohlen. Die M\u00e4dchen verjagen den K\u00f6nig und entrei\u00dfen ihm die Seele. Er mu\u00df fliehen &#8211; und Wen und Do k\u00f6nnen endlich beginnen zu leben.<\/p>\n<p>Im Kinderm\u00e4rchen ist das Ende gut. In der Wirklichkeit mu\u00dften V\u00e4ter und Ehem\u00e4nner und K\u00f6nige niemals fliehen. Sie sind an ihrem Platz geblieben, als Honoratioren, anst\u00e4ndige B\u00fcrger, M\u00e4nner, die ihren Mann stehen, Recht sprechen und die \u00d6ffentlichkeit vor Fakten stellen. Keiner der M\u00e4nner, die Gita vergewaltigt haben, seit sie sich erinnern konnte, hat jemals Folgen von dem sp\u00fcren m\u00fcssen, was er getan hat. Nichts. Sie mu\u00dfte dagegen ein Leben lang mit den Folgen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>In diesem Kampf war sie nicht die Einzige, aber oft allein. In ihrem Gedicht <strong>&#8222;Mi\u00dfbraucht&#8220;<\/strong> schreibt sie<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><strong>Mi\u00dfbraucht<\/strong><\/p>\n<p>Unscheinbar bin ich, ihr seht mich nicht.<br \/>\nUnter Euch steh ich, aber ihr seht mich nicht.<br \/>\nZu Tausenden bin ich unter Euch<br \/>\ntausendmal unbemerkt.<br \/>\nNiemand erkennt mich.<br \/>\nIch habe gelernt, den Schein zu wahren.<br \/>\nFunktionieren mu\u00df ich, sonst leidet ihr mich nicht.<br \/>\nLeid mich ja selbst nicht. Mu\u00df mich festhalten an Euch.<\/p>\n<p>Tausendmal lebe ich unter Euch, unbemerkt.<br \/>\nTausendmal sterbe ich unter Euch, unbemerkt.<\/p>\n<p>Alles, was von mir bleibt<br \/>\nist nur eine Zahl<br \/>\nin der falschen Statistik<\/p>\n<p>Auch die T\u00e4ter sind unter Euch, tausendfach.<br \/>\nAngesehene Menschen, doch ihr wollt sie nicht sehen.<br \/>\nEin St\u00fcckchen davon in jedem von Euch.<br \/>\nBlutsbr\u00fcderschaft<br \/>\nund kein Mitleid den Opfern?<\/p>\n<p>Wer mir nicht hilft, macht sich schuldig an mir.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Sie mu\u00dfte k\u00e4mpfen. Um ihre Erinnerungen, ihr F\u00fchlen, ihr Leben, und ganz einfach auch um die platte \u00f6konomische Existenz. In ihrem letzten Interview in der Berliner Lesbenzeitung UKZ sagte sie \u00fcber ihren Beruf Kreativfeministin: <strong>&#8222;Meine Berufung ist Feministin. Kreativ mu\u00df ich sein, um mit diesem Beruf eine Existenzform zu finden.&#8220;<\/strong> Der Prospekt, den sie verschickte, um ihr Konzert- und Lesungsprogramm bekannt zu machen, tr\u00e4gt den Titel: <strong>&#8222;Genu\u00df auf eigene Gefahr.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Sie ist mit ihren Erfahrungen, die so viele teilen, aber verstecken, verstecken m\u00fcssen, nach au\u00dfen gegangen. Sie hat nach und mit dem Leben geforscht. In ihrer Kunst und ihrem Schreiben ging es um sexualisierte Gewalt &#8211; und gleichzeitig um lustvolle Sexualit\u00e4t, um Lachen, um Liebe, um Miteinanderleben. Der Untertitel ihres Buches, <strong>&#8222;die FreiSchwimmerin&#8220;,<\/strong> das ihr erster gro\u00dfer Erfolg war, und mit dem sie auf Lesungen durch ganz Deutschland reiste, hei\u00dft: <strong>&#8222;Lust und Grau(s)zonen lesbischer Sexualit\u00e4t.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Lust und Graus. Mit diesem Buch hat sie viel gewagt, Gef\u00e4hrliches versucht, das viel Mut fordert, den Mut, von sich selbst zu schreiben.<\/p>\n<p>&#8222;Meine Geschichte. Nein, ich bin keine &#8218;Sexpertin&#8216;. Wenn ich \u00fcberhaupt von etwas eine Ahnung habe, dann von den Dingen, die jede Lust vergraulen und Spa\u00df an Sex im Keim ersticken. Fast jeden denkbaren Mist habe ich erlebt: Sexuelle und psychische Folter durch den Vater von klein auf, eine Mutter, die &#8211; noch nicht vollj\u00e4hrig &#8211; von ihren Eltern verheiratet wurde (&#8230;); isoliertes und einsames Aufwachsen in einer miefigen Kleinstadt in Niederbayern; die Verlogenheit einer &#8218;Heilen Mittelschichtswelt&#8216;; eine christliche Klosterschule (&#8230;), einen vergewaltigenden Ehemann; psychosomatische Schmerzen beim Sex; Flashbacks und Panikattacken&#8230;<\/p>\n<p>Wie komme also ausgerechnet ich dazu, ein Buch \u00fcber Lust zu schreiben? (&#8230;) Da mu\u00df der G\u00f6ttin wohl ein Schu\u00df zuviel Granatapfelsaft in den Sud geraten sein, als sie mich in ihrem gro\u00dfen Kessel zusammengebraut hat. Oder so (&#8230;) Na, jedenfalls hat sich mein Wille zu echten Sinnenfreuden durch all den M\u00fcll und Mist hindurchgebuddelt, den alle m\u00f6glichen Schei\u00dfkerle \u00fcber mir ausgesch\u00fcttet haben; wieder und immer wieder; so wie ein zubetonierter Grashalm, der trotz allem ans Licht dr\u00e4ngt. Meine Neugierde und Sehnsucht ruhen und rasten nicht, bis sie herausgefunden haben, was hinter dem Horizont liegt. Meine Lust ist eine Delphinin. Sie sucht das Weite Meer.<\/p>\n<p>(Freischwimmerin S.254f)<\/p>\n<p>Herausfinden, was hinter dem Horizont liegt. Mit Neugier und Sehnsucht ruhe- und rastlos suchen nach dem Andersleben und \u00dcberleben. <strong>&#8222;Ich bin der Mensch, der von allen, die ich kenne, am allermeisten versucht, nach ihren Idealen zu leben&#8220;,<\/strong> hat sie einmal zu mir gesagt. Utopien hat sie gedichtet, geschrieben, gelebt.<\/p>\n<p>&#8222;Tr\u00e4umereien? Vielleicht. Aber mit einem Traum beginnt die Wirklichkeit. (Das ist altes Hexenwissen. Auch das holen wir uns zur\u00fcck!) Und welche genauer hinsieht, entdeckt: diese Wirklichkeit hat schon ein St\u00fcck begonnen. Oder auch: nie aufgeh\u00f6rt.&#8220;, <strong>steht in der Schlampagnen-Zeitung, die Gita mit herausgegeben hat.<\/strong><\/p>\n<p>Anders hat sie gelebt, als Kreativfeministin, als selbst\u00e4ndige K\u00fcnstlerin in einem Hexenh\u00e4uschen im Labertal, vor Felsen am Flu\u00df, hat sie Gem\u00fcse angebaut, mit dem Regensburger Tauschring Alternativen zur Geldwirtschaft entwickelt, mit das Regensburger Frauenzentrum aufgebaut. Holz gesammelt und gehackt, und den Raum mit der HightechComputeranlage f\u00fcr ihre Texte und Lieder damit beheizt. Ja, Computerlinguistin war sie obendrein.<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><strong>K\u00fcnstlerin<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich mal raus bin<br \/>\naus dieser Schule<br \/>\narbeitslos<br \/>\nund sich die Frage stellt: Was nun?<\/p>\n<p>Dann<br \/>\nwerd ich<br \/>\n\u00dcberlebensk\u00fcnstlerin<\/p>\n<p>Nicht so wie<br \/>\nHeyerdal und Messmer<br \/>\nauf einsamen Ozeanen<br \/>\nin atemberaubenden H\u00f6hen<br \/>\noder t\u00fcckischem Dschungel<\/p>\n<p>Ich habs nicht n\u00f6tig<br \/>\nwie die Macker<br \/>\nin irgendeine Wildnis zu ziehen<\/p>\n<p>Ich bleibe einfach<br \/>\nwo ich bin<br \/>\nund \u00fcberlebe<br \/>\nim atemberaubenden Gro\u00dfstadtsmog<br \/>\ndie menschliche Polark\u00e4lte hier<br \/>\ndie Einsamkeit \u00fcberf\u00fcllter Fu\u00dfg\u00e4ngerInnenzonen<br \/>\ndie existentzielle Gefahr<br \/>\neine Frau zu sein<\/p>\n<p>Ich<br \/>\n\u00fcberlebe.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>H\u00f6rt!<\/strong><\/p>\n<p>Die Entscheidung: zu schreiben<br \/>\neinsame Kammer statt<br \/>\nGro\u00dfraumb\u00fcro<\/p>\n<p>F\u00fcnftausend brutto und mehr<br \/>\nbedeutet nichts<\/p>\n<p>Die W\u00f6lfe drau\u00dfen bei\u00dfen, die<br \/>\nnicht mitheult<\/p>\n<p>Ich liebe meine Kammer die<br \/>\nEinsamkeit des<br \/>\nSchreibens<\/p>\n<p>Hier am Tisch<br \/>\nZiehe ich euch das Fell<br \/>\n\u00dcber die Ohren<br \/>\nPack.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>In der Einsamkeit hat sie geschrieben. Gleichzeitig war sie in den letzten Jahren in ganz Deutschland f\u00fcr Lesungen, Vortr\u00e4ge und Konzerte unterwegs. Sie ist in der ganzen Szene bekannt nun. Jahre hat sie daf\u00fcr gearbeitet.<\/p>\n<p>Sie hat versucht, lieben, leben und arbeiten miteinander zu verbinden. Probiert hat sie mit ihrem Leben, wie tragf\u00e4hig Utopien sein k\u00f6nnen, weil Tr\u00e4ume ohne Verwirklichung und Verwirklichungsversuche nie wirklich werden. F\u00fcr ein Stipendium hat sie sich beworben &#8211; f\u00fcr ihr Forschungsprojekt <strong>&#8222;Ganztags leben statt halbtags arbeiten&#8220;.<\/strong> Und an Themen, die der Utopie immer wieder im Wege standen, hat sie sich gewagt. Wir haben oft davon geredet, endlich mehr \u00fcber Gewalt zwischen Frauen nachzudenken und zu schreiben.<\/p>\n<p>Dem Leben standen f\u00fcr sie Beziehungszw\u00e4nge, Gewalt und Konventionen entgegen. Im Zuge der Debatte um die Ehe f\u00fcr Homosexuelle hat sie die Schlampagne mit ins Leben gerufen, die sich f\u00fcr die Gleichstellung aller Lebensweisen und die Abschaffung aller Eheprivilegien einsetzt:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Trotz aller Schwierigkeiten, trotz des deprimierenden Zusammenbruchs meines ersten Netzes und der langen, manchmal schwierigen Arbeit an meinem heutigen, w\u00fcrde ich mich wieder und immer wieder f\u00fcr das Schlampenleben entscheiden. Aus Natur und Neigung, aus Idealismus, als Widerstand gegen des Patriarchat, wegen des Abenteuers Neuland und wegen der wahnsinnig beeindruckenden und bereichernden Erfahrung viele zu lieben und von vielen geliebt zu werden. Um mit Ellen Halpern zu schlie\u00dfen: &#8222;If love is so wonderful, what&#8217;s so scary about MORE?&#8220; Wenn die Liebe so wundervoll ist, warum jagt uns MEHR davon solche Angst ein? Oder noch besser: Die Liebe ist so wunderbar, darum g\u00f6nne ich mir mehr davon, und immer mehr&#8230;&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesen Worten endet der Text <strong>&#8222;Lesbische L(i)ebensweisen. Von Risiken und Nebenwirkungen der Zweierkiste und real-utopischen Alternativen.&#8220;,<\/strong> den sie Mitte Januar fertig geschrieben hatte und noch an ihre Freundinnen gemailt hat. Zwei Tage sp\u00e4ter hat sie sich ein Essen aus Knollenbl\u00e4tterpilzen gekocht. Und einen halben Tag darauf Spazierg\u00e4nger im Wald gebeten, den Notarzt zu holen.<\/p>\n<p>&#8222;Heute morgen habe ich mich wieder umgebracht. Keine hat&#8217;s bemerkt.&#8220;<\/p>\n<p>Gita Tost hat sich im Januar umgebracht. Keine hat&#8217;s bemerkt?<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne unsch\u00f6ne Worte werden gemacht. Sich umgebracht? Die Familie soll geschont werden, meint eine Vertreterin der lokalen Presse. Familie und Ehe, Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt, L\u00fcgen und Schweigen, seit Gita denken und f\u00fchlen konnte. Sie ist nicht verschont worden.<\/p>\n<p>Es war kein tragischer Unfall, kein ungl\u00fccklicher Zufall und erst recht kein Schnupfen, durch den Gita gestorben ist. <strong>&#8222;Ges\u00e4nge f\u00fcr \u00dcberlebende&#8220;<\/strong> ist der Untertitel ihrer CD <strong>&#8222;Bitters\u00fc\u00df&#8220;<\/strong>. Sie hat \u00fcberlebt, f\u00fcr ihr \u00dcberleben gek\u00e4mpft &#8211; und f\u00fcr das \u00dcberleben anderer. Und nicht nur f\u00fcr das \u00dcberleben, sie hat gelebt und gezeigt und geschrieben und verzweifelt gehofft, da\u00df Leben mehr ist als \u00dcberleben &#8211; 34 Jahre lang.<\/p>\n<p>Sagt Selbstmord etwas \u00fcber das Leben? \u00dcber Selbstmord wird geschwiegen, aber auch viele Worte werden gemacht: <cite>&#8222;Sie ist letztlich doch gescheitert auf ihrem Weg!&#8220; &#8222;Sie hat es am Ende nicht geschafft.&#8220;<\/cite> Nein. Der Tod macht nicht das Leben vorher nichtig. Und \u00fcberhaupt ist Leben eine Leistung? Eine Frage von &#8222;Schaffen&#8220; oder &#8222;Scheitern&#8220;? Schlimm genug, wenn \u00dcberleben Leistung, ungeheure Leistung, Kraft und Mut fordern mu\u00df, Tag f\u00fcr Tag. Mut, mit dem frau auch allerleichtestens auf den Himalaya steigen oder zu den Sternen fliegen k\u00f6nnte, h\u00e4tte sie nicht Gewalt erlebt und m\u00fc\u00dfte sie nicht gegen die Gewalt leben.<\/p>\n<p><cite>&#8222;Aber das mit der sexualisierten Gewalt mu\u00df doch irgendwann vorbei und vergessen sein.&#8220;,<\/cite> viele, die keine sexualisierte Gewalt erleben mu\u00dften, zeigen ihr Erstaunen, wenn sie von Gitas Tod erfahren. Unddie, die niemals im Leben dem Tod und der Gewalt nahe waren, sagen: <cite>&#8222;Also ich versteh&#8216; das nicht so ganz. Also ich w\u00fcrde ja keine Knollenbl\u00e4tterpilze essen.&#8220;<\/cite> Reden, um zu verstehen &#8211; oder reden, um mit dem Verstehen nicht beginnen zu m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Verstehen? Es stimmt nicht, da\u00df <cite>&#8222;das mit der Gewalt doch irgendwann einmal vorbei sein mu\u00df&#8220;.<\/cite> Und genausowenig stimmt das Gegenteil, <cite>&#8222;da\u00df es einfach so kommen mu\u00dfte, weil frau mit diesen Erfahrungen letztlich doch nicht \u00fcberleben kann.&#8220;<\/cite><\/p>\n<p>WARUM?, fragen mich die Leute am Telefon, als ich ihnen sage, da\u00df Gita sich umgebracht hat. Was wollen sie h\u00f6ren? Und was willst Du jetzt gerne lesen? <cite>&#8222;Aus diesem und jenem Grund.&#8220; &#8222;Erstens deshalb und zweitens darum und dann kam noch dazu&#8230;&#8220; &#8222;Schuld ist nur&#8230;&#8220;<\/cite> Und zum Schlu\u00df meiner Ursachenanalyse soll ich dann aussprechen: &#8222;Ich wei\u00df es wirklich nicht, aber ich kann nur eines sagen: An Dir liegt es ganz bestimmt nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Am Anfang haben wir noch antworten k\u00f6nnen, <cite>&#8222;wei\u00dft Du, die Tageb\u00fccher, der Abschiedsbrief, das ist noch alles bei der Kripo. Wir wissen es noch nicht.&#8220;<\/cite> Jetzt, zwei Wochen nach ihrem Tod sind die Tageb\u00fccher da. Wei\u00df jetzt jemand, warum? Und was hie\u00dfe es, es zu wissen, WARUM?<\/p>\n<p>Schuld ist die Gesellschaft, schuld ist die zerst\u00f6rerisch m\u00f6rderische Gewalt gegen Frauen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;von M\u00e4nnern zu Tode geha\u00dft&#8220;<\/strong> hei\u00dft es in dem Gedicht <strong>&#8222;Grabspruch&#8220;<\/strong> &#8211; aber auch <strong>&#8222;Durch Frauen auferstanden und endlich in vollen Z\u00fcgen gelebt&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Aber was sagen wir leise zueinander, wenn wir das immer wieder herausgesagt haben, was wieder und wieder gesagt werden mu\u00df? Wenn wir von der Gewalt und dem t\u00f6dlichen Ha\u00df gesprochen haben, \u00fcber die immer wieder gesprochen werden mu\u00df? Worte, die oft schneller vergessen, verdr\u00e4ngt und verspottet werden, als sie gesagt sind.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig bleibt doch noch mehr zu sagen. Oder nicht einmal mehr zu sagen. Welche Worte f\u00fcr das, was es noch nicht gibt?, hat Gita oft gefragt.<\/p>\n<p><cite>&#8222;Ihr d\u00fcrft Euch auf keinen Fall Schuldgef\u00fchle machen.&#8220; &#8222;Sie hat es so gewollt!&#8220; &#8222;Dar\u00fcber nachdenken, was man anders machen h\u00e4tte k\u00f6nnen, bringt nichts.&#8220;<\/cite><\/p>\n<p>Sicher. Und gleichzeitig nicht richtig.<\/p>\n<p>Die, die da bleiben, machen es sich meist einfacher, zu einfach. Einfacher als Gita.<\/p>\n<p>Ihre Extherapeutin meint am Telefon: <cite>&#8222;macht euch ja keine Vorw\u00fcrfe. Ihr h\u00e4ttet es nicht verhindern k\u00f6nnen.&#8220; <\/cite><\/p>\n<p>Niemand hat den Tod von Gita verhindern k\u00f6nnen. Das stimmt. Sicher. Das sehe ich auch. Sonst w\u00fcrde sie ja leben. Und doch will und will ich den Tod verhindern und verhindern, was ich nur verhindern kann. Nicht weniger.<\/p>\n<p>Gita hat dar\u00fcber geschrieben: <strong>&#8222;Wenn du es nicht schaffst, einfach da zu sein, dann geh&#8216;. Es ist dein gutes Recht. Glaube nicht, da\u00df du dadurch ihren Schmerz verschlimmerst. Glaube nicht, da\u00df du dadurch ihren Schmerz nicht verschlimmerst. Du bist nicht f\u00fcr die \u00dcberlebende verantwortlich. Wenn sie sich wirklich umbringen will, wird sie Wege finden, so oder so. Es ist nicht deine Aufgabe, sie um jeden Preis daran zu hindern.&#8220;<\/strong> (Freischwimmerin, S.197). Und solange wir leben, k\u00f6nnen wir r\u00e4tseln und probieren und leben, was sie damit wohl gemeint hat.<\/p>\n<p>Nachrufe schreiben. Ihr nachrufen, und sie kann doch nicht mehr antworten, widersprechen, bissig sein, zustimmen oder den Kopf sch\u00fctteln. In vielen Nachrufen, vor allem in denen feministischer K\u00e4mpferinnen steht: <cite>&#8222;Dein Tod soll nicht umsonst sein.&#8220;<\/cite> Und ich glaube doch, Dein Tod war umsonst. Denn mit Toten kannst Du alles tun. Tote lassen sich sofort und schweigend vereinnahmen, auch die Widerspenstigste von allen. Dir h\u00e4tte es nicht gefallen, das Leben als Tote &#8211; als am Totenbett alles verzeihende Tochter in der Einbildung deiner Mutter, als endlich Heimkehrende, als allerallerbeste Freundin, als immer nur Geliebte, als Idol, als TraumFRAU, als durch und durch Gute mit guter Mine zum b\u00f6sen Spiel, und die Heldin, die es &#8222;geschafft&#8220; hat, sich umzubringen, als Symbol, als Anklage gegen sexuelle Gewalt, und immer als totes Beispiel f\u00fcr jedwedes Argument derer, die leben und schreiben. Mit Bewunderung und Harmonie kann man sich auch jemanden vom Hals halten.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Nur tote Dichterinnen haben Aussicht auf Erfolg.&#8220;,<\/strong> hat Gita realistisch ironisch in ihr Testament geschrieben. Aber m\u00fcssen tote ber\u00fchmte Dichterinnen zu Idolen werden &#8211; vor allem eine Dichterin, die keine Idole wollte und immer wieder aufgefordert hat, selbst zu schauen, zu denken und zu f\u00fchlen?<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><strong>L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>h\u00e4ng<br \/>\nihr bild<br \/>\nab<\/p>\n<p>wei\u00dfe<br \/>\nw\u00e4nde<\/p>\n<p>l\u00f6se<br \/>\nb\u00e4nder<\/p>\n<p>leere<br \/>\nh\u00e4nde<\/p>\n<p>binde<br \/>\nwinde<br \/>\nvon den<br \/>\nw\u00e4nden<\/p>\n<p>los<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Als Lebende warst Du unbequem, widerst\u00e4ndig, kratzb\u00fcrstig und ungeheuer lebendig provokativ Ich habe nicht immer gerne geh\u00f6rt, was Du mir zu sagen hattest. Und viel mochte ich \u00fcberhaupt nicht h\u00f6ren und habe es dann auch nicht geh\u00f6rt, vor allem Deine Gedanken an den Tod, den ich nicht haben und wahr haben wollte. Ich konnte wegschauen und hab&#8217;s getan.<\/p>\n<p>Was den Lebenden so alles durch den Kopf geht &#8211; und was sie so alles unwidersprochen schreiben k\u00f6nnen, am liebsten w\u00fcrde ich Dir als Grabspruch das Gedicht eines Mackers schenken. Du hast nie M\u00e4nner zitiert. Mir gef\u00e4llt das Zitat so gut, soll ich Dir verheimlichen, da\u00df es von einem Mann ist?<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Schreiben Sie, da\u00df ich unbequem war<br \/>\nund es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke.<br \/>\nEs gibt auch dann noch gewisse M\u00f6glichkeiten.&#8220;<\/p>\n<p>Bert Brecht<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Da\u00df Du unbequem bleibst, das was Du geschrieben, getan und gelebt hast, unbequem bleibt &#8211; ja mehr als unbequem f\u00fcr die Gewalt und den Tod!<\/p>\n<p>Das w\u00fcnsch ich Dir &#8211; oder w\u00fcnsch ich es mir?<\/p>\n<p>Die Lebenden m\u00fcssen sich tr\u00f6sten, sie m\u00fcssen ihr Schuldgef\u00fchl wegreden, sie m\u00fcssen viel mit vielen Worten unter den Teppich kehren, m\u00fcssen Sinn finden, in dem, was nicht zu begreifen ist, und Gr\u00fcnde, f\u00fcr das, was nicht zu begr\u00fcnden ist. Und weiter machen. Und meistens machen sie mit der Tagesordnung weiter. Sch\u00f6ne Worte, Trost und Sinn, Selbstvergewisserung f\u00fcr die Lebenden:<cite>&#8222;Sie hat sich freigeschwommen.&#8220; &#8222;Liebe Gita, Du bist ja jetzt \u00fcberall.&#8220;<\/cite> und dann geht es weiter, weil und wie es eben weitergehen mu\u00df?<\/p>\n<p>Und darum hab ich Dich geliebt, da\u00df Du nicht einfach weiter gemacht hast, sondern gef\u00fchlt, probiert, versucht, riskiert, getr\u00e4umt hast. Ich bin oft von Dir gekommen und habe mir gesagt, mehr Mut, die Gita hat ihn auch. Und doch h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, da\u00df Du einfach weiter machen h\u00e4ttest k\u00f6nnen, ein Auge zugedr\u00fcckt h\u00e4ttest, statt die Augen f\u00fcr immer zu schlie\u00dfen &#8211; aber welche Bilder hast Du gesehen, wenn Du &#8222;einfach&#8220; die Augen zugedr\u00fcckt hast?<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte, Dein Tod war umsonst. Ich will keinen tieferen Sinn darin sehen, da\u00df Du nicht mehr da bist. Mu\u00df denn alles etwas bringen, mu\u00df alles n\u00fctzen, darf nichts umsonst sein &#8211; nicht einmal der Tod?<\/p>\n<p>Du hast es nicht mehr ausgehalten, aushalten k\u00f6nnen. Es ist kein Trost f\u00fcr mich, da\u00df <cite>&#8222;sie sich freigeschwommen&#8220;<\/cite> hat, da\u00df <cite>&#8222;sie es schlie\u00dflich so wollte&#8220;.<\/cite> Weil dann bleibt mir weiter die Frage, warum Du nicht mehr leben wolltest und konntest, wo Du das Leben so verzweifelt geliebt hast. An dem Januarabend wolltest Du sterben, und doch glaube ich, gef\u00fchlt zu haben, da\u00df es so viele andere Augenblicke gab, in denen Du leben wolltest. Und da\u00df es noch so viele Augenblicke gegeben h\u00e4tte, in denen Du gerne gelebt h\u00e4ttest, wenn&#8230; Wenn?<\/p>\n<p>Du hast es ausgesprochen <strong>&#8222;M\u00f6rder meiner LebensLust&#8220;.<\/strong> Es war kein Selbstmord. Gemordet haben andere und morden tun andere weiter.<\/p>\n<h3>War Dein Tod umsonst?<\/h3>\n<p>Ganz sicher war Dein Leben nicht umsonst . <strong>&#8222;Sicher ist nur der Augenblick. Und der goldene Schimmer deiner Haut.&#8220;,<\/strong> hei\u00dft es in dem Lieblingslied von Schall und Rauch, dem Musikkabarett, an dem Gita zusammen mit Gitta Sch\u00fcrck zuletzt gearbeitet hat. Leben war und ist nie umsonst, kein Augenblick.<\/p>\n<p>Lesen und h\u00f6ren, sich auf Deine Gedanken, Deine Wege, Deine Melodien einlassen. Und dabei traurig bleiben und werden. Erinnerungen an unsere Gespr\u00e4che. Was Du oft vermi\u00dft hast bei Deinen Lesungen, bei Deinen Auftritten, waren Antworten auf Dich und Fragen an Dich. Mauern des Schweigens. Gefriergetrocknete Gesichter. Du warst mutig, und es brauchte viel Mut, Dir auch nur ein St\u00fcck zu folgen, Dir nahe zu sein. Du hast so viel geschrieben &#8211; und ungesch\u00fctzt mehr von Dir gezeigt, als irgendeine, die ich kenne. Vorgewagt hast Du Dich ins Niefrausland, wo sich kaum eine hingewagt hat, und Du hattest noch keine Karte daf\u00fcr &#8211; und niemanden bei dir, hat deine Freundin Uta gemeint. Grenzen hast Du \u00fcberschritten, Begrenzungen, Gef\u00e4ngnistore hinter Dir gelassen, aber auch \u00fcber Grenzen anderer bist Du hinweggegangen &#8211; und \u00fcber Deine eigenen. Gibt es Grenzen beim \u00dcberschreiten von Grenzen? Oder kann frau \u00fcberhaupt Grenzen \u00fcberschreiten, wenn sie gleichzeitig immer schon Grenzen im Sinn hat?<\/p>\n<p>Einsam hast Du Dich oft gef\u00fchlt. Du wolltest und mu\u00dftest so vieles allein tun. Wie oft haben wir gestritten. Ich hab&#8216; zu Dir gemeint &#8211; Autonomie, Selbstbestimmung, <strong>&#8222;Dein Holz nur mit Deiner H\u00e4nde Kraft alleine hacken&#8220;,<\/strong> das ist doch kein Wert. Und Du hast gemeint, was ist mir schon geblieben, ich mu\u00dfte meine Autonomie hochhalten, ich mu\u00dfte das schreiben, als mich alle Freundinnen alleine gelassen haben. Was blieb mir schon? Jetzt kann ich Dir \u00fcberhaupt nicht mehr widersprechen &#8211; weder mit Worten noch mit meinen H\u00e4nden und meinem Dasein. Du hast alle verlassen. Und ich hoff nur, da\u00df du nicht mehr allein bist.<\/p>\n<p>Was wird uns mit ihr fehlen? Was haben wir ihr zu verdanken? Was hatten wir an ihr? Was werden wir sie vermissen!<\/p>\n<p>Dein Mut, Deine Neugier, Deine Sprache, der Klang der Musik, Dein herber Humor, Deine Radikalit\u00e4t, Deine Schonungslosigkeit (w\u00e4rst Du doch weniger schonungslos mit Dir gewesen und noch da), Deine Provokation und meine Irritation, Dein Hexenh\u00e4userlreich im Laabertal, die kalten d\u00fcnnen W\u00e4nde und die Sonnenstrahlen vor dem Haus, Deine Theoriefeindlichkeit und meine Besserwisserei, Deine Einsamkeit und meine Hilflosigkeit, Deine Worte und W\u00f6rter wie mooskrauses Haar, Dein Naturkitsch, Deine Kr\u00e4tzgurkigkeit und mein \u00c4rger, da\u00df Du immer wie ein Lufthauch ges\u00e4uselt hast, Deine Konsequenz und meine Schuldgef\u00fchle, Deine Marillenmarmelade und Dein Sinn f\u00fcr Dialektik (- das Wort Dialektik w\u00fcrde Dir nie gefallen, Du Biest), Deine so hohen Erwartungen und raumgebenden Utopien, Deine Unnahbarkeit und meine Angst, Dein Reiberdatschi, Dein Grins und Graus, Deine Widerspenstigkeit, Dein Plumpsklo und Deine Liebe zu Widerspr\u00fcchen und Sprachspielen, Deine Verzweiflung, da\u00df Du nie aufgegeben hast, Dich nie gehen hast lassen (bis auf ein einziges Mal), Dein Reichtum.<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><strong>reich<\/strong><\/p>\n<p>Reich an Bestohlen-Worden. &#8222;Wer nichts hat&#8230;&#8220; freedom&#8217;s just another word for&#8230; &#8211; War das nicht auch von einer Frau? Sie ist jetzt tot, die Frau. Sie hatte doch noch etwas gehabt: zuviel Leben. Ich denken an dich, Janice, und fange an mit: habe nichts zu verlieren.<\/p>\n<p>Mein K\u00f6rper kennt alle Sch\u00e4ndungen. Ihr k\u00f6nnt mich nicht mehr brechen. Weil ihr es bis jetzt nicht geschafft habt, werdet ihr nicht mehr brechen. Weil ihr es bis jetzt nicht geschafft habt, werdet ihr es nie mehr schaffen.<\/p>\n<p>Ihr k\u00f6nnt mich nicht mehr als v\u00f6llig aussto\u00dfen. Ich bin vogelfrei.<\/p>\n<p>Und euren vergifteten Apfel habe ich ausgespuckt. Euer Zuckerbrot lockt mich nicht mehr. Ich kenne die Tricks.<\/p>\n<p>Ich durchschaue die Tarnung.<\/p>\n<p>Ich bin reich.<\/p>\n<p>Reich an Ertragen-K\u00f6nnen. Reich an N\u00e4rrinnenfreiheit.<br \/>\nReich an Wahrheit. Und \u00fcbe den aufrechten Gang.<br \/>\nReich an Falten. Reich an Narben. Reich an grauen Haaren. Reich an Schmerzen. Reich an Behinderung.<br \/>\nFrauenreichtum.<\/p>\n<p>Reich an Unbeugsam. An Einsam. An Gemeinsam.<br \/>\nReich an Tod und reich an Leben.<br \/>\nReich mit meiner Gef\u00fchrtin.<br \/>\nReich an Wissen. Kostbares Wissen. Und wissen, was wir tun. Warum.<\/p>\n<p>Reich mir die Hand.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Was ich Dir alles noch gerne gesagt h\u00e4tte:<\/p>\n<p>Da\u00df ich Dich gerne auf einen Pauschalurlaub nach Gomera geschickt h\u00e4tte, mit Flug und Vollpensionsbuffet, mochte es nicht mehr ansehen, wie Du einsam waldinnenhaft das harte Holz gehackt hast, das doch nicht deine d\u00fcnnen W\u00e4nde gew\u00e4rmt hat.<\/p>\n<p>Da\u00df ich mich noch gerne jahrzehntelang mit Dir \u00fcber Deine Theoriefeindlichkeit gestritten h\u00e4tte. Da\u00df Du alle Theorie nur auf Deinen Komposthaufen geschmissen hast &#8211; Theorie ist brutal, kalt, unpers\u00f6nlich und Herrschaft &#8211; und gleichzeitig hast Du st\u00e4ndig mit Deinem Leben theoretisiert. Du hast kein Haar in der Suppe und an Deinem Leben gelassen.<\/p>\n<p>Schreien h\u00e4tte ich Dich gerne einmal geh\u00f6rt, nicht immer wie ein L\u00fcftlein t\u00fcteln und s\u00e4useln. &#8222;Hihi, t\u00fcteldit\u00fc, ich habe gerade drei Knollenbl\u00e4tterpilzlis im Waldilein gefunden.&#8220; Verdammt! Und ich sage nichts drauf. Nichts. Nicht, da\u00df Du sie ja nicht einfrieren sollst. Und nicht, da\u00df Du Dir ja keinen Auflauf draus kochen sollst. Und dann erst nach 12 Stunden den Arzt holen sollst. Nein. Daran wollte ich nicht denken. Aber daran hast Du gedacht.<\/p>\n<p>S\u00e4useln, singen, hell fl\u00f6ten, leise Wispern &#8211; zu sagen: Schrei halt einfach &#8211; ist dumm von mir. Du hast selbst dr\u00fcber geschrieben, Angst vor Aggression, Angst vor bodenloser Aggression, Angst vor der T\u00e4terin.<\/p>\n<p>Was ich nicht vergessen werde: Dein Grinsen, als Du aufgebahrt im Sarg lagst. Du hast gel\u00e4chelt und gel\u00e4chelt und gel\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten alle Zeit der Welt gehabt. Wir hatten alle Zeit der Welt. Und sie war kurz.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer Erz\u00e4hlung &#8222;Selbstmord&#8220; hat sie geschrieben: &#8222;Heute morgen habe ich mich wieder umgebracht. 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