{"id":3259,"date":"2000-04-01T00:00:23","date_gmt":"2000-03-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3259"},"modified":"2022-07-26T12:59:10","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:10","slug":"eine-welt-ohne-gita-tost-in-eine-anderswelt-mit-gita","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/04\/eine-welt-ohne-gita-tost-in-eine-anderswelt-mit-gita\/","title":{"rendered":"Eine Welt ohne Gita Tost, in eine Anderswelt mit Gita"},"content":{"rendered":"<p>Als wir uns kennenlernten, h\u00e4tte ich niemals damit gerechnet, hier zu sitzen und ein paar Worte \u00fcber deinen Tod oder sogar \u00fcber dein Leben zu schreiben.<\/p>\n<p>Ich habe dich nicht lange gekannt und trotzdem hast du mir dein Vertrauen gegeben, ich hab es erst in deinem Tod getan. Ich hab dich als andersartig kennengelernt als eine, die sich nicht um die zahlreich vorhandenen (patriachalen) einengenden Tabus k\u00fcmmert, eine die sich trotzdem immer wieder daran st\u00f6sst, in ihrer Widderinnen-Art dagegen anrennt und sich dabei oft genug eine blutige Nase geholt hat.<\/p>\n<p>Die Nacht vom 12.01. zum 13.01 war die Nacht in der du nicht mehr anrennen wolltest gegen die zahllosen Grenzen bei den Menschen, die du liebst und gegen deine eigenen Grenzen. &#8222;Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tod am n\u00e4chsten&#8230;&#8220; hast du in dein Tagebuch in jener Nacht geschrieben. Wie auch anders h\u00e4ttest du diesen Schritt tuen k\u00f6nnen als mit der Magie des Waldes, die dich schon immer angezogen hat, sei es als wohlschmeckendes, sinnliches Essvergn\u00fcgen oder als die &#8222;Alte&#8220; \u00dcberbringerin des Todes mit denen im vorherigen Sommer eigenh\u00e4ndig gesammelten Knollenb\u00e4tterpilzen. Bestimmt kein leichter Weg des \u00dcberganges, genau so einen Weg durch den Tod gew\u00e4hlt wie der Weg deines Lebens war, Zeit zum Hinsp\u00fcren, auch wenn es unbarmherzig weh tut. Aber welcher Schmerz davon, welche Eigenfolter war von dir und welche von deinen Missbrauchern? Ich weiss es nicht; wie oft hast du gesagt, dass du diese Flaschbacks nicht mehr ertr\u00e4gst, diese k\u00f6rperlichen Qualen, die Suche nach der eigenen Identit\u00e4t, die Gef\u00fchle von nonverbaler Einsamkeit. Ein Teil der Verantwortung f\u00fcr deinen Tod liegt bei den Missbrauchern, hattest du Ihnen die Verantwortung zur\u00fcckgeben k\u00f6nnen? Im Tagebuch hast du Ihnen die Mitschuld an deinem Tod zugesprochen.<\/p>\n<p><strong>13.01.2000:<\/strong> Irgendein bisher unbekannter &#8222;Mann&#8220; findet dich im Wald und f\u00e4hrt dich ins n\u00e4chste Krankenhaus. Du wirst noch eine Woche lang mit Chemie und Apparaten am k\u00f6rperlichen Leben festgehalten. Auch die Maschinen pressen kraftvoll, unaufh\u00f6rlich, unertr\u00e4glich, endlos dauernd gegen deine Grenzen. Ein-Aus, ein-Aus und immer meine eigene Sehnsucht ansprechend: wann h\u00f6rt dieser ungleiche Kampf endlich auf, wann gibt es endlich Frieden und wo bist &#8222;du&#8220; bei all diesem nicht mehr zu durchschauenden Mechanismen von K\u00f6rper, Seele, Geist und Maschine? Wo bist du innerhalb dieses Krankenhaustourismusses, bei dem sich die sorgenden Frauen im 5-Minuten Takt mit der vereinnahmenden Mutter die Klinke in die Hand geben; eine Mutter, welche ein verzeihendes Wort aus deinem entnervtzuckenden Mund geh\u00f6rt haben will, um eine christlich-esoterische Sanktion von dir zu bekommen, um endlich von dir geliebt zu werden, weil sie dir diese Liebe nicht geben konnte. Wo bist du, wenn trauernde &#8222;liebste&#8220; Gef\u00e4hrtinnen sich gegenseitig einen Konkurrenzkampf im Trauern vorwerfen, nach dem Motto: &#8222;Welche stand oder steht ihr am n\u00e4chsten?&#8220;<\/p>\n<p>So langsam finde ich dich in diesem &#8222;Wir lieben uns doch alle &#8211; Alles wird gut &#8211; Nichts ist in Ordnung &#8211; Nieder mit den (Krankenhaus-) Grenzen Spiel&#8220;. Ja so hatte ich dich erlebt: Reinpoltern, alles in Frage stellen, einen Scherbenhaufen hinterlassen und verwundert zu fragen welche denn das alles angerichtet hat, wo du doch eine so herzensgute Seele bist; &#8211; und &#8211; du warst eine kr\u00e4tzgurkige, herzensgute Seele.<\/p>\n<p><strong>19.01.2000:<\/strong> Endlich hast du es geschafft. Der harte Kern der \u00fcbriggebliebenden Frauen nimmt deine Leiche an einem sonnigen Tag um 11:17 Uhr in Empfang. Deine Mutter war da, in dem Moment als dein kr\u00e4ftiges Herz sich daf\u00fcr entschied den Blutfluss aus deinen Nasenl\u00f6chern, deinem Mund, deinen Augen, deinen Ohren zu stoppen. Rote Zeuginnen deines Lebens, Blutstr\u00e4nen und ein friedliches L\u00e4cheln auf deinem Gesicht. Nun begann f\u00fcr mich mit den von dir beauftragten Frauen der Totenf\u00fcrsorge die sch\u00f6nste Zeit, Frauenzeit. Aufbahren deines verbluteten K\u00f6rpers in deiner so geliebten T\u00fcklm\u00fchle, drei Tage mit Leben und Frauen angef\u00fcllt, mit makaberen Scherzen (&#8222;Du brauchst sie nicht zudecken, alte Sachen sollte man nicht aufw\u00e4rmen&#8220;), bei denen du bestimmt gerne mitgelacht h\u00e4ttest, telefonieren neben deinem Sarg, Reiberdatschis nebenan in der K\u00fcche kochen, dramatische Szenen deiner Ex-Geliebten, Trauer, Wut, Gesang, Trommeln, Lesen, Schweigen&#8230; Und manchmal kommt mir der Gedanke, ob du nicht genau das mit Frauen leben wolltest, was sich in diesen Tagen hier ereignet hat und du mitten drin, einfach da, ohne Worte, ohne Weglaufen, mit all deinen Werken, deinen Texten, deiner Musik, deinen Blutstr\u00e4nen &#8211; und &#8211; mit deinem allgegenw\u00e4rtigen Tod.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als wir uns kennenlernten, h\u00e4tte ich niemals damit gerechnet, hier zu sitzen und ein paar Worte \u00fcber deinen Tod oder sogar \u00fcber dein Leben zu schreiben. 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