{"id":33184,"date":"2025-10-03T11:34:13","date_gmt":"2025-10-03T09:34:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/alles-ist-rang\/"},"modified":"2025-10-21T11:54:24","modified_gmt":"2025-10-21T09:54:24","slug":"alles-ist-rang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/alles-ist-rang\/","title":{"rendered":"Alles ist Rang?"},"content":{"rendered":"<p>Gruppen, die eine herrschaftsfreie Gesellschaft und weitgehende Hierarchiefreiheit anstreben, tun sich oft schwer damit, ihre internen Machtverh\u00e4ltnisse anzuschauen und zu bearbeiten. \u201eAber da Menschen unterschiedlich sind, entwickeln sich in Gruppen ohne explizite Hierarchie dann informelle Hierarchien, die h\u00e4ufig toxischer wirken als explizite Hierarchien\u201c, schreibt Eva St\u00fctzel. Ihr Buch \u201eMacht voll ver\u00e4ndern\u201c richtet sich ausdr\u00fccklich an Menschen, die eine Gesellschaft ohne Machtmissbrauch aufbauen wollen, in der achtsam mit den Unterschieden untereinander umgegangen werden soll. Sie m\u00f6chte dazu beitragen, \u201e\u2018Macht\u2019 aus der Tabuzone zu befreien und zu einem konstruktiven Umgang damit einzuladen\u201c.<\/p>\n<p>Dabei geht sie von ihren Erfahrungen, ihrem Leben im \u00d6kodorf Sieben Linden sowie ihrer Arbeit als Beraterin und Prozessbegleiterin, aus. Die Autorin unterscheidet zwischen der destruktiven \u201eMacht \u00fcber\u201c und der konstruktiven \u201eMacht mit\u201c. Macht versteht sie positiv als Gestaltungsmacht und M\u00f6glichkeit, um Selbstwirksamkeit zu erleben und das Handeln anderer beeinflussen zu k\u00f6nnen. Dabei bezieht sie sich auf die Prozessorientierte Psychologie nach Arnold und Amy Mindell. Ihre wichtigste Inspirationsquelle ist die prozessorientierte Psychologin Julie Diamond. Grundhaltung sei die einer \u201etiefen Demokratie\u201c (Deep Democracy), in der alle Stimmen und auch Impulse aus unbewussten Ebenen wichtig seien.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Trotzdem frage ich mich, ob es nicht die Wahrnehmung verengt, wenn nahezu alle Beziehungen und Konflikte nur unter dem Aspekt der Rangordnung angeschaut werden \u2013 gibt es dann noch Raum f\u00fcr andere Erfahrungen und Perspektiven? <\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u201eIn der Prozessarbeit wird betont, dass in jeder menschlichen Interaktion Rang eine gro\u00dfe Rolle spielt\u201c. Darum geht es in dem Buch. Der Rang erm\u00f6gliche Macht, f\u00fchrt Eva St\u00fctzel aus, jedoch sei die Rangposition \u201enur in den seltensten F\u00e4llen eindeutig und klar definierbar\u201c. Trotzdem spreche sie immer wieder \u201evon hohem oder niedrigem Rang\u201c, weil dies \u201ezur Bewusstseinsbildung hilfreich\u201c sei, auch wenn die Rangposition einer Person \u201esituativ, subjektiv und sehr fluide\u201c sei.<\/p>\n<p><strong> Privilegien und Macht<\/strong><\/p>\n<p>Die Deep Democracy unterscheidet vier Rangdimensionen: \u201eSozialer Rang (Status), Pers\u00f6nlicher Rang (Kompetenzen und F\u00e4higkeiten), Psychologischer Rang (Selbstsicherheit, sozial-emotionale Kompetenz, \u00dcberzeugung, dass es einen Sinn gibt), Struktureller Rang (definierte Position\/Rechte)\u201c. Der Rang habe viel mit Privilegien zu tun, und unbewusste Rangkonflikte seien \u201edie gr\u00f6\u00dfte Ursache f\u00fcr Konflikte. Der Schl\u00fcssel zu einem konstruktiven Umgang mit Rang hei\u00dft: Rangbewusstsein\u201c, und so geht es viel darum, wie solche Konflikte aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Die Autorin illustriert dies mit Beispielen.<\/p>\n<p>Vieles finde ich \u00fcberzeugend, auch die Empfehlung, gestaltungsfreudigen Leuten formale (Macht-)Positionen zu geben, statt sie mit Gleichheitsanforderungen zu frustrieren. Trotzdem frage ich mich, ob es nicht die Wahrnehmung verengt, wenn nahezu alle Beziehungen und Konflikte nur unter dem Aspekt der Rangordnung angeschaut werden \u2013 gibt es dann noch Raum f\u00fcr andere Erfahrungen und Perspektiven? Ein weiterer Ansatz sind die Quellen-Prinzipien nach Peter K\u00f6nig. Darin geht es um die besondere Bedeutung einer Gr\u00fcndungsperson f\u00fcr ein Vorhaben. Die \u201eOrdnung\u201c dieser ersten Quelle m\u00fcsse ber\u00fccksichtigt werden, denn sie habe die Aufgabe, das Projekt \u201ezu halten und zu sch\u00fctzen\u201c. Manches scheint mir ideologisch aufgeladen. Unkritisch bezieht sich Eva St\u00fctzel ausgerechnet auf die \u201eOrdnungen \u2026 in den Systemischen Aufstellungen nach B. Hellinger\u201c, dessen reaktion\u00e4re Ausf\u00e4lle und emotionale Gewalt in der Therapie belegt sind.<\/p>\n<p>Diese Ordnungen zu respektieren, trage zu \u201eWohlbefinden und Gedeihen\u201c bei, behauptet die Autorin, das zeige \u201edie empirische Erfahrung aus ganz vielen Aufstellungen\u201c. Nur ganz vorsichtig merkt sie an, dass das nicht immer gilt. Zu kurz kommen die Erfahrungen mit Macht und Gewalt in Alternativprojekten wie AAO (Aktionsanalytische Organisation, Friedrichshof, Otto Muehl) in den 1970\/80er Jahren oder aktuell Go &amp; Change. Nur kurz benennt Eva St\u00fctzel einmal die M\u00f6glichkeit des Machtmissbrauchs.<\/p>\n<p><strong> Gleich noch die Welt retten<\/strong><\/p>\n<p>Manche Aussagen wirken naiv, beispielsweise: \u201eStell Dir eine Welt vor, in der alle Menschen, auch Politiker:innen und alle Konzernchef:innen sich ihrer Privilegien bewusst sind und sie daf\u00fcr einsetzen, dass m\u00f6glichst viele Menschen ihr Potenzial entfalten!\u201c. Oder: \u201eNur wenn wir alle unsere Selbstwirksamkeit entfalten k\u00f6nnen und uns dabei bewusst sind, wie genau dieser Wunsch nach Selbstwirksamkeit all unsere Beziehungen und Interaktionen beeinflusst, nur dann kann Friede herrschen \u2013 im Gro\u00dfen wie im Kleinen.\u201c.<\/p>\n<p>Mit solchem \u201ewir\u201c und Alternativlosigkeiten wie \u201enur wenn\u201c lenkt die Autorin mich von ihrem Anliegen und ihren Gedanken und Erfahrungen darin ab. Auf allgemeing\u00fcltige Wahrheiten reagiere ich zun\u00e4chst mit Abwehr statt Neugier. Die F\u00fclle der Theorien, Studien und Versuchsergebnisse suggeriert Geschlossenheit, was mich kaum zu eigenen Fragestellungen einl\u00e4dt, auch wenn im Buch immer wieder Reflexionsfragen eingestreut sind. Aber die haben mir zu viele Leitplanken. Ich kenne die Autorin und sch\u00e4tze ihr Engagement f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Gruppenstrukturen und Kommunikation. Grunds\u00e4tzlich teile ich ihr Anliegen und m\u00f6chte dies nicht als Verriss verstanden wissen, sondern als kritisch wertsch\u00e4tzendes Feedback.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gruppen, die eine herrschaftsfreie Gesellschaft und weitgehende Hierarchiefreiheit anstreben, tun sich oft schwer damit, ihre internen Machtverh\u00e4ltnisse anzuschauen und zu bearbeiten. \u201eAber da Menschen unterschiedlich sind, entwickeln sich in Gruppen ohne explizite Hierarchie dann informelle Hierarchien, die h\u00e4ufig toxischer wirken als explizite Hierarchien\u201c, schreibt Eva St\u00fctzel. 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