{"id":33185,"date":"2025-10-03T11:34:14","date_gmt":"2025-10-03T09:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/jenseits-des-antizionistischen-chors\/"},"modified":"2025-10-03T11:34:14","modified_gmt":"2025-10-03T09:34:14","slug":"jenseits-des-antizionistischen-chors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/jenseits-des-antizionistischen-chors\/","title":{"rendered":"Jenseits des antizionistischen Chors"},"content":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis von Anarchist-*innen zum Antisemitismus ist schon h\u00e4ufiger untersucht worden. \u00dcber die Geschichte hinweg setzten Anarchist*innen sich in ihrer Mehrzahl f\u00fcr die Emanzipation der J\u00fcdinnen und Juden und gegen Antisemitismus ein. Zugleich aber gab es schon im 19. Jahrhundert antisemitische Ausf\u00e4lle etwa bei Michail Bakunin. Sp\u00e4testens ab dem Sechs-Tage-Krieg 1967, nachdem sich die Haltung zu Israel innerhalb der Neuen Linken radikal wandelte, wurde auch der Anarchismus zu einer \u201ewichtigen Stimme im antizionistischen Chor\u201c (Werner Portmann). In der Tradition dieses Antizionismus gab es auch nach dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 Positionen innerhalb des libert\u00e4r-sozialistischen Spektrums, die in dem Terror weniger ein Pogrom als einen Akt des Widerstands sahen. Diese Feststellung ist Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes, der f\u00fcnfzehn Texte zum Themenkomplex beisteuert. Im \u201eKrieg der Schreier\u201c (Lea Susemichel), einer erbittert gef\u00fchrten Debatte, in der nur die Lautesten geh\u00f6rt werden und die meisten wahrscheinlich gar nicht repr\u00e4sentiert sind, ist ein Buch an sich schon lobenswert, dem explizit \u201ean einem Dialog und [an] Verst\u00e4ndigung\u201c (Frederik Fu\u00df) gelegen ist. F\u00fcr eine fundierte Auseinandersetzung liefert der Band einige wichtige Grundlagen. Trotz des expliziten Engagements gegen Antisemitismus von namhaften Anarchist*in-nen wie Rudolf Rocker, hat es immer wieder auch antisemitische \u00c4u\u00dferungen und Haltungen in anarchistischen Kreisen gegeben. Wie der Herausgeber Frederik Fu\u00df in seinen \u201e12 Thesen zu Antizionismus und Antisemitismus\u201c aufzeigt, hat beispielsweise der konzeptuelle Gegensatz von \u201ek\u00fcnstlich\u201c (Staat) und \u201enat\u00fcrlich\u201c (befreite Gesellschaft) im Anarchismus als \u201eEinfallstor f\u00fcr antisemitische Denkweisen\u201c gedient. Fu\u00df kritisiert diese antisemitischen Tendenzen, ohne das anarchistische Projekt in G\u00e4nze zu verwerfen. Die Anarchist*innen, betont er, \u201ebek\u00e4mpfen die Feinde der Freiheit aufs Sch\u00e4rfste, ohne Apologeten der k\u00fcmmerlichen b\u00fcrgerlichen Freiheit zu werden\u201c. Diese grunds\u00e4tzlich positive Wertung teilen nicht alle Beitr\u00e4ge, wobei gerade die heftigste Kritik derma\u00dfen polemisch vorgetragen wird, dass an ihrer Plausibilit\u00e4t Zweifel aufkommen. Wenn etwa Timo Gambke dem Anarchismus wegen des Aufgreifens poststrukturalistischer Theorie \u201eBegriffslosigkeit und Geschichtsvergessenheit\u201c attestiert und ihm nachsagt, die \u201evulg\u00e4ren Erg\u00fcsse eines intellektuell verwesenden Postkolonialismus nachzuplappern\u201c, ist das durch die Pauschalit\u00e4t so falsch wie im Tonfall daneben, dass man auch den Rest des Textes getrost vergessen kann. Theoretisch ergiebiger sind, neben den Texten von Fu\u00df, Beitr\u00e4ge wie der von Torsten Bewernitz, der unter Bezugnahme auf die anarchistische Tradition erl\u00e4utert, warum das Massaker der Hamas unter keinen Umst\u00e4nden als \u201eWiderstand\u201c zu bezeichnen ist. Dazu diskutiert er Widerstand als \u201eeine legitimierende Diskursstrategie\u201c, die in linker Debatte und Praxis meist positiv konnotiert ist. Den so verstandenen Widerstand setzt er in Bezug zum im Anarchosyndikalismus zentralen Konzept der Direkten Aktion. Indem er das antisemitische Pogrom der Hamas anhand der Praxiskonzepte im Anarchismus diskutiert, liefert Bewernitz auch einen guten Beitrag zur anarchistischen Theorie. Dass im Band ausschlie\u00dflich M\u00e4nner schreiben, spiegelt vielleicht einen von M\u00e4nnern gepr\u00e4gten Diskurs im Gegenwartsanarchismus ebenso wider wie die relative Gleichg\u00fcltigkeit den Geschlechterverh\u00e4ltnissen als Herrschaftsverh\u00e4ltnissen gegen\u00fcber. In der Sache begr\u00fcndet ist es nicht. Im anarchistischen Kontext hatten sich viele Frauen gegen den Antisemitismus stark gemacht. So hatte etwa Auguste Kirchhoff 1924 in der Zeitschrift Die schaffende Frau, die dem syndikalistischen Frauenbund nahestand, gegen den Antisemitismus Stellung bezogen. Sie entkr\u00e4ftet dabei antisemitische Vorurteile, um schlie\u00dflich jeden Rassismus (zu denen sie den Antisemitismus z\u00e4hlt) zu verdammen und aus libert\u00e4r-sozialistischer Sicht darauf zu beharren, dass \u201eeinzig w\u00fcrdig ist, dass alle ihren Platz an der Sonne haben k\u00f6nnen\u201c. Im Band wird aber an vielen Stellen deutlich, dass Antisemitismus auch anders funktioniert als Rassismen. Anders als Rassismen, die die jeweils diskriminierte Gruppe als \u201eminderwertig\u201c und defizit\u00e4r einzustufen, sieht der Antisemitismus die J\u00fcdinnen und Juden nicht unbedingt als irgendwie untergeordnet an, sondern immer wieder auch als m\u00e4chtig und herrschend. Das \u00e4u\u00dfert sich in antisemitischen Tiraden von Linken ebenso wie in den zahlreichen antisemitischen Verschw\u00f6rungsnarrativen. J\u00fcdinnen und Juden wurden als Bolschewisten und Kapitalisten gleicherma\u00dfen diffamiert. Ein Antikapitalismus, der sie mit der Geldwirtschaft assoziierte, hat auch die antisemitischen Ausf\u00e4lle von \u201eTeilzeitanarchisten\u201c wie Karl Gr\u00fcn, Richard Wagner und Wilhelm Marr im 19. Jahrhundert begr\u00fcndet, wie Olaf Briese im Band aufzeigt. Wie die meisten Sammelb\u00e4nde wartet auch das bei Syndikat A erschienene Buch mit qualitativ recht unterschiedlichen Beitr\u00e4gen auf. Wie andere B\u00e4nde auch, produziert es durch das nicht Gesagte auch Leerstellen, wie etwa feministische Perspektiven oder ein st\u00e4rkeres Eingehen auf die globale Dimension der Debatte. Nichtsdestotrotz ist es eine h\u00f6renswerte Positionierung im \u201eKrieg der Schreier\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis von Anarchist-*innen zum Antisemitismus ist schon h\u00e4ufiger untersucht worden. \u00dcber die Geschichte hinweg setzten Anarchist*innen sich in ihrer Mehrzahl f\u00fcr die Emanzipation der J\u00fcdinnen und Juden und gegen Antisemitismus ein. Zugleich aber gab es schon im 19. Jahrhundert antisemitische Ausf\u00e4lle etwa bei Michail Bakunin. 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