{"id":32372,"date":"2025-03-02T11:15:24","date_gmt":"2025-03-02T09:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/erst-wo-herrschaft-nicht-mehr-wahr-ist-gibt-es-keine-knechtschaft\/"},"modified":"2025-03-29T13:01:08","modified_gmt":"2025-03-29T11:01:08","slug":"erst-wo-herrschaft-nicht-mehr-wahr-ist-gibt-es-keine-knechtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/erst-wo-herrschaft-nicht-mehr-wahr-ist-gibt-es-keine-knechtschaft\/","title":{"rendered":"\u201eErst wo Herrschaft nicht mehr wahr ist, gibt es keine Knechtschaft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Meine Liebe zu Schm\u00e4hgedichten, Satire und Dadaismus hat eine Vorgeschichte. Mein Vater hatte in den 1970ern die Pardon und nach dem Sinkflug dieser Satirezeitschrift ab 1979 die Titanic im Abo. Meiner Tante Ulla und ihrem Uli bin ich dankbar daf\u00fcr, dass sie meinen Geschwistern und mir zu Geburtstag und Weihnachten (bei meiner Schwester und mir f\u00e4llt das leider auf den gleichen Tag) F.\u2009K. Waechters komische Kinder-Wandkalender oder B\u00fccher wie \u201eWahrscheinlich guckt wieder kein Schwein\u201c geschenkt haben. So konnten wir schon als Kinder einen Hauch von Freiheit, Anarchie und Abenteuer einatmen.<br \/>\nNoch vor der Frankfurter Schule kam ich also in Kontakt mit der weniger ber\u00fchmten, aber witzigeren Neuen Frankfurter Schule. Diese Schule des Humors gefiel mir besser als die verkn\u00f6cherten Lernanstalten, in denen traditionell und leider bis heute zumeist so gelehrt wird, als sei der Geist eine Scheune, die man f\u00fcllt, und nicht eine Flamme, die man n\u00e4hrt.<\/p>\n<blockquote><p><em><strong>Gsella steht in der Tradition von Robert Gernhardt und seine Schm\u00e4hgedichte geh\u00f6ren zu den lustigsten und bissigsten Texten, die je in deutscher Sprache verfasst wurden<\/strong><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In der Schule war ich lange Zeit ein Klassenclown. Noch als langhaariger Oberstufensch\u00fcler las ich meinen Mitsch\u00fcler*innen in den Pausen Gedichte von Ernst Jandl und Erich Fried vor oder stellte mich auf die Telefonzelle vor der Sporthalle, um als \u201eJesses\u201c agitatorische Reden f\u00fcr eine freie Schule ohne Noten und Zwang zu schwingen. Das kam bei den meisten Lehrkr\u00e4ften schlecht und bei vielen Mit-sch\u00fcler*innen gut an. Nachdem mein endg\u00fcltiger Schulverweis in der zehnten Klasse dank der erfolgreichen verbalen Intervention meiner warmherzigen Mutter abgewendet werden konnte, wurde ich in der Oberstufe Jahrgangsstufensprecher und stellvertretender Sch\u00fclersprecher. Mit Freund*innen gr\u00fcndete ich eine relativ verbal radikale Sch\u00fcler*innenzeitung. Die \u201eSplash\u201c l\u00f6ste als angeblich \u201elinksextremes Schmierblatt\u201c bei konservativen Eltern und Lehrkr\u00e4ften Schnappatmung aus. Wer sie heute lesen will, muss sich schon ins Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum nach Duisburg aufmachen, denn im Archiv des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Unna sind zwar alle Sch\u00fcler*innenzeitungen dieser Schule zu finden, aber ausgerechnet die vier von 1984 bis 1986 erschienenen \u201eSplash\u201c-Ausgaben nicht.<br \/>\nOh, ich bin vom Thema abgewichen.<\/p>\n<p>Thomas Gsellas Texte lese ich, seitdem er von 1992 bis 2008 Redakteur der Titanic war. Gsella steht in der Tradition von Robert Gernhardt und seine Schm\u00e4hgedichte geh\u00f6ren zu den lustigsten und bissigsten Texten, die je in deutscher Sprache verfasst wurden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32481\" aria-describedby=\"caption-attachment-32481\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-32481\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/310-465-max.webp\" alt=\"310 465 max\" width=\"310\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/310-465-max.webp 310w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/310-465-max-200x300.webp 200w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/310-465-max-300x450.webp 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 310px) 100vw, 310px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32481\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Gsella &#8211; Foto: Tom Hintner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aus seinem neuesten Buch \u201eHereimspaziert\u201c habe ich f\u00fcr meine Liebste etliche Gedichte rezitiert. Im Wechsel hat sie mir aus Safiye Cans neuem Gedichtband \u201eDiese Haltestelle hab ich mir gemacht\u201c vorgelesen. Beim wohligen Klang ihrer Stimme bin ich allerdings zumeist eingeschlafen.<br \/>\nWarum sollte Gsellas 258seitiger Gedichtband \u201eHereimspaziert\u201c unbedingt in den Libert\u00e4ren Buchseiten der Graswurzelrevolution besprochen werden?<br \/>\nDaf\u00fcr gibt es gute Gr\u00fcnde. Die Anarchismus-Rubrik der Monatszeitung Graswurzelrevolution tr\u00e4gt den sch\u00f6nen Namen \u201ees wird ein lachen sein\u201c. Den Nachsatz \u201edas sie besiegt\u201c m\u00fcssen wir uns dazu denken. Ob er nun den Namen Trump, Putin oder Erdo\u011fan tr\u00e4gt, es ist nicht zuletzt der Humor, das Lachen, das daf\u00fcr sorgen wird, dass der K\u00f6nig nackt ist, dass er das erkennt und vor lauter Schreck dar\u00fcber vom hohen Ross f\u00e4llt. Die Autokraten, Diktatoren und Milliard\u00e4re werden fallen, alle! Da bin ich optimistisch, auch wenn uns der schlechte Atem von Trump, Musk, Putin und Co. gerade \u00fcbel ins Gesicht geblasen wird. Meinen Optimismus n\u00e4hren auch Gedichte, wie die von Thomas Gsella.<br \/>\nBei dem 1958 in Essen geborenen Sprachk\u00fcnstler mischt sich \u201eder Furor des Gerechten mit dem Humor des Gelassenen und das mitf\u00fchlende Herz des Philanthropen mit dem b\u00f6sen Scherz des Misanthropen. Noch in jedem kurzen Gedicht Gsellas wohnt mehr Menschenliebe als selbst im L\u00e4cheln des Dalai Lama\u201c (S. 10), schreibt Max Uthoff im Vorwort von \u201eHereimspaziert\u201c. Das passt!<br \/>\nGraswurzelrevolution\u00e4r*innen agieren mit direkten gewaltfreien Aktionen f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft. Sind Gewaltphantasien, die sich gegen Rassisten und Hetzer wenden, also verwerflich? Nein. Erst recht nicht, wenn sie sich in der Kunst und in so blumigen Worten wie denen von Gsella ausdr\u00fccken. So geht es in den ellenlangen \u201eSieben Postrevolution\u00e4ren Balladen aus dem Jahr 2030\u201c auf Seite 163 ff. auch um den, bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 von 28,5\u00a0% gew\u00e4hlten Sauerl\u00e4nder und zuk\u00fcnftigen Bundeskanzler:<\/p>\n<p>\u201eI. MIGRANTEN MIT HERZ<\/p>\n<p>Das Mitleid \u00fcbermannte sie<br \/>\nUnd Zorn auf die Barbaren,<br \/>\nDenn solche Ohnmacht kannten sie,<br \/>\nDie einst geflohen waren &#8211;<br \/>\nDa schrie ein alter M\u00fcmmelmann<br \/>\n(Schmalz tropfte aus den Ohren):<\/p>\n<p>\u201aNur Asylanten kommen dran!<br \/>\nDoch ICH bin hier geboren!<br \/>\nSie nehmen mir, der hier zu Haus\u2019<br \/>\n(Sein Maul grotesk verwinkelt,<br \/>\nEin Spuckfaden hing heraus,<br \/>\nSein Hosenschlitz: bepinkelt)<br \/>\n\u201aBeim Zahnarzt die Termine weg!<br \/>\nWIR DEUTSCHE m\u00fcssen warten!<br \/>\nSchuld ist der Asylantendreck!<br \/>\nStatt Worten braucht es Taten!\u2018<\/p>\n<p>Da riefen sie: \u201aSo soll es sein!\u2018<br \/>\nDann ward es resoluter.<br \/>\nSie hauten Merz zwei Z\u00e4hnchen ein,<br \/>\nSo wurd sein Fall akuter.<\/p>\n<p>Auch ihm gefiel die kluge List,<br \/>\nDa klopften sie noch fester.<br \/>\nAm selben Tag sprach ein Dentist:<br \/>\n\u201aHereinspaziert, mein Bester!\u2018<\/p>\n<p>Moral: Nun kam er endlich dran<br \/>\nUnd fand sein Gl\u00fcck hienieden.<br \/>\nVerlaust, jedoch in Frieden.\u201c<\/p>\n<p>Das ist gallig, aber wohltuend, gerade in Zeiten, in denen Herr Sch-Merz seine rassistischen Gesetzentw\u00fcrfe gegen gefl\u00fcchtete Menschen mit Hilfe der in gro\u00dfen Teilen neofaschistischen AfD durchsetzen will.<br \/>\nNoch besser gef\u00e4llt mir aus diesem siebenteiligen Gsella-Gedicht der letzte Teil, der auch von meinem Lieblingsdichter Erich M\u00fchsam (1878\u20131934) stammen k\u00f6nnte und meine anarchistische und antimilitaristische Seele in Verz\u00fcckung versetzt. Um den Rahmen dieser Rezension nicht zu sprengen folgt schon hier die unbedingte Kaufempfehlung \u2013 Kauft und lest dieses wunderbare Buch!!! \u2013 und ein weiterer, kleiner Auszug:<\/p>\n<p>\u201eVII. AUS DEM NEUEN GRUNDGESETZ<\/p>\n<p>((1)) Weil die W\u00fcrde antastbar ist,<br \/>\nWenn sich Macht ihr Recht schafft:<br \/>\nErst wo Herrschaft nicht mehr wahr ist,<br \/>\nGibt es keine Knechtschaft.<\/p>\n<p>((2)) So geh\u00f6ren die Maschinen<br \/>\nNach dem Kampf der Klassen<br \/>\nHeute euch, nein, besser Ihnen,<br \/>\nDenn der Reim muss passen.<\/p>\n<p>((3)) Setzt ein Arsch erneut auf Beute,<br \/>\nFressen ihn die Raben.<br \/>\nArbeit endet, wenn die Leute<br \/>\nKeine Lust mehr haben.<\/p>\n<p>((9)) T\u00f6tungswaffen sind verboten.<br \/>\nDie sie trotzdem bauen,<br \/>\nLassen wir von tausend Toten<br \/>\nAuf die K\u00f6pfe hauen.<br \/>\n(&#8230;)\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Liebe zu Schm\u00e4hgedichten, Satire und Dadaismus hat eine Vorgeschichte. Mein Vater hatte in den 1970ern die Pardon und nach dem Sinkflug dieser Satirezeitschrift ab 1979 die Titanic im Abo. 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