{"id":32817,"date":"2025-06-04T10:47:31","date_gmt":"2025-06-04T08:47:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/keine-ruhe-im-karton\/"},"modified":"2025-08-19T08:17:47","modified_gmt":"2025-08-19T06:17:47","slug":"keine-ruhe-im-karton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/keine-ruhe-im-karton\/","title":{"rendered":"Keine Ruhe im Karton"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA l\u00e4sst sich in dramatischer Weise beobachten, warum Archive so wichtig f\u00fcr demokratische Systeme sind und warum sie \u00fcber ein gewisses Ma\u00df an Unantastbarkeit und Resilienz gegen\u00fcber systemischen Schwankungen verf\u00fcgen m\u00fcssen, um autorit\u00e4ren Tendenzen standhalten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEnde M\u00e4rz 2025 erlie\u00df Trump die Executive Order \u201eRestoring Truth and Sanity to American History\u201d, in der er formuliert, dass \u00fcber die letzte Dekade der Versuch unternommen worden sei, die \u201egro\u00dfartige\u201c Geschichte Amerikas umzuschreiben, indem objektive Fakten durch Ideologien ((2)) ersetzt worden seien. Unter \u201eIdeologie\u201c versteht er allerdings die Sichtbarmachung und Aufarbeitung rassistischer, sexistischer und repressiver Anteile der amerikanischen Geschichte. Dass afro-amerikanischen, indigenen, trans-Personen und Frauen ein Platz in der Vergangenheit und Gegenwart der USA einger\u00e4umt wurde, missf\u00e4llt der US-Regierung. Schon vor dem besagten Erlass von M\u00e4rz waren von Webpr\u00e4senzen der Regierung Passagen verschwunden, die zu bestimmten Themen wie Impfungen oder der Opioid-Krise informierten. Zudem wurde die H\u00e4ufigkeit verwendeter W\u00f6rter wie \u201eSchwarz\u201c, \u201eFrauen\u201c oder \u201eDiskriminierung\u201c auf den Seiten merklich ausged\u00fcnnt. Eine Datenbank, die die juristische Verfolgung der Capitol-Angriffe vom 6. Januar 2021 dokumentierte, wurde ebenfalls entfernt (und die Capitol-Angreifer wurden bereits Anfang diesen Jahres begnadigt). ((3))<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Seit dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA l\u00e4sst sich in dramatischer Weise<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>beobachten, warum Archive so wichtig f\u00fcr demokratische Systeme sind und<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>warum sie \u00fcber ein gewisses Ma\u00df an Unantastbarkeit und Resilienz gegen\u00fcber systemischen<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>Schwankungen verf\u00fcgen m\u00fcssen, um autorit\u00e4ren Tendenzen standhalten zu k\u00f6nnen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr eine \u201eMAGA\u201c-Uminterpretation der Geschichte m\u00fcssen freilich auch diejenigen Dokumente, die diese Umdeutung \u00fcberpr\u00fcfbar machen oder infrage stellen k\u00f6nnten, verbannt werden. In einem Statement vom 17. M\u00e4rz weist die \u201eSociety of American Archivists\u201c besorgt darauf hin, dass es Anweisungen gibt, bestimmte beh\u00f6rdliche Dokumente, auch Verschlusssachen, zu vernichten. Recht vorsichtig stellt sie die Unvereinbarkeit mit dem \u201eFederal Records Act\u201c, also dem staatlichen Archivgesetz, fest und r\u00e4t den Kolleg*innen, sich an die gew\u00e4hlten Abgeordneten zu wenden. ((4))<\/p>\n<p><strong>Bewegungen bewahren<\/strong><\/p>\n<p>Der Exkurs zeigt, dass Archive zu einem umk\u00e4mpften Gut im gesellschaftspolitischen Feld werden k\u00f6nnen, weil sie ma\u00dfgeblich mitgestalten, was, wie und wer erinnert wird. In den Beispielen oben haben wir es mit dem radikalen Umbau von staatlichen Einrichtungen zu tun, bei dem die Zeugnisse demokratischer Prozesse, aber auch die Pr\u00e4senz von progressiven und pluralen Lebensweisen zerschlagen werden.<br \/>\nDass hierzulande auch widerst\u00e4ndige, utopische oder marginalisierte Geschichte dauerhaft und verl\u00e4sslich bewahrt wird, ist Anliegen des Archivs f\u00fcr alternatives Schrifttum (afas). Es wurde vor 40 Jahren mit einem gemeinn\u00fctzigen Tr\u00e4gerverein von politisch in verschiedenen Bereichen engagierten Menschen in Duisburg gegr\u00fcndet.<br \/>\nIn den 1970er und 1980er Jahren waren Neue Soziale Bewegungen, linkspolitische oder selbstverwaltete Gruppierungen und ihre Dokumente nicht in \u201eetablierten\u201c Ged\u00e4chtnisinstitutionen zu finden. Staatliche und kommunale Archive fokussieren das \u201eamtliche Schriftgut\u201c, in dem soziale Bewegungen h\u00f6chstens als Verwaltungsakt vorkommen \u2013 etwa wenn das Formblatt zur Anmeldung einer Kundgebung archiviert wird. Bei der Archivierung authentischer Selbstzeugnisse der linksalternativen Milieus klaffte eine riesige L\u00fccke. Um solchen \u00dcberlieferungsdefiziten im Bereich der Alternativkulturen und Protestbewegungen entgegenzuwirken, wurde das afas als unabh\u00e4ngiges und selbstverwaltetes Archiv gegr\u00fcndet.<br \/>\nVor 40 Jahren waren die Zeiten andere \u2013 womit befassten sich die Akteur*innen 1985? Im afas archivieren wir Zeitschriften, Brosch\u00fcren, Plakate, Transparente, Objekte und nat\u00fcrlich die Archivalien, also Unikate wie Briefe, Handschriften und Protokolle, mit Hilfe einer Datenbank. Ein Blick in diese verr\u00e4t schnell, dass die virulenten Themen 1985 vor allem \u201e40 Jahre Kriegsende\u201c, die Gefahr eines Atomkriegs, \u201eKrieg der Sterne\u201c, Friedenskongresse, die Proteste gegen den Weltwirtschaftsgipfel in Bonn sowie die Mobilisierung zur Weltfrauenkonferenz in Nairobi waren. Krieg, Aufr\u00fcstung, Frieden \u2013 Themen, die angesichts der heutigen Weltlage eigentlich wieder ganz oben auf der Agenda der sozialen Bewegungen stehen m\u00fcssten.<br \/>\nIm Mitgliederkreis bildeten 1985 allerdings nicht politische Diskussionen den Vordergrund f\u00fcr den Aufbau des afas. Vielmehr ging es um die formale und organisatorische Praxis: Wie werden wir gemeinn\u00fctzig? Wo kann das Archiv untergebracht werden? Wo kann Geld aufgetrieben werden? Wie finden wir einmal Archiviertes wieder? Was wollen wir \u00fcberhaupt sammeln, was aber nicht? Um letztere Frage zu kl\u00e4ren, musste nat\u00fcrlich \u201eSzenebeobachtung\u201c betrieben werden. Zum einen aus der Ferne, indem linke Zeitschriften und Flugbl\u00e4tter gelesen wurden. Zum anderen fuhr einer der Gr\u00fcnder in den ersten Jahren in s\u00e4mtliche Gro\u00dfst\u00e4dte oder auch in die hinterletzten Landkreise NRWs, um Initiativen und Projekte, Wohngemeinschaften, ASten, politische Buchl\u00e4den oder Kundgebungen abzuklappern.<\/p>\n<p><strong>In die Breite und die Tiefe sammeln<\/strong><\/p>\n<p>In den ersten Jahren wurde auf diese Weise vor allem \u201eSpurensicherung\u201c in ganz NRW betrieben. \u00dcber die Jahrzehnte wuchs das Archiv auf 2,5 Regalkilometer heran. Es umfasst neben der Button-, Aufkleber-, Plakat-, Flugblatt- oder Zeitschriften-Sammlung auch gro\u00dfe Vor- und Nachl\u00e4sse, manchmal auch ganze Archive. Schon bald musste daher der enge Sammelschwerpunkt \u201eNordrhein-Westfalen\u201c auf das ganze Bundesgebiet erweitert werden. So konnte denn auch die \u00fcberregionale \u201eGraswurzelrevolution\u201c ihren Platz im afas behaupten. Ein Blick ins Editorial der Ausgaben von 1985 verr\u00e4t, dass in der Graswurzelrevolution vor 40 Jahren ebenfalls das Bem\u00fchen ums Geld ein wiederkehrendes Thema war. Bereits ab der Fr\u00fchlingsausgabe 1985 wird um Spenden und Abonnements geworben, in der letzten Ausgabe vor der Sommerpause wird dann sogar berichtet, dass \u201edas Einstellen der Zeitung noch in diesem Jahr ernsthaft in Erw\u00e4gung\u201c ((5)) gezogen wird. Wie wir wissen, ist dies gl\u00fccklicherweise nicht geschehen: So konnte im Dezember 1985 die 100. Ausgabe herauskommen, und das, obwohl das Erscheinen durch eine weitere Widrigkeit behindert wurde. Autonome aus dem Hafenstra\u00dfen-Umfeld hatten die Lichtsatzger\u00e4te in den Hamburger taz-R\u00e4umen zerst\u00f6rt, mit denen auch die Graswurzelrevolution-Fahnen erstellt wurden. Im Editorial wird dies recht unaufgeregt mit einer generellen Kritik an autorit\u00e4rem Verhalten innerhalb linker Gruppierungen besprochen: \u201eUns best\u00e4rkt dies in unserem grunds\u00e4tzlichen Mi\u00dftrauen gegen Gewalt, die antritt, um f\u00fcr ,Befreiung\u2018 zu k\u00e4mpfen, und dann doch sehr schnell umschlagen kann in erneute Unterdr\u00fcckung, gegen alles, was nicht auf der ,richtigen Linie\u2018 steht.\u201c ((6))<br \/>\nDie analytischen Auseinandersetzungen der Redaktion mit den Bewegungen der Zeit sind lesenswert. Beispielsweise wird konstatiert, \u201eda\u00df die Friedensbewegung in ihrer Mehrheit keine anti-militaristische Orientierung hat\u201c ((7)). Feministische und frauenbewegte Themen werden ganz selbstverst\u00e4ndlich in die Ausgaben eingewebt und in Auseinandersetzung mit den Gr\u00fcnen wird gefragt, inwieweit sie noch durch die sozialen Bewegungen gepr\u00e4gt sind oder sich \u201ein Richtung einer stinknormalen Reformpartei\u201c ((8)) entwickeln.<br \/>\nEinen Blick zur\u00fcck zu werfen, um Vergangenes, aber auch gegenw\u00e4rtige Zust\u00e4nde verstehen zu k\u00f6nnen, geht nur, wenn es entsprechende Quellen gibt. Anliegen des afas ist es, verl\u00e4ssliche Zeugnisse vorzuhalten und multiperspektivische Zug\u00e4nge zu Gesellschaft und ihrer Erforschung zu erm\u00f6glichen. Die Bandbreite des Archivmaterials ist daher denkbar gro\u00df. Einerseits kann im afas ein lokaler Bestand wie derjenige der \u201eRheinpreu\u00dfensiedlung Duisburg\u201c beforscht werden. Die um 1900 erbaute Rheinpreu\u00dfensiedlung wurde Mitte der 1960er Jahre von einem Duisburger \u201eBaul\u00f6wen\u201c gekauft und sollte abgerissen werden, um auf dem Gel\u00e4nde Wohnt\u00fcrme zu errichten. Die Bewohner*innen wehrten sich mit Kundgebungen, Hungerstreiks vor dem Duisburger Rathaus oder auch einer Baggerbesetzung. Einige H\u00e4user wurden abgerissen, der Rest steht heute Dank des Kampfes der Anwohner*innen um ihre Siedlung unter Denkmalschutz und wird von einer Genossenschaft verwaltet. Andererseits bewahren wir im afas auch international vernetzte Solidarit\u00e4tsgruppen, wie die (deutsche) Anti-Apartheid-Bewegung (AAB), deren B\u00fcro in Bonn nach Ende der Apartheid aufgel\u00f6st wurde und zu einem gro\u00dfen Teil im afas gelandet ist. Neben den inhaltsdichten Akten geh\u00f6ren auch spannende Audiokassetten und hunderte Fotos zur Sammlung. Am viel angefragten AAB-Bestand lassen sich Forschungstrends und der Zeitgeist des politischen Diskurses ablesen: So werden seit einigen Jahren verst\u00e4rkt postkoloniale Fragestellungen an die Unterlagen herangetragen. Nat\u00fcrlich nimmt auch die \u00d6kologiebewegung gro\u00dfen Raum in der afas-Sammlung ein, von handschriftlichen Protokollen des \u201ealteingesessenen\u201c Bundesverband B\u00fcrgerinitiativen Umweltschutz bis hin zu Aktionsmaterial von Fridays For Future werden im Archiv viele Aktivismus-Generationen abgebildet. Manchmal m\u00fcssen ganze Archive aufgeben und landen dann geschlossen im afas: so haben wir beispielsweise das Archiv des Umweltzentrum M\u00fcnster oder das Internationale Frauen Friedens-Archiv Fasia Jansen \u00fcbernommen. Sch\u00f6n ist aber auch, wenn Organisationen fortbestehen, sie ihre \u201ehistorischen\u201c Unterlagen aber schon einmal dem Archiv vermachen: Im afas bewahren wir die Akten des Vegetarierbund Deutschland (heute proveg), die die vegetarische Bewegung ab der Jahrhundertwende bis heute dokumentieren, sowie die Unterlagen des Komitees f\u00fcr Grundrechte und Demokratie. Auch die genuin antimilitaristischen Bewegungen kommen nicht zu kurz: Die Unterlagen der Selbstorganisation der Zivildienstleistenden sind vor rund zehn Jahren in unsere Magazine eingezogen und vollst\u00e4ndig erschlossen. Das Archiv w\u00e4chst und w\u00e4chst: Wir \u00fcbernehmen laufend neue Sammlungen und die Regale f\u00fcllen sich best\u00e4ndig. F\u00fcr die n\u00e4chsten 500 Ausgaben Graswurzelrevolution wird aber trotzdem immer ein Platz im afas frei sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA l\u00e4sst sich in dramatischer Weise beobachten, warum Archive so wichtig f\u00fcr demokratische Systeme sind und warum sie \u00fcber ein gewisses Ma\u00df an Unantastbarkeit und Resilienz gegen\u00fcber systemischen Schwankungen verf\u00fcgen m\u00fcssen, um autorit\u00e4ren Tendenzen standhalten zu k\u00f6nnen. 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