{"id":32821,"date":"2025-06-04T10:47:32","date_gmt":"2025-06-04T08:47:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/moralvorstellungen\/"},"modified":"2025-06-04T23:20:25","modified_gmt":"2025-06-04T21:20:25","slug":"moralvorstellungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/moralvorstellungen\/","title":{"rendered":"Moralvorstellungen"},"content":{"rendered":"<p>Stell dir vor, du ger\u00e4tst in einen Streit mit einem Faschisten und eine dritte Person kommt hinzu und fragt, was los sei. Du sagst: \u201eEr hat mir eben gesagt, er hofft, dass bald wieder Konzentrationslager f\u00fcr Leute wie mich ge\u00f6ffnet werden.\u201c Und dieser weist das emp\u00f6rt von sich: \u201eDas ist gelogen, mir werden von diesem Linksextremen Zitate in den Mund gelegt!\u201c Tats\u00e4chlich hatte er nicht gesagt \u201eKonzentrationslager\u201c sondern \u201eKZs\u201c. Er kl\u00e4rt nicht auf, worin der Fehler meiner Aussage liegen soll, sondern suhlt sich triumphierend in seiner Welt, in der Kleinkariertheit und Formalismus \u00fcber Wahrhaftigkeit siegt. Es handelt sich nicht nur um eine \u00e4u\u00dfere, sondern, schlimmer noch, um eine innere Verlogenheit.<\/p>\n<p>Es handelt sich dabei um eine kaltschn\u00e4uzige Skrupellosigkeit, die die faschistische Grundeinstellung unterstreicht, die Banalit\u00e4t des B\u00f6sen, die in allem korrekt ist, nur nicht in den wesentlichen Fragen von menschlicher W\u00fcrde und Menschenrechten.<\/p>\n<p>Mit dieser Einleitung m\u00f6chte ich auf einen CDU\/AfD-Untersuchungsausschuss in Th\u00fcringen zum Verfassungsschutz eingehen, der auch mit einem Artikel von mir in der Graswurzelrevolution begr\u00fcndet wird, in der angebliche \u201eL\u00fcgen\u201c \u00fcber den AfD-Politiker Bj\u00f6rn H\u00f6cke stehen sollen.<\/p>\n<p>Bevor ich darauf eingehe, m\u00f6chte ich beim Formalismus bleiben. Das Festhalten an Formularen, Uniformen, Formalit\u00e4ten, F\u00f6rmlichkeiten, ist kennzeichnend f\u00fcr die preu\u00dfische Untertanenmentalit\u00e4t, die Heinrich Mann bereits vor \u00fcber einhundert Jahren in seinem Roman \u201eDer Untertan\u201c skizzierte.<\/p>\n<p>H\u00f6cke benennt selbst diese Formverliebtheit der Deutschen und insbesondere der Ostpreu\u00dfen. Interessanterweise entlarven H\u00f6cke gerade diese Passagen als L\u00fcgner und Neonazi. In seinem Artikel zum 8. Mai, zum Kriegsende vor achtzig Jahren, klagt er \u00fcber die Zerst\u00f6rung von \u201eK\u00f6nigsberg\u201c, welches durch die \u201eFormliebe\u201c und den \u201eFlei\u00df\u201c der Ostpreu\u00dfen so prachtvoll geworden sei.<\/p>\n<p>Ist es Frechheit oder Dummheit, dass H\u00f6cke die Kombination der Begriffe \u201eFormliebe\u201c und \u201eFlei\u00df\u201c im Zusammenhang mit dem Kriegsende benutzt? Es gab vor ihm nach meinem Wissen nur einen Text, der dies auch machte: Ein Neonazi-Text in der Neonazi-Zeitschrift \u201eVolk in Bewegung\u201c, geschrieben unter dem Pseudonym \u201eLandolf Ladig\u201c. Ich h\u00e4tte auf Dummheit getippt, die sich aus der Kombination der Stumpfheit einer faschistisch-stakatof\u00f6rmigen Wortschatzmonotonie und der Dumpfheit fehlender Phantasie, ertappt werden zu k\u00f6nnen, speist. Denn ich konnte H\u00f6cke aufgrund mehrerer Wortkombinationen, die NUR bei H\u00f6cke und Ladig auftauchen, bei sonst niemanden, als Autor hinter den \u201eLadig\u201c-Texten entlarven (hinzu kommen text-externe Indizien wie Ladigs Beschreibung von H\u00f6ckes Wohnhaus und H\u00f6ckes enge Bekanntschaft mit dem Herausgeber der Ladig-Texte, dem Neonazi Thorsten Heise). Tats\u00e4chlich fehlten mir diese Worte \u201eFormliebe und Flei\u00df\u201c noch in meiner Synopse identischer Begrifflichkeiten von Ladig und H\u00f6cke.<br \/>\nHier liegt der Fall aber vielleicht doch noch anders und damit m\u00f6chte ich auf den von H\u00f6cke bzw. der Th\u00fcringer AfD angeschobenen Untersuchungsausschuss zum Verfassungsschutz zu sprechen kommen.<\/p>\n<p>Die SPD-Abgeordnete Dorothea Marx sagte in ihrer Parlamentsrede zur Einsetzung des Untersuchungsausschusses, dass sie in dem AfD-Text ein \u201eKuckucksei\u201c in der Passage C.12 entdeckt habe. In dieser Passage geht es um meinen Artikel \u201eBj\u00f6rn H\u00f6ckes faschistischer Fluss. Der v\u00f6lkische Machiavellismus des AfD-Politikers\u201c aus der Graswurzelrevolution Nr. 431 vom September 2018, aber Dorothea Marx geht es hier zun\u00e4chst um etwas anderes. Sie sagte im Parlament am 07. M\u00e4rz 2025:<\/p>\n<p>\u201eIch komme aber jetzt zu einem Punkt, \u00fcber den ich mich tats\u00e4chlich gefreut habe, denn Ihr Untersuchungseinsetzungsauftrag enth\u00e4lt ein nettes, kleines Ei, ein nettes Ostereichen, ein vorgezogenes Geschenk f\u00fcr mich. Das ist die Ziffer C.12 bei den Fragen, die Sie behandelt haben wollen. Da geht es um Erkenntnisse eines gewissen Herrn Andreas Kemper. Das hat mich doch sehr freudig gestimmt. Denn der Soziologe Andreas Kemper ist der, der darauf gekommen ist, dass Herr H\u00f6cke mit einem gewissen Landolf Ladig identisch sein m\u00fcsse.\u201c<\/p>\n<p>Da ich dort im Antrag zum Untersuchungsausschuss zitiert werde, m\u00fcssten auch meine Landolf Ladig-Recherchen auf den Tisch, fordert Dorothea Marx und dann zitiert sie ausgerechnet die Landolf Ladig-Passage, aus der H\u00f6cke dann zwei Monate sp\u00e4ter, am 8. Mai, rezitieren wird:<\/p>\n<p>\u201eEine Ahnung schleicht sich dabei vielleicht bei immer mehr gebildeten Angelsachsen ein, da\u00df eben nicht die Aggressivit\u00e4t der Deutschen urs\u00e4chlich f\u00fcr zwei Weltkriege war, sondern letztlich ihr Flei\u00df, ihre Formliebe und ihr Ideenreichtum. Das europ\u00e4ische Kraftzentrum entwickelte sich so pr\u00e4chtig, da\u00df die etablierten Machtzentren sich gezwungen sahen, zwei \u00f6konomische Pr\u00e4ventivkriege gegen das Deutsche Reich zu f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Das Festhalten an Formularen, Uniformen, Formalit\u00e4ten, F\u00f6rmlichkeiten, ist kennzeichnend f\u00fcr die preu\u00dfische Untertanenmentalit\u00e4t, die Heinrich Mann bereits vor \u00fcber einhundert Jahren in seinem Roman \u201eDer Untertan\u201c skizzierte<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die durch den Zweiten Weltkrieg zerst\u00f6rte Pracht, die sich aus der \u201eFormliebe\u201c und dem Flei\u00df der Deutschen entwickelt habe \u2013 diese Passage taucht bei H\u00f6cke am 8. Mai wieder auf, als er das \u201eK\u00f6nigsberg\u201c seiner Gro\u00dfeltern beschreibt: \u201edie Altstadt, das prachtvolle Zeugnis der Formliebe und des Flei\u00dfes vieler ostpreu\u00dfischer Generationen, ist ausradiert.\u201c<br \/>\nAu\u00dfer H\u00f6cke und Ladig verwendet niemand in diesem Kontext diese Wortkombinationen. Dass H\u00f6cke aber \u00f6ffentlich nun auch noch diese Ladig-Passage rezitiert, nachdem ihm im Landesparlament das Zitat als sein eigener unter Pseudonym geschriebener Text vorgehalten wurde, ist, wie gesagt, besonders dreist oder besonders dumm.<\/p>\n<p>Aber kommen wir nun zum eigentlichen Thema, dem Absatz C.12 des AfD-Antrages zum VS-Untersuchungsausschuss. Mein GWR-Artikel \u201eBj\u00f6rn H\u00f6ckes faschistischer Fluss\u201c ((1)) wurde damals vom Th\u00fcringer Verfassungsschutz-Chef Stephan J. Kramer zum Gro\u00dfteil \u00fcbernommen ((2)), um in einer Pressekonferenz erstmals einen Teil der AfD, n\u00e4mlich H\u00f6cke, zum Pr\u00fcffall zu erkl\u00e4ren. H\u00f6cke hatte bereits am 09.12.2024 auf Telegram zu diesem Pr\u00fcffall geschrieben: \u201eEntlastende Gutachten blieben unbeachtet, daf\u00fcr wurden Zitate eingebracht, die der ebenfalls linksextreme Soziologe Andreas Kemper mir in den Mund gelegt hatte. Die Einstufung als Pr\u00fcffall scheiterte deshalb vor dem Verwaltungsgericht Weimar.\u201c<br \/>\nNur um dies klarzustellen: Die angeblich falschen Zitate spielten juristisch \u00fcberhaupt keine Rolle f\u00fcr das sogenannte \u201eScheitern\u201c (heute gilt H\u00f6cke nicht mehr als \u201ePr\u00fcffall\u201c, sondern als \u201egesichert rechtsextrem\u201c). Im sp\u00e4ter erfolgten Antrag unter C.12 hei\u00dft es dann, dass im Untersuchungsausschuss gekl\u00e4rt werden solle:<\/p>\n<p>\u201eob die Vorw\u00fcrfe zutreffen, dass der Verfassungsschutzpr\u00e4sident bei der Bekanntgabe des \u201aPr\u00fcffalls\u2019 der AfD \u00f6ffentlich aus einem Text des Soziologen Andreas Kemper zitiert und dabei falsche Zitate verwendet haben soll und dies sowohl \u00f6ffentlich als auch intern f\u00e4lschlicherweise als eigene Aussagen ausgegeben habe\u201c ((3))<\/p>\n<p>Bislang gibt es nur die Behauptung, ich h\u00e4tte falsch zitiert, aber die AfD oder auch andere Publikationen wie \u201eApollo News\u201c oder \u201eNius\u201c, haben diese Behauptung bislang nicht mit den entsprechenden Textpassagen belegt. Mich hatte diese Unterstellung zun\u00e4chst erschrocken und ich habe intensiv nach falschen Zitaten gesucht und bin an einer Stelle f\u00fcndig geworden. Und mit dieser einen Textstelle komme ich auf den Anfang des Textes oben zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich hatte folgendes zu H\u00f6cke geschrieben und dabei einige Originalzitate von ihm eingeflochten:<\/p>\n<p>\u201eDie Errichtung dieses neuen Systems werde Generationen dauern und die Deutschen w\u00fcrden durch ein \u201atiefes Tal\u2019 gehen. Brandige Glieder k\u00f6nnten nicht mit Lavendelwasser kuriert, sondern nur \u201adurch gewaltsamste Verfahren reorganisiert werden\u2019 [&#8230;] Die Ma\u00dfnahmen, die ergriffen werden m\u00fcssten, w\u00fcrden unseren \u201aeigentlichen Moralvorstellungen zuwider laufen\u2019. Er spricht von einer notwendigen \u201awohltemperierten Grausamkeit\u2019 und zitiert damit Peter Sloterdijk. Sloterdijk meinte damit die Grausamkeit der Zur\u00fcckweisung von Gefl\u00fcchteten wie in Kanada, H\u00f6cke zielt hingegen auf ein \u201agro\u00dfangelegtes Remigrationsprojekt\u2019, also auf Grausamkeiten ganz anderer Dimension, und stellt klar: \u201aexistenzbedrohende Krisen erfordern au\u00dfergew\u00f6hnliches Handeln.\u2018\u201c<br \/>\nMein Fehler: H\u00f6cke sprach von \u201emoralischen Empfindungen\u201c statt von \u201eMoralvorstellungen\u201c. Ein Unterschied, der in der Brutalit\u00e4t von H\u00f6ckes Aussagen keinen Unterschied macht, rein formal gesehen aber eine \u201efalsche\u201c Wiedergabe ist.<br \/>\nWomit wir wieder beim Zusammenhang von \u201eFormliebe\u201c und Menschenfeindlichkeit der Neonazis w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wo k\u00f6nnte ich ihn noch falsch zitiert haben? Ich schrieb einiges zu H\u00f6ckes Ansatz des Verfassungskreislaufes, ein antiquierter Ansatz, der bei einem verbeamteten Geschichtslehrer irritiert. In einem Satz hei\u00dft es: \u201eAktuell befinden wir uns nach H\u00f6cke\u201a im letzten Degenerationsstadium\u2019 der Demokratie, in der Ochlokratie (225ff.).\u201c Die Seitenzahl bezieht sich auf H\u00f6ckes Ausf\u00fchrungen in seinem Buch. Das Zitat \u201eim letzten Degenerationsstadium\u201c bezieht sich hingegen auf die Neuruppiner Rede von 2017. H\u00f6cke sagte dort w\u00f6rtlich: \u201eDiese Demokratie, liebe Freunde, sie ist keine Demokratie mehr. Sie ist nicht nur keine Demokratie mehr, weil wir keine richtige Meinungsfreiheit mehr haben. Sie ist ein Entartungsstadium der Demokratie, wie sie schon die klassischen Staatsrechtslehrer in der Antike formuliert haben. Sie ist auch keine funktionierende Oligarchie mehr. Diese Demokratie ist das letzte Degenerationsstadium, eine sogenannte Ochlokratie, das ist eine Herrschaft der Schlechten.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stell dir vor, du ger\u00e4tst in einen Streit mit einem Faschisten und eine dritte Person kommt hinzu und fragt, was los sei. 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