{"id":32237,"date":"2025-02-03T11:28:00","date_gmt":"2025-02-03T09:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/02\/politisch-aktiv-ohne-kaputtzugehen\/"},"modified":"2025-02-03T11:28:00","modified_gmt":"2025-02-03T09:28:00","slug":"politisch-aktiv-ohne-kaputtzugehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/02\/politisch-aktiv-ohne-kaputtzugehen\/","title":{"rendered":"Politisch aktiv, ohne kaputtzugehen"},"content":{"rendered":"<p>2011 hat eine Gruppe im Kontext der F\u00f6deration deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) die Veranstaltungsreihe \u201ePolitisch aktiv, ohne kaputtzugehen\u201c organisiert und dokumentiert ((1)). Auch wenn einige der darin erw\u00e4hnten Projekte nicht mehr existieren, als Inspiration f\u00fcr nachhaltiges emanzipatorisches Aktivsein ist der Text immer noch lesenswert. Mit diesem Interview einer anarchistischen Gruppe wollen wir an Wege und M\u00f6glichkeiten zum nachhaltigen anarchistischen Aktivismus erinnern und neue Ideen teilen.<br \/>\nKeine Gruppe ist perfekt und wenn wir den Anspruch h\u00e4tten, eine perfekte Gruppe zu bilden, w\u00fcrden wir an diesem hohen Anspruch kaputtgehen. Auch gibt es L\u00f6sungen, die f\u00fcr einige Gruppen oder Person passen, und f\u00fcr andere nicht. Die Antworten der interviewten Gruppe sind keine Anleitung f\u00fcr alle, sondern ein Laden, von dem alle nehmen k\u00f6nnen, was und so viel sie wollen. Die Gruppenmitglieder haben meist einzeln und schriftlich auf die Fragen geantwortet, was dann zusammengesetzt wurde.<br \/>\nGraswurzelrevolution (GWR): K\u00f6nnt ihr euch kurz vorstellen? Seit wann gibt es euch? Womit besch\u00e4ftigt ihr euch? <\/p>\n<p>Anarchistische Gruppe: Unsere Gruppe existiert seit Anfang 2013, hat sich seitdem aber personell stark gewandelt; derzeit gibt es kein Mitglied, das schon von Anfang an dabei war. Wir besch\u00e4ftigen uns mit Anarchismus, Queerfeminismus und lokalen politischen Themen, Nachbar*innenschaftsarbeit wie Sozialrechtsberatung und Gegenseitiger Hilfe auch in Form von selbstorganisierter Lebensmittelrettung. Wir haben auch viel zu Umwelt- und Tierbefreiungsthemen gemacht.<\/p>\n<p>GWR: Wie seid ihr organisiert? Wie f\u00e4llt ihr Entscheidungen? <\/p>\n<p>Anarchistische Gruppe: Unsere Plena finden w\u00f6chentlich statt, aber nicht alle nehmen w\u00f6chentlich teil. Das ist v\u00f6llig in Ordnung. Sie sind klar strukturiert und vorbereitet. Moderation und Protokoll rotieren. Das Plenum dauert drei Stunden, wovon 1\/3 freie Zeit und Pause ist. Diese Pausen sind wichtig, um sich innerhalb der anderen Zeit konzentrieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nDie \u00fcbrige Zeit ist in drei Phasen geteilt: 1. Updates und Termine. 2. Top-Phase, in der Themen besprochen werden, die f\u00fcr alle relevant sind, und Entscheidungen gef\u00e4llt werden. 3. AG-Phase mit Kleingruppen zu konkreten Projekten. Hier werden Themen besprochen, die nicht f\u00fcr alle relevant sind, oder bereits mit der Umsetzung begonnen. Zwischen den drei Phasen gibt es Pausen zum Auflockern.<br \/>\nNeben dem Plenum nutzen wir zur Kommunikation ein Wiki-\u00e4hnliches Tool und ein sicheres Chat-Programm. Im Chat werden kontroverse Themen erneut geteilt, um allen die M\u00f6glichkeit zur Entscheidung zu geben.<\/p>\n<p>Gibt es Menschen in eurer Gruppe, die mehr kommunizieren oder mehr organisieren als andere und wenn ja, wird dies als Dominanz empfunden? <\/p>\n<p>Wenn Personen mehr organisieren, liegt das an unterschiedlichen Priorit\u00e4ten, Kapazit\u00e4ten, Interessen und Wissensunterschieden. Das wird jedoch nicht als Dominanz empfunden, da darauf geachtet wird, dass alle geh\u00f6rt werden und die Chance bekommen, etwas zu sagen, wenn sie wollen. Dominanz entsteht in meinen Augen vor allem dann, wenn die Menschen, die viel in der Gruppe machen, auch immer die Menschen sind, die alles entscheiden. Das nehme ich in der Gruppe nicht so stark wahr. Gerade bei kritischen oder kontroversen Themen werden immer m\u00f6glichst viele in die Entscheidung mit einbezogen.<br \/>\nAls eine Person, die neu dazugesto\u00dfen ist, empfinde ich die Ungleichheit eher als entlastend: Habe ich Ideen oder Vorschl\u00e4ge, werden diese offen aufgenommen, aber ich muss nicht mehr an Energie investieren, als ich habe. Dadurch, dass dies explizit nicht erwartet wird, habe ich mehr Zeit, die gewachsenen Strukturen kennenzulernen.<\/p>\n<p>Habt ihr eine Gruppenidentit\u00e4t? Seid ihr z.\u2009B. eher famili\u00e4r, eher geschlossen oder eher offen? Eher homogen zusammengesetzt oder divers, was z.\u2009B. Betroffenheit von Diskriminierung angeht? <\/p>\n<p>Die Umgangsform in der Gruppe ist eher umg\u00e4nglich-freundschaftlich als fachlich-akademisch-formell. Wir machen auch au\u00dferhalb der Plena Sachen gemeinsam. Wir sind eine offene Gruppe, die aber keine offenen Plena hat. Es gibt einen recht klar definierten Prozess der Aufnahme und Einarbeitung. In unserer Gruppe sind viele trans* Personen, auch chronisch-kranke und behinderte Personen. Die meisten erfahren keinen Rassismus.<\/p>\n<p>Von der  F\u00f6deration deutschsprachiger Anarchist*innen gibt es einen Text mit Hinweisen zur Gr\u00fcndung anarchistischer Gruppen ((2)), in dem u.\u2009a. angeregt wird, fr\u00fch im Prozess der Gr\u00fcndung grundlegende inhaltliche Fragen und organisatorische Strukturen zu kl\u00e4ren. Seid ihr auch so vorgegangen? <\/p>\n<p>Keins von uns war bei der Gruppengr\u00fcndung mit dabei. Der Gr\u00fcndungsprozess wird in meinen Augen in der Regel \u00fcberbewertet. Es kommt eher darauf an, die Gruppe am Leben zu erhalten und weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>Viele Gruppen l\u00f6sen sich auf, weil Leute wegziehen, keine Zeit mehr haben oder andere Interessen. Schafft ihr es gut, neue Leute zu integrieren, um dem vorzubeugen? <\/p>\n<p>Die Praxis, einen Verlust von Mitgliedern durch viele neue auszugleichen, spricht eher f\u00fcr eine vergiftete Kultur innerhalb der Gruppe, in der Menschen als Machtbasis und Ressourcen angesehen werden, die beliebig auswechselbar sind. Diese Burn-out-Kultur, verbunden mit dem aggressiven Anwerben neuer Menschen, ist oft in kommunistischen Gruppen zu finden. Wir freuen uns, wenn neue Menschen dazu kommen. Wichtig ist aber auch immer zu schauen, dass es pers\u00f6nlich f\u00fcr alle Beteiligten passt, auch f\u00fcr die Menschen, die neu in die Gruppe kommen.<br \/>\nSich in einen Raum zu begeben und sich einzubringen, erfordert Mut. Au\u00dferdem gibt es in der aktuellen gesamtgesellschaftlichen Situation viele Barrieren, sich politisch zu organisieren. Das Vertrauen fehlt. Wir versuchen, die Barrieren der Gruppe abzubauen und verst\u00e4ndnisvoll f\u00fcr unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse zu sein.<br \/>\nDa wir unterschiedliche Angebote organisieren, gibt es viele M\u00f6glichkeiten, uns kennenzulernen. Der Raum, den wir nutzen, wird auch von anderen Gruppen genutzt, sodass mensch uns eher beil\u00e4ufig entdecken kann. Es gibt hin und wieder offene Kennenlerntreffen, die wir bewerben. Auf einem zweiten internen Kennenlerntreffen wird dann u.\u2009a. die Gruppe, ihre Struktur und Funktionsweise vorgestellt. In einem geselligen Teil des Treffens versuchen wir uns auch menschlich kennenzulernen. Wenn Menschen zu den Kennenlerntreffen kommen, bleiben sie meistens. Das holt Menschen mehr ab, als der Direkteinstieg im Plenum, der schnell \u00fcberfordernd wirken kann.<br \/>\nNeuen Mitgliedern wird am Anfang ein Buddy angeboten, der prim\u00e4r die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen soll, dass das neue Mitglied in alle wichtigen Strukturen, Abl\u00e4ufe, etc., der Gruppe eingewiesen wird, und in der Gruppe ankommen kann. Das wichtigste, und das ist auch Teil des Buddy-Systems, ist, Menschen auch aktiv dazu zu bef\u00e4higen, eigene Projekte innerhalb der Gruppe umzusetzen. Diese Bef\u00e4higung wird oft vernachl\u00e4ssigt, bildet aber die Grundlage daf\u00fcr, dass Menschen auf Dauer und f\u00fcr sie sinnhaft an Gruppen teilnehmen. Das verhindert auch, dass sich \u201eAu\u00dfer mir macht ja keiner was\u201c-Mackerstrukturen herausbilden.<\/p>\n<p>Seht ihr es auch so, dass ein hierarchiearmer Umgang miteinander eine Atmosph\u00e4re braucht, in der Menschen ihre Anliegen und Gef\u00fchle \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen? Konntet ihr es normalisieren, \u00fcber Gef\u00fchle und insbesondere \u00c4ngste zu reden? <\/p>\n<p>Emotionen sind eine Voraussetzung f\u00fcr politisches Handeln: Wenn ich nicht w\u00fctend w\u00e4re, w\u00fcrde ich nicht hier sitzen und sagen, wir m\u00fcssen das anders machen. Auch in unseren Diskussionen geht es immer wieder um unsere Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse.<br \/>\nEs gibt hier den Space und die Atmosph\u00e4re, um offen reden zu k\u00f6nnen, ohne gewertet zu werden. Dabei geht es bei uns nicht so sehr darum, sich durchzusetzen oder recht zu haben, als viel mehr darum, die unterschiedlichen Perspektiven und Ansichten in einer L\u00f6sung unter einen Hut zu bringen. Es ist uns wichtig, aufeinander zu achten, einander ernst zu nehmen und zu verstehen. Dazu h\u00f6ren wir einander zu und lassen ausreden. Wir haben meist einen respektvollen und konstruktiven Umgang miteinander. Doch gerade Stress ist Gift f\u00fcr gute und bed\u00fcrfnisorientierte Kommunikation.<br \/>\nWir starten jedes Plenum mit einer Befindlichkeitsrunde. Es gelingt uns nicht immer, auf die dann im Raum stehenden Gef\u00fchle einzugehen. Im Plenum (Gruppengespr\u00e4ch mit allen Leuten) ist es oft schwer, offen und ehrlich \u00fcber alle Gef\u00fchle zu reden. Daf\u00fcr sind manchmal Einzelgespr\u00e4che besser geeignet. Es gibt auch au\u00dferhalb der Plena Gelegenheit, sich \u00fcber Gef\u00fchle wie Wut und Trauer auseinanderzusetzen. Eine feste Struktur dazu sind die Awarenesstreffen.<\/p>\n<p>Wie geht ihr mit Konflikten um? Geht ihr sie aktiv und mutig an oder lasst ihr sie wegen anderer Priorit\u00e4ten eher ruhen? Kl\u00e4rt ihr Konflikte eher intern oder fragt ihr auch mal extern nach Unterst\u00fctzung? Schlie\u00dflich ist gegenseitige Unterst\u00fctzung ein linkes Motiv. :) <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen nicht immer alle einer Meinung sein und schaffen es ganz gut, Ambivalenzen auszuhalten. Wir haben beispielsweise schon Demos organisiert und sie gleichzeitig \u00f6ffentlich kritisiert. Mein Eindruck ist, dass viele in unserer Gruppe gerade eher harmonie- und l\u00f6sungsorientiert sind. Die Gefahr ist dabei immer, dass Konflikte nicht offen angesprochen werden. Das ist sicherlich auch teilweise der Fall, was eine Zusammenarbeit in der Gruppe aber gerade nicht so wirklich belastet oder verhindert.<br \/>\nWir akzeptieren Konflikte, wenn sie n\u00f6tig erscheinen, wie z.\u2009B. in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen oder Themen, die f\u00fcr uns relevant sind. Bei Themen, wie beispielsweise dem israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, die nichts mit unserer politischen Arbeit vor Ort zu tun haben, sind wir eher pragmatisch und sprechen das Thema gar nicht an oder nur in einem extra daf\u00fcr vorgesehenen Rahmen. Wenn Konflikte belastend sind, nutzen wir unsere Awarenessstrukturen. Falls mindestens eine Person einen Wunsch danach \u00e4u\u00dfert, fragen wir nach externer Unterst\u00fctzung oder Moderation. Das kam bisher einmal vor. Mindestens eine Person in der Gruppe hat auch eine Konfliktmoderationsausbildung.<br \/>\nKritikw\u00fcrdiges Verhalten und belastende Konflikte werden auch in anlassbezogenen Reflexionstreffen angesprochen. Zus\u00e4tzlich gibt es dazu bei Bedarf Gespr\u00e4che in kleinen Gruppen oder zu zweit. Doch trotz der Nachbereitung von Konflikten kommt es immer wieder vor, dass Menschen im Zusammenhang mit Konflikten die Gruppe verlassen. Trennung ist auch eine Option, wenn sonst gar nichts mehr geht.<\/p>\n<p>Habt ihr Praktiken der Konfliktpr\u00e4vention? <\/p>\n<p>Bei uns ist alles freiwillig. Das nimmt viel Druck und Potenzial f\u00fcr Konflikte raus. Unsere Kultur der Offenheit erm\u00f6glicht das \u00c4u\u00dfern unterschiedlicher Meinungen und deren Wertsch\u00e4tzung. Das ist uns wichtig, damit Konflikte m\u00f6glichst nicht verdeckt brodeln. Eine weitere Methode der Konfliktpr\u00e4vention ist das oben erw\u00e4hnte Ausklammern von potenziellen Konfliktthemen, wenn sie unsere Arbeit nicht direkt betreffen.<br \/>\nWir haben ein Awarenesskonzept, was auch eine konfliktpr\u00e4ventive Aufgabe \u00fcbernimmt. Es gibt eine offene Awarenessgruppe, aus der sich mit der Zeit Dreiergruppen auskoppeln, die sich dann unabh\u00e4ngig alle vier bis sechs Wochen treffen. Ziel dieser Gruppen ist regelm\u00e4\u00dfige Reflexion, also dar\u00fcber zu reden, wie es uns geht, was uns besch\u00e4ftigt, auch in Bezug auf die Gruppe. Zus\u00e4tzlich besch\u00e4ftigen wir uns in diesen Treffen mit verinnerlichten herrschaftlichen Verhaltensweisen und Wegen, diese abzubauen, beispielsweise durch inhaltliche Weiterbildung zu antipatriachalen und antirassistischen Themen.<\/p>\n<p>Wie k\u00fcmmert ihr euch um die Reflexion eurer Umgangsweisen und Prozesse als Gruppe? <\/p>\n<p>Die Awarenesstreffen sind ein Raum daf\u00fcr. Zus\u00e4tzlich organisieren wir j\u00e4hrliche Reflexionstreffen, in denen wir besprechen, wie es insgesamt l\u00e4uft. Dabei geht es darum, Menschen abzuholen, zu schauen, was gut l\u00e4uft, was besser laufen kann und wie wir uns weiter entwickeln wollen.<\/p>\n<p>Ist Care-Arbeit bei euch gleichm\u00e4\u00dfig verteilt? Also z.\u2009B. welche Menschen, das Wohlbefinden aller in der Gruppe, Spannungen und Konflikte auf dem Schirm haben. <\/p>\n<p>Ich glaube nicht.<\/p>\n<p>Wisst ihr, was Einzelne von euch und euch als Gruppe stresst? Wie geht ihr mit Stress und Druck von innen oder au\u00dfen um? <\/p>\n<p>Manchmal werden z.\u2009B. Planungsphasen stressig. Wichtig ist, dass, wenn Menschen nach Unterst\u00fctzung fragen, die auch da ist. Wir arbeiten meist effizient, aber nicht so, dass wir gestresst sind. Stress ist ja eher ein Gef\u00fchl von \u00dcberforderung. Anforderungen sind immer verhandelbar, das ist uns auch als Gruppe bewusst. Wenn wir Stress entstehen sehen, sagen wir immer: \u201eMachen wir entspannt, dann haben wir keinen Stress.\u201c Dann schauen wir, woher die hohen Anforderungen kommen, die uns stressen. Manchmal kommen die auch von uns selbst, dass uns dann bestimmte Sachen wichtiger sind, als das, was wir leisten k\u00f6nnen. Dann sind wir so ehrlich zu sagen, das schaffen wir nicht. Wir gucken, wie wir die Anforderungen runterschrauben k\u00f6nnen. Von au\u00dfen lassen wir uns nicht stressen. Wir haben kein Problem damit, uncool zu sein.<\/p>\n<p>Ich habe geh\u00f6rt, dass ihr Druck vermeidet, indem ihr ressourcenorientiert handelt. Was bedeutet das f\u00fcr euch? <\/p>\n<p>F\u00fcr mich geht es darum, erst zu schauen, was k\u00f6nnen wir (schaffen), und dann erst zu schauen, was wir machen. Viele Gruppen scheinen es anders zu machen. Also am Anfang steht z.\u2009B. die Idee einer fertigen Kampagne zu einem bestimmten gerade angesagten Thema. Dann delegiert der*die Chef*in der Gruppe die Aufgaben und treibt die Menschen an, die entsprechenden Aufgaben zu erledigen. Manchmal ist der*die Chef*in auch charismatisch und mehr oder weniger freundlich, dann kann es auch sch\u00f6n sein zusammen zuarbeiten. Die Dynamik bleibt aber dieselbe. Vielmehr geht es darum zu gucken, was f\u00fcr F\u00e4higkeiten, Interessen und Bed\u00fcrfnisse in der Gruppe sind und was f\u00fcr ein Projekt wir damit gemeinsam umsetzen k\u00f6nnen. Gemeinsam, nicht gegeneinander.<\/p>\n<p>Wie geht ihr damit um, wenn Gruppenmitglieder \u00fcber l\u00e4ngere Zeit weniger Zeit oder Energie haben und weniger beitragen k\u00f6nnen oder eine Auszeit nehmen wollen? <\/p>\n<p>Wir akzeptieren das. Wir fragen nach, ob wir in der Gruppe etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, um es zug\u00e4nglicher zu gestalten. Jedes Mitglied kann zu jeder Zeit soviel oder wenig \u201ebeitragen\u201c wie es m\u00f6chte. Z.\u2009B. sich nur mal zu bestimmten Veranstaltungen einklinken, nur mal wieder f\u00fcr ein paar Wochen mitmachen oder nur per Chat dabei sein. Es gibt keine Mindestanforderungen f\u00fcr eine Teilnahme in der Gruppe. Vorstellbar w\u00e4re auch, dass du uns sagst, was du zu machen Lust h\u00e4ttest, und wir auf dich zukommen, wenn wir etwas in die Richtung machen oder deine F\u00e4higkeiten uns irgendwie unterst\u00fctzen k\u00f6nnen.<br \/>\nDiese Form der Freiwilligkeit ist es, die gute zuverl\u00e4ssige Absprachen erm\u00f6glicht. Menschen sagen viel genauer, was f\u00fcr sie okay ist und was nicht, wenn sie sicher sind, dass sie ihre Bedenken, Ansichten und Kapazit\u00e4ten frei \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, ohne daf\u00fcr verurteilt zu werden.<br \/>\nEs ist die grundlegende Frage von Freiwilligkeit. Klar k\u00f6nnen Menschen jederzeit entscheiden, teilzunehmen oder nicht. Genau darum geht es in der anarchistischen Idee der freien Assoziation. Mach was du willst, mit wem du willst. Konsens sollte jederzeit auch wieder zur\u00fcckziehbar sein. Alle, die sich damit schwertun, sollten da mal dr\u00fcber nachdenken, warum sie unsere Freiheit so hassen, und ob sie nicht in einer disziplinierten kommunistischen Zwangsorganisation besser aufgehoben w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Was braucht ihr, um motiviert zu bleiben? Ist euch dazu beispielsweise internes und externes Feedback wichtig? <\/p>\n<p>Ja, Feedback ist wichtig. Mir pers\u00f6nlich hilft das Lesen von politischer Theorie f\u00fcr den Erhalt der Sinnhaftigkeit. Manchmal ist es auch gut, einfach loszulegen, ohne alles zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Wie vereinbart ihr Gruppeninteressen mit individuellen Interessen? <\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht so richtig, was ein Gruppeninteresse sein soll. Die Gruppeninteressen werden ja definiert durch die Interessen und Bed\u00fcrfnisse der Teilnehmenden und \u00e4ndern sich auch mit den Interessen der Teilnehmenden. Die Gruppe ist nur ein Werkzeug, nichts Eigenst\u00e4ndiges, was irgendwie ein Eigenleben hat. Gruppeninteresse \u00fcber individuelles Interesse zu stellen ist Ausbeutung.<\/p>\n<p>Wie schafft ihr die Balance zwischen Lust einerseits und die f\u00fcr solidarische Praxis wichtige Verantwortung und Verbindlichkeit andererseits? <\/p>\n<p>Verbindlichkeit haben wir durch Freiwilligkeit ersetzt. Deshalb machen wir fast nur das, worauf wir Lust haben. Und wenn wir mal was machen m\u00fcssen, worauf wir keine Lust haben, dann schauen wir, warum wir keine Lust drauf haben. M\u00fcssen wir es wirklich machen und gibt es vielleicht Wege, wie wir es machen k\u00f6nnen, dass wir es vielleicht doch gerne machen? Putzen ist halt manchmal auch schei\u00dfe \u2013 aber es geh\u00f6rt dazu.<br \/>\nHabt ihr eine Kultur, Erfolge zu feiern und in Erinnerung zu rufen und Anerkennung f\u00fcr erledigte T\u00e4tigkeiten zu geben? Wie macht ihr das, ohne dass sich ein \u201edanke\u201c komisch von oben herab anf\u00fchlt?<\/p>\n<p>Wir erz\u00e4hlen am Anfang des Plenums, was wir in der letzten Woche bez\u00fcglich unserer Gruppenprojekte gemacht haben, um uns upzudaten. Dabei reflektieren wir auch, was wie gelaufen ist. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte es gerne etwas mehr Anerkennung in der Gruppe geben.<\/p>\n<p>Wie schafft ihr es, trotz der gesellschaftlichen Gesamtsituation einen positiven Bezug zu euren Inhalten zu bewahren, sodass ihr diese ohne Zynismus kommunizieren und sympathisch f\u00fcr andere weitergeben k\u00f6nnt? <\/p>\n<p>Gemeinsame Ziele zu verfolgen, die Erfahrung von Solidarit\u00e4t, Gemeinschaft und Anerkennung in unserer Gruppe sind etwas Positives. Ich merke, wenn ich lebe was ich denke, macht das nicht nur mein Leben besser (z.\u2009B. keine Lohnarbeit mehr), sondern auch das Leben der Menschen um mich herum.<br \/>\nMich treibt eine Art Nihilismus an: Es ist egal, ob es etwas bringt oder nicht, wichtig ist nur, nicht nichts zu tun. Und das was getan wird, muss nicht allein das gro\u00dfe Ganze ver\u00e4ndern. Es reicht, wenn es kleine Sachen zum Besseren ver\u00e4ndert oder verhindert, dass es schlimmer wird.<br \/>\nF\u00fcr mich ist es auch politische Theorie, die hilft gesamtgesellschaftliche und auch historische Zusammenh\u00e4nge zu sehen. Wir machen heute, was Menschen seit Jahrtausenden machen. Wir k\u00e4mpfen gegen jede Form von Herrschaft. Daf\u00fcr gibt es gute emotionale, rationale und pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde. Wir wollen Freiheit f\u00fcr uns alle. Daf\u00fcr k\u00e4mpfen wir. Mehr nicht.<\/p>\n<p>Das sind viele inspirierende Worte und Ideen. Danke f\u00fcr eure Zeit.<br \/>\nDas mit der kompletten Freiwilligkeit und jederzeit zur\u00fcckziehbarem Konsens finde ich eine spannende Frage. F\u00fcr manche Gruppen kann das gut funktionieren, bei uns im Hausprojekt ist das anders, weil mensch nicht mal eben schnell ausziehen kann und direkter mit den Auswirkungen nicht eingehaltener Vereinbarungen zusammenlebt. Nicht erledigte T\u00e4tigkeiten k\u00f6nnen zur Nichterf\u00fcllung von Bed\u00fcrfnissen von Mitbewohnenden f\u00fchren, Auswirkungen auf die Instandhaltung der H\u00e4user oder finanzielle und existenzielle Konsequenzen haben. Auch die Frage der Verteilung der Care-Arbeit ist dr\u00e4ngender. Ein zur\u00fcckgezogener Konsens k\u00f6nnte im Hausprojekt im Extremfall bedeuten, dass eine Person das Dach \u00fcber dem Kopf verliert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2011 hat eine Gruppe im Kontext der F\u00f6deration deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) die Veranstaltungsreihe \u201ePolitisch aktiv, ohne kaputtzugehen\u201c organisiert und dokumentiert ((1)). Auch wenn einige der darin erw\u00e4hnten Projekte nicht mehr existieren, als Inspiration f\u00fcr nachhaltiges emanzipatorisches Aktivsein ist der Text immer noch lesenswert. 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