{"id":32507,"date":"2025-03-27T18:06:29","date_gmt":"2025-03-27T16:06:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/die-palmoel-seuche\/"},"modified":"2025-04-07T19:46:36","modified_gmt":"2025-04-07T17:46:36","slug":"die-palmoel-seuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/03\/die-palmoel-seuche\/","title":{"rendered":"Die Palm\u00f6l-Seuche"},"content":{"rendered":"<p>Nun gut. Nehmen wir zwei Beispiele f\u00fcr das Entstehen von Seuchen, willk\u00fcrlich herausgegriffen: W\u00e4hrend der britischen Herrschaft \u00fcber den indischen Subkontinent trieben die Kolonialherren Einheimische in die Mangrovenw\u00e4lder der Sundarbans (heute Bangladesch), um Reisfarmen anzulegen ((1)). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte kaum jemand die unwegsamen W\u00e4lder betreten. Nun gerieten die dort lebenden Menschen in Kontakt mit Bakterien, die im Brackwasser lebten. Diese mutierten, passten sich an die unerwarteten Wirtstiere an und haben seither sieben Pandemien ausgel\u00f6st. Sie erhielten den Namen Cholera.<br \/>\nEin anderes Beispiel: Im Kongo lie\u00dfen die belgischen Kolonisatoren Eisenbahnen bauen und ganze Landstriche besiedeln. Sie urbanisierten das Land. Dadurch gelang es den Lentiviren, mit denen die einheimischen Makaken infiziert waren, sich immer besser an den menschlichen K\u00f6rper anzupassen. Aus den Lentiviren der Makaken wurde schlie\u00dflich HIV ((2)). G\u00e4ngigen Konjunkturen zum Trotz geht es bei diesen Beispielen, denen sich leicht weitere hinzuf\u00fcgen lie\u00dfen, ausnahmsweise nicht um die Folgen kolonialer Herrschaft, sondern um etwas Grunds\u00e4tzliches: Zerst\u00f6rerische Eingriffe in den Naturhaushalt erh\u00f6hen die Seuchengefahr. Und \u2013 es mag sich anh\u00f6ren wie ein paradoxes Wortspiel, aber es ist die Wahrheit \u2013 wer die Seuchengefahr erh\u00f6ht, erh\u00f6ht die Seuchengefahr sogar am allermeisten. Anders, und weniger kryptisch ausgedr\u00fcckt: Bricht durch menschliches Fehlverhalten und Versagen eine Seuche aus, vielleicht gar transkontinental, nehmen auch alle anderen Seuchen an Gef\u00e4hrlichkeit dramatisch zu.<\/p>\n<p><strong>Corona \u2013 und nichts dazugelernt<\/strong><\/p>\n<p>Es war eindrucksvoll zu erleben, wie w\u00e4hrend der Corona-Pandemie zur besten Sendezeit pl\u00f6tzlich der Zusammenhang von Umweltzerst\u00f6rung und Seuchengefahr in aller Deutlichkeit hervorgehoben wurde. Ein Zusammenhang, der in Fachkreisen zwar seit langem bekannt ist, auf den hinzuweisen aber bis dahin offenkundig als unpopul\u00e4r galt. Dieser Sinneswandel wird nur zum Teil damit zu erkl\u00e4ren sein, dass die Seuche mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Ausgangspunkt auf einem chinesischen Wildtiermarkt nahm, auf dem Tiere auf engstem Raum feilgeboten wurden, die sich in freier Wildbahn nie begegnet w\u00e4ren, und der Kontakt zwischen Mensch und Tier eng ist. Ein Ende 2024 im Auftrag der Republikanischen Partei in den USA nach vier Jahren Arbeit pr\u00e4sentiertes Gutachten (die Demokraten pr\u00e4sentierten bei gleicher Gelegenheit ein Gegengutachten), das sich erneut bem\u00fchte, die These stark zu machen, das Virus sei aus einem Labor in Wuhan entwichen, hat schl\u00fcssige Beweise nicht vorlegen k\u00f6nnen ((3)).<br \/>\nDer Grund f\u00fcr die \u00fcberraschende mediale Gegenwart l\u00e4ngst erwiesener Fakten \u00fcber den Zusammenhang von \u00d6kologie und Virologie war wohl, dass die Bedrohung durch Corona jegliche Sch\u00f6nf\u00e4rberei f\u00fcr den Moment als unzul\u00e4ssig erscheinen lie\u00df. Der Schutz sogenannter biodiverser Pufferzonen, die verhindern sollen, dass sich in einer von Menschenhand immer weiter zerst\u00f6rten Natur nur mehr sogenannte Generalisten durchsetzen, solche Arten also, die mit unterschiedlichen, zum Teil extremen Lebensr\u00e4umen (wie etwa einer Gro\u00dfstadt) m\u00fchelos zurechtkommen und<br \/>\nentsprechend extrem gef\u00e4hrliche und resistente Generalisten-Viren \u00fcbertragen, war pl\u00f6tzlich kein l\u00e4sslicher Luxus mehr, sondern Grundvoraussetzung menschlichen \u00dcberlebens. Alle Warnungen verpufften wie Rauch im Winde. Die Zerst\u00f6rung von Regenw\u00e4ldern, urbane Fl\u00e4chenversiegelung und die \u00dcberbeanspruchung des Bodens haben ein noch nie gekanntes Ausma\u00df erreicht ((4)). Umso bedrohlicher wirkt der Umstand, dass es noch nicht einmal neue Krankheiten sein m\u00fcssen, die durch das sture \u201eWeiter-wie-bisher\u201c zu globalen Gefahren werden k\u00f6nnen. Auch l\u00e4ngst bekannte Erreger profitieren von der fortgesetzten Zerst\u00f6rung der Natur.<\/p>\n<p><strong>Die Chagas-Krankheit: eine Gei\u00dfel Lateinamerikas<\/strong><\/p>\n<p>Selbst Menschen, die sich beruflich mit Lateinamerika besch\u00e4ftigen oder das Land h\u00e4ufig bereisen, ist die Chagas-Krankheit oft unbekannt. Sie geh\u00f6rt zu den sogenannten vernachl\u00e4ssigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, kurz: NTD). Eine Liste der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umfasst 21 solcher Krankheiten, zum Teil mehrere unter derselben Rubrik. Zu ihnen geh\u00f6rt etwa die f\u00fcrchterliche Krankheit Noma (\u201eWangenbrand\u201c), die das Gesicht kleiner Kinder entstellt und in 90\u00a0% der F\u00e4lle t\u00f6dlich ist. Noma kam erst 2023 auf Dr\u00e4ngen Nigerias auf die Liste der WHO. Des Weiteren finden sich dort Krankheiten wie die Lepra, das Dengue-Fieber, oder solch alte Bekannte wie die Tollwut ((5)). Wer denkt, bei den NTDs handele es sich um medizinische Exoten, Krankheiten, an denen in irgendeinem verlorenen Winkel der Welt ein paar hundert Menschen litten, kann sich von der Chagas-Krankheit eines Besseren belehren lassen: Im Jahr 2024 litten in Lateinamerika 15 Millionen Menschen an dieser lebensbedrohlichen Krankheit, weitere 30 bis 40 Millionen waren akut gef\u00e4hrdet. In Bolivien ist nach Angaben des Tropeninstituts Hamburg wom\u00f6glich ein Viertel der Bev\u00f6lkerung infiziert. \u00dcbertragen wird Chagas vor allem durch drei Arten von Raubwanzen, blutsaugende Insekten, von denen eine auf den unsch\u00f6nen Namen \u201ekissing bug\u201c (\u201eK\u00fcssende Wanze\u201c) h\u00f6rt, weil sie die Angewohnheit hat, ihre Opfer ins Gesicht zu stechen. Diese Wanzen nisten im Allgemeinen in Mauerritzen und Strohd\u00e4chern, aber auch im Fell von Haus- und Nutztieren. Allein die Art ihrer Habitate macht bereits deutlich: Wie alle NTDs ist die Chagas-Krankheit eine klassische Arme-Leute-Krankheit. Sie w\u00fctet (bisher) vor allem in l\u00e4ndlichen Regionen Lateinamerikas und verl\u00e4uft in drei Phasen: Nach einer ein- bis vierw\u00f6chigen Inkubationszeit entwickeln Infizierte Symptome wie Fieber, Schwellungen der Lymphknoten, \u00dcbelkeit, An\u00e4mie und eine verr\u00e4terische Schwellung der Einstichstellen. Zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt lie\u00dfe sich die Krankheit theoretisch noch bek\u00e4mpfen. Oft wird sie jedoch nicht oder zu sp\u00e4t erkannt. Au\u00dferdem stehen zur Behandlung der Chagas-Krankheit bis heute nur zwei (!) Medikamente zur Verf\u00fcgung, die derart grausige Nebenwirkungen haben, dass sie ausschlie\u00dflich station\u00e4r verabreicht werden k\u00f6nnen. In der nun folgenden Latenz-Phase, die mehrere Jahre andauern kann, sind die Opfer symptomfrei. In dieser Zeit gelangen die Erreger, einzellige Lebewesen, sogenannte Protozoen, in s\u00e4mtliche Organe des K\u00f6rpers. Bricht die Krankheit in ihrer dritten Phase dann als chronische Infektion endg\u00fcltig aus, sch\u00e4digt sie vor allem das Herz, den Darm, und (besonders furchterregend) die Nerven und das Gehirn. Die Sch\u00e4digung kann zu Demenz und v\u00f6lliger Idiotie f\u00fchren. Eine nennenswerte medizinische oder pharmakologische Forschung zur Chagas-Krankheit, zumal in den reichen L\u00e4ndern des Nordens und Westens, existiert nicht, weil sie als nicht profitabel gilt. Auch, sich vor einer Infektion zu sch\u00fctzen, ist nicht leicht. Auf der Homepage des Ausw\u00e4rtigen Amtes findet sich die erheiternde Empfehlung, den \u201eKontakt mit blutsaugenden Wanzen zu meiden\u201c, ganz so, als seien sie Kuscheltiere, die man vor dem Einschlafen streicheln w\u00fcrde. In den armen Regionen Lateinamerikas haben sich Moskitonetze als brauchbarer Schutz erwiesen. Neue Erkenntnisse, die in Deutschland vor allem die BUKO Pharma-Kampagne bekanntgemacht hat, lassen nun allerdings einen bedrohlichen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Chagas-Krankheit und der Intensivierung der Palm\u00f6lproduktion in Lateinamerika erkennen.<\/p>\n<p><strong>Palm\u00f6lproduktion in Lateinamerika<\/strong><\/p>\n<p>Nimmt man den Weltmarkt als Ganzes in den Blick, so ist die Palm\u00f6l-Produktion ((6)) in Lateinamerika noch unbedeutend. 85\u00a0% des globalen Bedarfs werden von nur zwei L\u00e4ndern gedeckt, Indonesien und Malaysia. Als sich innerhalb der wirtschaftlichen und politischen Eliten schlussendlich die Erkenntnis durchsetzte, dass wirtschaftliches Wachstum durch den Verbrauch fossiler Ressourcen nicht ewig weitergehen k\u00f6nne, erschien Palm\u00f6l im Zuge der sogenannten \u201eDekarbonisierung\u201c als hoffnungsvolle Alternative: ein nachwachsender, pflanzlicher Rohstoff, der im globalen S\u00fcden massenhaft hergestellt werden konnte und als \u201eBiodiesel\u201c den alten Treibstoff ersetzen sollte. Sogar von einer \u00f6kologischen und nachhaltigen Wende in der Energiepolitik wurde getr\u00e4umt. Inzwischen ist der Ruf gr\u00fcndlich ruiniert. Die Zerst\u00f6rung riesiger Regenwaldfl\u00e4chen in Indonesien und Malaysia haben Palm\u00f6l vom Erl\u00f6ser zum Schreckgespenst werden lassen. Regierungen und Firmen in Lateinamerika versprechen nun, alles besser zu machen: In Brasilien, Ecuador, Guatemala, Honduras, Peru, vor allem aber in Kolumbien, das sich zum Spitzenreiter unter den amerikanischen Palm\u00f6lproduzenten gemausert hat, soll sie endlich Wirklichkeit werden: die \u00f6kologisch unbedenkliche Gewinnung eines sauberen Brennstoffs.<br \/>\nDie Wirklichkeit sieht anders aus.<br \/>\nUm Palm\u00f6l profitbringend anzubauen, braucht es gro\u00dfe, zusammenh\u00e4ngende Fl\u00e4chen, die nicht durch zahllose Eigentumstitel zerhackt sind. Solche Fl\u00e4chen bietet (auch) in Lateinamerika eigentlich nur frisch gerodeter Regenwald. Es ist daher eine bestenfalls gewagte Behauptung, wenn Politikerinnen und Politiker die Palm\u00f6lproduktion als Alternative zur allgegenw\u00e4rtigen Viehzucht preisen, die bisher die Hauptverursacherin der Entwaldung in Lateinamerika war. Das B\u00fcro der Vereinten Nationen f\u00fcr Drogen- und Verbrechensbek\u00e4mpfung f\u00f6rderte den Palm\u00f6lanbau sogar als eine Alternative zu Coca. Bearbeitet werden die gewaltigen Palm\u00f6lplantagen von kleinb\u00e4uerlichen Familien, die relativ kleine Parzellen bewirtschaften und stets abh\u00e4ngig bleiben von den Besitzerfirmen, da Palm\u00f6lproduktion nur in der Masse Gewinn bringt. Dar\u00fcber hinaus h\u00e4ngt ihre Bezahlung ab von schwankenden Weltmarktpreisen. Bei den Besitzerfirmen handelt es sich oft um Strohfirmen multinationaler Konzerne oder europ\u00e4ischer, US-amerikanischer und chinesischer Investoren, die, eng verfilzt mit der korrupten nationalen Politik und dem organisierten Verbrechen, bestehendes Recht beugen oder brechen und abgezogen werden, wenn sich Widerstand regt. In Deutschland bekannt wurde 2015 der sogenannte Melka-Skandal: Der tschechisch-US-amerikanische Investor Dennis Melka hatte sein Geld mit Palm\u00f6l-Produktion in Malaysia gemacht und wollte auf den peruanischen Markt vordringen. Immerhin geh\u00f6rt der Palm\u00f6l-Sektor noch immer zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftsbereichen des Landes. \u00dcber ein undurchsichtiges Geflecht aus Tochterfirmen lie\u00df Melka (u.\u2009a.) die einheimische Bev\u00f6lkerung der Gemeinde Santa Clara in der Ucayali-Region enteignen und den dortigen Regenwald illegal abholzen. Die Betroffenen zogen vor Gericht, und es bestanden gute Aussichten, dass es zu einem Schuldspruch kommen w\u00fcrde. Einige Tage vor dem Urteil stie\u00df Melka dann einfach seine Tochterfirmen ab und zog sich aus Peru zur\u00fcck. Er ist bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Die durch ihn angerichteten Umweltzerst\u00f6rungen freilich blieben.<br \/>\nWie die Entwicklung der Palm-\u00f6lproduktion in Lateinamerika weitergehen wird, bleibt allerdings abzuwarten. Wirtschaftlich wird Palm\u00f6l zurzeit von zwei gegenl\u00e4ufigen Entwicklungen in die Zange genommen: Zum einen hat die vor allem in Europa massiv forcierte E-Mobilit\u00e4t (mit all ihren neuen l\u00fcgenhaften Versprechen) das Interesse an Bio-Diesel stark sinken lassen. Zum anderen dr\u00e4ngt in den reichen L\u00e4ndern des Nordens und Westens die politische Rechte entgegen aller Vernunft auf die R\u00fcckkehr zu fossilen Brennstoffen. Noch allerdings sind die Wachstumsraten bei der Palm\u00f6lproduktion in Lateinamerika beachtlich.<\/p>\n<p><strong>Die Palm\u00f6l-Seuche<\/strong><\/p>\n<p>Neben der Sch\u00e4digung des Klimas und der Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlage der einheimischen Bev\u00f6lkerung ist die massive Zerst\u00f6rung unber\u00fchrten Regenwaldes f\u00fcr sich genommen schon eine unzumutbare Erh\u00f6hung der Seuchengefahr, da neue und bisher unbekannte Erreger freigesetzt werden k\u00f6nnen. Aber es kommt noch schlimmer: Wo immer in den vergangenen Jahren in Lateinamerika neue Palm\u00f6lproduktionsst\u00e4tten aufgebaut oder bestehende Kapazit\u00e4ten vergr\u00f6\u00dfert wurden, stieg die Zahl der Infektionen mit der Chagas-Krankheit auf signifikante Weise. Es war dabei gleichg\u00fcltig, in welchem Land die Produktion angekurbelt wurde. Immer galt die Gleichung: mehr Palm\u00f6l = mehr Chagas-Infektionen. Die Gr\u00fcnde sind naheliegend: Offenbar bieten Palm\u00f6l-Monokulturen den \u00dcbertr\u00e4gerwanzen blendende Lebensbedingungen, da sie in derartigen W\u00fcsten der Biodiversit\u00e4t keine nat\u00fcrlichen Feinde mehr zu f\u00fcrchten haben. Die hohe Verdichtung kleinb\u00e4uerlicher Ansiedlungen sorgt daf\u00fcr, dass ihnen auch die Wirtstiere nicht ausgehen \u2013 seien diese nun vier-, oder zweibeinig. Es gibt Anzeichen, dass die Wanzen \u00fcber die Produktions- und Lieferwege des Palm\u00f6ls auch in den st\u00e4dtischen Raum gelangen. Dort richten sie weiteren Schaden an. Da sie keineswegs nur landwirtschaftliche Nutztiere befallen, sondern auch Hunde, Katzen und Ratten, steht ihnen der Weg in st\u00e4dtische Privatwohnungen ebenfalls offen. Unter diesen Umst\u00e4nden d\u00fcrfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Chagas-Krankheit aufh\u00f6rt, eine Angelegenheit armer Leute zu sein. In T.C. Boyles \u20282023 auf Deutsch erschienenem dystopischen Roman \u201eBlue Skies\u201c w\u00fctet sie bereits in den USA\u00a0((7)). 2023 z\u00e4hlte man (bei hoher Dunkelziffer) 4,6 Millionen Dengue-Fieber-Erkrankungen, ein historischer Rekordwert; 2024 lag die Zahl der Erkrankten bis April bereits bei 7,6 Millionen, darunter 3000 Tote ((8)). Das gef\u00fcrchtete Dengue-Fieber bricht in Lateinamerika alle Infektionsrekorde. Nun droht Chagas zum n\u00e4chsten Kandidaten f\u00fcr eine kontinentale Pandemie zu werden. Die Krankheit ist tats\u00e4chlich zur Palm\u00f6l-Seuche geworden.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerung<\/strong><\/p>\n<p>Wer die Vielfalt des nat\u00fcrlichen Lebens auf dieser Erde sehenden Auges zerst\u00f6rt, erh\u00f6ht die Seuchengefahr. Wer Armut, Elend und soziale Ungerechtigkeit versch\u00e4rft, erh\u00f6ht die Seuchengefahr. Wer Waffen in Kriegsgebiete liefert und den Hunger in der Welt wachsen l\u00e4sst, erh\u00f6ht die Seuchengefahr ((9)).<br \/>\nIm Jahr 2021, mitten in der Corona-Pandemie, wagte der Immunologie Stephan H.E. Kaufmann einen wissenschaftlich begr\u00fcndeten Blick in die Zukunft und versuchte einzusch\u00e4tzen, welche Folgen diese Pandemie wohl auf andere Seuchen der Welt haben w\u00fcrde. Kaufmann ist ehemaliger Gr\u00fcndungsdirektor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Infektionsbiologie in Berlin, war an der Entwicklung eines verbesserten Impfstoffes gegen die Tuberkulose beteiligt und ist einer der f\u00fchrenden deutschen Experten zum Thema. Es lohnt, seine Prognose im Wortlaut zu zitieren, zumal sich bereits abzeichnet, dass die Wirklichkeit seine Bef\u00fcrchtungen noch \u00fcbertreffen wird: \u201eInfolge des Ausbruchs des neuen Erregers [\u2026] wurde verst\u00e4ndlicherweise ein Gro\u00dfteil der weltweiten Gesundheitsressourcen auf die Bek\u00e4mpfung der Pandemie ausgerichtet. Dadurch hat sich \u2013 von der Welt\u00f6ffentlichkeit weitgehend unbemerkt \u2013 die bereits zuvor dramatische Lage in Bezug auf die drei gro\u00dfen Seuchen [HIV\/Aids, Malaria und Tuberkulose, Anm. MB] sowie die vernachl\u00e4ssigten Krankheiten rasant verschlechtert. [\u2026] So zeigt eine Modellierung, wie katastrophal sich [die Folgen der Pandemie] auswirken k\u00f6nnten: Allein an der Tuberkulose w\u00fcrden 2025 \u00fcber 6 Millionen Menschen zus\u00e4tzlich erkranken und 1,4 Millionen versterben. Ein anderes Modell errechnet, dass eine Unterbrechung der antiretroviralen Therapie \u00fcber sechs Monate [wie sie durch \u00fcberlastete Gesundheitssysteme und andere Faktoren w\u00e4hrend der Pandemie zustande kam, Anm. MB] f\u00fcr 500.000 zus\u00e4tzliche Todesf\u00e4lle durch HIV\/Aids verantwortlich w\u00e4re. F\u00fcr die Malaria w\u00e4re sogar eine Verdopplung der Todesf\u00e4lle bei einem Zusammenbruch der Versorgung auf 770.000 Todesf\u00e4lle zu bef\u00fcrchten. Das sind erschreckende Zahlen, die verdeutlichen, in welchen Teufelskreis wir geraten sind. W\u00e4hrend gegen COVID-19 innerhalb eines Jahres wirksame Impfstoffe entwickelt wurden, droht die Pandemie, uns in der Bek\u00e4mpfung der drei gro\u00dfen Seuchen um Jahrzehnte zur\u00fcckzuwerfen\u201c ((10)).<br \/>\nWir sollten den Mut haben, dem ganzen Wahnsinn ins Gesicht zu blicken, wenn wir politisch handlungsf\u00e4hig bleiben wollen. Die neue Normalit\u00e4t nach Corona war nichts weiter als der alte Wahnsinn. Es ist sonderbar, wie viele Menschen bereit sind, sich einem falschen und verdrehten Trost hinzugeben, nur, um die eigene Angst zu b\u00e4ndigen. Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist nicht der Tag am n\u00e4chsten. Ich lade skeptische Leserinnen und Leser ein, einen Blick auf die Zifferbl\u00e4tter ihrer Uhren zu werfen. Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist die Nacht am tiefsten. Das ist alles.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun gut. Nehmen wir zwei Beispiele f\u00fcr das Entstehen von Seuchen, willk\u00fcrlich herausgegriffen: W\u00e4hrend der britischen Herrschaft \u00fcber den indischen Subkontinent trieben die Kolonialherren Einheimische in die Mangrovenw\u00e4lder der Sundarbans (heute Bangladesch), um Reisfarmen anzulegen ((1)). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte kaum jemand die unwegsamen W\u00e4lder betreten. 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