{"id":32804,"date":"2025-06-04T10:47:28","date_gmt":"2025-06-04T08:47:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/soziale-verteidigung-ein-konzept-gegen-die-kriegstuechtigkeit\/"},"modified":"2025-08-09T01:48:29","modified_gmt":"2025-08-08T23:48:29","slug":"soziale-verteidigung-ein-konzept-gegen-die-kriegstuechtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/soziale-verteidigung-ein-konzept-gegen-die-kriegstuechtigkeit\/","title":{"rendered":"Soziale Verteidigung: ein Konzept gegen die \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema der Sozialen Verteidigung hat die Graswurzelrevolution (GWR) in der Vergangenheit mehrfach besch\u00e4ftigt. Es gab allein drei Sonderausgaben in den 1980er Jahren: 1981, 1985 und die letzte 1988 anl\u00e4sslich des bundesweiten Kongresses \u00fcber Soziale Verteidigung in Minden 1988, der von einem B\u00fcndnis gewaltfreier Organisationen, darunter der Vers\u00f6hnungsbund und die F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen, \u00fcber zwei oder drei Jahre vorbereitet worden war.<br \/>\nSoziale Verteidigung ist ein Konzept gewaltloser Verteidigung bzw. zivilen Widerstands. Ihr Ziel ist nicht der Schutz der Grenzen und des Territoriums, sondern sie ist eine Verteidigung der Lebensweise und der Institutionen gegen die Absicht eines Gegners, illegitime Herrschaft auszu\u00fcben. Das kann ein internationaler Angreifer ebenso sein wie eine B\u00fcrgerkriegspartei, ein Putschist oder eine Partei, die durch Wahlen an die Macht gekommen ist. In der Vergangenheit haben manche, auch gerade aus dem Umfeld der GWR, sie auch auf andere Szenarien ausgeweitet, in denen etwas verteidigt werden sollte \u2013 zum Beispiel Gesundheit und Umwelt gegen Atomm\u00fclllager oder \u2013 ein Thema, dessen sich heute viele Menschen viel bewusster sind als in den 1980er Jahren \u2013 die Umweltzerst\u00f6rung durch die Klimakatastrophe und den Verlust von Biodiversit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Grundgedanke der Sozialen Verteidigung wurde schon von \u00c9tienne de la Boeti\u00e9 im 16. Jahrhundert formuliert: Jeder Herrscher, auch ein milit\u00e4rischer Besatzer oder ein Putschist, braucht die Mitarbeit der Bev\u00f6lkerung, um seine Herrschaft aufrechterhalten zu k\u00f6nnen. Wenn keine*r die Anweisungen der Regierenden befolgt, keine*r die Rohstoffe abbaut oder die Infrastruktur saniert, keine*r zu Parteiversammlungen geht, kein*e Lehrer*in die neuen Curricula umsetzt, dann m\u00f6gen zwar \u00fcberall Sicherheitskr\u00e4fte stehen, aber der Herrscher bleibt ein M\u00f6chtegern-Machthaber ohne wirkliche Macht. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der Widerstand der norwegischen Lehrer*in-nen gegen den Versuch der Quisling-Regierung (den norwegischen, mit Deutschland verb\u00fcndeten Nazis), 1942 ein nationalsozialistisches Curriculum einzuf\u00fchren. Sie weigerten sich, es umzusetzen, und blieben auch standhaft, als viele von ihnen eingesperrt und misshandelt wurden. Schlie\u00dflich musste die Regierung alle wieder freilassen und der Unterricht folgte weiter dem alten Curriculum.<\/p>\n<p><strong>Soziale Verteidigung statt Kriegst\u00fcchtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Fast ganz Europa r\u00fcstet auf, mit der Begr\u00fcndung, dass man Russland davon abschrecken m\u00fcsse, nach der Ukraine weitere (westliche) L\u00e4nder zu \u00fcberfallen. Denn das habe es vor, so sagen es diverse Geheimdienste. Und wegen dieser Bedrohung, so die Logik der NATO, m\u00fcsse man aufr\u00fcsten \u2013 gerade jetzt, wo an der B\u00fcndnistreue der USA unter Pr\u00e4sident Trump so starke Zweifel entstanden sind -, denn nur wer bereit sei, Krieg zu f\u00fchren, k\u00f6nne ihn abschrecken. Aber: Abschreckung, besonders nukleare Abschreckung, mag die Schwelle eines Angriffs erh\u00f6hen, aber sie ist auch hoch gef\u00e4hrlich: Die Risiken reichen von der Gefahr eines Kriegs \u201eaus Versehen\u201c \u00fcber die Gefahr, dass konventionell begonnene Kriege eskalieren und die Tatsache, dass auch Atomwaffen besitzende Staaten Krieg unterhalb der nuklearen Schwelle f\u00fchren, also Krieg nicht verhindert wird, bis hin zur M\u00f6glichkeit, dass sie den Gegner zu einem Pr\u00e4ventivangriff veranlasst. Denn die Wahrnehmung, von der anderen Seite bedroht zu werden, ist in der Regel eine gegenseitige, auch wenn die beiden Seiten dies meist nicht wahrhaben wollen. Angesichts immer k\u00fcrzer werdender Vorwarnzeiten (neue Mittelstreckenwaffen, Hyperschallwaffen) und der dadurch gestiegenen Erstschlagsf\u00e4higkeit m\u00f6gen Staaten auf die Idee kommen, den Krieg zu beginnen, bevor die andere Seite noch st\u00e4rker wird und die eigenen Chancen, den Krieg zu gewinnen, noch geringer werden.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Eine Falle gibt es allerdings auch, vor der gewarnt werden muss: Je konkreter Soziale Verteidigung heute vor Ort nicht nur propagiert, sondern praktisch entwickelt wird, desto leichter k\u00f6nnte sie als ein Baustein im Narrativ der Kriegst\u00fcchtigkeit angesehen werden. <\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Deutschland soll sich nach dem Willen der alten wie der neuen Regierung \u201ekriegst\u00fcchtig\u201c machen. Dazu geh\u00f6ren nicht nur die massive Steigerung der R\u00fcstungsausgaben (da liegt Deutschland jetzt in absoluten Zahlen gemessen auf Platz 4 in der Welt, nach den USA, Russland und China) und die vermutlich stufenweise erfolgende Wiedereinf\u00fchrung einer Wehrpflicht, sondern alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sollen sich auf Krieg vorbereiten. Nachzulesen ist das unter dem Stichwort \u201eZivile Verteidigung\u201c (nicht zu verwechseln mit \u201eSozialer Verteidigung\u201c) und den 2024 verabschiedeten \u201eRahmenrichtlinien f\u00fcr die Gesamtverteidigung\u201c. Im Gesundheitswesen sollen sich Krankenh\u00e4user schon jetzt auf die Versorgung von Kriegsverletzten vorbereiten, und f\u00fcr Bedarfe der Bundeswehr werden bald bundesweit, wie jetzt schon in Bayern, Naturschutzvorgaben und Pr\u00fcfverfahren f\u00fcr Bauvorhaben au\u00dfer Kraft gesetzt.<br \/>\nDer Erz\u00e4hlung von einem Russland, das aufr\u00fcstet, um nach der Ukraine NATO-L\u00e4nder, etwa im Baltikum, anzugreifen, ist ungeheuer m\u00e4chtig, wenn man sich die \u00c4u\u00dferungen aus Politik und Medien anschaut. Stimmen, die darauf hinweisen, dass vielleicht auch Russland sich bedroht f\u00fchlt vom Westen und deshalb aufr\u00fcstet oder dass es \u00fcberhaupt keine seri\u00f6sen, nachpr\u00fcfbaren Quellen f\u00fcr eine solche Absicht der Regierung Putin gibt, werden kaum geh\u00f6rt oder als \u201ePutinversteher\u201c \u2013 fr\u00fcher h\u00e4tte man gesagt: \u201ef\u00fcnfte Kolonne\u201c \u2013 abgetan.<\/p>\n<p><strong>Herausforderung f\u00fcr die Weiterentwicklung des Konzepts der Sozialen Verteidigung<\/strong><\/p>\n<p>Wenn zum offiziellen Narrativ der \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c geh\u00f6rt, milit\u00e4rische Verteidigung auf allen Ebenen \u2013 bis hin zum Atomkrieg \u2013 vorzubereiten, dann ist Soziale Verteidigung eine Alternative und kann als solche dargestellt werden. Auch wenn die meisten Menschen sich nur schwer vorstellen k\u00f6nnen, dass Gewaltfreiheit gegen einen Gegner, der massive Gewalt anzuwenden bereit ist, eine Chance hat. Aber es gibt viele gute Argumente, Soziale Verteidigung nicht nur als eine Utopie anzusehen:<br \/>\n1. Es gibt zahlreiche F\u00e4lle, in denen durch gewaltfreie Aufst\u00e4nde Diktaturen gest\u00fcrzt oder Herrschaft beendet wurde. Die Untersuchung von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan z\u00e4hlt auf Basis der NAVCO-Datenbank zwischen 1900 und 2006 107 F\u00e4lle von gewaltfreiem Widerstand, der auf einen Regimewechsel, eine Sezession oder die Bek\u00e4mpfung einer Besatzung abzielte, und wiesen nach, dass gewaltfreie Kampagnen im gleichen Zeitraum fast doppelt so erfolgreich waren wie gewaltt\u00e4tige.<br \/>\n2. Es gibt viele L\u00e4nder, die kein eigenes Milit\u00e4r unterhalten \u2013 Costa Rica ist vielleicht das bekannteste Beispiel, aber sie sind bei weitem nicht die einzigen, wie bei Wikipedia nachgelesen werden kann.<br \/>\n3. Regierungen nehmen das Konzept wahr und integrieren es in ihre Konzepte totaler Verteidigung: Im Jahr 2015 ver\u00f6ffentlichte das litauische Verteidigungsministerium einen Leitfaden f\u00fcr den Fall eines milit\u00e4rischen Angriffs, der auch zivilen Widerstand beinhaltet. In j\u00fcngerer Zeit hat die NATO ein \u201eResistance Operating Concept\u201c f\u00fcr Mittelstaaten entwickelt, das zivilen Widerstand als ein Element der Verteidigung zusammen mit konventionellen milit\u00e4rischen und Partisanenaktivit\u00e4ten vorschl\u00e4gt. Auch Singapur hat ein Konzept der totalen Verteidigung, das Elemente zivilen Widerstands beinhaltet.<br \/>\nDazu kommen Argumente, die auf einer Kosten-Nutzen-Analyse beruhen: Der \u201eAltmeister der gewaltfreien Aktion\u201c; Gene Sharp, hat sie gut zusammengefasst: Soziale Verteidigung ist eigenst\u00e4ndig, treibt das Land nicht in den Bankrott, verursacht keine massiven Zahlen an Todesopfern und Zerst\u00f6rung und legt das eigene Schicksal nicht in die H\u00e4nde m\u00e4chtiger Freunde, die wahrscheinlich zuerst ihre eigenen Interessen verfolgen. (Das schrieb er \u00fcbrigens 1992, so aktuell der letzte Punkt \u00fcber die \u201em\u00e4chtigen Freunde\u201c heute klingt.)<br \/>\nLast, but not least: Die Vorbereitung von Sozialer Verteidigung \u2013 anstelle von der Anh\u00e4ufung von immer mehr Waffen \u2013 w\u00fcrde ein internationales Signal setzen, eine neue, auf gemeinsamer Sicherheit beruhende Friedensordnung aufzubauen.<br \/>\nEine Falle gibt es allerdings auch, vor der gewarnt werden muss: Je konkreter Soziale Verteidigung heute vor Ort nicht nur propagiert, sondern praktisch entwickelt wird, desto leichter k\u00f6nnte sie als ein Baustein im Narrativ der Kriegst\u00fcchtigkeit angesehen werden. Hier w\u00e4re zu w\u00fcnschen, dass diejenigen, die sich heute \u2013 etwa im Rahmen der Initiative \u201eWehrhaft ohne Waffen\u201c \u2013 konkret mit der Vorbereitung von Sozialer Verteidigung befassen, sich diese Gefahr bewusst machen und Wege finden, nicht ungewollt das Herbeireden einer Kriegsgefahr zu st\u00e4rken, anstatt dem entgegen zu wirken.<br \/>\nSoziale Verteidigung darf nicht isoliert von einer breiteren Friedenspolitik gesehen werden. Sie braucht Zivile Konflikt-bearbeitung bzw. muss in sie eingebettet sein. Eine gewaltfreie Verteidigung gegen einen milit\u00e4rischen Angriff von au\u00dfen kann dem Gegner das Erreichen seiner Ziele schwer machen, aber vermutlich w\u00fcrde es, wie beim Ruhrkampf 1923, internationale Diplomatie brauchen, um einen Abzug der Truppen zu erreichen und zu einer Friedensordnung zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema der Sozialen Verteidigung hat die Graswurzelrevolution (GWR) in der Vergangenheit mehrfach besch\u00e4ftigt. 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