{"id":32644,"date":"2025-05-02T09:26:13","date_gmt":"2025-05-02T07:26:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/05\/erfrischend-antistaatlich\/"},"modified":"2025-06-25T12:43:52","modified_gmt":"2025-06-25T10:43:52","slug":"erfrischend-antistaatlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/05\/erfrischend-antistaatlich\/","title":{"rendered":"Erfrischend antistaatlich"},"content":{"rendered":"<p>\u201eF\u00fcr Deutschland k\u00e4mpfen \u2013 never\u201c, am Anfang stand dieser Artikel in der \u201eZeit\u201c, in dem der 26-j\u00e4hrige Journalist Ole Nymoen Einspruch gegen den allgegenw\u00e4rtigen Ruf nach mehr Kriegst\u00fcchtigkeit einlegte. Er wies darauf hin, dass im Krieg f\u00fcr die eigene Herrschaft gestorben wird. Das kann sich f\u00fcr die Herrschaft lohnen, die ihre Souver\u00e4nit\u00e4t verteidigt oder gar ausweitet, den Einzelnen kostet Krieg freilich oft das Leben. \u201eDer Sieg des eigenen Staates kann mit dem Leben erkauft werden, und umgekehrt kann das eigene Leben durch die Niederlage der Herrschaft gerettet werden\u201c. Vergleichsweise klare Einsichten, die aber einen Sturm der Entr\u00fcstung ausl\u00f6sten, weshalb der Rowohlt Verlag Ole Nymoen bat, doch gleich ein Buch daraus zu machen. Und der begab sich dann gleich mit 144 Seiten bewaffnet in den publizistischen Sch\u00fctzengraben. Es ist ein in vielerlei Hinsicht verdienstvolles Buch.<br \/>\nEs ist ein klarer Gegenpol zu dem unertr\u00e4glichen Kriegsgefl\u00fcster, das einem seit Beginn des Ukrainekriegs aus nahezu jeder Talkshow entgegenschallt. Ole Nymoen meidet jede Heuchelei. Sein Interesse (\u201eIch will leben\u201c) ist f\u00fcr ihn keine Erf\u00fcllung einer h\u00f6heren Pflicht, also irgendwelcher Gewissensgebote oder religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen, er sieht sich vielmehr als \u201eInternationalist\u201c und meint, dass ihn von Soldaten eines anderen Landes weniger trennt, als von seiner eigenen Herrschaft. Das war mal eine weit verbreitete Ansicht. In der Verfassung von Berlin gibt es z.\u2009B. bis heute den Art. 30 Abs. 2, der ganz ohne Gewissensentscheidung auskommt: \u201eJedermann hat das Recht, Kriegsdienste zu verweigern, ohne dass ihm Nachteile entstehen d\u00fcrfen\u201c. \u00c4hnliche Regelungen gab es in Baden-W\u00fcrttemberg, Hessen und Bayern.<br \/>\nGerade dieses unbedingte Bestehen auf dem eigenen Interesse \u2013 an nichts weniger als dem eigenen Leben \u2013 erscheint als etwas Unerh\u00f6rtes. In einer Gesellschaft, wo sonst Individualismus, die Suche nach dem eigenen Vorteil als die h\u00f6chste aller Tugenden gilt, wird Ole Nymoen angekreidet, dass er sein Leben nicht opfern will \u2013 f\u00fcr Deutschland. Ein Vorwurf, den er geschickt kontert: \u201ePublizisten, die bereits in einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn den Weg zur Knechtschaft wittern, \u00d6konomen, die in der kleinsten steuerlichen Mehrbelastung des reichsten Prozents stalinistische Kollektivierung erahnen, sie alle halten diese unvergleichbare Einschr\u00e4nkung der Freiheit f\u00fcr eine objektive Notwendigkeit, der sie noch nicht einmal ein \u201aleider\u2018 voranstellen\u201c, hei\u00dft es auf Seite 69. \u201eDeutschland muss leben, und wenn wir sterben m\u00fcssen\u201c, dieser in Zeiten des Nationalsozialismus in Hamburg zu Denkmalehren gekommene Spruch, scheint noch in vielen K\u00f6pfen zu stecken. Heute kommt er nat\u00fcrlich nicht mehr so martialisch daher wie in dem Soldatendenkmal aus dem Jahr 1936. Heute sehen seine Propagandistinnen aus wie die Besucherinnen eines Kirchentages oder die Mitglieder einer ukrainischen Folkloregruppe. Wie das Publikum der Sendung \u201eBosetti\u201c bei 3 SAT etwa, als dort am 16. M\u00e4rz 2025 die Frage Pro und Contra sterben f\u00fcrs Vaterland zwischen Ole Nymoen und Marina Weisband (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen) diskutiert wurde. Der gute Grund f\u00fcr den Krieg ist heute nicht mehr die Verteidigung des Vaterlandes mit Gottes Hilfe (Weltkrieg I) oder Nation und Rasse (Weltkrieg II), sondern der Erhalt der Meinungsfreiheit, mag die auch nur dann und auch nur solange gew\u00e4hrleistet sein, wie sie folgenlos bleibt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es ist ein klarer Gegenpol zu dem unertr\u00e4glichen Kriegsgefl\u00fcster, das einem seit Beginn des Ukrainekriegs aus nahezu jeder Talkshow entgegenschallt.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dabei steht die tats\u00e4chliche Bereitschaft zum Kriegsdienst in der Bev\u00f6lkerung in bemerkenswertem Gegensatz zu den allgegenw\u00e4rtigen Talkshow-Expert*innen. Je nach Umfrage sind nur 19 % oder 5 % der Bev\u00f6lkerung tats\u00e4chlich zur Vaterlandsverteidigung bereit, wie Nymoen gleich am Anfang erfreut feststellt.<br \/>\nIm ersten Kapitel erl\u00e4utert Nymoen den Sinn des Krieges, der den Staaten dazu \u201edient, ihre Machtanspr\u00fcche zu erhalten und zu erweitern\u201c (S. 69), polemisiert auf sieben Seiten gegen Lenin, was diesem zwar nicht ganz gerecht wird, umso mehr allerdings den heutigen \u201eLeninisten\u201c. \u201eStaaten sind f\u00fcr mich Herrschaftskonstrukte, deren Existenz f\u00fcr ihre Untertanen alles andere als funktional ist. [\u2026] Staatsb\u00fcrger zu sein ist kein Gl\u00fcck, sondern ein Pech\u201c, schreibt er auf Seite 59. Kein Wunder also, dass ihn Marina Weisband f\u00fcr einen Anarchisten h\u00e4lt. Anarchismus, ein Ziel, das ihr sympathisch sei, aber nur schrittweise erreicht werden k\u00f6nne, vermutlich mit Forderungen wie dieser im gr\u00fcnen Programm zur Bundestagswahl: \u201eF\u00fcr den potenziellen Verteidigungsfall braucht es schnelle Rekrutierungsmechanismen \u2013 unterst\u00fctzt durch eine neue Form der Wehrerfassung\u201c (S.\u00a0154).<br \/>\nIm zweiten Kapitel seines Buches setzt Nymoen sich mit dem Unsinn des Krieges auseinander, vor allem aber mit dem Unsinn, die Politiker wie Bl\u00f6delk\u00fcnstler zum besten geben, wenn sie Kriegsdienst mit einer Analogie zu individuellen Notwehrlagen rechtfertigen. Nur dann, wenn ausnahmsweise ein Krieg nicht auf das Auswechseln der Herrschaft, sondern auf die Vernichtung einer Bev\u00f6lkerung zielt, ist ein solcher Vergleich aus Nymoens Sicht gerechtfertigt, was freilich beim aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine nicht der Fall sei. Am Ende des Buches setzt er sich dann mit einigen b\u00f6sen, aber durchaus exemplarischen Kommentaren auseinander, die er auf seinen Zeit-Artikel bekommen hatte.<br \/>\nDas Buch ist gut lesbar, gew\u00fcrzt mit zahlreichen Bez\u00fcgen zur Literatur.<br \/>\nKurz und gut: das richtige Buch zur richtigen Zeit. Es k\u00f6nnte einen fr\u00f6hlichen antimilitaristischen Neuanfang ansto\u00dfen, der angesichts der Entwicklung in der Welt und einer buchst\u00e4blich in die Jahre gekommenen \u201eFriedensbewegung\u201c dringend notwendig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eF\u00fcr Deutschland k\u00e4mpfen \u2013 never\u201c, am Anfang stand dieser Artikel in der \u201eZeit\u201c, in dem der 26-j\u00e4hrige Journalist Ole Nymoen Einspruch gegen den allgegenw\u00e4rtigen Ruf nach mehr Kriegst\u00fcchtigkeit einlegte. Er wies darauf hin, dass im Krieg f\u00fcr die eigene Herrschaft gestorben wird. 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