{"id":32651,"date":"2025-05-02T09:26:14","date_gmt":"2025-05-02T07:26:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/05\/die-ueberlebende\/"},"modified":"2025-05-19T00:23:02","modified_gmt":"2025-05-18T22:23:02","slug":"die-ueberlebende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/05\/die-ueberlebende\/","title":{"rendered":"Die \u00dcberlebende"},"content":{"rendered":"<p>Nie wieder wird sie anrufen, fragen, wie es geht. Seit Anfang der siebziger Jahre, bis vor wenigen Jahren, lebte sie noch in ihrer Wohnung in der Langen Reihe, einer belebten Stra\u00dfe. Zwei Stockwerke \u00fcber ihr hat lange Monica Bleibtreu gelebt, mit ihrem Sohn Moritz. Das Hamburger Schauspielhaus ist gleich um die Ecke. Markant die gr\u00fcn gestrichenen W\u00e4nde in der Altbauwohnung, und das Bett im Wohnzimmer. \u00dcberall B\u00fccher, Folianten, Zeitungen. Und die W\u00e4nde voller Fotos, Peter Wei\u00df neben Ulrike Meinhof: ihr Bruder Gady und seine Frau im Kibbuz, ihr Sohn Kim. Bis zu einem Sturz 2019 lebte sie allein in der Wohnung, aber nicht einsam. Die auch durch ihre Kolumnen und Konkret-Gerichtsreportagen bundesweit bekannt gewordene Autorin und Schauspielerin verstand es, sich Gesellschaft und Unterst\u00fctzung zu holen. Noch im M\u00e4rz 2018, als ich mehrmals bei ihr in der Wohnung war, f\u00fcr ein langes, sehr offenes Interview f\u00fcr die Jungle World, lud sie mich zum Abendbrot ein. \u201eDa, im K\u00fchlschrank, ist doch noch K\u00e4se, den habe ich mir gerade besorgen lassen. Schneidest du das Brot?\u201c Sie war herzlich, aber auch bestimmt. Vielleicht auch, weil sie mich schon als kleines Kind kannte. Aber dieses Verst\u00e4ndnis, es klar zu haben, wie Dinge zu laufen haben, empathisch zu sein, aber auch etwas einfordern zu k\u00f6nnen, hat ihr sicher auch sonst geholfen. Ganz praktisch denkend, bat sie mich, ihr bei den Besuchen Zeitungen mitzubringen. Nie werde ich vergessen, wie es einmal aus ihr herausbrach: \u201eWas, du kennst keine Widerstands-k\u00e4mpfer*innen pers\u00f6nlich? Ich h\u00e4tte ohne Freundschaften mit Widerstandsk\u00e4mpfer*innen hier in Deutschland nicht leben k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nDass sie wieder in Hamburg lebte, der Stadt, in der sie am 11. Oktober 1927 geboren wurde und aus der sie mit ihrem Bruder dank ihrer Mutter vor der Verfolgung durch die Nazis entkommen konnte, war nicht geplant. Eigentlich war sie nur auf der Durchreise, zu Besuch bei ihrer Cousine, die in Hamburg \u00fcberlebt hatte: \u201eSie hatte einen nichtj\u00fcdischen Vater, dadurch war sie nicht umgebracht worden\u201c, erz\u00e4hlte mir Peggy.<br \/>\nPeggy und ihr sieben Jahre j\u00fcngerer Bruder haben die Nazidiktatur nur \u00fcberlebt, weil ihre Mutter sie 1939 in den letzten Zug gesetzt hat, mit dem ein Kindertransport in das von den Nazis nicht besetzte Schweden ging. Da war sie elf Jahre alt. Peggy Parnass lebte jahrzehntelang in der N\u00e4he des Hamburger Hauptbahnhofes. Dabei konnte sie Z\u00fcge und besonders diesen Bahnhof, wo sie sich f\u00fcr immer von ihrer Mutter trennen musste, nicht ausstehen. Es war die letzte Chance f\u00fcr die Kinder, rauszukommen aus Deutschland. Peggys Eltern, Simon Pudl und Hertha Parnass, wurden 1942 im Vernichtungslager Treblinka von deutschen Nationalsozialisten ermordet.<br \/>\n\u201eMeine Eltern waren wunderbar. Mein Vater Pole, meine Mutter halb Portugiesin. Durch die Umst\u00e4nde ist mein kleiner Bruder Gady Engl\u00e4nder geworden, ich bin Schwedin geworden. Wir k\u00f6nnten also st\u00e4ndig die Internationale singen in der Familie. Mein Sohn ist Schwede. Mit ihm spreche ich Schwedisch, mit meinem Bruder Englisch. Meine Eltern gibt es nicht mehr\u201c, so Peggy Parnass in einer Tonbandaufnahme, in der sie \u00fcber ihre Kindheit berichtet, und die sie anl\u00e4sslich der Verlegung von Stolpersteinen f\u00fcr ihre ermordeten Eltern vor ihrer Wohnung in der Methfesselstra\u00dfe in Hamburg-Eimsb\u00fcttel 2014 aufnahm. Eine Abschrift davon ist abgedruckt in der Ausgabe 02\/2025 der Zeitschrift \u201ePublik\u201c ihrer Gewerkschaft ver.di, in der sie bis zum Tod Mitglied war.<br \/>\nDass sie ihre Trauer, ihren Schmerz \u00fcber die Ermordung fast der gesamten Verwandtschaft durch die Deutschen als Antrieb genommen hat, um \u00f6ffentlich gegen alte und neue Nazis aufzutreten und gegen die Normalisierung der deutschen Geschichte, des Unrechts und der Verbrechen anzuschreiben, hat ihre Kompromisslosigkeit, ihre analytische Sch\u00e4rfe gest\u00e4rkt. Ihre Prozessberichte, die sie in den 70iger und 80iger Jahren f\u00fcr die Konkret schrieb, bekommen durch die Benennung ihrer eigenen Geschichte als \u00dcberlebende der Shoah und ihre Empathie f\u00fcr Erniedrigte und Ausgebeutete eine Wucht, die bis heute wirkt. Nachzulesen sind ihre Prozessberichte und autobiografischen Texte in drei noch erh\u00e4ltlichen B\u00fcchern, die im Konkret Literatur Verlag erschienen sind: \u201eS\u00fcchtig nach Leben\u201c, \u201eUnter die Haut\u201c, \u201eMut und Leidenschaft\u201c.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>&#8222;Ich h\u00e4tte ohne Freundschaften mit Widerstandsk\u00e4mpfer*innen hier in Deutschland nicht leben k\u00f6nnen.\u201c<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein viertes Buch, bereits 1985 ebenfalls im Konkret Literatur Verlag erschienen, ist leider nur noch antiquarisch erh\u00e4ltlich: \u201eKleine radikale Minderheit\u201c. Der Titel trifft das Selbstverst\u00e4ndnis gut, mit dem Peggy Parnass sich gesellschaftlich verortet und agiert hat: Ohne Zugest\u00e4ndnisse an vermeintliche, ob nun nur dominant erscheinende oder reale Mehrheitsmeinungen, von einem radikalen, linken Humanismus aus argumentieren. Ihr Blick auf Deutschland war schonungslos \u2013 warum sollte sie das Land der Shoah besch\u00f6nigen, das sie schon als j\u00fcdisches Kind unterdr\u00fcckt und ausgrenzt und die Familie gewaltsam genommen hat. Wenn Peggy auf Demonstrationen als Rednerin auftrat, was sie engagiert und h\u00e4ufig tat, dann konnten sich Gefl\u00fcchtete ihrer Solidarit\u00e4t gewiss sein. Ebenso Schwule und Lesben, die anders als in der DDR, in der BRD mit dem \u00a7 175 StGB kriminalisiert wurden, der in der Bundesrepublik in der Nazi-Fassung bis 1969 unver\u00e4ndert in Kraft blieb und erst 1994 komplett gestrichen wurde. Peggy forderte ein Ende der Kriminalisierung. Die Schwulenbewegung war ihr daf\u00fcr dankbar.<br \/>\nAls Anfang der 80iger Jahre von patriotischen Frauen eine Debatte gefahren wurde, unter dem Motto \u201eF\u00fcr Gleichberechtigung \u2013 Frauen in die Bundeswehr\u201c, hielt Peggy Parnass dagegen. Die Demilitarisierung Deutschlands, als Lehre aus der NS-Herrschaft und zwei von Deutschland begonnenen Weltkriegen, wurde von ihr unbeirrt propagiert \u2013 trotz der massiven, pseudoprogressiven Propaganda f\u00fcr die Nachfolgerin der Wehrmacht. Sie, die zierliche, kleine Frau, lie\u00df sich in Talkshows darin auch nicht von einer zahlenm\u00e4\u00dfigen \u00dcbermacht an Uniformierten irritieren. Sie wusste als gestandene Nazigegnerin, wozu deutsches Milit\u00e4r, deutsche Eliten, deutsche Volksgemeinschaft in der Lage gewesen waren. Daf\u00fcr sollte es nie wieder die Gelegenheit geben. Selbst als durch die Bundesrepublik 2007 ein Aufschrei der Emp\u00f6rung ging, weil Christian Klar, Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF), und vielleicht auch einer der M\u00f6rder des von der RAF entf\u00fchrten Hanns Martin Schleyer, nach 24 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen werden sollte, r\u00fcckte Peggy den Ma\u00dfstab zurecht: \u201eJetzt geht es um Christian Klar. Bei dem man sich ernsthaft fragt, warum er schon nach 24 Jahren raus will? Nach nur 24 Jahren! Nach allem, was er getan hat. Gef\u00e4hrlich, wie er ist\u201c, schrieb sie im \u201eStern\u201c: \u201eEs wird ja immer gesagt, dass die traurige Schleyer-Witwe nicht mal erfahren hat, und auch der Sohn ist dar\u00fcber ungl\u00fccklich, dass niemand wei\u00df, wer denn nun genau der M\u00f6rder ist.\u201c Und weiter: \u201eJa, die beklagenswerte, greise Witwe von Hanns Martin Schleyer! Die ungl\u00fcckliche Frau. Die Arme. Meine Mutter war keine zu bedauernde, greise Witwe. Konnte sie auch nie werden. Denn sie wurde zusammen mit Pudl, ihrem Mann, meinem Vater, vergast. So wie fast 100 andere enge Verwandte von uns. Also die Gro\u00dfeltern, Tanten, Onkel, Vettern, Cousinen \u2013 alle weg &#8230; Frau Schleyer hatte sicher sehr gute Jahre mit ihrem Mann, f\u00fcr sie gute Jahre. In Lidice, in B\u00f6hmen, da f\u00fchrte das junge Paar ein Herrschaftsleben. Er, an f\u00fchrender Stelle als SS-Mann, nicht irgendein SS-Mann, er bekleidete einen Offiziersrang. Er war ein \u00fcberzeugter und begeisterter Nazi, von Anfang an. Schon als 16-J\u00e4hriger. Und blieb dabei.\u201c<br \/>\nSie nahm die Gelegenheit wahr und verglich die Diskussion um Christian Klar mit der Rechtsprechung gegen NS-Massenm\u00f6rder, zum Beispiel: \u201eArnold Strippel, SS-Obersturmf\u00fchrer. Er machte Karriere in einigen Konzentrationslagern: auch in Buchenwald und Neuengamme. 1949 wurde er wegen Mordes an 21 H\u00e4ftlingen zu 21mal lebensl\u00e4nglich verurteilt, doch der n\u00e4chste Richter hatte Gnade mit dem Mann und begrenzte seinen Gef\u00e4ngnisaufenthalt. Daf\u00fcr bekam er eine Haftentsch\u00e4digung in H\u00f6he von 121.300 D-Mark. Etwa 100.000 D-Mark mehr als \u00fcberlebende KZ-H\u00e4ftlinge. Er wurde in D\u00fcsseldorf letztlich zu 3,5 Jahren verurteilt.\u201c Die geringe Bestrafung von NS-Verbrechern \u2013 sie war f\u00fcr sie ein Skandal. Aber in Deutschland leider normal.<br \/>\nUngef\u00e4hr zu dieser Zeit traf ich Peggy bei einer Filmvorf\u00fchrung in Hamburgs Kommunalem Kino Metropolis, das sich damals aufgrund eines Umbaus zuf\u00e4llig in \u201eihrem\u201c Stadtteil St. Georg befand. Aber sie w\u00e4re auch sonst da gewesen, wie so oft auf politischen, kulturellen Veranstaltungen. Zu sehen gab es Filme zur linken Opposition aus den 60iger Jahren \u2013 etwa Wahlwerbespots f\u00fcr die Deutsche Friedens Union, DFU, oder die Aktion Demokratischer Fortschritt, ADF. Beides waren Tarnkandidaturen der 1956 verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands, der KPD. Und wer traf sich hier im Foyer? \u201eDas ist hier wie ein Klassentreffen der Hamburger Kulturleute aus der verbotenen KPD, nur dass Ulrike Meinhof und Christian Geissler fehlen\u201c, sagte mein Vater leise zu mir. Und mittendrin Peggy Parnass, gut gelaunt am Feiern. L&#8217;Chaim, Auf das Leben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie wieder wird sie anrufen, fragen, wie es geht. Seit Anfang der siebziger Jahre, bis vor wenigen Jahren, lebte sie noch in ihrer Wohnung in der Langen Reihe, einer belebten Stra\u00dfe. Zwei Stockwerke \u00fcber ihr hat lange Monica Bleibtreu gelebt, mit ihrem Sohn Moritz. Das Hamburger Schauspielhaus ist gleich um die Ecke. Markant die gr\u00fcn &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/05\/die-ueberlebende\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":32740,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die \u00dcberlebende - graswurzelrevolution","description":"Nie wieder wird sie anrufen, fragen, wie es geht. Seit Anfang der siebziger Jahre, bis vor wenigen Jahren, lebte sie noch in ihrer Wohnung in der Langen Reihe,"},"footnotes":""},"categories":[2096,1],"tags":[],"class_list":["post-32651","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-499-mai-2025","category-allgemeines"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32651","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32651"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32651\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32743,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32651\/revisions\/32743"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/32740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32651"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32651"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32651"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}