{"id":32367,"date":"2025-03-02T11:15:24","date_gmt":"2025-03-02T09:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/fuer-anarcho-verhaeltnisse-ganz-schoen-zaeh-und-langlebig\/"},"modified":"2025-03-25T16:25:07","modified_gmt":"2025-03-25T14:25:07","slug":"fuer-anarcho-verhaeltnisse-ganz-schoen-zaeh-und-langlebig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/fuer-anarcho-verhaeltnisse-ganz-schoen-zaeh-und-langlebig\/","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr Anarcho-Verh\u00e4ltnisse ganz sch\u00f6n z\u00e4h und langlebig\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: Die Bibliothek der Freien gibt es seit mehr als drei\u00dfig Jahren. Es ging bei euch 1993 los \u2013 damals noch unter dem Namen \u201eBarbata\u201c in der Kreuzberger Kneipe El Locco. K\u00f6nnt ihr die wichtigsten Etappen der Entwicklung benennen?<\/strong><\/p>\n<p>Bibliothek der Freien: Nach der Schlie\u00dfung des El Locco sind wir 2000 im \u201eHaus der Demokratie\u201c in Berlin-Prenzlauer Berg eingezogen. Dort ist seitdem der Freihandbestand der Bibliothek \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. Seit 2001 verf\u00fcgt die Bibliothek \u00fcber eine eigene Homepage, die laufend weiterentwickelt wird, seit 2006 bringen wir eine eigene Schriftenreihe heraus (\u201eFindmittel und Bibliographien\u201c, bis jetzt drei B\u00e4nde mit Gratis-Download). Seit 2019 hat die Bibliothek einen professionellen Online-Katalog, der mit der freien Software Koha erstellt wird und seit Ende 2022 den gesamten Medienbestand verzeichnet. Dar\u00fcber hinaus wird das seit 1986 existierende Projekt \u201eDatenbank des deutschsprachigen Anarchismus \u2013 DadA\u201c, das seit Mitte 2021 nur noch als Archiv-Version der Online-Plattform DadAWeb existiert, mit der Abteilung \u201ePeriodika des Neoanarchismus ab etwa 1967\u201c weiter gef\u00fchrt. Mit Stand Februar 2023 sind insgesamt 1.628 Periodika mit ausf\u00fchrlichen bibliographischen und inhaltlichen Beschreibungen erfasst und \u00fcber unsere Website zug\u00e4nglich.<br \/>\nMit den \u00fcber 31 Jahren, die wir inzwischen existieren, k\u00f6nnen wir f\u00fcr Anarcho-Verh\u00e4ltnisse als ganz sch\u00f6n z\u00e4h und langlebig gelten, was unserer Sammlung zugutekommt. Existenzielle Krisen mussten wir zum Gl\u00fcck noch nicht durchstehen, aber der Trend vieler Leute zum vor\u00fcbergehenden und eher unverbindlichen Engagement ist problematisch f\u00fcr ein Bibliotheks-Projekt, das auf Dauer angelegt ist. Zu den positiven Entwicklungen z\u00e4hlen die vielf\u00e4ltigen Angebote der Bibliothek, wie zum Beispiel das langj\u00e4hrige Veranstaltungs-Programm. Wer kontinuierlich mitarbeiten will oder weitere Projekte im Rahmen der Bibliothek aufziehen m\u00f6chte, ist herzlich willkommen.<\/p>\n<p><strong>Der Name \u201eBibliothek der Freien\u201c spielt auf den in Berlin ans\u00e4ssigen lockeren Zusammenschluss der Freien im Berliner Vorm\u00e4rz an. Was bedeutet euch diese Namensgebung bzw. wie spiegelt sich diese in eurem Selbstverst\u00e4ndnis wider?<\/strong><\/p>\n<p>Im unruhigen Berlin vor der 1848er Revolution hatten sich die Berliner \u201eFreien\u201c zu einem kritisch-respektlosen Debattierclub zusammengeschlossen, dessen Treffpunkte sich im Zentrum des alten Berlins befanden, also nicht weit vom heutigen Standort unserer Bibliothek entfernt. Wenn auch nur ein knappes Jahrzehnt im Brennpunkt der \u00d6ffentlichkeit stehend, markieren die Berliner Freien doch eine jener radikal-freiheitlichen Traditionslinien, an denen die politische Kultur in Deutschland leider so arm ist. So schien es uns sinnvoll, mit dem Namen Bibliothek der Freien bewusst einen historisch-lokalpolitischen Bezug herzustellen; auch im Interesse eines libert\u00e4ren Regionalismus, der sich freiheitlichen Traditionen vor Ort verbunden f\u00fchlt und an diese anzukn\u00fcpfen sucht.<\/p>\n<p><strong>In der Geschichte der Bibliothek der Freien musstet Ihr auch schon Erfahrungen mit der Engstirnigkeit von Teilen der \u201eSzene\u201c machen. Mitunter wurde euch vorgeworfen, dass ihr in der Bibliothek auch die Werke kontroverser Theoretiker_innen wie Pierre-Joseph Proudhon habt und nicht-anarchistische Autor_innen f\u00fchrt. Was entgegnet ihr diesen partiellen Vorurteilen innerhalb der Szene?<\/strong><\/p>\n<p>Aus unserer Sicht ist Deutschland eine Art anarchistisches Entwicklungsland, daher wollen wir allen Interessierten authentische Informationsangebote zum Anarchismus zur Verf\u00fcgung stellen und sammeln hierf\u00fcr Medien aller anarchistischen Str\u00f6mungen, aus allen Zeiten und in allen Sprachen. Wir sammeln ALLES mit anarchistischem Bezug, dieser Bezug kann authentisch sein, aber auch irrig, kann positiv ausfallen oder kritisch. Wir versuchen den weiten Horizont, den Libert\u00e4re haben sollten, in unserer Bibliothek abzubilden. Dazu z\u00e4hlen neben den klassischen Werken auch Randgebiete, wie herrschaftskritische Ethnologie oder antiautorit\u00e4re Str\u00f6mungen in der Literatur, und sogar plumpe anti-anarchistische Pamphlete, die wir selbst unsympathisch finden, die aber trotzdem dokumentiert werden sollten. Von der Kirche bis zur Stasi haben schon viele versucht, unliebsame Literatur zu verbieten oder zu verbrennen, wir pr\u00e4sentieren nicht unsere Lieblings-Vorstellung, sondern versuchen jedwede Bezugnahme auf Anarchismus zu dokumentieren.<\/p>\n<p><strong>Die \u201eklassische\u201c Bibliothek wird als Auslaufmodell angesehen, die Entwicklung geht in Richtung \u201eMediatheken\u201c. Inwiefern findet sich das auch bei euch wieder? Welche Medien au\u00dfer B\u00fccher, Brosch\u00fcren und Zeitschriften k\u00f6nnen bei euch entliehen werden?<\/strong><\/p>\n<p>Die substanziellsten Angebote zu den verschiedenen Aspekten des Anarchismus gibt es leider immer noch nur in Printform, das ist das Ged\u00e4chtnis der libert\u00e4ren Bewegung, in dem sich h\u00e4ufig bis heute der aktuellste Forschungsstand spiegelt. Aber unser Medienverst\u00e4ndnis geht dar\u00fcber hinaus: In unseren Best\u00e4nden finden sich Audio-CDs, DVDs, Podcasts sowie Netzpublikationen \u2013 letztere sind \u00fcber unsern Online-Katalog verlinkt und \u00fcber das Internet direkt einsehbar.<\/p>\n<p><strong>Wie muss ich mir die klassischen Nutzer_innen der Bibliothek der Freien vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Einerseits nutzen Leute unser Informations- und Beratungsangebot, sind also auf der Suche nach substanziellen Informationen rund um den Anarchismus. Andererseits gibt es die Fachleute, die spezielle Fragestellungen recherchieren wollen. Beide Gruppen sind uns gleicherma\u00dfen ans Herz gewachsen. Dabei ergibt sich idealerweise ein qualitativ hochwertiger Austausch, bei dem wir fachlich gefordert werden, aber auch vom Potenzial der Nutzer_innen profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber wie viele physische Medien verf\u00fcgt ihr derzeit etwa? Was sind die zwei, drei absoluten Highlights in euren Best\u00e4nden?<\/strong><\/p>\n<p>Wir verf\u00fcgen derzeit \u00fcber 5.250 B\u00fccher und Brosch\u00fcren, mehr als 1.480 Zeitschriften-Titel und etwa 100 CDs\/DVDs (Stand: Ende September 2024). Zu den Highlights z\u00e4hlt einerseits unser Bestand an sogenannter Grauer Literatur, die nicht \u00fcber den Buchhandel vertrieben wird und damit selbst in National-Bibliotheken fehlt. Ansonsten sind wir gl\u00fccklich \u00fcber zahlreiche Erstausgaben aus den 1920er und 1950er Jahren und \u00fcber unser historisches Zeitschriften-Archiv, das unter anderem vollst\u00e4ndige Sammlungen der \u201eDirekten Aktion\u201c, der \u201eGraswurzelrevolution\u201c, des \u201eSchwarzen Fadens\u201c und vieler anderer Titel umfasst. Au\u00dferdem verf\u00fcgen wir \u00fcber spanischsprachige Zeitschriften, unsere \u00e4lteste Nummer bis jetzt: \u201eLa Revista Social. Eco del Proletariado\u201c aus Madrid vom 6. M\u00e4rz 1884. Ganz witzig: \u201eEl Chauffeur\u201c, das Organ der anarchistischen Taxifahrer in Montevideo (Uruguay) von 1921. Daneben auch Zeitschriften der CNT und der FAI aus dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p><strong>Kooperiert ihr mit anderen anarchistischen Bibliotheken und Gruppen im deutschsprachigen Raum bzw. dar\u00fcber hinaus?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab und gibt Kontakte zum AnArchiv, zur Biblioteka Anarchistyczna in Pozna\u0144 (PL), zum CIRA in Lausanne und vielen anderen. Wir sind Mitglied in der FICEDL, der F\u00f6deration libert\u00e4rer Dokumentationszentren (F\u00e9d\u00e9ration internationale des centres d\u2019\u00e9tudes et de documentation libertaires). Wenn wir personell breiter aufgestellt w\u00e4ren, w\u00fcrden wir hier gern mehr machen.<\/p>\n<p><strong>Ihr verf\u00fcgt auch \u00fcber eine Reihe von Nachl\u00e4ssen im Archiv \u2013 u.\u2009a. von Andreas Graf, Rudi Dutschke, Bernd und Karin Kramer. K\u00f6nnt ihr ein bisschen dar\u00fcber berichten?<\/strong><\/p>\n<p>Unser Archivbereich Nachl\u00e4sse und archivalische Sammlungen geh\u00f6rt zum gesch\u00fctzten Altbestand und kann auf Nachfrage zug\u00e4nglich gemacht werden. Das Archiv umfasst bis jetzt 14 Abteilungen, dazu geh\u00f6ren Materialien zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg (1936\u20131939), Dokumente zum anarcho-syndikalistischen Widerstand in der NS-Zeit, das Archiv des Karin Kramer Verlags und vieles mehr \u2013 alles aufgelistet auf unserer Homepage. Bei der Aufarbeitung von Archivmaterial ist viel Zeit und Sorgfalt n\u00f6tig, das reicht von Sortierarbeiten \u00fcber die Ablage in zertifizierten Mappen und Kartons bis zur Erarbeitung von Findb\u00fcchern. Die Ergebnisse k\u00f6nnen sich sehen lassen. Seit ein paar Jahren kommen Leute mit ihren Sch\u00e4tzen auf die Bibliothek zu \u2013 im Herbst 2009 schrieb uns die Urenkelin des Berliner Anarcho-Syndikalisten und Verlegers Fritz Kater an, ob wir an seinen Papieren (aus Familienbesitz) Interesse h\u00e4tten. Na klar, hatten wir.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern wird eure Bibliothek von der \u201eSzene\u201c genutzt und inwieweit greifen wissenschaftliche Einrichtungen oder Studierende auf eure Materialien zur\u00fcck?<\/strong><\/p>\n<p>In der Bibliothek wird niemand ausgefragt, zu welchem Zweck gest\u00f6bert und gelesen wird. Wir sind auf alles vorbereitet und breit aufgestellt, von Einf\u00fchrungen bis Spezialthemen. Gut sortiert sind wir zum Beispiel beim Thema Anarcho-Syndikalismus \u2013 das hat k\u00fcrzlich dazu gef\u00fchrt, dass wir mit der FAU Berlin spezielle Nutzungsbedingungen f\u00fcr ihre Mitglieder vereinbaren konnten, um ihnen den direkten Zugang zu unseren Best\u00e4nden zu erm\u00f6glichen. Wir erhalten aber immer wieder auch Anfragen aus Uni-Kontexten zu Fernleihe und Scan-M\u00f6glichkeiten.<br \/>\nDie Internationale der Kriegs-dienstgegner*innen (https:\/\/www.idk-info.net) bietet in der Bibliothek der Freien nach Vereinbarung individuelle Beratung zur Kriegsdienstverweigerung an.<\/p>\n<p><strong>Wie l\u00e4uft die Zusammenarbeit mit den verbliebenen anarchistischen Verlagen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir versuchen, das aktuelle libert\u00e4re Publikationsgeschehen abzubilden, soweit unsere finanziellen M\u00f6glichkeiten das zulassen. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrden wir uns w\u00fcnschen, dass Autor_innen und Verlage uns als Schaufenster und Ged\u00e4chtnis des Anarchismus in Deutschland wahrnehmen und nutzen, was wir ja auch sind.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die derzeitige Situation eurer Bibliothek und des Archivs? Welche Unterst\u00fctzung w\u00fcnscht ihr euch?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind jetzt mehr als 30 Jahre auf Sendung und mittlerweile die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Anarchismus-Sammlung zwischen Moskau und Amsterdam. Damit haben wir ein Level erreicht, bei dem wir zur Fortsetzung unserer Arbeit und zum weiteren Ausbau unseres Angebots auf Unterst\u00fctzung angewiesen sind: Neben immer willkommener tatkr\u00e4ftiger Mitarbeit ben\u00f6tigen wir auch kontinuierliche finanzielle Unterst\u00fctzung, die \u00fcbrigens auch steuerlich absetzbar ist. Leute, werdet F\u00f6rdermitglied der Bibliothek der Freien!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Die Bibliothek der Freien gibt es seit mehr als drei\u00dfig Jahren. Es ging bei euch 1993 los \u2013 damals noch unter dem Namen \u201eBarbata\u201c in der Kreuzberger Kneipe El Locco. K\u00f6nnt ihr die wichtigsten Etappen der Entwicklung benennen? 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