{"id":32369,"date":"2025-03-02T11:15:24","date_gmt":"2025-03-02T09:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/jiddische-sozialistinnen-ihrer-zeit-voraus\/"},"modified":"2025-03-02T11:15:24","modified_gmt":"2025-03-02T09:15:24","slug":"jiddische-sozialistinnen-ihrer-zeit-voraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/jiddische-sozialistinnen-ihrer-zeit-voraus\/","title":{"rendered":"Jiddische SozialistInnen: Ihrer Zeit voraus!"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch \u201eDER BUND. Eine illustrierte Geschichte j\u00fcdischen Arbeiterwiderstands\u201c handelt von der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte des Allgemeinen J\u00fcdischen Arbeiterbundes (Bund) in Litauen, Russland und Polen. Die links-sozialdemokratische j\u00fcdische Partei war transnational aktiv und musste unter unterschiedlichen Verh\u00e4ltnissen in den jeweiligen L\u00e4ndern k\u00e4mpfen. Die Geschichte des Bundes umfasste in Russland wegen der Unterdr\u00fcckung durch die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution nur die Zeit von 1897 bis 1917. In Polen und Litauen wurde der Bund 1939 durch den Einmarsch der deutschen Armee und ihren Vernichtungsfeldzug in den Untergrund gedr\u00e4ngt.<br \/>\nDie Lebensverh\u00e4ltnisse der meisten J\u00fcdinnen und Juden in Osteuropa waren bei seiner Gr\u00fcndung \u00e4rmlich. Vielfach verdienten sie als HandwerkerInnen, ArbeiterInnen oder HeimarbeiterInnen ihren Lebensunterhalt. Ein starkes Industrieproletariat fehlte gr\u00f6\u00dftenteils noch.<\/p>\n<p>Sprache und Kultur<\/p>\n<p>Innerhalb des Judentums, das teilweise hebr\u00e4isch als Sprache favorisierte, gab es auch gro\u00dfe Vorurteile gegen\u00fcber Jiddisch: \u201eJiddisch ist vulg\u00e4rer Stra\u00dfenjargon, gemacht f\u00fcr Kriminelle und Abschaum\u201c, wird ein Protagonist zitiert. Im Bund wurde jedoch Jiddisch gesprochen, denn dies war die Sprache der \u201ekleinen Leute\u201c. Diese \u201eNahsprache\u201c des Deutschen konnte gut f\u00fcr die Verst\u00e4ndigung \u00fcber L\u00e4ndergrenzen genutzt werden. In der Graphic Novel wird die Bedeutung dieser Sprache mit einem eigenen Kapitel gew\u00fcrdigt.<br \/>\nEs war dem Bund wichtig, sich trotz gro\u00dfer materieller Not f\u00fcr die kulturelle Weiterbildung ihrer Mitglieder einzusetzen. Es existierten eigene Verlage, Zeitungen, Bildungseinrichtungen, Lesekreise sowie Musik- und Theatergruppen. In der innerj\u00fcdischen Debatte \u00fcber den Zionismus pl\u00e4dierte der Bund daf\u00fcr, nicht nach Pal\u00e4stina auszuwandern, sondern hier und jetzt f\u00fcr ein besseres Leben und f\u00fcr einen demokratischen Sozialismus zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Sozialdemokratie<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis des Bundes zur polnischen Sozialdemokratie war schwierig. Diese setzte sich f\u00fcr einen starken Nationalstaat ein und forderte von den J\u00fcdinnen und Juden, sich zu assimilieren, dann w\u00e4re das Problem des Antisemitismus angeblich \u201egel\u00f6st\u201c. Der Bund war jedoch internationalistisch orientiert und hielt die Ansicht, der Antisemitismus w\u00fcrde in einem Nationalstaat einfach verschwinden, f\u00fcr blau\u00e4ugig. Zur Einordnung dieser Debatte sollte mensch wissen, dass bis 1918 Polen \u00fcber hundertzwanzig Jahre lang unter Fremdherrschaft stand und erst nach dem Ersten Weltkrieg seine Souver\u00e4nit\u00e4t wiedererlangte, die angesichts der vielen Minderheiten in dem neu geschaffenen Staatsgebilde fragil war. Der Bund trat hingegen f\u00fcr ein gleichberechtigtes Miteinander aller Bev\u00f6lkerungsgruppen ein, positionierte sich auch aus heutiger Sicht ausgesprochen weltoffen und war immun gegen jegliche Form von Nationalismus.<\/p>\n<p>Antisemitismus<\/p>\n<p>Die Bedrohung durch den Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die j\u00fcdischen ArbeiterInnen hatten unter einer doppelten Unterdr\u00fcckung zu leiden. Pogrome, Angriffe auf j\u00fcdische D\u00f6rfer, staatliche Willk\u00fcr, die Anwendung repressiver Gesetze und Diskriminierung waren an der Tagesordnung. Der Bund wehrte sich mit Demonstrationen und Generalstreiks und organisierte Selbstverteidigungsgruppen gegen \u00dcberf\u00e4lle. Die harten Auseinandersetzungen werden in eindrucksvollen Zeichnungen dargestellt.<\/p>\n<p>Klassenkampf<\/p>\n<p>Die im Buch auch einzeln vorgestellten AktivistInnen des Bundes setzten sich beispielsweise f\u00fcr die Abschaffung des Sechszehnstundentages, Kinderarbeit und Lohnraub sowie f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen ein. Sie gr\u00fcndeten 1897 im litauischen Wilna den Bund, der schnell zur gr\u00f6\u00dften Organisation j\u00fcdischer ArbeiterInnen anwuchs. Der Staat reagierte mit Repression. Viele wurden verhaftet, Druckereien und Einrichtungen zerst\u00f6rt.<br \/>\nEinen breiten Raum nehmen im Buch die Ereignisse in Russland ein. Die Unterdr\u00fcckung im Zarenreich, gescheiterte Reformversuche unter Kerensky und die Spaltung der revolution\u00e4ren Bewegung in Bolschewiki und Menschewiki werden in ihren einzelnen Stationen dargestellt. Der Bund verortete sich bei den Menschewiki, setzte sich f\u00fcr einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus ein und lehnte Gewaltanwendung zur Durchsetzung seiner Ziele ab. Nachdem sich nach 1917 die Wirkungsm\u00f6glichkeiten der BundistInnen aufgrund der kommunistischen Diktatur einschr\u00e4nkten, gingen etliche Funktion\u00e4rInnen nach Polen, um dort unter ver\u00e4nderten Bedingungen weiterzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Eine solidarische \u201eFamilie\u201c<\/p>\n<p>Diese Partei war von einer solidarischen und offenen Diskussionskultur gepr\u00e4gt. Der Umgang untereinander wird in dem Vorwort als \u201efamili\u00e4r\u201c beschrieben, was sicherlich auch auf die Zugeh\u00f6rigkeit zur j\u00fcdischen Gemeinschaft zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung im Vorwort: \u201eWir verehrten unsere Anf\u00fchrer nicht. Wir haben sie geliebt, hielten auf Demons-trationen aber nicht ihre Bilder hoch. Einfache Leute aus der Arbeiter*innenklasse schauten zu Erich und Alter (zwei f\u00fchrende Bund-Mitglieder, H. B.) auf, aber sie schauten deswegen nicht auf uns herab. Sie h\u00f6rten auf uns.\u201c<br \/>\nTrotz ansprechender Illustrierung ist das Buch nicht einfach konsumierbar. Die vielen Zeitspr\u00fcnge, R\u00fcckblenden, Exkurse und angesprochenen unterschiedlichen Aspekte verlangen konzentriertes Lesen. Wer sich intensiver mit der Geschichte des Bundes besch\u00e4ftigen will, dem empfehle ich zus\u00e4tzlich Gertrud Pickhans Buch \u201eGegen den Strom\u201c ((1)). Diese Autorin wies 1997 in ihrem Artikel in der \u201eFrankfurter Rundschau\u201c ((2)) darauf hin, dass 1933 der Bund der deutschen SPD komplettes Versagen in ihrem Kampf gegen den Faschismus vorwarf, weil sie auf Anpassung und Zusammenarbeit mit b\u00fcrgerlichen Parteien setzte, die Interessen der ArbeiterInnen missachtete und nicht bereit war, zusammen mit den Gewerkschaften notfalls zum Generalstreik aufzurufen. Kickhan zitiert den Bund-Aktivisten Wiktor Alter: \u201eDie deutsche Arbeiterbewegung wurde nicht ermordet, sondern beging Selbstmord.\u201c ((3))<br \/>\nDas tragische Schicksal von Bund-Mitgliedern, die in Auschwitz oder beim Warschauer Aufstand ermordet wurden, ist ebenfalls Thema in dieser Graphic Novel. Wir sollten nicht vergessen, dass der deutsche Faschismus daf\u00fcr verantwortlich war, dass diese hoffnungsvolle und emanzipatorische sozialistische Bewegung vernichtet worden ist.<br \/>\nIm Nachwort wird ausgef\u00fchrt, dass es in verschiedenen L\u00e4ndern Amerikas nach 1945 kleine Bund-Gruppen oder Einzelpersonen gab, die das Erbe dieser Bewegung bewahrten und inhaltlich in andere Parteien einbrachten. Zig Musikgruppen singen aktuell die Lieder der jiddischen Arbeiterbewegung und verweisen auf ihre reichhaltige widerst\u00e4ndige Tradition, insbesondere auf Mordechai Gebirtig (1877\u20131942) aus Krakau, der in dem Buch leider nicht erw\u00e4hnt wird. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung veranstaltete eine Tagung zum Bund und publizierte verschiedene Beitr\u00e4ge auf ihrer Homepage. Der \u201eExpress. Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit\u201c ver\u00f6ffentlichte in seiner Ausgabe 5-6\/2024 etwa zwanzig Zeichnungen aus dem vorliegenden Band. Interesse am j\u00fcdischen Arbeiterwiderstand ist also auch heute noch vorhanden. Zu Recht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch \u201eDER BUND. Eine illustrierte Geschichte j\u00fcdischen Arbeiterwiderstands\u201c handelt von der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte des Allgemeinen J\u00fcdischen Arbeiterbundes (Bund) in Litauen, Russland und Polen. Die links-sozialdemokratische j\u00fcdische Partei war transnational aktiv und musste unter unterschiedlichen Verh\u00e4ltnissen in den jeweiligen L\u00e4ndern k\u00e4mpfen. Die Geschichte des Bundes umfasste in Russland wegen der Unterdr\u00fcckung durch die Bolschewiki nach &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/jiddische-sozialistinnen-ihrer-zeit-voraus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Jiddische SozialistInnen: Ihrer Zeit voraus! - graswurzelrevolution","description":"Das Buch \u201eDER BUND. Eine illustrierte Geschichte j\u00fcdischen Arbeiterwiderstands\u201c handelt von der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte des Allgemeinen J\u00fcdischen Arbeiterb"},"footnotes":""},"categories":[2088],"tags":[],"class_list":["post-32369","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-497-maerz-2025"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32369\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}