{"id":32861,"date":"2025-06-19T11:42:46","date_gmt":"2025-06-19T09:42:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=32861"},"modified":"2025-06-19T12:01:23","modified_gmt":"2025-06-19T10:01:23","slug":"antimilitarismus-und-revolutionaerer-militarismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/antimilitarismus-und-revolutionaerer-militarismus\/","title":{"rendered":"Antimilitarismus und revolution\u00e4rer Militarismus?"},"content":{"rendered":"\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u201eRegal: Pazifisten <em>&amp;<\/em> Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien\u201c f\u00fcr das Portal \u201aschalom-bibliothek.org\u2018 liegt bereits ein Band <em>\u201eDas Gro\u00dfe Morden\u201c<\/em> vor \u2013 mit kraftvollen Voten gegen Militarismus und Krieg aus der Feder von Erich M\u00fchsam (1878-1934, ermordet im KZ). Das Aufbegehren betrachtete er als seine Berufung. In einem Selbstzeugnis des Jahres 1919 hei\u00dft es: \u201eMein Werdegang und meine Lebenst\u00e4tigkeit wurden bestimmt von dem Widerstand, den ich von Kindheit an den Einfl\u00fcssen entgegensetzte, die sich mir in Erziehung und Entwicklung im privaten und gesellschaftlichen Leben aufzudr\u00e4ngen suchten. [\u2026] Die Bek\u00e4mpfung des Staates in seinen wesentlichen Erscheinungsformen, Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Klassenherrschaft, Zweckjustiz und Unterdr\u00fcckung in jeder Gestalt, war und ist der Impuls meines \u00f6ffentlichen Wirkens. [\u2026] Selbstverst\u00e4ndlich fand mich die Revolution von der ersten Stunde aktiv auf dem Posten \u2026 Mitglied des Revolution\u00e4ren Arbeiterrats \u2026 Kampf gegen die Konzessionspolitik Kurt Eisners \u2026 Teilnahme an der Ausrufung der bayerischen R\u00e4terepublik \u2026 Standgericht: f\u00fcnfzehn Jahre Festung \u2026\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die anf\u00e4ngliche N\u00e4he dieses anarchistischen Schriftstellers zu Tolstois Haltung in der \u201aGewaltfrage\u2018 wandelte sich im Zuge von Weltkriegsverlauf, M\u00fcnchener Revolution und Tuchf\u00fchlung mit dem \u201aSpartakusprogramm\u2018 (mit nachfolgender Phase einer sehr engen Zusammenarbeit mit Vertretern der KPD). Schlie\u00dflich w\u00fcnschte M\u00fchsam, dass die Beherrschten ihre Waffen gegen jene richten, die ihnen das Kriegshandwerk aufgedrungen haben:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(&#8230;)<br \/>\u201eNoch nicht genug mit dem, was wir erschwitzen:<br \/>Der Reiche schickt auf Raub uns in die Welt,<br \/>L\u00e4\u00dft uns Gewehre laden und Haubitzen<br \/>Und b\u00fcckt sich nicht, wenn unsereiner f\u00e4llt.<br \/>Er lehrte uns bedienen<br \/>Des Krieges Mordmaschinen.<br \/>Jetzt \u00fcben wirs f\u00fcr unsrer Kinder Brot!<br \/>Ihr Proletarier, folgt der Fahne rot!\u201c (1920)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter revolution\u00e4rem Vorzeichen \u2013 d.h. auch im Zusammenhang der erfahrenen Gewalt- und Mordexzesse der rechten Soldateska \u2013 entstanden viele neue Lieder f\u00fcr den bewaffneten Widerstand. Falls es bei M\u00fchsam in der Folgezeit ein Begehren nach Dichterruhm gab, so wurzelte es in dem Wunsch, wenigstens einige seiner Verse m\u00f6chten bei jungen Kr\u00e4ften der Revolution den Kampf befl\u00fcgeln:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(&#8230;) <br \/>&#8222;Denn: f\u00e4rbt ein wei\u00dfes Bl\u00fctenblatt sich rot<br \/>vom Blute meiner Leidenschaft \u2013<br \/>ein einziges auf dem Feld, wo junge Kraft<br \/>den Sieg erk\u00e4mpfen soll \u2013, so ist mein Werk nicht tot!\u201c<br \/>(1928)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ein vollst\u00e4ndigeres Bild vermittelt werden kann, enth\u00e4lt die jetzt ebenfalls vorliegende Sammlung <em>\u201eJedoch der Mut ist mein Genosse\u201c<\/em> \u2013 erg\u00e4nzend zum oben genannten Lesebuch <em>\u201eDas gro\u00dfe Morden\u201c<\/em> \u2013 vor allem auch solche Texte \u00fcber Kampf und Revolution, in denen sich die Entfernung vom Pazifismus niedergeschlagen hat: Politische Lyrik (Auswahl: Gedichte 1904 \u2013 1928); <em>\u201eKampf-, Marsch- und Spottlieder\u201c<\/em> (Druck im Jahr 1925); <em>\u201eVon Eisner bis Levin\u00e9\u201c<\/em> (Rechenschaftsbericht \u00fcber die Revolutionsereignisse in M\u00fcnchen, 1920 verfasst \u201ezur Aufkl\u00e4rung an die Sch\u00f6pfer der russischen Sowjetrepublik zu H\u00e4nden des Genossen Lenin\u201c); <em>\u201eMein Gegner Kurt Eisner\u201c<\/em> (1929); <em>\u201eL\u00fcgen um Landauer\u201c<\/em> (1929).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitlich nachfolgende Zeugnisse der letzten Lebensjahre werden nicht mehr herangezogen. Zumindest genannt sei M\u00fchsam letzte Schrift <em>\u201eBefreiung der Gesellschaft vom Staat\u201c<\/em> (1932). Darin verteidigt der anarchistische Schriftsteller die t\u00f6tende Gewalt aus politischer \u00dcberzeugung \u2013 als Handlungsm\u00f6glichkeit des Individuums (!) ausdr\u00fccklich gegen\u00fcber der \u201aorthodox-marxistischen\u2018 Doktrin, es seien Terror, politische Morde und andere Gewaltakte nur im Einklang mit einer zentralen \u2013 planm\u00e4\u00dfigen \u2013 Parteiagenda legitime Kampfmittel. Er bekennt sich gar zu folgender Auffassung: \u201eDie anarchistische Freiheitslehre stellt das Recht der Pers\u00f6nlichkeit viel zu hoch, als da\u00df sie es da, wo eine beleidigte Natur ihrem Gef\u00fchl den Ausdruck der Vergeltung [sic] gibt, wo ein freiheitlich gesinnter Mensch der Werbung, der Warnung, der Einsch\u00fcchterung, des Trotzes wegen oder um ein Kampfzeichen zu geben mit einer aufschreckenden Tat vor die Welt tritt, verleugnen sollte.\u201c Kritisiert wird hier also nicht mehr ein Gewaltglaube der autorit\u00e4ren Linken, sondern nur dessen \u2013 strategische bzw. kollektivistische \u2013 Bindung an die Parteidisziplin. Ich vermag bei solchen Ausf\u00fchrungen eine Verbindung zu M\u00fchsams fr\u00fchen Voten zur Gewaltfrage aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bzw. bis 1917 nicht mehr erkennen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Abschluss unserer Sammlung bildet eine Textdokumentation mit <em>Beitr\u00e4gen \u00fcber Erich M\u00fchsam<\/em> und die Revolutionszeit 1918\/19 aus der <em>\u201eGraswurzelrevolution\u201c<\/em> (Monatszeitung f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft \u01c0 Texte 2012-2024) und weiteren Quellen. Hier werden auch Lebensabschnitte und Wirkungsfelder M\u00fchsams beleuchtet, die nicht Gegenstand seiner im Lesebuch dargebotenen Texte sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Redaktion der Schalom-Bibliothek ist keine \u201aneutrale\u2018 bzw. \u201awertfreie Instanz\u2018. Sie votiert vielmehr streitbar f\u00fcr Ungehorsam gegen\u00fcber der Kriegsreligion und <em>gewaltfreien<\/em> Widerstand \u2013 f\u00fcr jenen Weg also, auf dem die Liebhaberinnen des Lebens kein Menschenblut vergie\u00dfen. Doch kontroverse Positionen, die den jeweiligen Herausgebern nicht liegen, d\u00fcrfen in Quelleneditionen nicht unter den Tisch fallen. Der Widerspruch beg\u00fcnstigt ja Diskurse auf hohem Niveau, die uns weiterf\u00fchren.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich stehen auch historische Fragen an. Sie betreffen etwa M\u00fchsams Beurteilung des ermordeten bayerischen Ministerpr\u00e4sidenten Kurt Eisner (1867-1919), den er <em>\u201eMein Gegner\u201c<\/em> nennt, oder seine Mitteilungen zur revolution\u00e4ren Haltung des ermordeten Freundes Gustav Landauer (1870-1919), die in diesem Buch nachzulesen sind. Doch der Gewaltdiskurs ist in erster Linie keine geschichtswissenschaftliche Herausforderung, sondern eine <em>Gegenwartsfrage<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die rebellische Jugend in der Zeit vor den \u201aneoliberalen Jahrzehnten\u2018 rief aus: \u201eBesetzt leerstehende H\u00e4user, nicht andere L\u00e4nder!\u201c \u2013 und schritt im Zuge der Selbsthilfe auch zur Tat. Es folgte eine weithin f\u00fcgsame Generation, die sich im Dienste der Geldvermehrungsmaschine selbst \u201aoptimierte\u2018. Die flankierenden Freiheitsparolen \u2013 und die zum Teil absurden \u201aFreiheitsspielwiesen\u2018 \u2013 leisten aber nicht mehr lange ihr Dienste. Ein Umbau der \u201aliberalen Demokratie\u2018 zum autorit\u00e4ren Kapitalismus ist l\u00e4ngst im Schwange. Die Militarisierung des \u00f6ffentlichen Lebens beschleunigt sich Tag f\u00fcr Tag (aber anders als noch im 19. Jahrhundert haben selbst \u201alinksliberale Lager\u2018 kein Bewusstsein mehr davon, welche Attacken auf freiheitliche Ideale und Errungenschaften daraus zwangsl\u00e4ufig folgen). Ziviler Ungehorsam \u2013 ehedem als Lackmustest von Demokratie gew\u00fcrdigt \u2013 wird in einem Ausma\u00df kriminalisiert, wie wir es ab den Zeiten eines Willy Brandt nicht erlebt haben. Ein Teil der staatlichen Ordnungskr\u00e4fte \u00fcbt sich gegen\u00fcber den Citoyens in unversch\u00e4mten Tonarten, die von Analphabetismus in Sachen \u201aB\u00fcrgerrechte\u2018 zeugen. Die z.T. \u00e4u\u00dferst brutalen Repressionen bei \u00f6ffentlichen Protesten f\u00fcr \u00d6kologie oder Menschenrechte lassen sich nicht mehr leugnen. Eine unmoralische \u201aStaatsraison\u2018 wird gegen Ankl\u00e4ger des milit\u00e4rischen Massenmordens in Gaza geltend gemacht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In welche Richtung wird sich nun eine politisierte Jugend bewegen, wenn ihre Ohnmachtserfahrungen auf Heilsversprechen einer <em>Gegengewalt-Religion<\/em> sto\u00dfen? Der Gewaltglaube verhei\u00dft dem Widerstand \u2013 wie schon immer in der Geschichte \u2013 \u201aAuswege\u2018, obwohl er im dritten Jahrtausend unserer Zeitrechnung das ultimative Instrument der Konterrevolution wider eine breite <em>Revolte f\u00fcr das Leben<\/em> bedeutet. Die Herrschenden \u2013 ausgestattet mit immer totalit\u00e4rer ausgerichteten Kontroll- und Waffentechnologien \u2013 haben heute weniger denn je Angst vor einer zu t\u00f6tender Gewalt bereiten Opposition. \u201aLasst es knallen!\u2018 Umso schneller kann der Umbau zum Polizeistaat vollzogen werden, da doch die Beherrschten das gew\u00fcnschte Propagandamaterial selbst liefern. Umso wirkungsvoller auch lassen sich die nonkonformen Szenen ablenken von der Suche nach widerst\u00e4ndigen Handlungsm\u00f6glichkeiten, die nicht auf irrationalen Konzepten beruhen, und nach Tr\u00f6stungen, die wirklich st\u00e4rken. Angst haben die Sachwalter der Macht einzig und allein vor dem Weg einer <em>aktiven<\/em> \u2013 intelligenten \u2013 <em>Gewaltfreiheit<\/em>, welcher aus gutem Grund \u00fcberall in Massenkultur oder \u00f6ffentlichen Diskursen ausgeblendet bleibt (oder \u2013 wenn Totschweigen nicht mehr geht \u2013 in konzertierten Kampagnen diffamiert wird).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blick auf historische Erfahrungen \u2013 individuelle wie gemeinschaftliche \u2013 hat vor solchem Hintergrund nichts mit intellektueller Neugierde zu tun, sondern kann ein m\u00f6glicher Beitrag sein zu Kl\u00e4rungen, die im Hier und Jetzt anstehen. Am Anfang jedes guten Beginnens steht das Erbarmen mit den bed\u00fcrftigen Wesen \u2013 und mit der <em>eigenen<\/em> Bed\u00fcrftigkeit. So war es bei Erich M\u00fchsam: \u201eIch m\u00f6cht die Menschen lehren, \/ wie man das Leben lebt; \/ kann selbst mich nicht erwehren \/ des Leids, das an mir klebt.\u201c (1914) \u2013 Seine Proexistenz f\u00fcr die Verlorenen in Spelunken und die Getretenen in der Gosse bringt der Dichter selbst mit der Herkunft aus dem Judentum in Verbindung: \u201eEin Jude zog aus von Nazareth, die Armen gl\u00fccklich zu machen\u201c (1910). \u2013 \u201eIch wei\u00df von allem Leid, f\u00fchl alle Scham \/ und m\u00f6chte helfen aller Kreatur [\u2026] und kann doch selber nicht Erl\u00f6ser sein, \/ wie jener Jesus, der die ganze Pein \/ der Welt auf seine schwachen Schultern nahm\u201c (1914). Nicht anders wei\u00df es sp\u00e4ter ein Wolfgang Bochert (1921-1947): \u201eIch m\u00f6chte Leuchtturm sein \/ in Nacht und Wind \u2013 \/ f\u00fcr Dorsch und Stint, \/ f\u00fcr jedes Boot \u2013 \/ und ich bin doch selbst \/ ein Schiff in Not!\u201c Wichtig w\u00e4re, die menschliche Bed\u00fcrftigkeit \u2013 als Schatz \u2013 mit anderen zu teilen, statt die Armseligkeit etwa durch Macht- und Gewaltphantasien zu \u00fcbert\u00f6nen. Ja, Verwundete sind wir \u2013 du und <em>ich<\/em>, bisweilen ratlos und untr\u00f6stlich ob einer Welt voller Wahnsinn. Wie gut w\u00e4re es, mit den anderen erst einmal zu verlernen, einander zu verwunden (oder gar totzumachen).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sodann k\u00f6nnten wir \u2013 mit Gustav Landauer und Erich M\u00fchsam \u2013 bei Leo Tolstoi in die Schule gehen und verstehen, warum Revolution\u00e4ren, die dem alten Gewalt- und Machtglauben anhangen, stets nur eine Reproduktion (oder gar Verschlimmerung) der alten Gewalt- und Herrschaftssysteme gelingt. (Rein gar nichts hilft es uns weiter, an dieser Stelle den unzweifelhaften \u2013 auch moralischen \u2013 Unterschied zwischen der Gewalt der Unterdr\u00fccker und der Gegengewalt der Unterdr\u00fcckten immer wieder zu betonen.) Der Terrorist mag sich verzehren lassen vom Leid der ganzen Welt; sobald er die Methode des Totmachens von den Herrschenden \u00fcbernimmt, macht er sich gemein mit jenen, die die menschengemachten Leiden auf dieser Erde verursachen und mehren. (Nicht unterdr\u00fccken l\u00e4sst sich die Ketzerfrage: Eine vorgebliche Sch\u00f6nheit, die so unversehens in H\u00e4sslichkeit umschl\u00e4gt, war sie vielleicht schon zuvor mehr Trug als Mitgef\u00fchl, Mitleiden, Verbundenheit?)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer einen Menschen t\u00f6tet, so wei\u00df die talmudische und koranische Weisheit, t\u00f6tet die ganze Welt. Der Anarchist wird ob seiner Hochsch\u00e4tzung des Individuums erg\u00e4nzen: Wer ein menschliches Wesen t\u00f6tet, t\u00f6tet ein ganzes Universum, das niemand erzeugen, kaufen oder \u201awiederherstellen\u2018 kann. Die Erfahrenen wissen schlie\u00dflich: Wer einen anderen t\u00f6tet, t\u00f6tet sich selbst, denn er durchtrennt die Nabelschnur, die uns mit der grundlosen Geltung des Lebens verbindet. Wer wollte schlie\u00dflich allein schon angesichts der uns bekannten Geschichte des Menschengeschlechts so vermessen sein, den Totmachern, die doch immer gute Gr\u00fcnde oder gute Werke f\u00fcr sich reklamieren, irgendeine Zukunft anzuvertrauen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgr\u00fcnde des Leids, Widerspr\u00fcche und Unrecht unverdeckt zu sehen, ohne dem Gef\u00fchl der Vergeblichkeit oder andererseits dem Wahn eigener Omnipotenz zu erliegen, das ist bereits nur vorstellbar im Zuge einer geschehenden St\u00e4rkung (Tr\u00f6stung, \u201aErl\u00f6sung\u2018). Man kann das Wesen einer wirklichen, d.h. an die Wurzel gehenden Revolte gegen die Welt der Totmacher kaum besser zur Sprache bringen als Gustav Landauer zur vorletzten Jahrhundertwende:<em> \u201eWer t\u00f6tet, der geht in den Tod. Die das Leben schaffen wollen, m\u00fcssen Neulebendige und von innen her Wiedergeborene sein.\u201c<\/em> (Die Zukunft, 26.10.1901) Der Wegweiser am verhangenen Wolkenhimmel ist zuvorderst eine innere \u2013 geburtliche \u2013 Kraft, die Erich Fromm \u201eBiophilie\u201c nennt: die Liebe zum Leben und zu allem Lebendigen. Allein dieser F\u00e4hrte d\u00fcrfen wir folgen, wenn es um Zuk\u00fcnftiges \u2013 auch um die Abwehr einer sich abzeichnenden unvorstellbaren Barbarei \u2013 gehen soll.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingedenk solcher \u00dcberlegungen sollten uns jetzt die die revolution\u00e4ren Wandlungen Erich M\u00fchsams traurig stimmen. Jene Ankl\u00e4ger, die dem Dichter vorwerfen, zu Beginn des Ersten Weltkrieges dem allgemeinen Patriotismus erlegen zu sein, f\u00fchren uns in die Irre. Geradezu skrupul\u00f6s und zeitnah wie nur wenige andere unter den Besten hat M\u00fchsam seine episodische \u201aKriegspsychose\u2018 und sprachliche Fehlgriffe (Anpassungen: \u201efremde Horden\u201c) bereut. Mehr Selbstanklage und schnellere Einsicht k\u00f6nnen selbst die heiligsten Selbstgerechten nicht verlangen. In summa f\u00e4llt die \u201aBilanz\u2018 des anarchistischen Kriegsgegners f\u00fcr die ersten Kriegsmonate vermutlich besser aus als die des ehrenwerten Kurt Eisner, der noch Waffenfinanzierungen irgendwie mit den Schutzrechten der einfachen Soldaten rechtfertigen wollte, als er die Kriegsl\u00fcge der Regierung l\u00e4ngst durchschaute und auch benannte. \u2013 Berechtigt ist hingegen die Frage, ob M\u00fchsam, der treffliche Streiter wider Militarismus und Krieg, nicht am Ende sein Dichterhandwerk zu leichtfertig in den Dienst eines <em>\u201arevolution\u00e4ren Militarismus\u2018<\/em> gestellt hat:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(&#8230;)<br \/>\u201eGenossen, zu den Waffen!<br \/>Heraus aus der Fabrik! [\u2026]<br \/>Die Handgranat\u2019 am G\u00fcrtel,<br \/>Im Arme das Gewehr [\u2026]<br \/>Hier geht der rote Hahn auf,<br \/>Dort donnert Dynamit. [\u2026]<br \/>Proleten, zu den Waffen<br \/>Heraus aus der Fabrik!<br \/>Sprung auf, marsch marsch! Es lebe<br \/>Die R\u00e4terepublik!\u201c (1920)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWas wei\u00df die gekaufte S\u00f6ldnerbrut<br \/>Vom Kampf der geknechteten Masse?<br \/>F\u00fcr Freiheit und Zukunft flie\u00dft unser Blut,<br \/>Wer f\u00e4llt, der stirbt seiner Klasse.<br \/>Und n\u00e4her r\u00fcckt, n\u00e4her der Wei\u00dfen Schar.<br \/>Schon gehn die Patronen zur Neige.<br \/>Den Browning zur Hand! Was Tod und Gefahr!<br \/>Schie\u00dft her! Ihr seht mich nicht feige!<br \/>Hier steht und f\u00e4llt ein Rotgardist<br \/>Der Revolution!\u201c (1923)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">(Spott \u00fcber die Feigheit der Intellektuellen:)<br \/>\u201eAber kommt\u2019s zum B\u00fcrgerkrieg \u2013<br \/>Ja kein Blutvergie\u00dfen!<br \/>Auf den Kolben jeder Flinte<br \/>Schreibt mit roter Liebestinte:<br \/>Br\u00fcder, nur nicht schie\u00dfen!\u201c (1920) (&#8230;)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob solcher \u201aLiederb\u00fccher\u2018 bekommt jener Teil der Jugend im linken Caf\u00e9, der ohne Wissen um die Gewaltgeschichte eines ganzen Kontinents auch lateinamerikanische \u201aRevolutionshelden in Milit\u00e4runiform\u2018 bewundert, noch immer leuchtende Augen. Wie aber sollte man \u00fcberhaupt effizienter als mit dem Pathos von \u201aWaffenges\u00e4ngen\u2018 bei den Jungen den Zugang zu jenen seelischen Energien versch\u00fctten, aus denen allein ein <em>radikaler<\/em> Widerstand \u2013 die Revolte f\u00fcr das Leben wider die lange Geschichte der rechten bzw. patriarchalen Totmachprojekte \u2013 hervorgehen kann?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erich M\u00fchsam meinte, eingedenk der Erfahrung mit den Noske-Soldaten w\u00e4hrend der Revolutionszeit in Bayern und mit Blick auf die Einigkeit des zerstrittenen linken Lagers: <em>\u201eEin jedes Kampf System ist gut, \/ das nicht versagt vor den Gewehren<\/em>!<em>\u201c<\/em> (1920). Doch die Methode der t\u00f6tenden Gewalt versagt ganz sicher als \u201aKampfsystem\u2018 vor den hochger\u00fcsteten Apparaten der herrschenden \u201aM\u00e4chte und Gewalten\u2018. Mit Terror lassen sich V\u00f6lkermorde nicht verhindern oder beenden, wohl aber beg\u00fcnstigen. In alle Ewigkeit will man Adolf Hitler (oder seine zahllosen \u201aWiederg\u00e4nger\u2018) mit der Atombombe besiegen; solches kann aber seit August 1945 nur, wer wie \u201aHitler\u2018 zugleich bereit ist, die Menschheit im Rahmen einer totalen \u201aL\u00f6sung\u2018 als Ganzes auszul\u00f6schen. (Dass die Milit\u00e4rdoktrinen schon l\u00e4ngst vom vorgeblichen \u201aMenschenschutz\u2018 ganz offen zur geostrategischen und \u00f6konomischen Interessensicherung der eigenen Komplexe \u00fcbergegangen sind, lassen wir hier unkommentiert.)<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erfahrungsges\u00e4ttigte Diktum der irischen Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Mairead Corrigan (geb. 1944 Belfast) lautet: <em>\u201eViolence doesnt work<\/em>!<em>\u201c<\/em> Falls in absehbarer Zeit doch wieder Scharlatane eine linke \u201aGewaltromantik\u2018 bewerben m\u00f6chten, k\u00f6nnte diese Einsicht ganz pragmatisch den Blick auf das Naheliegende lenken, welches eben durch solch hartn\u00e4ckige \u201aGewaltromantik\u2018 den Augen eilends entschwindet. Angesichts gegenw\u00e4rtiger gesellschaftlicher Umw\u00e4lzungen kennt die anarchistische Bewegung aus ihrer Geschichte heraus bessere Kampfmethoden als die opferwillige Pflichtethik von \u201aRotarmisten\u2018. Die trefflichen antimilitaristische Satiren M\u00fchsams sollten wieder die Runde machen, nicht seine pathetischen Kampfverse. Vor allem ein <em>lustvoller Widerstand<\/em> kann Sand ins Getriebe der allgegenw\u00e4rtigen Militarisierung streuen und unter Beweis stellen, dass der Hedonismus der Jungen sich sehr wohl mit dem Moralischen verbinden l\u00e4sst: <em>Glaub mir, ich liebe das Leben<\/em>: Ich gehe nicht zu den Soldaten! Ich geselle mich nicht zu den uniformierten Leichen \u2013 in den Kriegen der Reichen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im \u201eRegal: Pazifisten &amp; Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien\u201c f\u00fcr das Portal \u201aschalom-bibliothek.org\u2018 liegt bereits ein Band \u201eDas Gro\u00dfe Morden\u201c vor \u2013 mit kraftvollen Voten gegen Militarismus und Krieg aus der Feder von Erich M\u00fchsam (1878-1934, ermordet im KZ). Das Aufbegehren betrachtete er als seine Berufung. In einem Selbstzeugnis des Jahres 1919 hei\u00dft es: \u201eMein Werdegang &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/06\/antimilitarismus-und-revolutionaerer-militarismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":32863,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Antimilitarismus und revolution\u00e4rer Militarismus? - graswurzelrevolution","description":"Im \u201eRegal: Pazifisten &amp; Antimilitaristen aus j\u00fcdischen Familien\u201c f\u00fcr das Portal \u201aschalom-bibliothek.org\u2018 liegt bereits ein Band \u201eDas Gro\u00dfe Morden\u201c vor \u2013 mit"},"footnotes":""},"categories":[1,12,1032,1035],"tags":[1314],"class_list":["post-32861","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemeines","category-news","category-spurensicherung","category-wunderkammer","tag-erich-muehsam"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32861","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32861"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32861\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32864,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32861\/revisions\/32864"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/32863"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32861"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32861"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32861"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}