{"id":33194,"date":"2025-10-03T11:34:17","date_gmt":"2025-10-03T09:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/der-ukrainische-faschist-stepan-bandera\/"},"modified":"2025-10-03T11:34:17","modified_gmt":"2025-10-03T09:34:17","slug":"der-ukrainische-faschist-stepan-bandera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/der-ukrainische-faschist-stepan-bandera\/","title":{"rendered":"Der ukrainische Faschist Stepan Bandera"},"content":{"rendered":"<p>Wer war Stepan Bandera, f\u00fcr den es heute in der Ukraine zahllose Denkm\u00e4ler gibt, den selbst manche ukrainischen Feministinnen und LGBTQ+-Aktivist_innen bewundern und dessen Grab auf dem M\u00fcnchner Waldfriedhof gepflegt wird, w\u00e4hrend er in Israel, Polen und Russland als Inbegriff eines rechtsextremen Massenm\u00f6rders gilt?<br \/>\nDer deutsch-polnische Historiker Grzegorz Rossoli\u0144ski-Liebe verbindet in seinem Buch, das eine \u00dcbersetzung seiner 2014 auf Englisch ver\u00f6ffentlichten Doktorarbeit darstellt, das Leben Banderas (1909\u20131959) mit der Geschichte der Ukraine im Allgemeinen und des ukrainischen Rechtsextremismus im Besonderen. Die Geschichte wird transnational erz\u00e4hlt, nicht nur weil Bandera einen gro\u00dfen Teil seines Lebens nicht auf dem Gebiet der heutigen Ukraine verbrachte, sondern weil die Erinnerung an ihn (im Guten wie im Schlechten) bis heute Grenzen \u00fcberschreitet.<br \/>\nStepan Bandera wurde 1909 als Sohn eines griechisch-katholischen Priesters in dem Teil der Westukraine geboren, der damals zu \u00d6sterreich-Ungarn geh\u00f6rte und nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel. 1929 trat Bandera der frisch gegr\u00fcndeten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) bei, in der er schnell aufstieg. Weil es dabei aber zu vermehrten Konflikten mit der bisherigen F\u00fchrung kam, spaltete sich die OUN 1940 und Bandera stand von nun an der Mehrheitsfraktion, der OUN-B, als \u201eF\u00fchrer\u201c (Prowidnyk) vor. Unabh\u00e4ngig von diesen pers\u00f6nlichen Querelen versuchte die OUN von Anfang an, die Gr\u00fcndung eines ukrainischen Staates durch Gewalt zu erzwingen. Bandera erkl\u00e4rte schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges \u00f6ffentlich, dass die Organisation bereit sei, f\u00fcr die Umsetzung dieses Ziels \u201eTausende Menschenleben zu opfern\u201c. Die Gelegenheit dazu ergab sich mit dem Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjet-union im Juni 1941. Die ONU-B rief einen ukrainischen Staat aus, der aber von den Nazis nicht anerkannt wurde, weil sie die Ukraine lieber selbst beherrschen und ausbeuten wollten. Bandera wurde daraufhin nach Deutschland gebracht und schlie\u00dflich unter milden Bedingungen im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert.<br \/>\nBanderas Haft wird bis heute benutzt, um ihn als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen. Doch Rossoli\u0144ski-Liebe zeigt \u00fcberzeugend, wie verlogen das ist: Die OUN bezog sich in ihrer Weltanschauung sowohl auf den italienischen Faschismus als auch den deutschen Nationalsozialismus und pflegte enge Beziehungen zu anderen rechtsextremen Bewegungen und Regimen. Dementsprechend sollte der angestrebte ukrainische Staat eine totalit\u00e4re Diktatur unter F\u00fchrung der OUN werden, weshalb die Organisation auch von Anfang an nicht z\u00f6gerte, mit Gewalt gegen andere Ukrainer_innen vorzugehen, die ihre Meinungen nicht teilten. Minderheiten sollten in dieser selbstst\u00e4ndigen Ukraine im besten Falle nur toleriert werden. Banderas Abwesenheit f\u00fchrte zwar dazu, dass er nicht direkt an der Massengewalt der ukrainischen Nationalisten vor Ort, beteiligt war, doch hatte seine Politik dieser Brutalisierung Vorschub geleistet. Mitglieder der OUN-B und anderer ukrainischer rechtsextremer Gruppen versuchten vor Ort Fakten zu schaffen, indem sie \u2013 teilweise zusammen mit den Nazis, teilweise selbstst\u00e4ndig \u2013 abertausende Angeh\u00f6rige der j\u00fcdischen und polnischen Bev\u00f6lkerung der Westukraine ermordeten. Als dann 1944 diese Gebiete Teil der Sowjetunion wurden, wurden die ukrainischen Nationalisten selbst im gro\u00dfen Stile durch die sowjetische Armee vertrieben, inhaftiert oder get\u00f6tet. Bandera blieb daraufhin in der Bundesrepublik, wo er bis zu seiner Ermordung 1959 durch den sowjetischen Geheimdienst in M\u00fcnchen auf den Ausbruch eines Dritten Weltkrieges wartete, von dem er sich eine neue Chance zur Entstehung eines ukrainischen Staates versprach. Der von OUN-B im Exil weiterbetriebene Kult um ihren \u201eF\u00fchrer\u201c verst\u00e4rkte sich durch seine Ermordung weiter und wurde auch in der Westukraine heimlich gepflegt, wo er dann mit dem Ende der Sowjetunion wieder an die \u00d6ffentlichkeit gelangte.<br \/>\nAuch wenn das Buch von Rossoli\u0144ski-Liebe ein paar K\u00fcrzungen h\u00e4tte vertragen k\u00f6nnen und mir pers\u00f6nlich der Stil an manchen Stellen zu sehr beschreibend und zu wenig analysierend ausf\u00e4llt, so kann ich es sehr empfehlen. Dem Autor gelingt es, Bandera klar als das zu zeigen, was er war, n\u00e4mlich ein faschistischer Fanatiker, ohne an Kritik an seinen Gegnern (erst Polen, dann der Sowjetunion) und Konkurrenten (anderen ukrainischen Nationalisten) zu sparen. Diese Mittelposition, die keine eindeutigen Urteile scheut, fehlt h\u00e4ufig in den aktuellen Debatten \u00fcber den Ukraine-Krieg. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer war Stepan Bandera, f\u00fcr den es heute in der Ukraine zahllose Denkm\u00e4ler gibt, den selbst manche ukrainischen Feministinnen und LGBTQ+-Aktivist_innen bewundern und dessen Grab auf dem M\u00fcnchner Waldfriedhof gepflegt wird, w\u00e4hrend er in Israel, Polen und Russland als Inbegriff eines rechtsextremen Massenm\u00f6rders gilt? 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