{"id":32371,"date":"2025-03-02T11:15:24","date_gmt":"2025-03-02T09:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/keine-zeit\/"},"modified":"2025-03-29T12:59:58","modified_gmt":"2025-03-29T10:59:58","slug":"keine-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/keine-zeit\/","title":{"rendered":"Keine Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Das st\u00e4ndige Gef\u00fchl, keine Zeit zu haben, ist keine Schw\u00e4che des pers\u00f6nlichen Managements. Die Zeit ist nicht einfach da, sie wurde standardisiert, wird eingeteilt und mit Imperativen versehen, die uns dank Warenlogik in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen sind.<br \/>\nSimon Nagy beginnt seinen Essay mit dem Versuch des Anarchisten Martial Bourdin, die Zeit in die Luft zu jagen. Der Sozialrevolution\u00e4r wollte 1894 die Uhr in Greenwich sprengen, die die international genormte Zeit repr\u00e4sentierte. Er scheiterte und brachte sich mit seiner Bombe versehentlich selber um. Anarchist*innen waren gegen jede Herrschaft, auch gegen die \u00fcber die und durch die Zeit.<\/p>\n<p><strong>Kulturelle Einrichtung und Konterrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Die Zeit ist eine kulturelle Einrichtung, die Vergangenheit und Zukunft miteinander in Beziehung setzt. In ihr l\u00e4sst sich die Gegenwart als Ergebnis von K\u00e4mpfen ausweisen, nichts musste so kommen, wie es ist. Nicht eingetretene Ereignisse und begonnene K\u00e4mpfe k\u00f6nnen fortwirken, tauchen wie Gespenster in der Gegenwart auf. Gespenster \u00fcberwinden die Grenzen des Zeitlichen, sie sind Botentr\u00e4ger*innen, die das Nicht Mehr in ein Noch Nicht transportieren k\u00f6nnen. Von solchen Gespenstern handelt das Buch \u201eZeit abschaffen\u201c.<br \/>\nEine Vorstellung von Ver\u00e4nderbarkeit wird dabei vermittelt, die der Neoliberalismus zunichte machen m\u00f6chte, weil sie seiner Strategie der Anh\u00e4ufung und Konzentration von Reichtum hinderlich ist. Nagy nennt ihn eine Konterrevolution, die auf das Aufbegehren um 1968 regiert hat. Wie der Kapitalismus \u00fcberhaupt, arbeitet der Neoliberalismus daran, den Glauben aufrecht zu erhalten, \u201edass die aktuellen Arbeits-, Produktions- und Lebensweisen die objektiv notwendigen und sogar rationalen sind\u201c (111). Die Logik des Sachzwangs. Der Neoliberalismus spitzt eine dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zu: Die Zeit auf verwertbare Arbeitszeit zu reduzieren, alle nicht verwertbaren Zeitnutzungen abzuwerten und schlie\u00dflich zu unterbinden. Oder zu integrieren, und vormals deviante ((1)) Haltungen wie kreative, flexible Lebens- und Arbeitsgestaltungen wertsteigernd einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Alle Arbeit abschaffen<\/strong><\/p>\n<p>In Wirklichkeit aber gibt es angesichts der technologischen Entwicklung keinen Grund mehr, das menschliche Leben \u201eum wertgenerierende Arbeit herum zu strukturieren\u201c (120). Trotzdem aber kommt die Revolution nicht. Es gelte also, so Nagy, die \u201eAbschaffung der Arbeit\u201c als uneingel\u00f6stes Versprechen der Gespenster, als Forderung und Ziel wieder aufzugreifen. Und zwar nicht nur Industriearbeit, sondern auch die Reproduktionsarbeit, das K\u00fcmmern und Pflegen, die mental load, wie es heute hei\u00dft.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Sprengung der Zeit scheitert wohl nicht in erster Linie am Umgang mit Dynamit.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wie das in einer arbeitsteiligen Gesellschaft zu bewerkstelligen ist, ist aus der Negation (Abschaffen) nicht einfach abzuleiten. Es erfordert vielleicht eine eingehendere Rezeption von kollektiv organisiertem Fabrikbetrieb w\u00e4hrend der Spanischen Revolution 1936, von bohemistischem Feiern, der Eroberung des Alltags durch den Ausbruch von Frauen aus kleinfamili\u00e4ren und patriarchalen Strukturen, der Sabotage der Arbeit durch operaistische Arbeiter-Aktivist*innen u.v.a., die Nagy alle nur streift. Das lie\u00dfe sich kritisieren. Aber Nagy watet mit so vielen nachvollziehbaren Beispielen aus Filmen, Romanen und Pop-Songs auf, dass ihm dieser Mangel nachgesehen werden kann. Statt im Park Joggen zu gehen, lie\u00dfe sich ja auch theoretisch wie praktisch an die nicht angehobenen K\u00e4mpfe ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><strong>Gespenster vergangener K\u00e4mpfe<\/strong><\/p>\n<p>Trotz und gerade wegen der neoliberalen Indienstnahme des Begehrens, nach \u201eme time\u201c beim Joggen oder Kunstmachen beispielsweise, lohnt sich der Blick auf die Gespenster, die eine Alternative anboten und vernichtet wurden, \u201ebevor sie \u00fcberhaupt anheben konnten\u201c (162). An vergangene K\u00e4mpfe zu erinnern, deren Spuk in der Gegenwart wirkm\u00e4chtig werden k\u00f6nnte, ist das erkl\u00e4rte Ziel des Buches. Die von Mark Fisher reformulierte Einsicht, dass nichts im Sozialen naturgegeben und alles historisch entstanden ist, tritt als motivierende Ausgangsthese zutage. Auch die Gespenster und die Zeitdiagnose greift Nagy vom 2017 verstorbenen Kulturtheoretiker Fisher auf, der mit seinem Buch \u201eKapitalistischer Realismus\u201c (2009, Dt. 2013) einige Diskussionen in der Linken \u00fcber die Ausweg- und Alternativlosigkeit im Gegenwartskapitalismus losgetreten hatte.<\/p>\n<p>Die Lesezeit kann man sich gut einteilen, alle drei bis f\u00fcnf Seiten kommt ein neuer, mit einem Zitat eingeleiteter Teil. Was Nagy da aus popkulturellen Werken herausholt, sind erstaunliche Belege und Bebilderungen gespenstischer Wiederkehr. Er steht damit durchaus im Kontext des Spuks, den Theoretikerinnen wie Bini Adamczak (\u201egestern morgen\u201c, 2011) und Luise Meier (\u201eMRX Maschine\u201c, 2018) in den letzten Jahren in ihren Schriften aktualisiert haben. Aus anarchistischer Sicht gegen die Arbeit angeschrieben hatte auch schon der US-amerikanische Occupy Wall Street-Aktivist und Anthropologe David Graeber (\u201eBullshit Jobs\u201c, 2018). Die Sprengung der Zeit scheitert wohl nicht in erster Linie am Umgang mit Dynamit. Um angesichts dessen nicht, wie Fisher, an Depressionen zugrunde zu gehen, k\u00f6nnen Texte wie jener Nagys sicherlich einen Beitrag leisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das st\u00e4ndige Gef\u00fchl, keine Zeit zu haben, ist keine Schw\u00e4che des pers\u00f6nlichen Managements. Die Zeit ist nicht einfach da, sie wurde standardisiert, wird eingeteilt und mit Imperativen versehen, die uns dank Warenlogik in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen sind. 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