{"id":32357,"date":"2025-03-02T11:15:22","date_gmt":"2025-03-02T09:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/linke-geschichte-plakativ\/"},"modified":"2025-03-24T01:11:21","modified_gmt":"2025-03-23T23:11:21","slug":"linke-geschichte-plakativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/linke-geschichte-plakativ\/","title":{"rendered":"Linke Geschichte plakativ"},"content":{"rendered":"<p>Am 25. Januar 2003 wollte der 48j\u00e4hrige Hartmut Balke mit seinem Sohn eine Punk-Party in Erfurt besuchen. Er geriet in Auseinandersetzungen mit zwei Neonazis, die in die Party einzudringen versuchten, aber abgewiesen wurden. Die Rechten holten Verst\u00e4rkung und trafen auf den ahnungslosen Balke. Sie schlugen ihn so heftig, dass er st\u00fcrzte und an einer Gehirnverletzung verstarb. Als Opfer rechter Gewalt ist er bis heute nicht offiziell anerkannt. Dass sein Name noch bekannt ist, liegt an einem Plakat, das die antifaschistische Gruppe dissens aus Erfurt zum 18. Todestag unter der \u00dcberschrift \u201eIm Gedenken an Hartmut Balke\u201c herausgegeben hat. Es gibt den von den Rechten Ermordeten Namen und Gesicht und verhindert so, dass sie vergessen werden.<br \/>\nDass Hartmut Balke als Opfer rechter Gewalt jetzt auch \u00fcber Erfurt hinaus bekannt wird, liegt daran, dass das Gedenkplakat in den k\u00fcrzlich erschienenen Band \u201eDruckmachen. Linke Plakate seit 1990 in Th\u00fcringen\u201c aufgenommen worden ist.<br \/>\n164 Plakate der au\u00dferparlamentarischen Linken Th\u00fcringens aus den letzten 35 Jahren haben die Herausgeber*innen dokumentiert. Vorangestellt sind drei Texte, die erfreulich selbstkritische Anregungen zur Rolle der Plakatkunst in der linken Szene geben. Ein Gro\u00dfteil der Poster dreht sich um den Kampf gegen Nazis in sehr verschiedenen Formen. Vor allem in den fr\u00fchen 1990er Jahren gab es noch in Handarbeit hergestellte Poster, wie den Aufruf zu einer Demo \u201egegen Rassenhass und Faschismus und f\u00fcr eine multikulturelle Gesellschaft\u201c am 4. April 1992 in Ilmenau. Auffallend h\u00e4ufig finden sich Plakate aus Erfurt und Jena in der Sammlung. Beide St\u00e4dte hatten in den letzten drei Jahrzehnten eine aktive au\u00dferparlamentarische Linke, die ihre Plakate dokumentierte und somit f\u00fcr die Nachwelt erhalten hat. In Erfurt bildete sich seit 1998 um das besetze Topf- und S\u00f6hne-Gel\u00e4nde eine linke Szene, die auch nach der R\u00e4umung des Geb\u00e4udes weiter aktiv blieb. In Jena war die Junge Gemeinde (JG) um den k\u00fcrzlich verstorbenen Pfarrer Lothar K\u00f6nig ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr linke oppositionelle Gruppen schon in der DDR (vgl. GWR 495). In den 1990er Jahren wurde die JG auch ein Ort f\u00fcr antifaschistische und antirassistische Arbeit in der Stadt. Wir k\u00f6nnen uns anhand der Plakate heute schon vergessener linker Aktivit\u00e4ten erinnern. Auch die migrantische Selbstorganisation The Voice hatte in Jena einen wichtigen Fokus. Davon zeugt ein dokumentiertes Plakat, das zu einem bundesweiten antirassistischen Camp unter dem Motto \u201eGemeinsam gegen Abschiebungen\u201c aufruft, das vom 27. April bis 1. Mai 2000 im Zentrum von Jena stattfand. 19 Jahre sp\u00e4ter wurde unter dem Motto \u201eAlle zusammen gegen den Faschismus\u201c ein Plakat von Nika-Jena ver\u00f6ffentlicht. Hinter dem K\u00fcrzel verbirgt sich das bundesweite antirassistische B\u00fcndnis \u201eNationalismus ist keine Alternative\u201c.<br \/>\nEs sind auch immer wieder Plakate aus kleineren Orten in dem Band zu finden. Besonders r\u00e4tselhaft ist ein buntes Poster, f\u00fcr das laut Impressum neben feministischen Gruppen auch die Stadtverwaltung und die Frauen-Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Gotha verantwortlich zeichnen. Die \u00dcberschrift lautet \u201eGothaer M\u00e4nner\u201c und richtet sich gegen Gewalt gegen Frauen. Auff\u00e4llig ist, dass zu den Unterzeichnenden auch das Panzeraufkl\u00e4rungsbataillon 13 Gotha geh\u00f6ren. Handelt es sich um eine Satire? Diese Frage konnten auch die Herausgeber*innen des Bandes nicht kl\u00e4ren. Sie haben aber recherchiert, dass das Plakat in den 1990er Jahren entstanden sein muss. Vielleicht gibt es durch das Buch weitere Hinweise auf die Entstehung des Posters.<br \/>\nEs ist dem Herausgeber*innen-kreis zu danken, dass sie mit der Dokumentation der Plakate und ihrer sparsamen, informativen Kommentierung die linke Basisarbeit vieler Menschen wieder in Erinnerung gerufen haben. Das hat nicht nur historischen Wert. Wir sehen beim St\u00f6bern im Buch, dass sich die Gruppen und politischen Akteur*innen ebenso ver\u00e4ndern wie die Drucktechnik. Die Themen, der Kampf gegen alle Arten von Kapitalismus, Faschismus, Patriarchat aber bleiben gleich.<br \/>\nZugleich ist das Projekt Druckmachen auch multimedial. Die Plakate und noch einige Zusatztexte k\u00f6nnen auf der Homepage https:\/\/druckmachen.arranca.de\/gallery\/index.php?\/category\/16 betrachtet werden. Mittlerweile sind dort sind \u00fcber 500 Poster dokumentiert. Weitere k\u00f6nnen noch eingef\u00fcgt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. Januar 2003 wollte der 48j\u00e4hrige Hartmut Balke mit seinem Sohn eine Punk-Party in Erfurt besuchen. Er geriet in Auseinandersetzungen mit zwei Neonazis, die in die Party einzudringen versuchten, aber abgewiesen wurden. Die Rechten holten Verst\u00e4rkung und trafen auf den ahnungslosen Balke. 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