{"id":32816,"date":"2025-06-04T10:47:31","date_gmt":"2025-06-04T08:47:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/solidaritaet-das-pflaenzchen-immergruen\/"},"modified":"2025-09-18T00:23:52","modified_gmt":"2025-09-17T22:23:52","slug":"solidaritaet-das-pflaenzchen-immergruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/solidaritaet-das-pflaenzchen-immergruen\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t \u2013 das Pfl\u00e4nzchen Immergr\u00fcn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was wurde aus unseren Tr\u00e4umen?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Illustration aus jener Zeit ist mir bis heute vor Augen geblieben. Sie zeigt eine Mauer mit der mahnenden Inschrift: Don\u2019t adjust your mind, the fault lies in reality (sinngem\u00e4\u00df: Passe nicht deine Denke an, der Fehler liegt in der Wirklichkeit). Schade nur, dass leider dieser Fehler weiter die Wirklichkeit geblieben ist. Und Jene, die wir als Projektionsfl\u00e4chen zu unseren Hoffnungstr\u00e4gern idolisiert hatten (weitgehend in der m\u00e4nnlichen Reduzierung, denn die Frauen mussten damals zumeist noch \u2013 selbst unter uns \u2013 um die Emanzipation k\u00e4mpfen), lie\u00dfen uns auch im Stich.<br \/>\nNachdem die antikolonialen Helden das (vermeintliche) Selbstbestimmungsrecht auch mit Unterst\u00fctzung der Soli-Bewegung erk\u00e4mpft hatten, wurden sie recht schnell selbst zu Unterdr\u00fcckern. Die Sandinisten in Nicaragua waren wenig zimperlich im Umgang mit der indigenen Bev\u00f6lkerung. Weitaus schlimmer noch waren die killing fields in Kambodscha. In Simbabwe wiederum w\u00fctete Mugabes ZANU-Regime mit Hilfe Nordkoreas im Matabeleland.<br \/>\nChe Guevara wurde der Spruch zugeschrieben, dass Solidarit\u00e4t die Z\u00e4rtlichkeit der V\u00f6lker sei. Viel war davon nicht zu sehen oder zu sp\u00fcren. Schon gar nicht mehr heute. Parteien gewinnen Wahlen, weil sie Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen treten und Verfassungen aushebeln. Kriege werden mehr denn je aus Gier gef\u00fchrt, V\u00f6lkermorde ohne Konsequenzen f\u00fcr die T\u00e4ter ver\u00fcbt. Demokratie wird zum Schimpfwort oder mit Diktatur verwechselt. Rechtsstaat meint Rechts-Staat.<br \/>\nMehr denn je geschieht all dies auf Kosten und Missachtung eines unzureichenden globalen normativen Rahmens. Dessen Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte ist eine Erinnerung daran, was h\u00e4tte sein k\u00f6nnen und nicht ist. \u2013 Solidarit\u00e4t ist auch hier kl\u00e4glich gescheitert, da auf Gewalt basierende \u201eWerteordnungen\u201c die Totenglocken f\u00fcr Mitmenschlichkeit l\u00e4uteten.<\/p>\n<p><strong>Aus Verfehlungen lernen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer Krieg formt seine Leute\u201c diagnostizierte 1983 Christa Wolf in ihrer Novelle \u201eKassandra\u201c. Da gab es schon mehr als ein Jahrzehnt die Einsicht, das Bewusstsein und die Weitsichtigkeit vom Schlage der GWR. Dass Gewalt ein probates Mittel ist, um dauerhaften Frieden unter den Menschen (und mit der Natur) zu erreichen, das wurde in deren Beitr\u00e4gen damals bereits bezweifelt und hinterfragt. Denn egal mit welcher Absicht gef\u00fchrt: Krieg befreit nicht, er deformiert.<br \/>\nAuch, dass Emanzipationsk\u00e4mpfe nicht als nationale Identit\u00e4tspolitik daherkommen m\u00fcssen, war seinerzeit in libert\u00e4ren Kreisen schon eine wesentliche Einsicht. Die Soli-Bewegung mit \u201eBefreiungsbewegungen\u201c hinkte da meist hinterher. Ern\u00fcchtert ob der Grenzen einer von ihnen unterst\u00fctzten Befreiung (so sie denn f\u00fcr Viele \u00fcberhaupt eine war), zogen sich die meisten seither aus diesen Zusammenh\u00e4ngen zur\u00fcck, statt sich mit deren Fallstricken und sich selbst kritisch zu befassen.<br \/>\nDass hingegen die GWR jetzt die f\u00fcnfhundertste Nummer feiern kann, zeichnet das Projekt aus. Nicht nur, weil es auch Ergebnis einer Solidarit\u00e4t mit den eigenen Vorstellungen ist. Der Glaube an und das Vertrauen in diese hat gen\u00fcgend Menschen motiviert, um das Projekt, durch unterschiedliche Formen von Unterst\u00fctzung, trotz aller Widernisse lebendig zu halten. Es ist auch gelungen, Positionen weiterzuentwickeln, ohne romantisierende Heroisierung und Nostalgie aus Geschichte zu lernen, sowie Unterschiede in der Verortung zu diskutieren.<br \/>\nVielleicht ist der allzu fr\u00fch verstorbene Rio Reiser ein gutes Beispiel daf\u00fcr, dass f\u00fcr Einige die Chance des Dazulernens nicht ungenutzt blieb: \u201eHalt dich an deiner Liebe fest\u201c ist eine sinnvolle Weiterentwicklung des destruktiven kaputt-machen-wollens.<\/p>\n<p>Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht<br \/>\nUnd du bist so m\u00fcde, weil du nicht mehr wei\u00dft, wie\u2019s weitergeht<br \/>\nWenn dein kaltes Bett dich nicht schlafen l\u00e4sst:<br \/>\nHalt dich an deiner Liebe fest.<\/p>\n<p>Ein solcher Selbstglaube sollte ein tragf\u00e4higes Fundament f\u00fcr belastbare Widerspenstigkeit sein. Zumal wenn diese von der Einsicht \u2013 oder Hoffnung? \u2013 geleitet wird, dass der Tag am n\u00e4chsten ist, wenn die Nacht am tiefsten ist.<\/p>\n<p>Ich war oft am Ende, fertig und allein<br \/>\nAlles, was ich geh\u00f6rt hab, war: \u201eLass es sein\u201c<br \/>\nSo viel Kraft hast du nicht, so viel kannst du nicht geben<br \/>\nGeh den Weg, den alle geh\u2019n, du hast nur ein Leben<br \/>\nDoch ich will diesen Weg zu Ende geh\u2019n<br \/>\nUnd ich wei\u00df, wir werden die Sonne seh\u2019n<br \/>\nWenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am n\u00e4chsten<\/p>\n<p><strong>Hammarskj\u00f6ld und Camus: Vertrauen in die eigene Kraft<\/strong><\/p>\n<p>Ganz in solcherart verstandenem Vertrauen in die eigene Kraft kann Solidarit\u00e4t als ein Bekenntnis zur Hoffnung gelten. Sie ist ein Pfl\u00e4nzchen Immergr\u00fcn. Oder wie Gras, um ein Bild des zweiten Generalsekret\u00e4rs der Vereinten Nationen Dag Hammarskj\u00f6ld zu benutzen. Dieser und alle f\u00fcnfzehn Menschen in seiner Begleitung hatten beim Versuch einer Friedensfindung im Kongo 1961 ihr Leben gelassen. Das Flugzeug, das diese zu einem Treffen mit Moise Tshombe, dem Sezessionistenf\u00fchrer Katangas bringen sollte, st\u00fcrzte beim Landeanflug auf die nordrhodesische Minenstadt Ndola ab. Inzwischen haben sich die Hinweise verdichtet, dass dies kein Unfall war.<br \/>\nAls kosmopolitischer (durchaus h\u00f6chst b\u00fcrgerlicher) Schwede auf den Dienst f\u00fcr die Allgemeinheit eingeschworen, machten Hammarskj\u00f6lds Integrit\u00e4t und die beharrliche Verfolgung und Einforderung der in der Charta der Vereinten Nationen festgelegten normativen Grundwerte ihn unter den M\u00e4chten auf beiden Seiten des Kalten Kriegs unbeliebt. Nur f\u00fcr die neuen Mitgliedsstaaten der in Dekolonisierungsprozessen begriffenen Welt war er \u201eihr\u201c Generalsekret\u00e4r. Angefeindet und von Intrigen eingedeckt, dachte er nicht daran, seine Grund\u00fcberzeugungen einer Pseudo-Diplomatie zu opfern. Stattdessen schrieb er an einen Freund im M\u00e4rz 1957: \u201eIch bin stolz, zur Familie der Gr\u00e4ser zu geh\u00f6ren. Und ich bleibe ziemlich gr\u00fcn, trotz einer Menge Trampelei.\u201c \u2013 Auch das eine Form der \u201eGraswurzelrevolution\u201c?<br \/>\nObwohl sie sich in vielen Gedanken und Haltungen eines kompromisslosen Humanismus sehr nahe waren, fanden Dag Hammarskj\u00f6ld und Albert Camus nicht zueinander. Als Hammarskj\u00f6ld 1953 zum UNO-Generalsekret\u00e4r wurde, hatte Camus der Weltorganisation schon den R\u00fccken gekehrt. Er geh\u00f6rte zu Jenen, die 1948 in Kritik des Staatenb\u00fcndnisses eine Sitzung der Generalversammlung in Paris kaperten, um eine Weltb\u00fcrgererkl\u00e4rung zu verlesen. Wegen der Aufnahme des Franco-Regimes in die UNESCO 1952 verlor Camus die letzten Sympathien f\u00fcr die Vereinten Nationen.<br \/>\nDoch so wahrscheinlich es ist, dass Camus dem Vergleich mit Gras auch auf sich bezogen zugestimmt h\u00e4tte, so sicher war der begeisterte Bergwanderer Hammarskj\u00f6ld wohl mit der abschlie\u00dfenden Erkenntnis von Albert Camus in \u201eDer Mythos von Sisyphos\u201c einverstanden: \u201eDer Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszuf\u00fcllen. Wir m\u00fcssen uns Sisyphos als einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-32988\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Beitrag2.jpg\" alt=\"Beitrag2\" width=\"803\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Beitrag2.jpg 803w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Beitrag2-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Beitrag2-768x536.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Beitrag2-600x418.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 803px) 100vw, 803px\" \/><\/p>\n<p><strong>Die weggeworfene Flinte<\/strong><\/p>\n<p>Der Gedanke tr\u00f6stet mich als jemand, f\u00fcr den beide Leitfigur, Vorbild und Inspiration geworden sind: Lebten sie noch, w\u00fcrden sie weiterhin vielleicht getrennt, aber im Geiste vereint, Solidarit\u00e4t verstanden als Kampf um selbstbestimmte Menschenw\u00fcrde und -rechte Aller als kleines Pfl\u00e4nzchen Immergr\u00fcn behutsam pflegen. \u2013 Gerade so, wie es die GWR seit nunmehr f\u00fcnfhundert Ausgaben tut, ohne die Flinte ins Korn zu werfen. So darf Christian Morgenstern mittels dem handelnden Palmstr\u00f6m, quasi stellvertretend f\u00fcr die GWR, mit \u201eDie weggeworfene Flinte\u201c das letzte Wort haben:<\/p>\n<p>Palmstr\u00f6m findet eines Abends,<br \/>\nals er zwischen hohem Korn<br \/>\nsingend schweift,<br \/>\neine Flinte.<\/p>\n<p>Trauernd bricht er seinen Hymnus<br \/>\nab und setzt sich in den Mohn,<br \/>\nseinen Fund<br \/>\nzu betrachten.<\/p>\n<p>Innig stellt er den Verzagten,<br \/>\nder ins Korn sie warf, sich vor<br \/>\nund beklagt<br \/>\nihn von Herzen.<\/p>\n<p>Mohn und \u00c4hren und Cyanen<br \/>\nwindet seine Hand derweil<br \/>\nstill um Lauf,<br \/>\nHahn und Kolben&#8230;<\/p>\n<p>Und er lehnt den so bekr\u00e4nzten<br \/>\nStutzen an den Kreuzwegstein,<br \/>\nhoffend zart,<br \/>\nda\u00df der Zage,<\/p>\n<p>noch einmal des Weges kommend,<br \/>\nihn erblicken m\u00f6ge \u2013 und \u2013<br \/>\n(.. Seht den Mond<br \/>\ngro\u00df im Osten..)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was wurde aus unseren Tr\u00e4umen? Eine Illustration aus jener Zeit ist mir bis heute vor Augen geblieben. Sie zeigt eine Mauer mit der mahnenden Inschrift: Don\u2019t adjust your mind, the fault lies in reality (sinngem\u00e4\u00df: Passe nicht deine Denke an, der Fehler liegt in der Wirklichkeit). Schade nur, dass leider dieser Fehler weiter die Wirklichkeit &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/solidaritaet-das-pflaenzchen-immergruen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":32980,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Solidarit\u00e4t \u2013 das Pfl\u00e4nzchen Immergr\u00fcn - graswurzelrevolution","description":"Was wurde aus unseren Tr\u00e4umen? Eine Illustration aus jener Zeit ist mir bis heute vor Augen geblieben. 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