{"id":32352,"date":"2025-03-02T11:15:21","date_gmt":"2025-03-02T09:15:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/zur-flucht-gezwungen\/"},"modified":"2025-03-02T22:21:10","modified_gmt":"2025-03-02T20:21:10","slug":"zur-flucht-gezwungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/zur-flucht-gezwungen\/","title":{"rendered":"Zur Flucht gezwungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ewa und Adrian: Kannst du uns bitte ein wenig \u00fcber dein Leben erz\u00e4hlen bevor du nach Polen kamst? Was hat dich dazu gebracht, diesen Weg einzuschlagen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anna:<\/strong> Nach meinem Bachelor-Abschluss ging ich nach Russland, um meinen Master-Abschluss zu machen. Davor lebte ich in \u00c4thiopien. Dort begann die Situation kompliziert zu werden. Die Regierung \u00fcbte immer mehr Druck auf die Menschen aus, die mit Personen in Verbindung standen oder die verd\u00e4chtigt wurden, mit der Opposition zusammenzuarbeiten.<br \/>\nMein Vater war Pilot bei der Luftwaffe. Irgendwann geriet er in Verdacht, Verrat begangen zu haben und Verbindungen zu Regierungsgegnern zu unterhalten. Er wurde verhaftet. Sp\u00e4ter, nachdem er aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen worden war, konnte er kein normales Leben mehr f\u00fchren, denn die Regierung verlangte st\u00e4ndig etwas von ihm: Dokumente, Informationen, Gehorsam. Am Ende musste er untertauchen.<br \/>\nIch war zu dieser Zeit bereits mit einem Stipendium in Russland. Mein Vater ist untergetaucht, meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder sind in \u00c4thiopien geblieben. Sie konnten nicht umziehen, denn wenn die Regierung herausgefunden h\u00e4tte, wo sich mein Vater aufhielt, w\u00e4ren wir alle in Gefahr gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass mein Vater eritreischer Herkunft war. Dadurch wurde das Misstrauen gegen ihn und uns alle nur noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p><strong>Musste dein Vater fliehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Nach dem, was er im Gef\u00e4ngnis durchgemacht hat, hatte er keine andere Wahl. Wenn er wieder erwischt worden w\u00e4re, h\u00e4tte die Situation noch schlimmer werden k\u00f6nnen. Nicht nur f\u00fcr ihn, sondern f\u00fcr unsere ganze Familie. Wir wussten alle, dass sie, wenn sie ihn nicht finden, Druck auf uns aus\u00fcben w\u00fcrden, auf meine Mutter, auf mich, auf meine Geschwister.<br \/>\nMeine Mutter wusste nicht, wo sich mein Vater aufhielt. Er konnte es ihr nicht sagen. Es war zu riskant. Eines Tages kamen Polizeibeamte zu uns nach Hause. Sie fragten sie, wo er sich aufh\u00e4lt. Sie sagte, sie wisse es nicht. Ich glaube, sie glaubten ihr nicht, denn sie drohten ihr, in einer Woche wiederzukommen. Sie sagten ihr, sie solle sich auf die Konsequenzen gefasst machen, wenn sie keine Antwort f\u00fcr sie h\u00e4tte. Diese Worte &#8230; klangen wie ein Urteil.<br \/>\nSie musste fliehen. Es gab keinen anderen Ausweg. Sie packte ein paar Sachen und nahm meine Schwester und meinen Bruder mit. Sie hatten nur wenig Zeit, das Haus zu verlassen.<\/p>\n<p><strong>Es muss furchtbar gewesen sein.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, und es war noch nicht das Ende. In der Zwischenzeit nahmen sie uns alles, was wir hatten. Mein Gesch\u00e4ft, mein Bankkonto, mein Haus. Alles, was unserer Familie geh\u00f6rte, wurde beschlagnahmt. Die Beh\u00f6rden nahmen uns alles weg, was wir je besessen hatten.<\/p>\n<p><strong>All das geschah in \u00c4thiopien?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Alles begann damit, dass mein Vater zum Feind der Regierung erkl\u00e4rt wurde. Das war die Rache daf\u00fcr, dass er es gewagt hatte, seinen Werten und nicht dem System gegen\u00fcber loyal zu sein.<br \/>\nEs war wie die H\u00f6lle. Ich sah schwangere Frauen, die vergewaltigt wurden, weil sie mit \u201eVerr\u00e4tern\u201c verheiratet waren. In den Krankenh\u00e4usern, in denen ich gearbeitet habe, habe ich ihre Schreie geh\u00f6rt und ihre Tr\u00e4nen gesehen. Familien verloren ihre Angeh\u00f6rigen, einige verschwanden spurlos, andere kehrten als Schatten ihrer selbst zur\u00fcck, geistig und k\u00f6rperlich v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Ich selbst habe viele Familienmitglieder verloren.<br \/>\nEs ist furchtbar. Es tut uns sehr leid, dass du das erleben musstest.<\/p>\n<p>Es war unvorstellbar. Die Frauen, die Kinder&#8230; niemand war sicher. Die Beh\u00f6rden hatten einen Plan, sie wollten Menschen wie meinen Vater systematisch vernichten. Es war wie ein Todesurteil f\u00fcr ganze Familien.<\/p>\n<p><strong>Warst du zu dieser Zeit in Russland?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich war an der Uni. Aber ich hatte lange Zeit keine Nachricht von meiner Familie. Die Ungewissheit war das Schlimmste. Schlie\u00dflich habe ich meinen Bruder gefunden. Er hat mir gesagt: \u201eGeh nicht zur\u00fcck. Es ist zu gef\u00e4hrlich.\u201c<\/p>\n<p><strong>Das muss sehr schwierig gewesen sein.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Ich habe versucht, mich auf mein Studium zu konzentrieren, aber die Dinge wurden kompliziert. Unsere Bankkonten waren gesperrt, also hatte ich kein Geld, um meine Ausbildung fortzusetzen. Jeden Tag fragte ich mich, was ich tun sollte. Ich musste einen Weg zur Flucht finden.<\/p>\n<p><strong>Zu dieser Zeit begann der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, richtig?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich in Moskau war. Ich sa\u00df in einem Zimmer, als ich pl\u00f6tzlich von dem Krieg h\u00f6rte. Ich zitterte am ganzen K\u00f6rper. In diesem Moment wusste ich, dass ich nicht dort bleiben konnte.<\/p>\n<p><strong>Wir verstehen. Du hast dich also entschieden, nach Belarus zu gehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Ich hatte geh\u00f6rt, dass es ein einfacher Weg sein w\u00fcrde. Es hie\u00df, es sei ein schneller Weg nach Europa, aber erst sp\u00e4ter wurde mir klar, wie falsch ich lag. Ich landete im Dschungel, wo ich zwei Tage verbrachte, bevor die wahre H\u00f6lle begann.<\/p>\n<p><strong>Wie hast du es geschafft, dorthin zu gelangen? Kannst du uns erz\u00e4hlen, was du in dem Wald erlebt hast? Wie lange warst du dort? Hat dir jemand geholfen? Habt ihr Essen oder Wasser bekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir waren im Wald. Wir schliefen auf dem Boden, im Gras. Es war niemand da, der uns geholfen hat. Keine Organisationen, niemand&#8230;<\/p>\n<p><strong>Wir wissen, dass auf der belarussischen Seite niemand geholfen hat.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es gab \u00fcberhaupt keine Hilfe. Wir haben 50 Tage dort verbracht. Wir hatten nur sehr wenig Essen und Wasser. Als nichts mehr da war, tranken wir Wasser aus dem Fluss, das schmutzig und stinkend war. Wir hatten keine Wahl, wir mussten irgendwie \u00fcberleben. Wir wussten, dass die Soldaten uns verhaften oder Schlimmeres tun konnten, wenn sie uns fanden.<\/p>\n<p><strong>Selbst unter diesen Bedingungen hat dir niemand geholfen? Selbst als du gehungert hast?<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an das Gesicht eines Soldaten. Er fand mich, als ich versuchte, die Grenze zu \u00fcberqueren. Er packte mich und stie\u00df mich gewaltsam \u00fcber die Mauer. Er hat auch mein Telefon zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Haben sich polnische oder belarussische Soldaten so verhalten?<\/strong><\/p>\n<p>Beide haben das getan.<br \/>\nDie polnischen Soldaten schickten mich zur\u00fcck auf die belarussische Seite. Als sie mich weggeschoben haben, bin ich im Wasser gelandet.<br \/>\nSie sagten mir, ich solle zur\u00fcckgehen, und als ich versuchte, den Fluss zu \u00fcberqueren, fiel ich ins tiefe Wasser. Ich dachte, ich w\u00fcrde ertrinken.<\/p>\n<p><strong>Wie hast du es geschafft zu \u00fcberleben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe versucht, irgendwie herauszukommen, obwohl das Wasser tief war. Schlie\u00dflich gelang es mir, mich an einigen \u00c4sten festzuhalten. Es war schrecklich.<\/p>\n<p><strong>Und mit wem warst du im Wald? Warst du mit einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe unterwegs?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich war mit anderen zusammen. Ich habe f\u00fcnfmal versucht, die Grenze zu \u00fcberqueren. Jedes Mal haben sie mich zur\u00fcckgeschickt.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnfmal? Das muss unvorstellbar schwierig gewesen sein. Waren die Soldaten dir gegen\u00fcber aggressiv? Waren sie gewaltt\u00e4tig?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, sie waren aggressiv. Sie haben meine Sachen zerst\u00f6rt, sie haben mir nicht zugeh\u00f6rt, wenn ich versucht habe, etwas zu erkl\u00e4ren. Alles, was sie wollten, war, uns loszuwerden.<\/p>\n<p><strong>Wie bist du in einer so schwierigen Situation zurechtgekommen? In einem fr\u00fcheren Gespr\u00e4ch hast du uns von einer schwangeren Frau erz\u00e4hlt, die mit dir in der Gruppe war. Kannst du uns mehr \u00fcber ihre Geschichte erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es war eine schwangere Frau bei uns. Stell dir vor, du musst im Wald \u00fcberleben, und sie ist in einem solchen Zustand. Wir hatten keine Hilfe. Es gab kein Essen, kein Wasser, keine Medizin. Sie war schwach, sie konnte kaum laufen, aber sie hatte keine Wahl. Sie musste weitergehen, denn hierzubleiben bedeutete den Tod.<\/p>\n<p>Schwangeren Frauen sollte besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, und hier gab es nicht einmal die grundlegenden Dinge.<\/p>\n<p>Ich habe Geschichten von anderen Frauen geh\u00f6rt, die aufgrund der Bedingungen und der Ersch\u00f6pfung im Wald eine Fehlgeburt erlitten haben. Ich glaube, sie hat wie durch ein Wunder \u00fcberlebt. Schlie\u00dflich schaffte sie es, aus dem Dschungel herauszukommen, aber ich wei\u00df nicht, was danach mit ihr geschah. Ich habe den Kontakt zu ihr verloren.<\/p>\n<p><strong>Du hast zwei Monate in diesem Wald verbracht. Wie sahen die Bedingungen damals aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das Wetter war schrecklich. Es hat fast jeden Tag geregnet. Die Feuchtigkeit drang in alles ein, in Kleidung, Schuhe, Haut. Wir hatten keinen Platz zum Verstecken. M\u00fccken und andere Insekten haben uns st\u00e4ndig gestochen. Mein K\u00f6rper ist noch heute mit Narben von ihren Stichen \u00fcbers\u00e4t. Nachts konnten wir nicht schlafen \u2013 die Insekten, die K\u00e4lte, die Feuchtigkeit und die Angst vor den Soldaten lie\u00dfen uns nicht zur Ruhe kommen.<\/p>\n<p><strong>Haben die Soldaten dir in irgendeiner Weise geholfen? Haben sie auch nur ein Minimum an Unterst\u00fctzung, Wasser oder Essen angeboten?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, keiner von ihnen hat uns geholfen. Im Gegenteil, sie setzten viele Male Gas gegen uns ein. Ich erinnere mich, dass sie uns mit etwas bespr\u00fchten, das unsere Haut verbrannte und uns das Atmen unm\u00f6glich machte. Es war wie eine zus\u00e4tzliche Strafe, als ob unser Leiden im Dschungel nicht schon genug w\u00e4re. Meine Haut brannte, meine Augen tr\u00e4nten und ich sp\u00fcrte das Feuer in meiner Lunge. Es war unm\u00f6glich zu entkommen, weil sie \u00fcberall waren.<\/p>\n<p><strong>Wie hast du es geschafft, aus dieser H\u00f6lle zu entkommen?<\/strong><\/p>\n<p>Mit Hilfe einiger Leute, die ich im Wald traf, gelang es mir, die Grenze zu \u00fcberqueren. Ich war ersch\u00f6pft, hungrig und hatte nicht die Kraft zu laufen, aber ich musste es versuchen. Ich hatte Angst, dass sie mich erwischen und wieder auf die wei\u00dfrussische Seite zur\u00fcckschicken w\u00fcrden. Ich hatte schon einmal gesehen, wie sie die Menschen behandeln \u2013 wie Tiere.<\/p>\n<p><strong>Ich verstehe, dass es f\u00fcr dich schwierig war, dem Land zu vertrauen, in dem du dich nach all dieser Zeit wiedergefunden hast. Wie k\u00f6nntest du dich in Polen sicher f\u00fchlen, das dich von Anfang an eingesch\u00fcchtert hat?<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem, was ich gesehen und erlebt habe, konnte ich niemandem mehr trauen. Dieses Gef\u00fchl der st\u00e4ndigen Bedrohung bleibt einem lange Zeit erhalten.<\/p>\n<p><strong>Du lebst jetzt im Vereinigten K\u00f6nigreich und arbeitest als Krankenschwester in einem Krankenhaus. Es ist erstaunlich, dass du es geschafft hast, dein Leben trotz allem, was dir passiert ist, wieder aufzubauen.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich arbeite in einem Krankenhaus. Aber die Anf\u00e4nge waren sehr schwierig. Als ich hierher kam, hatte ich gro\u00dfe Schwierigkeiten, meine medizinische Ausbildung nachzuweisen. In Polen und Wei\u00dfrussland wurden alle Dokumente, die ich hatte, entweder zerst\u00f6rt oder beschlagnahmt. Das Haus meiner Familie wurde beschlagnahmt und mit ihm alles, was meine Vergangenheit belegen konnte \u2013 Diplome, Zeugnisse, alles war weg. Ich musste bei Null anfangen. Niemand schaute darauf, wer ich war oder was ich tun konnte. F\u00fcr sie war ich nur eine weitere Person, die sie loswerden wollten.<\/p>\n<p><strong>Hat dich jemand medizinisch versorgt, nachdem du den Wald verlassen hattest? Du musst nach zwei Monaten unter solchen Bedingungen ersch\u00f6pft gewesen sein.<\/strong><\/p>\n<p>Als ich im Krankenhaus in Polen ankam, war ich in einem schrecklichen Zustand. Mein K\u00f6rper war mit Narben \u00fcbers\u00e4t. Die Soldaten setzten Gas ein, das meine Haut verbrannte und mir schwere Atemprobleme bereitete. Im Krankenhaus sagte man mir, dass ich die Medikamente f\u00fcr die Narben selbst kaufen m\u00fcsse.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, was an diesen Grenzen passiert. Vielleicht werden sich die Dinge eines Tages \u00e4ndern, wenn sie nur unsere Geschichten h\u00f6ren.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Sie sagten, sie h\u00e4tten nicht alles und ich m\u00fcsse es mir selbst besorgen. Sie machten einige grundlegende Tests und gaben mir einige Medikamente gegen Infektionen, aber f\u00fcr den Rest musste ich das Geld selbst auftreiben. Meine Beine waren in einem so schlechten Zustand, dass ich kaum laufen konnte.<\/p>\n<p><strong>Wie solltest du nach zwei Monaten im Wald Geld f\u00fcr Medikamente auftreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Das haben wir nicht. Niemand hat mich gefragt, ob ich es mir leisten kann oder nicht. Im Krankenhaus sagten sie, sie w\u00fcrden nur in Notf\u00e4llen helfen und alles andere m\u00fcsse ich selbst organisieren.<br \/>\nIn diesem Moment f\u00fchlte ich mich nicht wie ein Mensch. Mein K\u00f6rper war ausgezehrt und meine Seele war gebrochen. Ich wollte einfach nur \u00fcberleben, aber selbst das schien mir nicht m\u00f6glich zu sein.<\/p>\n<p><strong>Wie hast du es geschafft, dich von all dem zu erholen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe es geschafft, nach Gro\u00dfbritannien zu kommen. Es war ein schwieriger Weg, aber als ich dort ankam, fing ich langsam an, mein Leben wieder aufzubauen. Mehrere Menschen haben mir dabei geholfen, aber die Angst und das Trauma blieben lange Zeit in mir. Selbst jetzt, wo ich in einem Krankenhaus arbeite, habe ich immer noch Angst vor Menschen in Uniform, und ich kann immer noch sp\u00fcren, wie mein K\u00f6rper auf die Erinnerungen an diese Ereignisse reagiert.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, was an diesen Grenzen passiert. Vielleicht werden sich die Dinge eines Tages \u00e4ndern, wenn sie nur unsere Geschichten h\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Wie lange warst du in Polen, nachdem du den Wald verlassen hast? Warst du nur im Krankenhaus, oder bist du auch in einer Art Fl\u00fcchtlingszentrum gelandet?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe etwa zwei Monate in Polen verbracht. Zuerst wurde ich in ein Krankenhaus gebracht, aber dort hat man mir nur vor\u00fcbergehend geholfen. Dann wurde ich in ein Fl\u00fcchtlingslager gebracht. Die Bedingungen im Lager waren schwierig, beengt, keine Privatsph\u00e4re, kalt. Jeden Tag hatte ich das Gef\u00fchl, dass ich dort nicht willkommen war. Obwohl ich mich an einem Ort befand, an dem man mir theoretisch helfen sollte, f\u00fchlte ich mich wie ein Eindringling, wie jemand, den man loswerden sollte.<\/p>\n<p><strong>Wie sah dein Leben im Lager aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ich konnte mich in dem Lager nicht sicher f\u00fchlen. Die Menschen um mich herum waren von ihren eigenen Problemen \u00fcberw\u00e4ltigt, und ich sp\u00fcrte immer noch die Auswirkungen dessen, was ich im Wald erlebt hatte. Mein K\u00f6rper war in einem schrecklichen Zustand und meine Psyche noch schlimmer. Ich hatte immer noch Angst \u2013 vor den Soldaten, vor den Menschen, vor jedem neuen Tag. Schlie\u00dflich begann ich nach einem Weg zu suchen, um von dort wegzukommen.<\/p>\n<p><strong>Was war dein gr\u00f6\u00dfter Beweggrund, Polen zu verlassen?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Familie. Meine Mutter und mein Bruder waren noch in \u00c4thiopien. Ich wusste, dass ich einen Weg finden musste, um sie finanziell zu unterst\u00fctzen. Das war einer der Gr\u00fcnde, warum ich nicht in Polen bleiben konnte. Der zweite Grund war Angst. Nach der Art und Weise, wie ich von den Soldaten und den Beh\u00f6rden behandelt wurde, wusste ich, dass dieser Ort niemals sicher f\u00fcr mich sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Hast du heute noch Kontakt zu deiner Familie?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es ist mir endlich gelungen, mit meiner Familie Kontakt aufzunehmen. Nach einer langen Zeit, fast ein Jahr nach meiner Ankunft im Vereinigten K\u00f6nigreich, habe ich meinen Vater gefunden.<br \/>\nJeden Tag hatte ich dar\u00fcber nachgedacht, ob er \u00fcberhaupt noch am Leben ist. Es stellte sich heraus, dass er sich im Sudan versteckt hielt. Er konnte keinen Kontakt zu uns aufnehmen, weil er Angst hatte, dass sein Aufenthaltsort verraten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die politische Lage in \u00c4thiopien? Ist deine Familie jetzt sicher?<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage hat sich ein wenig beruhigt, zumindest nach au\u00dfen hin. In den Medien wird behauptet, es sei besser, aber in Wirklichkeit gibt es immer noch viele Spannungen. Es ist kein Ort, an dem man ohne Angst leben kann. Die Menschen haben immer noch das Gef\u00fchl, dass sich alles im Handumdrehen \u00e4ndern kann.<\/p>\n<p><strong>Wie kommst du mit deinem neuen Leben im Vereinigten K\u00f6nigreich zurecht? Wie hat die Gesellschaft dich aufgenommen?<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem ich im Vereinigten K\u00f6nigreich angekommen war, f\u00fchlte ich mich endlich sicher. Das Asylverfahren war langwierig, aber ich konnte endlich anfangen, meine Zukunft zu planen. Ich m\u00f6chte mein Studium wieder aufnehmen, das ich abbrechen musste und eine Karriere in der Medizin anstreben. Ich habe hier Menschen getroffen, die mir wirklich geholfen haben. Maria, die ich getroffen habe, war einer dieser Engel. Sie war wie eine Mutter \u2013 voller W\u00e4rme, F\u00fcrsorge und Verst\u00e4ndnis.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie ich ohne Maria und andere Menschen aus humanit\u00e4ren Organisationen zurechtgekommen w\u00e4re. Dank ihnen habe ich angefangen zu glauben, dass ich mir ein neues Leben aufbauen kann.<\/p>\n<p><strong>Was hat dich im Vereinigten K\u00f6nigreich am meisten \u00fcberrascht?<\/strong><\/p>\n<p>Wie viele Menschen wirklich helfen wollen. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass man mich hier als Person ansieht und nicht als ein Problem, das gel\u00f6st werden muss. Zum ersten Mal seit langer Zeit f\u00fchlte ich mich mit Re-spekt behandelt.<\/p>\n<p><strong>Deine Geschichte ist sehr bewegend. Vielen Dank, dass du sie mit uns teilst.<\/strong><\/p>\n<p>Ich danke euch. Ich hoffe, dieses Buch wird den Menschen helfen zu verstehen, was an den Grenzen geschieht und warum es so wichtig ist, dass wir uns gegenseitig unterst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ewa und Adrian: Kannst du uns bitte ein wenig \u00fcber dein Leben erz\u00e4hlen bevor du nach Polen kamst? Was hat dich dazu gebracht, diesen Weg einzuschlagen? 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