{"id":3227,"date":"2000-03-01T00:00:57","date_gmt":"2000-02-29T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3227"},"modified":"2022-07-26T12:59:10","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:10","slug":"der-gemachte-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/03\/der-gemachte-mann\/","title":{"rendered":"Der gemachte Mann"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;M\u00e4nner sind Schweine&#8220;. Popsongs, zumal wenn sie sich als Sommerhits au\u00dfer in den Charts in Kneipen und mitgegr\u00f6lt in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln plazieren, haben immer das Zeug zur penetranten Nervigkeit. Aber Popsongs w\u00e4ren keine Popsongs, w\u00fcrden sie nicht ganz verschiedene Leute auf ganz unterschiedliche Weise ansprechen. Geschlechterforschende Soziologiestudenten konnten sich hier ebenso angemacht f\u00fchlen wie der antiakademische Macho von nebenan. So gesehen haben Die \u00c4rzte mit ihrer schlichten Weisheit im letzten Jahr einen performativen Widerspruch ersten Ranges inszeniert. Denn w\u00e4hrend der Songtitel ein Kollektivsubjekt besingt, eben die M\u00e4nner, weisen die verschiedenen Gr\u00fcnde, warum so etwas auf den Keks geht, gerade daraufhin, da\u00df es die M\u00e4nner eben nicht gibt.<\/p>\n<p>M\u00e4nnlichkeit ist keine essentielle, \u00fcberhistorische Gr\u00f6\u00dfe. Sie ist nicht als Verhaltensdurchschnitt, Charakterzug oder Norm zu definieren, sondern eine Position im Geschlechterverh\u00e4ltnis. Der australische Soziologe Robert W. Connell jedenfalls vertritt diesen Standpunkt. Damit stellt er sich nicht nur gegen g\u00e4ngige Ansichten aus Popul\u00e4r- und Alltagskultur. M\u00e4nnlichkeiten als von Grund auf historische, politisch konstituierte Konfigurationen von Praxis zu betrachten, ist auch in der akademischen Welt nicht selbstverst\u00e4ndlich. Die bekannteren M\u00e4nnerforscher in Deutschland beispielsweise, wie Walter Hollstein oder Wilfried Wieck, haben sich l\u00e4ngst eher dem Nachweis verschrieben, da\u00df der \u00c4rzte-Slogan falsch und M\u00e4nner gar nicht b\u00f6se sondern selber leidend sind.<\/p>\n<p>Mit Connells Buch ist endlich der erste systematische Versuch auf deutsch erschienen, eine Theorie von M\u00e4nnlichkeiten zu schreiben. Mit &#8222;Der gemachte Mann&#8220; ist im deutschen ein Titel gew\u00e4hlt, der fast treffender den Inhalt beschreibt, als das englische Original (&#8222;Masculinities&#8220;). Denn sowohl die Genese des Gegenstands, da\u00df der Mann gemacht, also gesellschaftlich konstituiert ist, als auch dessen politische Komponente kommen darin vor: ein gemachter Mann ist auch einer, der besser und m\u00e4chtiger ist, als andere. Da\u00df eine bestimmte Form von M\u00e4nnlichkeit sich immer in Relation zu anderen M\u00e4nnlichkeiten und zum Geschlechterverh\u00e4ltnis als Ganzem entwickelt, ist ebenfalls Connells These. Er beschreibt zwei Typen von Relationen als Untersuchungsrahmen f\u00fcr spezifische Formen von M\u00e4nnlichkeiten: Erstens ein Verh\u00e4ltnis von Hegemonie, Dominanz\/ Unterordnung und Komplizenschaft und zweitens das Verh\u00e4ltnis von Marginalisierung und Erm\u00e4chtigung. Unter Hegemonie fa\u00dft Connell in Anwendung von Gramscis Hegemonie-Begriff eine historisch bewegliche Relation. Hegemoniale M\u00e4nnlichkeit ist dann &#8222;jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis (&#8230;), welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimit\u00e4tsproblem des Patriarchats verk\u00f6rpert und die Dominanz der M\u00e4nner sowie die Unterordnung der Frauen gew\u00e4hrleistet (oder gew\u00e4hrleisten soll)&#8220;. Damit stellt er nebenbei ein von Illustrierten bis zur universit\u00e4ren Postmoderne-Debatte verbreitetes Mi\u00dfverst\u00e4ndnis klar: Nicht M\u00e4nnlichkeit und damit Strukturen und Institutionen des Patriarchats sind gegenw\u00e4rtig in der Krise und drohen in sich zusammenzust\u00fcrzen, sondern ihre Legitimationen.<\/p>\n<p>Neben hegemoniale macht Connell mit untergeordnete, komplizenhafte und marginalisierte drei weitere M\u00e4nnlichkeitsformen aus. Untergeordnete M\u00e4nnlichkeit beinhaltet alles, was mit Hilfe der patriarchalen Ideologie aus der hegemonialen M\u00e4nnlichkeit &#8211; &#8222;von einem anspruchsvollen innenarchitektonischen Geschmack bis zu lustvoll- passiver analer Sexualit\u00e4t&#8220; &#8211; ausgeschlossen wird. Untergeordnete sind in den heutigen westlichen Gesellschaften vor allem homosexuelle M\u00e4nnlichkeiten.<\/p>\n<p>Komplizenhafte M\u00e4nnlichkeit kann als Begriff auf Syndrome, Typen und auch auf die Anzahl von M\u00e4nnern angewandt werden, die mit der hegemonialen M\u00e4nnlichkeit in Verbindung stehen, diese aber nicht verk\u00f6rpern. Eine Form also, die vom allgemeinen Vorteil, der M\u00e4nnern aus der Unterdr\u00fcckung der Frauen zukommt, profitieren und damit an der &#8222;patriarchalen Dividende&#8220; teilhaben, wie Connell es ausdr\u00fcckt. Marginalisierte M\u00e4nnlichkeit ist im Gegensatz zu den drei zuvorgenannten keine interne Relation in der Geschlechterordnung. Als marginalisiert werden die M\u00e4nnlichkeiten aus untergeordneten Klassen- oder ethnischen Verh\u00e4ltnissen bezeichnet. Hier kommt dann die Interaktion des sozialen Geschlechts mit anderen Strukturen wie Klasse und &#8222;Rasse&#8220; zum Tragen. Connell bestimmt die Geschlechterverh\u00e4ltnisse somit immer auch in Beziehung zu anderen gesellschaftlichen Herrschaftsmechanismen wie Kapitalismus und Rassismus.<\/p>\n<p>Im letzten Teil seines Buches umrei\u00dft er die Geschichte von M\u00e4nnlichkeiten im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen. Kulturellen Ver\u00e4nderungen wie Reformation und Gegenreformation schreibt er f\u00fcr die Herstellung von M\u00e4nnlichkeiten ebenso gro\u00dfe Bedeutung zu wie der Schaffung der Kolonialreiche, dem Anwachsen der St\u00e4dte und den europ\u00e4ischen und nordamerikanischen B\u00fcrgerkriegen. Auch dabei handelt es sich um relationale Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen und pr\u00e4gen. Deshalb geht er davon aus, da\u00df M\u00e4nnlichkeiten in diesen Entwicklungen nicht nur hergestellt wurden, sondern da\u00df sie aktiv und gestaltend an ihnen beteiligt waren. Hergestellt wird Geschlecht laut Connell durch soziale Interaktion, ist also nichts Vorgegebenes. Seinen Konstruktivismus entwickelt er in Abgrenzung zu biologischen Modellen einerseits, und zu human- und sozialwissenschaftlichen anderereseits. W\u00e4hrend die ersten den geschlechtlichen K\u00f6rper f\u00fcr eine funktionsgesteuerte Maschine halten, verst\u00fcnden ihn die zweiten Ans\u00e4tze als Landschaft, als neutrale Oberfl\u00e4che, auf die ein sozialer Symbolismus eingetragen wird. Anstatt ihn wegzudiskutieren, wie im Gefolge von Judith Butlers Theorie oft geschehen, setzt Connell voll auf den K\u00f6rper: &#8222;der Schwei\u00df kann nicht au\u00dfer Acht gelassen werden&#8220;.<\/p>\n<p>Die K\u00f6rper l\u00f6sen sich laut Connell nicht auf in Zeichen, Symbole oder Positionen im Diskurs. K\u00f6rperliche Aktivit\u00e4ten wie das Geb\u00e4ren und Gro\u00dfziehen von Kindern, das Jungsein und Altwerden, sexuelles und sportliches Vergn\u00fcgen oder Arbeit begreift Connell als politische Akte. Verschiedene Versionen von M\u00e4nnlichkeit werden so &#8222;proze\u00dfhaft konstituiert als bedeutungsvolle K\u00f6rper und verk\u00f6rperte Bedeutungen&#8220;. Diese Prozesse nennt er &#8222;k\u00f6rperreflexive Praktiken&#8220; und bebildert sie anhand von ausf\u00fchrlichem empirischen Material. Bei all den Beispielen von durch Feminismus oder Arbeitslosigkeit verunsicherten Typen stellt sich allerdings manches Mal die Frage, ob es sich hier wirklich um die diagnostizierten Krisentendenzen in der gegenw\u00e4rtigen Geschlechterordnung handelt. Oder kann die individuelle Verunsicherung, die von ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen ausgeht, nicht den Legitimationsverlust jedes beliebigen Musters sozialen Lebens belegen? Aber mal angenommen, patriarchale Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4nge w\u00e4ren tats\u00e4chlich etwas labil geworden. Wie ist dann die Frage zu beantworten, wo das alles hinf\u00fchren soll? Connell selbst hofft auf eine profeministische Entwicklung und stellt auch sein Buch in deren Dienste. Das ist l\u00f6blich und, wie gesagt, l\u00e4ngst nicht mehr mainstream.<\/p>\n<p>Auch im deutschsprachigen akademischen Raum ist Connell mittlerweile einer der meistzitierten M\u00e4nnerforscher. Das d\u00fcrfte nicht zuletzt der Gastprofessur in Bochum zu verdanken sein, die er im Sommersemester 1999 inne hatte. In dem Sommer also, als Die \u00c4rzte gegen postmoderne Sozialforschung und Machismus parolierten. Das Erscheinen des Buches l\u00e4\u00dft insofern vielleicht mehr hoffen, als so manche vom antifeministischen Backlash gepr\u00e4gte Wirklichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;M\u00e4nner sind Schweine&#8220;. Popsongs, zumal wenn sie sich als Sommerhits au\u00dfer in den Charts in Kneipen und mitgegr\u00f6lt in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln plazieren, haben immer das Zeug zur penetranten Nervigkeit. 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