{"id":32801,"date":"2025-06-04T10:47:27","date_gmt":"2025-06-04T08:47:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/alte-wege-zum-frieden-neu-entdeckt\/"},"modified":"2025-09-11T22:27:49","modified_gmt":"2025-09-11T20:27:49","slug":"alte-wege-zum-frieden-neu-entdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/alte-wege-zum-frieden-neu-entdeckt\/","title":{"rendered":"Alte Wege zum Frieden \u2013 neu entdeckt"},"content":{"rendered":"<p>Die Kriege der Menschheit stehen im Mittelpunkt des Geschichtsunterrichts. Mit Merks\u00e4tzen wie \u201e333 bei Issus Keilerei\u201c wird uns die Fr\u00fchzeit als eine lange Reihe von Kriegen und Machtk\u00e4mpfen pr\u00e4sentiert.<br \/>\nFrieden erscheint so als seltener und kostbarer Ausnahmezustand, \u00fcber den wir wenig wissen. Gab es fr\u00fcher eine Friedensbewegung? Wurde \u00fcber eine friedliche Gesellschaftsordnung nachgedacht? War Gewaltfreiheit f\u00fcr irgendjemanden ein Thema?<br \/>\nTats\u00e4chlich finden sich vom Altertum bis in die Neuzeit laute Stimmen f\u00fcr den Frieden! Menschen unterschiedlicher Epochen leisten Widerstand gegen den Krieg und haben konkrete Vorstellungen vom Frieden und friedlichen Zusammenleben.<\/p>\n<p><strong>Der Alte Orient<\/strong><\/p>\n<p>Ein fr\u00fches Dokument aus dem Alten Orient wirft ein helles Licht auf diese Zeit und widerlegt die Auffassung, damals sei Friede immer nur durch Dem\u00fctigung der Verlierer ((1)) entstanden.<br \/>\nEs ist der \u00e4lteste \u00fcberlieferte Friedensvertrag der Welt von 1259 v.\u2009u.\u2009Z. aus dem wir erfahren, wie Interessenswahrung und -ausgleich zu Frieden zwischen den \u00c4gyptern und Hethitern f\u00fchrte. Nach diplomatischem Botenverkehr und Geschenkeaustausch gelangten die verfeindeten Staaten zu gegenseitiger Unterst\u00fctzung. Das hielten sie im Vertrag des sog. \u201eguten Friedens\u201c fest.<br \/>\nDie Forschung geht davon aus, dass es auch vorher und nachher \u00e4hnliche Friedensvertr\u00e4ge gab, aber von denen ist kein Text \u00fcberliefert. Heute befindet sich eine Kopie des antiken Vertrages des \u201eguten Friedens\u201c im UNO-Geb\u00e4ude in New York.<\/p>\n<p><strong>Die Griechische Antike<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Antike gab es Stimmen f\u00fcr den Frieden. Der Kom\u00f6diendichter Aristophanes ((2)) lebte von 450\u2013380 v. Chr. Er rief mitten in den Kriegen seiner Zeit mit pazifistischen Theaterst\u00fccken zu gewaltfreien Aktionen auf, die einen Krieg beenden k\u00f6nnen. Sein erstes Werk, \u201eDer Frieden\u201c von 421 v.\u2009u.\u2009Z., ist im griechischen G\u00f6ttermythos verwurzelt und erz\u00e4hlt, dass sich selbst die G\u00f6tter vom st\u00e4ndigen Kriegsl\u00e4rm bel\u00e4stigt f\u00fchlen und sich zur\u00fcck gezogen haben.<br \/>\nDie Friedensg\u00f6ttin wurde von Polemos, dem personifizierten Krieg, eingesperrt. Ein beherzter Winzer befreit die G\u00f6ttin mithilfe des Chors. Es herrscht wieder Frieden und die Menschen feiern.<\/p>\n<p>Nur ein Lanzenmacher und ein Waffenh\u00e4ndler werfen dem Winzer vor, sie um ihre Gesch\u00e4fte gebracht zu haben. Krieg \u2013 ein gutes Gesch\u00e4ft f\u00fcr die Waffenschmiede! Bis heute!<br \/>\nEin weiteres Theaterst\u00fcck \u201eLysistrata\u201c von 411 v.\u2009u.\u2009Z. thematisiert den Kampf der Frauen beider Kriegsparteien gegen die M\u00e4nner als Verursacher von Krieg und Leid. Die Frauen Athens und Spartas paktieren, um den Frieden zu erzwingen. Sie besetzen, angef\u00fchrt von Lysistrata, die Akropolis und verweigern sich fortan ihren Gatten sexuell. Sie beschlagnahmen die dort gesicherten Gelder und unterbrechen so die Kriegsfinanzierung. In Sparta veranlassen die Frauen den gleichen Ausstand. Der Entzug der Kriegskasse und der Liebe f\u00fchren tats\u00e4chlich zum Erfolg, also zum ersehnten Frieden.<br \/>\nIn der 3. Kom\u00f6die stellt Aristophanes die Frauen noch deutlicher als revolution\u00e4re Kraft dar. Dieses St\u00fcck handelt von einer Gruppe von Frauen, angef\u00fchrt von Praxagora (\u00fcbers.: die in der Versammlung Handelnde), die beschlie\u00dfen, die Herrschaft \u00fcber Athen zu \u00fcbernehmen. Denn sie sind \u00fcberzeugt, dass sie besser regieren k\u00f6nnen als die M\u00e4nner, deren Politik von st\u00e4ndigen Kriegen, Habsucht und Aufr\u00fcstung gepr\u00e4gt ist.<br \/>\nDie Frauen verkleiden sich mit B\u00e4rten und M\u00e4nnerkleidung und gelangen so in die nur den M\u00e4nnern vorbehaltene Volksversammlung. Dort h\u00e4lt Praxagora eine Rede. Darin bezeichnet sie die korrupten Stadtoberh\u00e4upter wegen ihrer Kriege und ihrer pers\u00f6nlichen Bereicherung an \u00f6ffentlichen Geldern als egoistisch. Sie schl\u00e4gt vor, dass die M\u00e4nner den Frauen die Kontrolle \u00fcber die Regierungsgesch\u00e4fte \u00fcberlassen.<br \/>\nAls es zu einer demokratischen Abstimmung dar\u00fcber kommt, sind die meisten M\u00e4nner von der Idee \u00fcberzeugt und stimmen daf\u00fcr.<br \/>\nDaraufhin beschlie\u00dfen die nun herrschenden Frauen, alle Besitzt\u00fcmer und Gelder zusammenzulegen. Aus diesem Gemeinschaftsfonds werden dann gleiche L\u00f6hne f\u00fcr alle gezahlt, um einen einheitlichen Lebensstandard zu schaffen. Damit sind dann alle Grundbed\u00fcrfnisse gedeckt, sodass man kein Privatverm\u00f6gen mehr braucht.<br \/>\nEin bedenkenswertes Gesellschaftsmodell \u2013 aus der Antike!<\/p>\n<p><strong>Die Bibel<\/strong><\/p>\n<p>Die Bibel wurde zwischen 1200 v.\u2009u.\u2009Z. und 150 geschrieben. In beiden Bibelteilen ist \u201eFrieden\u201c unter den Menschen und unter den V\u00f6lkern ein zentraler Begriff. Wesentliche Grundlage des Friedens ist die Gerechtigkeit. Ein Prophetenwort sei stellvertretend f\u00fcr viele \u00e4hnliche Bibelstellen hier genannt: \u201eDie Wirkung der Gerechtigkeit wird Frieden sein und die Frucht des Rechts ewige Sicherheit.\u201c (Jesaja 32, 17)<\/p>\n<p>Diese Friedensbotschaft wurde in den ersten Christengemeinden ernst genommen. Daher konnte kein Soldat Mitglied der Gemeinde werden.<br \/>\nAufgrund der christlichen Lehre von der Feindesliebe und Gewaltlosigkeit war f\u00fcr den Kirchenlehrer Origines (185\u2013254) jede Gewaltanwendung Unrecht \u2013 auch, wenn sie der Verteidigung diente. Er erwartete die Abschaffung aller Kriege durch Ausbreitung des christlichen Glaubens.<br \/>\nNach der konstantinischen Wende um 350 ver\u00e4nderte sich das Christentum, weil es Staatsreligion wurde. Das erforderte Staatstreue, die sich mit Pazifismus noch nie vertrug. Der Staat f\u00fchrte Kriege, die Kirche nahm fortan auch Soldaten auf.<\/p>\n<p><strong>Das Mittelalter<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem Staat und Kirche zusammen gingen, strebte auch die Kirche nach weltlicher Macht und f\u00fchrte selbst Kriege. In seinem Aufruf zum 1. Kreuzzug 1095 verlieh Papst Urban II. den Soldaten die Bezeichnung Milites Christi (Soldaten Christi). Sie sollten \u201eVerteidigung und Schutz f\u00fcr Kirchen, Witwen und Waisen, f\u00fcr alle Diener Gottes gegen das W\u00fcten der Heiden\u201c sein. Bei der Durchsetzung seiner weltlichen Interessen unter Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt konnte das Papsttum auf den Adel z\u00e4hlen.<br \/>\nFriedenspolitisch ist das Mittelalter eine traurige Epoche. Ein Berliner Forschungsprojekt von 2018 zur \u201eMilitarisierung fr\u00fchmittelalterlicher Gesellschaften\u201c ((3)) weist anhand von Grabfunden nach, dass die Gesellschaft damals durch und durch milit\u00e4risch gepr\u00e4gt war.<br \/>\nErst im sp\u00e4ten Mittelalter werden Stimmen f\u00fcr den Frieden laut. Sie fordern als Voraussetzung f\u00fcr Frieden, die Trennung von Staat und Kirche.<br \/>\nEinige Jahre sp\u00e4ter schreibt Erasmus von Rotterdam (1466\u20131536) seine pazifistische Hauptschrift, die sog. \u201eKlage des Friedens\u201c ((5)). Auf 70 Seiten l\u00e4sst Erasmus den Frieden selbst sprechen. Der Friede argumentiert auf drei Ebenen:<br \/>\nAus Sicht eines k\u00fchl rechnenden Menschen sei es unsinnig, Krieg zu f\u00fchren, denn ein Krieg koste auch den Sieger viel Geld.<br \/>\nAus ethischer Sicht sei der Krieg verwerflich \u2013 denn nicht einmal Tiere ein und derselben Art br\u00e4chten sich gegenseitig um.<br \/>\nAus religi\u00f6ser Sicht seien die Menschen durch das Neue Testament zur Gewaltlosigkeit aufgerufen.<br \/>\nSchlie\u00dflich bittet der Friede, mit k\u00fchlem Kopf zu \u00fcberlegen, was die wirklichen Ursachen des Krieges sind, und diese von den angef\u00fchrten Kriegsbegr\u00fcndungen \u2013 also der Kriegspropaganda \u2013 zu unterscheiden und dar\u00fcber hinaus die Kosten und die kurzfristigen wie die langfristigen Folgen des Krieges zu bedenken.<br \/>\nAuch widerlegt der Friede die Idee eines gerechten Krieges, da es in zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen keine parteilos beurteilende Instanz gibt! Vielmehr erhebt jede Seite f\u00fcr sich den Anspruch, die \u201egerechte Sache\u201c zu vertreten.<br \/>\nAls pragmatischen Schritt schl\u00e4gt der personifizierte Friede Schiedsgerichte vor, die im Krisenfall eingesetzt werden sollen, damit Konflikte auf diplomatischem Weg gekl\u00e4rt werden. Und er geht noch weiter und entwirft die Vision eines Europa ohne Armeen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33005\" aria-describedby=\"caption-attachment-33005\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-33005\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Screenshot-2025-08-19-081548-300x209.jpg\" alt=\"Screenshot 2025 08 19 081548\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Screenshot-2025-08-19-081548-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Screenshot-2025-08-19-081548-768x536.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Screenshot-2025-08-19-081548-600x418.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Screenshot-2025-08-19-081548.jpg 826w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33005\" class=\"wp-caption-text\">Zeichnung aus Andi Wolffs GWR-300-Comic \u201eZur wirksamen Verstopfung milit\u00e4rischer Mobilmachung\u201c.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der damalige \u201aFriedensappell\u2018 wurde zwar vielfach gelesen und gelobt \u2013 ohne allerdings die Herrschenden vom Krieg abzuhalten. Im Gegenteil, Kriegsdienstverweigerer wurden vom Papst und katholischen Herrschern als Ketzer verfolgt. Man sieht auch hier die klare Ausrichtung der Gesellschaft auf Krieg.<\/p>\n<p><strong>Die Neuzeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Reformation (1517) belebt den Pazifismus und die Ablehnung von Kriegsdienst durch die R\u00fcckbesinnung auf die eigentliche Botschaft der Bibel. In und nach der Reformation entstehen sog. Friedenskirchen wie die B\u00f6hmischen Br\u00fcder, Hutterer, Mennoniten, Qu\u00e4ker, Baptisten und andere. Sie alle schlie\u00dfen Kriegsdienst f\u00fcr sich aus, haben mit ihrer Friedensbotschaft aber keinen gesellschaftspolitischen Anspruch.<br \/>\nLuthers Auffassungen zu Krieg und Frieden \u00e4ndern sich im Laufe seines Lebens stark. Hintergrund ist seine N\u00e4he zu und Abh\u00e4ngigkeit von den Interessen der damaligen F\u00fcrsten. Luthers Ambivalenz in der Friedensfrage schwingt in folgendem Zitat mit: \u201eMan halte Frieden, solange man immer kann, wenn man ihn gleich um all das Geld kaufen sollte, das auf den Krieg gehen und durch Krieg gewonnen werden m\u00f6chte. Es erstattet doch nimmer der Sieg, was verloren wird durch den Krieg.\u201c((6))<\/p>\n<p><strong>Die Aufkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>Die mit der Aufkl\u00e4rung um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung hin zu rationalem Denken sollte Akzeptanz schaffen f\u00fcr neu erlangte naturwissenschaftliche Kenntnisse (Galilei, Kepler, Kopernikus).<br \/>\nMit der Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz wollte man sich dar\u00fcber hinaus auch von \u00fcberholten Vorstellungen und Ideologien befreien und gegen Tradition und Gewohnheitsrecht opponieren. Konkret hie\u00df das, Vorurteile zu hinterfragen, religi\u00f6se Toleranz einzufodern und sich den Naturwissenschaften und dem Naturrecht zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Gesellschaftspolitisch zielt die Aufkl\u00e4rung auf mehr pers\u00f6nliche Handlungsfreiheit und Emanzipation ab \u2013 vor allem durch Bildung. Dabei wandelt sich auch das Menschenbild: Der Mensch wird als gut angesehen. Es sind die politischen Verh\u00e4ltnisse, die den Menschen b\u00f6se werden lassen. Von daher werden B\u00fcrgerrechte, allgemeine Menschenrechte und das Gemeinwohl eingefordert. Auch in der Friedensfrage setzt die Aufkl\u00e4rung neue Akzente. Bis heute bekannte Denker widmen sich diesem Thema. Zwei davon seien hier stellvertretend genannt.<\/p>\n<p><strong>Voltaire (1694\u20131778)<\/strong><\/p>\n<p>Voltaire ver\u00f6ffentlicht 1769 sein Werk \u201eVom ewigen Frieden\u201c ((7)). Der letzte Abschnitt bietet eine Art R\u00e9sum\u00e9 und tr\u00e4gt den Titel \u201eDen Fanatismus zerschlagen \u2013 hei\u00dft Frieden herstellen.\u201c<br \/>\nDer einzige Weg, den Menschen Frieden wiederzugeben, bestehe darin, alle Dogmen, die sie trennen, zu zerst\u00f6ren und die Wahrheit, die sie vereint, wiederherzustellen; das sei in der Tat der ewige Frieden.<br \/>\nDieser Friede ist kein Hirngespinst; er wird von allen ehrlichen Menschen von China bis Quebec gehalten.<br \/>\nNur Dummk\u00f6pfe bilden sich ein, an Dogmen zu glauben; diese sind zwar in gro\u00dfer Zahl vorhanden, schreibt Voltaire, aber die wenigen, die denken, werden mit der Zeit die vielen anf\u00fchren. Der G\u00f6tze f\u00e4llt, und die allgemeine Toleranz erhebt sich t\u00e4glich mehr auf seinen Tr\u00fcmmern.<br \/>\nJeder rechtschaffene Mensch sollte daher nach seinen Kr\u00e4ften daran arbeiten, den Fanatismus zu zerschlagen und den Frieden wiederherzustellen .<br \/>\nKant (1724\u20131804)<\/p>\n<p>Nach Kant ist der Mensch zwar nicht grundgut, wie es die Aufkl\u00e4rung allgemein vertritt, er tr\u00e4gt aber die Veranlagung zur Moral in sich und kann somit gut handeln und gut sein. Von daher sieht Kant den Krieg als Normalzustand an, h\u00e4lt ihn aber nicht f\u00fcr gut oder notwendig.<br \/>\nDie moralische Vernunft bef\u00e4higt, nach Kant, zum Frieden; Recht und Gerechtigkeit sind dessen Basis. In seiner Schrift \u201eZum ewigen Frieden\u201c ((8)) entwirft er 1796 konkrete Schritte zum zwischenstaatlichen Frieden.<\/p>\n<p>1. Es soll kein Friedensschluss als solcher gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem k\u00fcnftigen Krieg gemacht worden ist.<br \/>\n2. Es soll kein Staat, ob klein oder gro\u00df, von einem anderen Staat durch Vererbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden k\u00f6nnen.<br \/>\n3. Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz abgeschafft werden.<br \/>\n4. Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf \u00e4u\u00dfere Staatsh\u00e4ndel gemacht werden (gemeint ist ein Kreditsystem unter Staaten, das zur Abh\u00e4ngigkeit der einen von den anderen f\u00fchrt).<br \/>\n5. Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staates gewaltt\u00e4tig einmischen.<br \/>\n6. Es soll sich kein Staat im Krieg mit einem anderen solche Feindseligkeiten erlauben, die das wechselseitige Vertrauen im k\u00fcnftigen Frieden unm\u00f6glich machen; als da sind: Anstellung von Meuchelm\u00f6rdern, Giftmischern, Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats in dem bekriegten Staat.<\/p>\n<p>Ziel ist f\u00fcr Kant ein wachsender V\u00f6lkerbund, der klein anf\u00e4ngt und sich immer weiter ausdehnt. Nach dem Ersten Weltkrieg \u2013 124 Jahre nach Kants Idee davon \u2013 entstand der erste V\u00f6lkerbund in Europa!<\/p>\n<p><strong>Das 20. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n<p>1913 diskutieren sozialdemokratisch gesinnte Frauen einen m\u00f6glichen Geb\u00e4rstreik ((9)). Sie wollen ihre K\u00f6rper nicht l\u00e4nger als Produktionsst\u00e4tte f\u00fcr Kanonenfutter missbrauchen lassen.<br \/>\nDie Idee des so genannten Geb\u00e4rstreiks \u2013 also die Weigerung, Kinder zu bekommen \u2013 macht als politische Aktion die Runde und findet damals auch im SPD-Parteiorgan \u201eVorw\u00e4rts\u201c Erw\u00e4hnung.<br \/>\nTats\u00e4chlich gehen die Geburtenzahlen in Arbeiterinnenkreisen merklich zur\u00fcck. Der Staat ist alarmiert, bef\u00fcrchtet den \u201eVolkstod\u201c. F\u00fcr den sozialdemokratischen Arzt Alfred Bernstein ist das allerdings ein ideologischer Sieg. Zitat: \u201eDer Geburtenr\u00fcckgang trifft den Kapitalismus an seinem Lebensmark. Wenn wir Ausbeutungsobjekte nicht rekrutieren, wenn wir das Heer nicht vermehren, dann ist der Kapitalismus am Ende.\u201c ((10))<br \/>\nDer Geb\u00e4rstreik vor dem Ersten Weltkrieg erinnert an die Frauen in den pazifistischen Theaterst\u00fccken von Aristophanes. Frauen mobilisieren gegen den Krieg.<br \/>\nNur hier und da h\u00f6ren wir auch in unseren Tagen von Frauenaktionen gegen Krieg. Bekannt sind die \u201eFrauen in schwarz\u201c((11)). Eine Anti-Kriegs-Bewegung, die 1988 in Jerusalem ihren Anfang nahm. Schnell breitete sich die Initiative in andere Orten Israels aus, wo Frauen w\u00f6chentlich auf zentralen Pl\u00e4tzen von St\u00e4dten oder an wichtigen Kreuzungen als Mahnwachen stehen. Inzwischen hat die Bewegung weltweit etwa 10.000 Frauen aktiviert. Sie sind organisiert in Aktionsgruppen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Solidarit\u00e4t und Kooperation in herrschaftsfreiem Miteinander ist in eigentlichem Sinne des Wortes menschengem\u00e4\u00df und garantiert zudem das \u00dcberleben in Krisenzeiten<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Mann des 20. Jahrhunderts, der sich sowohl konkret eingemischt, als auch ein Friedenskonzept erstellt hat, ist Albert Einstein. Mit ihm m\u00f6chte ich unsere kleine Reise durch die Geschichte alter Wege zum Frieden beenden.<\/p>\n<p><strong>Albert Einstein (1879\u20131955)<\/strong><\/p>\n<p>Einstein war Sozialist und Internationalist und arbeitete f\u00fcr die Abschaffung der Kriege, f\u00fcr die Gleichheit und gegen den Kapitalismus. Mit Wissenschaftler*innen \u00fcberall auf der Welt, die sich wie er f\u00fcr Frieden einsetzten, war er gut vernetzt und er war der Meinung, dass eine solche Zusammenarbeit auch Politiker*innen gelingen m\u00fcsste. Im 1920 gegr\u00fcndeten V\u00f6lkerbund sah Einstein \u201edie Geburt einer \u00fcberstaatlichen Organisation\u201c ((12)), die eine Vorbedingung zur Abschaffung des Krieges sein konnte. Seit 1928 unterst\u00fctze er die organisierte Bewegung der Kriegsdienstverweigerer ((13)). Kein Mensch habe \u201edas moralische Recht, sich Christ oder Jude zu nennen, wenn er bereit ist, auf Befehl einer Obrigkeit planm\u00e4\u00dfig zu morden.\u201c ((14))<br \/>\nAus Sorge vor einer deutschen Atombombe, an der unter Hitler geforscht wurde, wandte er sich gemeinsam mit Le\u00f3 Szil\u00e1rd an Pr\u00e4sident Franklin Roosevelt. Sie wiesen auf die Gefahr der Kernspaltung und der Entwicklung einer Atombombe hin. Sie schlugen ein US-amerikanisches Atomforschungsprogramm vor, das schlie\u00dflich zur Entwicklung der Atombombe f\u00fchrte. Die Unterzeichnung dieses Briefes bereute Einstein nach dem Abwurf der Atombomben \u00fcber Hiroshima und Nagasaki schwer.<br \/>\nNach dem Zweiten Weltkrieg und dem Grauen, das die Atombomben ausgel\u00f6st hatten, engagierte sich Einstein gegen die atomare Bewaffnung und f\u00fcr eine \u201eWeltregierung\u201c. Kriege seien das Ergebnis von souver\u00e4nen Staaten, die weiterhin aufr\u00fcsten. Eine Weltregierung sollte nach Einsteins Meinung von den damligen Gro\u00dfm\u00e4chten USA, UdSSR und GB etabliert werden. F\u00fcr diese Weltregierung sollte Russland die Verfassung entwerfen, um das Misstrauen gegen\u00fcber Russland zu beseitigen. Ein interessanter Gedanke.<br \/>\nDie Suche nach M\u00f6glichkeiten zur Friedenssicherung beherrschte Einsteins Denken. Denn er wusste, die Freiheit der Forschung und unzensierte Publikationen sind an die Sicherung eines wirklichen Friedens gebunden; ebenso wie die Erhaltung der politischen Rechte des Individuums. Andernfalls werden diese Errungenschaften alle schrittweise, aber unaufhaltsam verloren gehen ((15))! Im Kalten Krieg wendet sich Einstein gegen Militarisierung in den USA. R\u00fcstungskonkurrenz ist f\u00fcr ihn kein Weg zur Verh\u00fctung von Kriegen, sondern eine verh\u00e4ngnisvolle Illusion. ((16))<br \/>\nJe \u00e4lter Einstein selbst wird, umso mehr wendet er sich an die \u00e4ltere Generation. Sie ruft er auf, sich laut gegen Krieg zu wenden, da sich die Jungen durch Beruf und Familie dem Mainstream verpflichtet f\u00fchlen.<br \/>\nEntt\u00e4uscht von der Machtgier der Staatenlenker erwartet er von ihnen keinen Gewaltverzicht. Die Absage an kriegerische und milit\u00e4rische Handlungen muss von der \u00d6ffentlichkeit bzw. von denen, die dort Einfluss haben, gefordert und vertreten werden, so Einstein. Nur so werde dem kriegerischen Geist wirksam entgegen gearbeitet. ((17))<br \/>\nEinsteins skeptischer Blick auf souver\u00e4ne Staaten und deren Herrscher f\u00fchrt zu der Frage, ob es in staatenlosen Zeiten keine Kriege gab.<br \/>\nUnser heutiges Leben, gepr\u00e4gt von sozialer Ungerechtigkeit, Konkurrenzdenken, ruin\u00f6sem Hyperkonsum und Kriegen ist menschheits-geschichtlich gesehen nur eine kurze Zeitspanne. In 99 % unserer Vergangenheit sah die Welt v\u00f6llig anders aus. Auseinandersetzungen und Gewalt hatten viel kleinere Dimensionen. Denn der Homo sapiens ist von Natur aus eine kooperative, egalit\u00e4re und solidarische Spezies. Darin gr\u00fcndet gut 300.000 Jahre lang das evolution\u00e4re Erfolgsrezept. Nur die gegenseitige Unterst\u00fctzung sicherte das \u00dcberleben unserer Vorfahren, die in kleinen Gruppen von J\u00e4ger*innen und Sammler*innen lebten. Der pal\u00e4oarch\u00e4ologische Befund bezeugt: Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen und unterst\u00fctzt, ansonsten w\u00e4ren viele Verletzungen, die man an den Skeletten durchaus alt gewordener Menschen fand, einem Todesurteil gleichgekommen. Offenbar waren Pflege und F\u00fcrsorge sowie fr\u00fche Kenntnisse von Wundversorgung bei unseren Vorfahren fest verankert. ((18))<\/p>\n<p>Klimatische Ver\u00e4nderungen jedoch f\u00fchrten immer wieder zu gr\u00f6\u00dferen Wanderbewegungen. Der Zeitraum von 15.000 bis 7.000 v.\u2009u.\u2009Z. liefert ein vielf\u00e4ltiges Bild von neuen Gemeinschaftsformen unserer Vorfahren, die sie ausprobierten, um den vor allem klimatischen Herausforderungen zu trotzen. Dabei stie\u00dfen manche Gruppen auf g\u00fcnstige Regionen, in denen sie dauerhaft genug Nahrung fanden und somit problemlos bleiben konnten. Einzelne Gruppen wurden sesshaft. Sie konstruierten H\u00fctten und Vorratsgruben und gaben das Nomadenleben ganz oder saisonal auf.<br \/>\nIn der Jungsteinzeit wuchs die Zahl der sesshaften Menschen, die Gruppengr\u00f6\u00dfe stieg an. Friedh\u00f6fe zeugen von einer kulturellen Auspr\u00e4gung ihrer Ansiedlungen. Gleichzeitig markieren die Friedh\u00f6fe das Territorium als das \u201eLand ihrer Ahnen\u201c. Landbesitz und Grenzen entstehen, die Menschen werden immobil. In klimatisch schwierigen Zeiten werden sesshafte Gemeinschaften daher manchmal Ziele von Pl\u00fcnderungen. Solche gewaltt\u00e4tigen Eskalationen sind Krisensymptome einer Umbruchszeit und treten als Protest gegen Eigentum und die territoriale Monopolisierung von Land auf. ((19))<br \/>\nMit Beginn der Bronzezeit organisieren sich die inzwischen gro\u00dfen Gemeinschaften neu und entwickeln hierarchische Strukturen. Einige Gesellschaften stehen schon an der Schwelle zu Staaten. Diese Entwicklung gr\u00fcndet auf produktiver Landwirtschaft, neuen Ressourcen und Handelswegen. Eine kulturell produzierte Lebenswelt entsteht, in der Regeln und Gesetze die individuelle Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit der Menschen eingrenzen.<br \/>\nEs ist falsch anzunehmen, so der Wissenschaftler Steven Pinker, Menschen h\u00e4tten sich in freier Entscheidung zu gr\u00f6\u00dferen Gemeinwesen zusammen geschlossen. Erste Staaten waren \u201eeher eine Art Schutzgeldkartell, in dem m\u00e4chtige Mafiosi den Einheimischen Ressourcen abpressten und ihnen im Gegenzug Sicherheit gegen\u00fcber feindseligen Nachbarn anboten.\u201c ((21))<br \/>\nAuch f\u00fcr den Historiker Charles Tilly sind Staaten Produkte organisierter Kriminalit\u00e4t. ((22))<br \/>\nIn 99 % der Menschheitsgeschichte bestimmten Kooperation, Teilen und Solidarit\u00e4t das Leben der Menschen, die in egalit\u00e4ren Gruppen ohne nennenswertes Privateigentum als Sammler*innen und J\u00e4ger*innen umherzogen. ((23))<br \/>\nF\u00fcr eine egalit\u00e4re Spezies wie den Homo sapiens handelt es sich bei der Staatenbildung also um einen extremen Wandel der sozialen Ordnung. Pl\u00f6tzlich gibt es Herrscher und Untertanen. Ein Staat eignet sich das Gewaltmonopol \u00fcber Menschen an, die in einer bestimmten Region leben. Die im Staatsgebiet lebenden M\u00e4nner werden benutzt, um den Willen des Herrschers zu exekutieren. So wird der Staat zum institutionellen Rahmen, in dem sich ein umfassendes Kriegswesen entwickelt. ((24))<br \/>\nNicht der Krieg ist der Vater aller Dinge (Heraklit), sondern der Staat ist der Vater aller Kriege.<\/p>\n<p>Dass durch die letzten 1\u00a0% kriegerischer Menschheitsgeschichte hindurch immer wieder Stimmen f\u00fcr den Frieden laut wurden, wie oben dargestellt, r\u00fchrt wohl von unserem egalit\u00e4ren und solidarischen Habitus her, der uns \u00fcber Jahrtausende hinweg tief eingeschrieben ist in unsere menschliche Natur.<br \/>\nDieser Habitus hat seit 53 Jahren ein Sprachrohr: die Graswurzelrevolution! Die von ihrem Autor*innenteam vertretene egalit\u00e4re, solidarische, gewaltfreie und herrschaftsfreie Gemeinschaft ist offenbar nicht nur eine Utopie, sondern das Erbe unserer Vorfahren \u2013 ein zutiefst menschliches Verhalten. Solidarit\u00e4t und Kooperation in herrschaftsfreiem Miteinander ist somit in eigentlichem Sinne des Wortes menschengem\u00e4\u00df und garantiert zudem das \u00dcberleben in Krisenzeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kriege der Menschheit stehen im Mittelpunkt des Geschichtsunterrichts. Mit Merks\u00e4tzen wie \u201e333 bei Issus Keilerei\u201c wird uns die Fr\u00fchzeit als eine lange Reihe von Kriegen und Machtk\u00e4mpfen pr\u00e4sentiert. Frieden erscheint so als seltener und kostbarer Ausnahmezustand, \u00fcber den wir wenig wissen. Gab es fr\u00fcher eine Friedensbewegung? Wurde \u00fcber eine friedliche Gesellschaftsordnung nachgedacht? 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