{"id":33193,"date":"2025-10-03T11:34:16","date_gmt":"2025-10-03T09:34:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/die-urwaelder-amazoniens\/"},"modified":"2025-10-03T11:34:16","modified_gmt":"2025-10-03T09:34:16","slug":"die-urwaelder-amazoniens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/die-urwaelder-amazoniens\/","title":{"rendered":"Die Urw\u00e4lder Amazoniens"},"content":{"rendered":"<p>Im November 2025 findet im brasilianischen Bel\u00e9m die Weltklimakonferenz (COB 30) statt. Bis zu einhunderttausend BesucherInnen kommen dorthin und die Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit werden sich auf die Gro\u00dfstadt am Amazonas richten. Ob sie dort echte Fortschritte bei Klimaschutzvereinbarungen erkennen k\u00f6nnen, bleibt abzuwarten. Das Gebiet Amazonien entlang des 6.400 Kilometer langen Flusses erstreckt sich nicht nur \u00fcber Brasilien, sondern ebenfalls \u00fcber Ecuador, Peru, Kolumbien, Venezuela, Guyana, Suriname und Franz\u00f6sisch-Guyana.<\/p>\n<p>Das von Sergej Gordon und Miriam Lay Brander herausgegebene Buch \u201eDie Urw\u00e4lder Amazoniens\u201c besch\u00e4ftigt sich in unterschiedlichen Beitr\u00e4gen mit der Entdeckung, Erforschung und Ausbeutung dieser f\u00fcr das Weltklima so entscheidenden Region. Die Erschlie\u00dfung dieses riesigen Gebietes und die anschlie\u00dfende \u00f6konomische Nutzbarmachung geht auf Kosten der Indigenen, die mit ihrer an die Umwelt angepassten Lebensweise den Schutz der Urw\u00e4lder bisher gew\u00e4hrleisteten.<\/p>\n<p>Medienaktivismus<\/p>\n<p>Im Beitrag \u201eCumba f\u00fcr den Yasuni\u201c wird beschrieben, wie die indigene Gemeinschaft der Waorani in Ecuador ihr Territorium mit neuen, unkonventionellen Mitteln gegen \u00fcbergriffige Erd\u00f6lkonzerne verteidigt. Sie produzierte mit dem bekannten Musiker Bayron Caicedo das Musikvideo \u201eMi bella Amazonia\u201c, das \u201emit der Wirkungsmacht inszenierter, symbolischer Bilder, strategischer Rhetorik und sprachlicher Performanz\u201c im ganzen Land Aufsehen erregte und in den \u201esozialen Medien\u201c Millionen Klicks erzielte.\u00a0 Die harten Holzspeere, die die Waorani-MedienaktivistInnen in den Boden rammten, waren als Warnung und Drohgeb\u00e4rde zu verstehen.<\/p>\n<p>Was die Indigenen erwartet, wenn ihr Territorium von internationalen Konzernen ausgebeutet wird, erf\u00e4hrt mensch in weiteren Buchbeitr\u00e4gen. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs f\u00fchrte Shell Lufterkundungen per Flugzeug durch, um unzug\u00e4ngliche, von der ecuadorianischen Regierung zugesprochene Konzessionsgebiete zu analysieren. Von 1960 bis 1978 wurde der Urwald von einem mindestens 20.000 Kilometer langen Gitternetz durchzogen, um systematisch nach Bodensch\u00e4tzen zu suchen. Um alle einhundert Meter Sprengladungen mit Dynamit in 20 bis 30 Meter Tiefe gleichzeitig zu z\u00fcnden, mussten bis zu f\u00fcnf Meter breite Pfade \u00fcber Tausende von Kilometern angelegt werden. Die Waorani verteidigten sich gegen diese Erkundungen, wobei es zu t\u00f6dlichen Zusammenst\u00f6\u00dfen kam. Die Bergbauaktivit\u00e4ten f\u00fchrten zu einer gro\u00dfen L\u00e4rmbel\u00e4stigung im Urwald: Dynamitexplosionen, andauernder Flugverkehr und Kettens\u00e4gen. Wildtiere wurden vertrieben und konnten Pflanzensamen nicht mehr verteilen, die Indigenen nur noch wenige Wildtiere jagen.<\/p>\n<p>Im artenreichen Kanton San Juan Bosco kam es auf der Suche nach Kupfer-, Gold- und Silbervorkommen zu Enteignungen und Landnutzungskonflikten zwischen einem chinesischen Unternehmen, Indigenen und Mestizen. Diese Auseinandersetzungen werden auf dem R\u00fccken der Landlosen ausgetragen. Im Buch wird darauf hingewiesen, dass durch staatlich gef\u00f6rderten \u201eNeo-Extraktivismus\u201c bei Bodensch\u00e4tzen Mittel f\u00fcr die Finanzierung einer sozialeren Politik eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Kautschuk<\/p>\n<p>Ein anschaulicher Beitrag zeigt, wie wenig Erfindungen von Indigenen in Lateinamerika in der westlichen Welt anerkannt werden. Es geht um Kautschuk, auch Gummi genannt. Dieser elastische und dehnbare Stoff hat eine gro\u00dfe Bedeutung in der Technik und ist f\u00fcr die Fortbewegung (Fahrrad, Auto) unersetzbar. Bereits 1613 berichtete eine Quelle \u00fcber die Weiterverarbeitung der Bestandteile des Hevea brasiliensis-Baumes zu Kautschuk.<\/p>\n<p>Allerdings wurde die indigene Kreativit\u00e4t und Kompetenz aus kolonialistischer Perspektive in der Wissenschaft \u201eals fast belanglos\u201c abgetan und bestenfalls als Vorstufe sp\u00e4terer Entwicklungen bezeichnet. Verwiesen wurde hierbei auf die westliche Erfindung der \u201eVulkanisation\u201c, der Stoffumwandlung mit Hilfe von Schwefel. Bei der indigenen Vorgehensweise wurde dieser Effekt allerdings ohne Chemie Jahrhunderte vorher durch ein ausgekl\u00fcgeltes System der R\u00e4ucherung erreicht. Der von Bel\u00e9m ausgehende Handel mit indigenen Kautschukprodukten, beispielsweise Gummihandschuhen, spielte bis Mitte des 19. Jahrhunderts weltweit eine bedeutende Rolle. Die Indigenen selbst mussten allerdings als Kautschuk-ZupferInnen unter grausamer Zwangsarbeit ihr Leben fristen.<br \/>\nMehrere Beitr\u00e4ge gehen auf die ersten Begegnungen von wei\u00dfen Eroberern und Missionaren mit den UreinwohnerIn-nen ein und analysieren, wie w\u00e4hrend der Kolonisierung diese unbekannte Welt von ihnen wahrgenommen wurde. Abgeschlossen wird der Band mit \u00dcberlegungen zu Urwaldromanen, in denen ihre AutorInnen einen verlorenen paradiesischen Urzustand aufscheinen lassen und in neueren Versionen die sich anbahnenden \u00f6kologischen Katastrophen zum Thema machen.<br \/>\nEin Teil der Buchbeitr\u00e4ge entstammt einer Fachtagung des Zentralinstituts f\u00fcr Lateinamerikastudien (ZILAS) und ist aufgrund eines Fachjargons f\u00fcr Laien nicht immer leicht lesbar, ein anderer Teil durchaus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 2025 findet im brasilianischen Bel\u00e9m die Weltklimakonferenz (COB 30) statt. Bis zu einhunderttausend BesucherInnen kommen dorthin und die Augen der Welt\u00f6ffentlichkeit werden sich auf die Gro\u00dfstadt am Amazonas richten. Ob sie dort echte Fortschritte bei Klimaschutzvereinbarungen erkennen k\u00f6nnen, bleibt abzuwarten. 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