{"id":33063,"date":"2025-09-01T14:57:40","date_gmt":"2025-09-01T12:57:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/09\/die-mitte-haelt-nicht-laenger\/"},"modified":"2025-09-03T20:47:40","modified_gmt":"2025-09-03T18:47:40","slug":"die-mitte-haelt-nicht-laenger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/09\/die-mitte-haelt-nicht-laenger\/","title":{"rendered":"Die Mitte h\u00e4lt nicht l\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Gaza. Zu hoffen hei\u00dft, das Unsagbare zu sagen.<\/strong><\/p>\n<p>Gaza. Das deutlichste Zeugnis des Schmerzes in der heutigen Welt. Schmerz. Widerstand. Hoffnung.<\/p>\n<p>Gaza. Wenn ich hierherkomme, um in jenem Land zu sprechen, das der wichtigste F\u00f6rderer und Unterst\u00fctzer des gnadenlosen und systematischen T\u00f6tens und Verst\u00fcmmelns von Abertausenden Menschen, viele davon noch Kinder \u2013 die Vernichtung der Hoffnung \u2013 ist, dann kann ich dies nur unter lautstarkem Protest tun, der mein Z\u00f6gern \u00fcber meine Entscheidung zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Gaza. Ich komme trotz meiner Zweifel hierher, um meine Solidarit\u00e4t mit Euch, die ihr in diesem Land lebt, trotz der Regierung, unter der ihr jetzt leidet und der Regierung, die ihr zuvor erlitten habt, zum Ausdruck zu bringen. Und um meinen Respekt f\u00fcr die Organisator:innen einer solchen Veranstaltung mit so subversiven Worten wie Rasse, Geschlecht und Gerechtigkeit auszudr\u00fccken. Und f\u00fcr Euch alle, die ihr, auf die eine oder andere Weise, in die falsche Richtung geht.<\/p>\n<p>Gaza, da nichts den Horror des gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus, die furchtbaren Folgen eines durch das Geld beherrschten gesellschaftlichen Systems, deutlicher illustriert.<\/p>\n<p>Gaza, weil wir das Schweigen brechen m\u00fcssen, das furchtbare Schweigen der Komplizenschaft, das \u00fcber der Welt schwebt, die Normalisierung der Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Hoffnungslosigkeit umgibt uns. Sie hat viele Namen: Gaza, Sudan, Ukraine, der Klimawandel, das Massaker an der Biodiversit\u00e4t, Trump, Milei, Orb\u00e1n, Putin, die wachsende Bedrohung durch einen Atomkrieg. ((2)) Und doch, mitten im Zentrum, sind wir hier zusammengekommen, um NEIN zu sagen, es ist an der Zeit, \u00fcber radikale Hoffnung zu sprechen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen die Hoffnungslosigkeit nicht akzeptieren, denn sie t\u00f6tet alles wissenschaftliche Denken. Uns ist nur noch eine wissenschaftliche Frage geblieben: Wie brechen wir die gesellschaftliche Dynamik, die uns zur Selbstzerst\u00f6rung der Menschheit treibt? Diese Frage kann nicht mit Hoffnungslosigkeit beantwortet werden. Hoffnungslosigkeit ist die Weigerung nach einer Antwort zu suchen, ein Aufgeben, eine Komplizenschaft, gleich wie widerstrebend auch immer.<\/p>\n<p>Also NEIN zur Hoffnungslosigkeit. Aber das f\u00fchrt uns nicht zu einer geistlosen Hurra-Hoffnung. Es gibt ein dem Begriff Hoffnungslosigkeit verwandtes Wort, das aber auch eine andere Bedeutung tr\u00e4gt: Verzweiflung.<\/p>\n<p>Verzweiflung ist nicht Hoffnungslosigkeit. Es ist die Weigerung, ohne Hoffnung zu sein, eine Weigerung, unsere Wut und Hoffnung aufzugeben, selbst in einer Welt, die uns sagt, wir sind verr\u00fcckt, weiterhin daran zu glauben, dass eine andere Welt m\u00f6glich sei. In W\u00f6rterb\u00fcchern wird Verzweiflung oft mit Hoffnungslosigkeit gleichgesetzt, aber dies trifft es nicht. Ich habe eine Definition gefunden, die dem, was ich f\u00fchle, n\u00e4herkommt: \u201eVerzweifelt: den Willen zu zeigen, jegliches Risiko auf sich zu nehmen, um eine schlechte oder gef\u00e4hrliche Situation zu \u00e4ndern\u201c. Vielleicht nicht \u201ejegliches Risiko\u201c, aber ja, ein Zorn um eine schlechte oder gef\u00e4hrliche Situation zu \u00e4ndern, eine Entschlossenheit, eine schlechte Situation zu \u00e4ndern, die schlechte Situation, die der gegenw\u00e4rtige Kapitalismus ist. Verzweiflung, die Welt zu \u00e4ndern, da wir wissen, dass sie nicht so sein muss, dass wir die F\u00e4higkeit besitzen, etwas anderes zu erschaffen. Verzweiflung schlie\u00dft Frustration \u00fcber das ein, was wir machen k\u00f6nnten, Frustration unseres Reichtums, unserer F\u00e4higkeit, etwas anderes zu erschaffen.<\/p>\n<p>Verzweiflung ist die Hoffnung im Sturm, Hoffnung in-und-gegen den Sturm, Hoffnung in-gegen-und-jenseits des Sturmes. Vielleicht besteht die einzige Art und Weise heute \u00fcber radikale Hoffnung zu sprechen, darin, sie als Verzweiflung zu bezeichnen. Hoffnung als die Negation der Anti-Hoffnung. Hoffnung als Widerstand.<\/p>\n<p>Diejenigen, die solche Sachen verfolgen (und ihr solltet dies tun, denn sie sind diejenigen, die seit mehr als drei\u00dfig Jahren die Hoffnung am deutlichsten zum Ausdruck bringen) werden merken, dass in meinem Hervorheben des Begriffs Verzweiflung, die Rede von Marcos auf dem von den Zapatistas organisierten Treffen im Dezember widerhallt. Die Herausforderung, so legte er damals dar, liege darin, \u201eunsere Verzweiflung zu organisieren\u201c. ((3))<\/p>\n<p>2. Wahrscheinlich teilen alle hier Anwesenden das Gef\u00fchl der Verzweiflung. Der Kapitalismus bringt Verzweiflung hervor. In allen m\u00f6glichen Formen. Auf einer pers\u00f6nlichen Ebene, die tiefe und zunehmende Unsicherheit des Lebens: Wie kann ich an die Uni gelangen, einen Arbeitsplatz oder eine Festanstellung erhalten? Wie kann ich eine Wohnung finden. In welcher Welt werden meine Kinder leben? Sollte ich \u00fcberhaupt Kinder in so eine Welt bringen? Dies alles ist Teil einer zunehmenden gesellschaftlichen Verzweiflung: seht was mit den Migrant:innen passiert, schaut auf die Biodiversit\u00e4t, von der das menschliche Leben abh\u00e4ngt und die gerade zerst\u00f6rt wird, seht auf den Klimawandel, der zunehmend au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t, seht auf den Aufstieg der neuen Rechten, seht auf die wachsende Gefahr weiterer Kriege.<\/p>\n<p>Aber wo sollen wir mit unserer Verzweiflung, unserer trotz allem bestehenden Hoffnung hin?<\/p>\n<p>Das Offensichtlichste in der gegenw\u00e4rtigen Situation ist, wieder zur Mitte zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, zu hoffen, dass die Demokraten die Zwischenwahlen in den USA gewinnen, dass weder Trump noch Vance die Wahlen 2028 gewinnen werden, dass wir in zehn Jahren auf Orb\u00e1n, Meloni, Modi, Erdo\u011fan, Trump wie auf einen schlechten Traum, ein unseliges Anzeichen, zur\u00fcckschauen werden, dass es eine R\u00fcckkehr von Etwas geben wird, das wir als Zivilisation erkennen werden.<\/p>\n<p>Die Mitte h\u00e4lt nicht l\u00e4nger. Offensichtlich hat hier in den Vereinigten Staaten und in anderen L\u00e4ndern die Mitte nicht gehalten. Dennoch verbleibt sie dort als nostalgischer Magnet, ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt zur Welt, die um uns herum zerbricht.<\/p>\n<p>Dieser nostalgische Antrieb zu einer R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t ist wahrscheinlich unvermeidbar, vielleicht gar w\u00fcnschenswert. Und dennoch m\u00fcssen wir bedenken, dass die Mitte nicht gehalten hat, nicht halten konnte und dass wir deswegen \u00fcber den Kampf zu dessen blo\u00dfer Wiederherstellung hinausgehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>3. Wir betrachten die Mitte jetzt durch die Perspektive der gegenw\u00e4rtigen Attacke. Die Angriffe auf kritisches Denken in den Universit\u00e4ten, die Angriffe auf Migrant:innen, die Aufl\u00f6sung der gesetzesbasierten Weltordnung und so weiter. Allgemeiner k\u00f6nnen wir uns die Mitte vielleicht als eine Art weltweiten Gesellschaftsvertrag vorstellen, eine Art von Normalit\u00e4t, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde und die die Idee der Demokratie als w\u00fcnschenswert, Mindestniveaus gesellschaftlichen Wohlstands, ein gewisses Verst\u00e4ndnis von Politik, der Art von Beziehungen, die zwischen Staaten herrschen sollten, einer Vorstellung der Menschenrechte und des Rechtsstaats umfasst.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Wir sollten f\u00fcr die Verteidigung der liberalen Demokratie k\u00e4mpfen, aber wir m\u00fcssen dar\u00fcber hinaus schauen, weitergehen und fragen, ob die gegenw\u00e4rtige Situation einen Durchbruch in der Entwicklung einer radikalen Politik der Hoffnung erschaffen k\u00f6nnte.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich m\u00f6chte diese Normalit\u00e4t nicht idealisieren. Sie ist eine Phase der Zivilisation des Geldes, eine m\u00f6rderische Zivilisation, die auf Ausbeutung, Rassismus, Sexismus, Kolonialismus, Unterdr\u00fcckung, Inhaftierung und der Zerst\u00f6rung anderer Lebensformen aufbaut. Nichtsdestotrotz gibt es eine Form der Normalit\u00e4t, eine Form des Gesellschaftsvertrages, die manchmal als keynesianischer Wohlfahrtsstaat bezeichnet wird, die dann von dem, was viele als Neoliberalismus bezeichnen, angegriffen wird, der aber, insbesondere von der Gegenwart aus betrachtet, mehr Kontinuit\u00e4t aufwies, als es den Anschein hat: dasselbe System von Beziehungen zwischen Staaten, ein symbolischer Respekt der Demokratie, der Menschenrechte und des Rechtsstaates.<\/p>\n<p>4. Diese Mitte wird im Anschluss an die globale Finanzkrise von 2008 zunehmend in Frage gestellt. Es wird deutlich, dass sie nicht als gegeben erachtet werden kann.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, ob man diese Normalit\u00e4t attraktiv findet oder nicht oder wenigstens besser als das, was jetzt durchgesetzt wird, gibt es mindestens zwei Gr\u00fcnde daf\u00fcr, zu glauben, dass sie nicht l\u00e4nger realistisch ist.<\/p>\n<p>Zuerst einmal gab es daf\u00fcr eine materielle Grundlage. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie das Ergebnis einer gro\u00dfen Umstrukturierung des Kapitals, die durch die Zerst\u00f6rung und das Gemetzel des Krieges erreicht wurde. Dieser Aufschwung der Produktivit\u00e4t und Profitabilit\u00e4t kam seit den 1960er und 1970er Jahren zunehmend unter Druck. Nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-System ((4)) und der Neuorientierung der Politik unter Reagan und Thatcher hing die Reproduktion des Kapitalismus zunehmend von der best\u00e4ndigen Ausweitung der Schulden ab, das hei\u00dft, nicht von tats\u00e4chlich produziertem Mehrwert, sondern von der Erwartung einer zuk\u00fcnftigen Produktion von Mehrwert. In den letzten vierzig Jahren hat es eine beispiellose Ausweitung der Schulden im weltweiten Ma\u00dfstab gegeben und dies hat zu einer Ausweitung der systemischen Fragilit\u00e4t gef\u00fchrt, ein Ausdruck der Kluft zwischen der Akkumulation des Werts und dessen Ausdruck in Geldform. Diese Fragilit\u00e4t wird im Wesentlichen von der US-amerikanischen Federal Reserve und anderen Zentralbanken verwaltet, aber w\u00e4hrend der Finanzkrise von 2007\/2008 hat sie exponentiell zugenommen und die latente Drohung des Zusammenbruchs besteht weiterhin dauerhaft. Anders ausgedr\u00fcckt, ist die \u00f6konomische Grundlage der Normalit\u00e4t, an die wir uns gew\u00f6hnt haben, zunehmend zerbrechlich geworden. Anstatt also eine Politik des siegreichen Kapitals zu sein, ist (oder war) der Neoliberalismus die Politik seiner Krise.<\/p>\n<p>Der andere Grund daf\u00fcr, die M\u00f6glichkeit der Wiederherstellung der Mitte in Frage zu stellen, ist das Ausma\u00df an Wut und Verzweiflung, die sie hervorgebracht hat. Das Versprechen wachsenden pers\u00f6nlichen Wohlstandes im Gegenzug f\u00fcr die Akzeptanz des Systems und das Verschlie\u00dfen unserer Augen vor dessen zerst\u00f6rerischer Kraft, ein zentraler Bestandteil des Nachkriegsgesellschaftsvertrages, wurde \u00fcber die letzten ca. vierzig Jahre f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung nicht eingel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die scheinbar zuf\u00e4llige Akkumulation gigantischen Reichtums in den H\u00e4nden einiger Weniger hat dazu beigetragen, die Wut in Ressentiment zu verwandeln. Wie Abahlali baseMjondolo, die wichtige Bewegung der Armen und Slumbewohner:innen in S\u00fcdafrika, nach den Unruhen im Juli 2021 gesagt hat: \u201eAbahlali hat immer davor gewarnt, dass sich die Wut der Armen in viele Richtungen entwickeln kann. Wir haben immer wieder davor gewarnt, dass wir auf einer tickenden Zeitbombe sitzen\u201c. ((5))<\/p>\n<p>Die Mitte, die Normalit\u00e4t der zur\u00fcckliegenden Jahre, baute auf zwei Zeitbomben auf: die finanzielle Fragilit\u00e4t und wachsendes Ressentiment. Es ist wahrscheinlich weder w\u00fcnschenswert noch realistisch, sie wiedererstehen zu lassen. Wir sollten sicher f\u00fcr die Verteidigung der liberalen Demokratie k\u00e4mpfen, aber wir m\u00fcssen dar\u00fcber hinaus schauen, weitergehen und fragen, ob die gegenw\u00e4rtige Situation einen Durchbruch in der Entwicklung einer radikalen Politik der Hoffnung erschaffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>5. Wenn die Mitte nicht l\u00e4nger h\u00e4lt, kann es dann die Rechte? Wir k\u00f6nnen es nicht wissen. Sie dr\u00e4ngt uns sicher in Richtungen, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen, in Bezug auf die Zerst\u00f6rung des Klimas und die M\u00f6glichkeit eines Atomkrieges, vielleicht wird es ihr gelingen, der Menschheit einen Alptraum zu bescheren. Aber es ist ebenso gut m\u00f6glich, dass sie, angesichts des Widerstandes der Bev\u00f6lkerung auf der einen Seite, und, paradoxerweise, auf der anderen Seite aufgrund der Kr\u00e4fte des Marktes, das hei\u00dft, aufgrund ihres Unverm\u00f6gens, die Realit\u00e4ten der Macht des Geldes zu verstehen und zu akzeptieren, zusammenbrechen wird.<\/p>\n<p><strong>Worin also besteht die Hoffnung in dieser Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst einmal muss sie ein Schrei der Verweigerung, ein NEIN, sein. Ich w\u00fcrde denken, dass wir das hier alle teilen. Es stellt sich in den Massenprotesten der letzten Wochenenden dar und es ist zu hoffen, dass sie weiterhin wachsen werden.<\/p>\n<p><strong>Aber wohin bringt uns dieses NEIN?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht wieder zur\u00fcck in die Mitte, die liberale Demokratie. M\u00f6glicherweise werden in den n\u00e4chsten Wahlen die vern\u00fcnftigen Menschen gewinnen, werden die Missg\u00fcnstigen verlieren. Aber dann wird die Zerbrechlichkeit weiterhin wachsen und auch das Ressentiment.<\/p>\n<p>Es muss uns gelingen, die ressentimentgeladene Wut, die hinter dem Aufstieg der Rechten steht, als unsere zu reklamieren. Unsere Antwort kann nicht sein: \u201eSeid vern\u00fcnftig, stellt Eure Wut zur\u00fcck!\u201c<br \/>\nAuch unsere Wut richtet sich gegen ein System, das uns erniedrigt und t\u00f6tet. Lassen sich die unterschiedlichen Formen der Wut so kanalisieren, dass die totalisierende, t\u00f6dliche Macht des Geldes geschw\u00e4cht oder gebrochen wird, statt sie zu st\u00e4rken? Hoffnung ist heutzutage die Aufgabe, auf welche Art und Weise wir unsere Wut kanalisieren.<\/p>\n<p>Die Wut der Armen kann sich in viele Richtungen entwickeln, sagt Abahlali. Eine Richtung scheint derzeit dabei zu dominieren: Wut als Ressentiment. Aber es gibt auch eine andere Wut, die durch Tausende Bewegungen weltweit zum Ausdruck gebracht wird. Es handelt sich um das, was die Zapatistas \u201edigna rabia\u201c, nennen, was schwer zu \u00fcbersetzen ist, vielleicht w\u00fcrdige Wut oder rechtschaffene Wut: eine Wut, die aus der t\u00e4glichen Unterdr\u00fcckung der existierenden Gesellschaft entspringt und uns auf eine Welt der gegenseitigen Anerkennung unserer W\u00fcrde verweist. Anders ausgedr\u00fcckt, eine Wut gegen die Art und Weise, in der gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse derzeit organisiert sind (Kapitalismus), die zur Erschaffung einer anderen Welt, eine Welt vieler Welten, dr\u00e4ngt. Eine Wut gegen die Herrschaft des Geldes und ein Dr\u00e4ngen zur Entwicklung des Lebens.<\/p>\n<p>Eine Wut des Ressentiments und eine Wut der Hoffnung. Hier gibt es ein Problem der Grammatik der Identifikation. Das Ressentiment identifiziert, es richtet seine Wut gegen bestimmte Gruppen von Menschen, gleich ob Migrant:innen oder Akademiker:innen der Harvard Universit\u00e4t. Es w\u00fctet gegen die Elite als Gruppe von Menschen, stellt aber das System, das Eliten oder Migrant:innen hervorbringt, nicht in Frage. Der Aufstieg der Rechten ist eine Explosion identit\u00e4rer Politik, die entmenschlichend wirkt, indem Gruppen von Menschen als Objekte oder abstrakte Kategorien behandelt werden. Identifizierung ist ein Prozess der von einer unbestimmten Wut ausgeht und sich auf bestimmte menschliche Objekte konzentriert, gleich ob sie Schwarze, Araber:innen, J\u00fcdinnen und Juden, Ausl\u00e4nder:innen oder transsexuelle Menschen sind. Der Prozess der Identifikation wird durch rechte Gruppen gest\u00e4rkt, er ist aber auch tief in die existierende Gesellschaft eingeschrieben. Der Staat ist ein Projekt der Identifikation. Seine Existenz selbst ist die Erkl\u00e4rung einer scharfen Unterscheidung zwischen \u201euns\u201c und jenen Anderen, Ausl\u00e4nder:innen, die wir misshandeln und, wenn n\u00f6tig, t\u00f6ten k\u00f6nnen. Die Existenz des Staates selbst als Form gesellschaftlicher Organisation ist ein Prozess des \u201eZum-Anderen-Machen\u201c ((6)), eine Schule des Faschismus und des Krieges.<br \/>\nEine Politik der Hoffnung geht von derselben Wut aus, die von der Rechten identifiziert wird, widersteht aber dem Prozess der Identifikation. Indem sie \u00fcberflie\u00dft. Eine Politik der Hoffnung ist notwendigerweise eine anti-identit\u00e4re Politik, nicht in dem Sinne der Negation der Identit\u00e4t, sondern im Sinne der Bewegung in-gegen-und-dar\u00fcber-hinaus. Wir sind Indigene aber unser Kampf geht dar\u00fcber hinaus, f\u00fcr eine Welt, die auf der Anerkennung der menschlichen W\u00fcrde begr\u00fcndet ist. Wir sind Kurden, eine unterdr\u00fcckte Nation, aber unser Kampf geht dar\u00fcber hinaus, f\u00fcr die Erschaffung einer anderen Art Welt. Wir k\u00e4mpfen gegen den Klimawandel, aber wir wissen, dass es nicht nur eine Frage fossiler Brennstoffe ist, sondern ein K\u00e4mpfen gegen eine Welt, in der die Entwicklung vom Streben nach Profit gepr\u00e4gt ist. Wo eine identit\u00e4re Politik schlie\u00dft und Antworten gibt, \u00f6ffnet eine Politik der Hoffnung und stellt Fragen. Preguntando caminamos, fragend gehen wir, wie die Zapatistas es ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Eine Politik der Hoffnung ist eine Politik des Fragens, Suchens, Diskutierens. Seine Organisationsform hat eine lange Geschichte, die best\u00e4ndig erneuert wird: die Versammlung, der Rat, die Kommune, eine Organisationsform, die so beschaffen ist, dass die \u00c4u\u00dferung von Meinungen und die Diskussion von L\u00f6sungen bef\u00f6rdert werden, weit entfernt vom Staat oder der Partei, die die richtige Linie vorschreibt. Ein Ort wie dieser, an dem wir nicht \u00fcbereinstimmen m\u00fcssen, wo wir sagen k\u00f6nnen: \u201eDies m\u00f6chte ich sagen. Was denkst du?\u201c Ein Ort, an dem Wut geteilt wird und Etikettierungen einfach durch dieses Teilen unlesbar werden.<\/p>\n<p>6. Hoffnung ist folglich w\u00fcrdige Wut, eine Wut, die entschlossen ist, ein gesellschaftliches System abzuschaffen, das uns zerst\u00f6rt und stattdessen eine Welt zu erschaffen, die auf der gegenseitigen Anerkennung der W\u00fcrde begr\u00fcndet ist. Wahnsinn, an die Harvard Business School zu kommen und zu sagen, dass wir den Kapitalismus abschaffen m\u00fcssen. Und dennoch, ein notwendiger Wahnsinn. Es gibt viele Anzeichen daf\u00fcr, dass die Fortf\u00fchrung der existierenden Form gesellschaftlicher Organisation mit dem \u00dcberleben des Menschen unvereinbar ist. Sicher, der Kapitalismus ist seit jeher eine Kombination von Erschaffung und Zerst\u00f6rung gewesen, aber mittlerweile wird seine zerst\u00f6rerische Seite zunehmend beherrschend.<\/p>\n<p>Hoffnung ist Wahnsinn. Hoffnung ist Verzweiflung, die auf dem Grat des Abgrunds der Hoffnungslosigkeit balanciert. Aber wir m\u00fcssen unseren Wahnsinn annehmen, ihn laut und deutlich aussprechen. Denn wir m\u00fcssen gewinnen. Dieses Mal, m\u00fcssen wir, die ewigen Verlierer, gewinnen, wenn wir uns nicht zur\u00fccklehnen wollen und den Ritt in den Abgrund der Katastrophe, hinein in die m\u00f6gliche Ausl\u00f6schung, genie\u00dfen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Gaza. Zu hoffen hei\u00dft, das Unsagbare zu sagen. Gaza. 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