{"id":33179,"date":"2025-10-03T11:34:12","date_gmt":"2025-10-03T09:34:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/oury-jalloh-die-geschichte-eines-ungeklaerten-todes\/"},"modified":"2025-10-03T11:34:12","modified_gmt":"2025-10-03T09:34:12","slug":"oury-jalloh-die-geschichte-eines-ungeklaerten-todes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/oury-jalloh-die-geschichte-eines-ungeklaerten-todes\/","title":{"rendered":"Oury Jalloh, die Geschichte eines ungekl\u00e4rten Todes"},"content":{"rendered":"<p>\u201eGerechtigkeit f\u00fcr Nelson\u201c riefen Ende August 2025 De-monstrant*innen in vielen St\u00e4dten in Deutschland. Sie forderten eine Untersuchung, warum der 15-j\u00e4hrige Schwarze Teenager Nelson in der JVA Ottersweiler im Saarland zu Tode kam. Offiziell hei\u00dft es, der Jugendliche hat Suizid ver\u00fcbt. Die Demonstrant*innen waren emp\u00f6rt und f\u00fchlten sich an den Schwarzen Oury Jalloh erinnert, der am 7. Januar 2005 an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. Auch hier lautet die offizielle Version, Jalloh habe das Feuer in der Zelle selber gelegt. Eine Initiative von Freund*innen und Bekannten des Toten hat diese Version nie akzeptiert. Sie haben erst Kundgebungen und Demonstrationen in Halle und anderen St\u00e4dten organisiert, dann haben sie Geld f\u00fcr Gutachten gesammelt, die die offizielle Version massiv ersch\u00fctterte.    Es gab seit 2005 einen kleinen Kreis von Pressevertret-er*innen, die nicht einfach die offizielle Version der Polizei abschrieben. Dazu geh\u00f6rte die Rundfunkjournalistin Margot Overath. Sie h\u00f6rte von Anfang an auch den Freund*innen und Bekannten des aus Sierra Leone Gefl\u00fcchteten zu und las die Akten gr\u00fcndlich. 2021 wurde sie f\u00fcr ihre Serie \u201eOury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau\u201c mit dem Deutschen Podcastpreis ausgezeichnet. Jetzt hat sie im Buch \u201eVerbrannt in der Polizeizelle\u201c mit vielen Belegen dokumentiert, wie staatliche Stellen das Recht brachen und dann die Aufkl\u00e4rung zum Tod von Oury Jalloh behinderten. Das fing schon damit an, dass Oury Yallohs Einsperren in der Polizeizelle rechtswidrig war. Zudem geht sie auf das Feuerzeug ein, mit dem angeblich der Brand gelegt, das aber gar nicht in der Zelle gefunden wurde. Overath referiert noch mal die Ergebnisse der verschiedenen Nachstellungen des Feuers durch Sachverst\u00e4ndige, die von den Unterst\u00fctzer*innen von Jalloh auf eigene Kosten bezahlt wurden. Die Journalistin zeigt auch auf, dass selbst in der Justiz schon fr\u00fch die Zweifel an der Selbstentz\u00fcndgungsthese laut wurden. Der anfangs zitierte Aktenvermerk des Dessauer Oberstaatsanwalts ist nur ein pr\u00e4gnantes Beispiel. Zudem benennt sie zwei weitere Personen, die nach ihrer Einlieferung in die Dessauer Polizeistelle ihr Leben verloren: Hans-J\u00fcrgen Rose am 7.12.1997 und Mario Bichtemann am 29.10.2002. Sie starben alle mit schweren Verletzungen, f\u00fcr die bis heute niemand zur Verantwortung gezogen wurde. \u00dcber sie wurde wieder geredet, nachdem der Staatsanwalt Folker Bittmann 2018 selber ein Szenario entwickelte, dass Polizist*innen im Dessauer Polizeirevier das Feuer gelegt haben k\u00f6nnten, um zu verhindern, dass nicht nur die \u00e4rztlich nachgewiesenen Misshandlungen bekannt, sondern auch die beiden anderen ungekl\u00e4rten Todesf\u00e4lle noch einmal aufgerollt werden. Doch die Generalstaatsanwalt stellte das Verfahren ein. Der Rechtsweg, zumindest in Deutschland, ist im Fall von Oury Jalloh ausgesch\u00f6pft. Doch die \u00f6ffentliche Diskussion geht weiter. Overaths Buch ist ein Dokument von Mut und Zivilcourage. Es war die kleine migrantische Gruppe in Dessau, Bekannte und Freund*innen von Oury Jalloh, die nicht ruhten, um f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung zu k\u00e4mpfen. Overath beschreibt, wie sie nicht nur von Neonazis und Teilen der Bev\u00f6lkerung angefeindet, sondern auch von der Polizei kriminalisiert wurden, aber sich dennoch nicht abschrecken lie\u00dfen. Dabei spielte Jallohs Freund Mouctar Bah eine zentrale Rolle. Er war ein unerm\u00fcdlicher Organisator und kn\u00fcpfte Kontakte auch zu anderen politischen Gruppen. Das Buch ist auch eine W\u00fcrdigung seines Engagements. Umgekehrt steht es beispielhaft f\u00fcr Journalist*innen, die nicht einfach Pressemitteilungen der Polizei abschreiben, sondern ihren Beruf ernst nehmen und im besten Sinne aufkl\u00e4ren. Ende der 1990er Jahre hat der Journalist Wolf-Dieter Vogel mit seinem Buch \u201eDer  L\u00fcbecker Brandanschlag\u201c mit dazu beigetragen, dass verhindert wurde, dass der libanesische Gefl\u00fcchtete Safwan Eid f\u00fcr einen sehr wahrscheinlich von Neonazis gelegenen Brand in einer L\u00fcbecker Fl\u00fcchtlingseinrichtung verurteilt wird. Margot Overaths Buch steht in dieser Tradition eines aufkl\u00e4rerischen Journalismus.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGerechtigkeit f\u00fcr Nelson\u201c riefen Ende August 2025 De-monstrant*innen in vielen St\u00e4dten in Deutschland. Sie forderten eine Untersuchung, warum der 15-j\u00e4hrige Schwarze Teenager Nelson in der JVA Ottersweiler im Saarland zu Tode kam. Offiziell hei\u00dft es, der Jugendliche hat Suizid ver\u00fcbt. 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