{"id":32495,"date":"2025-03-27T18:06:27","date_gmt":"2025-03-27T16:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/feminismus-oder-traenengas\/"},"modified":"2025-06-10T23:43:53","modified_gmt":"2025-06-10T21:43:53","slug":"feminismus-oder-traenengas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/feminismus-oder-traenengas\/","title":{"rendered":"Feminismus oder Tr\u00e4nengas?"},"content":{"rendered":"<p>Der politischen Gruppe \u201eVivas nos queremos\u201c (wir wollen leben) zufolge wurden die staatlichen Barrikaden errichtet, um die Demo des 8. M\u00e4rz einzud\u00e4mmen und die Teilnahme unter anderem f\u00fcr Menschen mit Mobilit\u00e4tseinschr\u00e4nkungen, \u00c4ltere und Kinder zu erschweren. Men-schenrechtsverteidiger*innen und Journalist*innen wurden in ihrer Arbeit eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die mexikanische Pr\u00e4sidentin Claudia Sheinbaum f\u00fcr sich beansprucht, alle Frauen und Minderheiten mit ihrem Amt zu repr\u00e4sentieren, stehen diese Barrikaden in krassem Widerspruch zur inklusiven Rhetorik der Regierung. Sie sollen die Demonstrierenden abschirmen, abgrenzen, ausschlie\u00dfen. Anstatt auf Geh\u00f6r f\u00fcr ihre Anliegen, sto\u00dfen die Demonstrierenden auf eine stumme Wand. Stumme W\u00e4nde der Gleichg\u00fcltigkeit angesichts der grenzenlosen Gewalt gegen Frauen. Denn in Mexiko werden jeden Tag im Durchschnitt zehn Frauen ermordet. Und w\u00e4hrend der ersten 100 Tage von Sheinbaums Regierung wurden 1.259 Frauen als vermisst gemeldet. Dabei sollte doch unter einer Pr\u00e4sidentin alles anders werden.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>\u201eLlegamos todas\u201c legt die Widerspr\u00fcche eines liberalen Feminismus offen, der vor allem auf Gleichberechtigung innerhalb des Systems abzielt, ohne die Grundfeste des Herrschaftssystems zu ersch\u00fcttern. Oder anders gesagt: Anstatt den patriarchalen Thron zu st\u00fcrzen, wird er bestiegen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die als links-feministisch geltende Pr\u00e4sidentin Claudia Sheinbaum hatte bereits im Jahr 2020 das Aufstellen von Z\u00e4unen am Nationalpalast, an \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, Denkm\u00e4lern, Banken und Gesch\u00e4ften w\u00e4hrend feministischer Demonstrationen f\u00fcr g\u00fcltig erkl\u00e4rt. Trotz ihrer k\u00e4mpferischen Rhetorik gegen Gewalt an Frauen lehnte sie verschiedene Vorschl\u00e4ge feministischer Gruppen zur Verbesserung der Lage von Frauen und Queers ab. Auch kam es zu einer aktiven Ablehnung des Dialogs mit verschiedenen feministischen Gruppen, sowie der Inhaftierung von Mitgliedern des feministischen Schwarzen Blocks.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32630\" aria-describedby=\"caption-attachment-32630\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-32630\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365-750x1000.jpg\" alt=\"1024 1365\" width=\"750\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365-750x1000.jpg 750w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365-600x800.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/1024-1365.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32630\" class=\"wp-caption-text\">\u201eEs ist nicht normal, dass jede von uns eine Missbrauchsgeschichte hat.\u201c<br \/>Foto: Lisa Kopp<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sheinbaum zog mit der Parole \u201eLlegamos todas\u201c (Wir sind alle angekommen) ins Regierungsgeb\u00e4ude ein und behauptete im Sinne einer neoliberalen Repr\u00e4sentationslogik, mit ihr seien dort auch alle anderen Frauen eingezogen \u2013 Macht \u00fcbernommen, Ziel erreicht, angekommen. Das wird mittlerweile von Feminist*innen aufgegriffen und \u00f6ffentlich als uneingel\u00f6stes Versprechen kritisiert. So lautete in verschiedenen St\u00e4dten Mexikos ein pr\u00e4senter Demospruch des Frauenkampftages 2025: \u201eNo llegamos todas\u201c \u2013 wir sind nicht alle angekommen. Als Reaktion auf die Errichtung der staatlichen Barrikaden anl\u00e4sslich des 8. M\u00e4rz teilten verschiedene feministische Gruppen Bilder in den sozialen Medien, auf denen sie die Barrikaden mit dem Spruch \u201eLlegamos todas\u201c (Wir sind alle angekommen) verzierten und in Klammern hinzuf\u00fcgten: \u201ePero hasta aqui\u201c (Aber nur bis hier).<br \/>\nDie satirische Kritik zielt darauf ab, dass in Mexiko aus feministischer Perspektive die progressiven Ver\u00e4nderungen nicht ausreichen und auch unter der scheinbar linken, feministischen Pr\u00e4sidentin Claudia Sheinbaum weiterhin Ungleichheit und Diskriminierung herrscht, so die Worte der feministischen Gruppe \u201eBrujas Insurrectas\u201c (Aufst\u00e4ndische Hexen).<\/p>\n<p><strong>W\u00fctende W\u00fcrde<\/strong><\/p>\n<p>\u201eGleichberechtigung ist keine Gnade, die man Ihnen gew\u00e4hrt, sondern ein Recht, das Ihnen geh\u00f6rt\u201c, so die mexikanische Aktivistin Hermila Galindo.<br \/>\nMehr als 20.000 Arbeiter*innen, Transfeminist*innen, universit\u00e4re, akademisierte Feminist*in-\u2028nen, Ind\u00edgenas und weitere feministische Gruppen liefen Schulter an Schulter f\u00fcr eine Ende von Femiziden und Miss-handlungen und f\u00fcr die Legalisierung von Abtreibungen. Feministische Forderungen wurden verbunden mit K\u00e4mpfen gegen neoliberalen Extraktivismus und neokoloniale Ausbeutung und f\u00fcr indigene Sprachf\u00f6rderung, Bildung, den Erhalt indigener Gemeinden und eine gerechte territoriale Verteilung. Die Demonstrierenden forderten auch den Schutz von Men-\u2028schenrechtsverteidiger*innen und ein Ende des Verschwindenlassens.<br \/>\nDie breite Allianz der Femi-nist*innen trug ihre Forderungen kraftvoll auf die Stra\u00dfe, um Gerechtigkeit zu fordern, f\u00fcr alle, die im patriarchalen System unterdr\u00fcckt, misshandelt, get\u00f6tet, entf\u00fchrt, ignoriert, ihrer W\u00fcrde beraubt werden. Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn es Konsequenzen gibt. Und f\u00fcr diese Gerechtigkeit zog ein gro\u00dfer schwarzer, feministischer, w\u00fctender Block durch die Stadt, selbstbewusst und bereit, sich vor der Polizei und dem Staat zu behaupten. Sie kleisterten die Gesichter von T\u00e4tern an W\u00e4nde und hinterlie\u00dfen eine gigantische Spur Graffiti von konkreten Forderungen und klarer T\u00e4terbenennung hinter sich. Eine Bewegung mit der Kraft von w\u00fctender W\u00fcrde.<br \/>\nAnders als von der Regierung geplant, hielten auch die Barrikaden die Demonstrant*innen nicht auf \u2013 in Oaxaca beispielsweise mussten sie der w\u00fctenden W\u00fcrde der Feminist*innen weichen.<br \/>\nDie Demoteilnehmer*innen spr\u00fchten ihre Forderungen, insbesondere die Forderung f\u00fcr das Recht auf Abtreibung, an die W\u00e4nde der Kathedralen. Bei Auseinandersetzungen mit den Demonstrierenden setzte die Polizei Feuerl\u00f6scher und Tr\u00e4nengasmunition ein, welche sie vom Dach der Kathedrale aus in die Menge schoss. Die Polizei ist somit, im Auftrag der Regierung, aktiv gegen die feministischen Menschen-rechtsverteidiger*innen vorgegangen.<br \/>\nDer Einsatz von Tr\u00e4nengas wird von Seiten des Staates jedoch geleugnet. Die MORENA-Partei, und somit auch Claudia Scheinbaum, wird von vielen feministischen Str\u00f6mungen weiterhin bef\u00fcrwortet. Als erste mexikanische Pr\u00e4sidentin, die in der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re feministische Werte vertritt und auch manch feministischen Fortschritt vorangetrieben hat, bleibt sie f\u00fcr einige eine Hoffnungstr\u00e4gerin.<br \/>\nSeit dem vergangenen Jahr wird nicht nur die Pr\u00e4sidentschaft von einer Frau bekleidet, sondern auch in weiteren politischen und gesellschaftlichen Schl\u00fcsselpositionen l\u00e4sst sich eine wachsende Pr\u00e4senz und Einflussnahme von Frauen beobachten. Diese zunehmende Repr\u00e4sentation wird als Erfolg gedeutet, fraglich bleibt aber, ob damit auch tiefgreifende strukturelle Ver\u00e4nderungen eingel\u00e4utet werden, oder ob es sich eher um ein Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomen handelt, das zur Modernisierung der Macht beitr\u00e4gt. Die Teilhabe an der Macht von einzelnen Frauen stellt noch lange nicht die patriarchale Macht im Ganzen in Frage. \u201eLlegamos todas\u201c legt die Widerspr\u00fcche eines liberalen Feminismus offen, der vor allem auf Gleichberechtigung innerhalb des Systems abzielt, ohne die Grundfeste des Herrschaftssystems zu ersch\u00fcttern. Oder anders gesagt: Anstatt den patriarchalen Thron zu st\u00fcrzen, wird er bestiegen.<br \/>\nDie 8. M\u00e4rz-Demonstration wurde gewaltsam von der Polizei mit Sto\u00dftrupps, Tr\u00e4nengas und dem Einsatz von Feuerl\u00f6schern unterdr\u00fcckt, was Ausdruck der weitergef\u00fchrten massiven und strukturellen Diskriminierung ist. \u201eWir werden nicht akzeptieren, dass wir immer wieder zu Opfern werden, indem wir vor der Justiz, die uns immer wieder im Stich l\u00e4sst, Gerechtigkeit fordern\u201c, so die Organisator*innen des 8. M\u00e4rz in Oaxaca. Auch die Graffitis schm\u00fccken weiterhin die W\u00e4nde und sind Beweis daf\u00fcr, dass sich die w\u00fctende W\u00fcrde nicht aufhalten l\u00e4sst. Weder von Z\u00e4unen, noch von Barrikaden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der politischen Gruppe \u201eVivas nos queremos\u201c (wir wollen leben) zufolge wurden die staatlichen Barrikaden errichtet, um die Demo des 8. M\u00e4rz einzud\u00e4mmen und die Teilnahme unter anderem f\u00fcr Menschen mit Mobilit\u00e4tseinschr\u00e4nkungen, \u00c4ltere und Kinder zu erschweren. Men-schenrechtsverteidiger*innen und Journalist*innen wurden in ihrer Arbeit eingeschr\u00e4nkt. 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