{"id":33206,"date":"2025-10-03T11:34:21","date_gmt":"2025-10-03T09:34:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/als-zivile-gesellschaft-den-finger-in-die-wunde-legen\/"},"modified":"2025-10-05T14:12:41","modified_gmt":"2025-10-05T12:12:41","slug":"als-zivile-gesellschaft-den-finger-in-die-wunde-legen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/als-zivile-gesellschaft-den-finger-in-die-wunde-legen\/","title":{"rendered":"\u201eAls zivile Gesellschaft den Finger in die Wunde legen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich habe mir mehrere Theaterst\u00fccke von dir angeguckt und bin begeistert. Stell dich bitte mal vor.<\/p>\n<p>Tu\u011fsal Mo\u011ful: Ich bin Arzt, An\u00e4sthesist in einem Lehrkrankenhaus, aber auch mit Leib und Seele Theatermacher. Ich schreibe St\u00fccke, die ich dann meistens erst einmal selbst inszeniere und die dann auch bundesweit von anderen Regisseur*innen inszeniert werden.<\/p>\n<p>Relana Waldner: Wie ist es dazu gekommen, dass du diese unterschiedlichen Berufe parallel ergriffen hast. Wie erlebst du das Zusammenspiel dieser beiden Welten? Gibt es da Synergien, aber auch Herausforderungen?<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Ja, ich habe nach dem Abitur relativ schnell einen Studienplatz in Medizin gekriegt, was untypisch war, weil mein NC eigentlich gar nicht so gut war. Ich hatte ein Abi von 1,8, was zwar gut ist, aber eigentlich nicht so gut f\u00fcr ein Medizinstudium.<br \/>\nAber da ich damals nur den t\u00fcrkischen Pass hatte, habe ich mich direkt bei den Unis in Deutschland bewerben d\u00fcrfen. Ich habe mich dann damals in den 80ern unter vielen anderen in Deutschland als \u201eAusl\u00e4nder\u201c bewerben m\u00fcssen. Mich hat man in den gleichen Topf geworfen wie Leute z. B. aus Afrika oder aus S\u00fcdamerika, obwohl ich mein Abi in Beckum\/ Westfalen gemacht habe. Das habe ich nicht verstanden, aber auf der anderen Seite habe ich so einen Studienplatz gekriegt.<br \/>\nSeit meinem 14. Lebensjahr habe ich immer wieder auf der B\u00fchne gestanden und mich f\u00fcrs Theater begeistert. Ich wusste zwar noch nicht, wie man damit Geld verdient, fand es aber wunderbar. Das Interesse und auch die Lust hat nie nachgelassen. Ich finde, beide Berufe haben Schnittpunkte. Es geht immer um Menschen. Wir besch\u00e4ftigen uns mit Biografien, mit Lebensgeschichten. Das hat mich schon immer interessiert. Wie kommen Krankheiten zustande? Was ist in der Gesellschaft der Grund f\u00fcr diese Krankheiten? Prinzipiell hat so eine Narkose oder An\u00e4sthesie ja nichts mit einem Theaterst\u00fcck zu tun. Aber f\u00fcr mich hat das einen Sinn ergeben. Ich bin froh, dass ich diesen Spagat all die Jahre machen konnte. Beide Berufe geh\u00f6ren mittlerweile zu meiner DNA.<\/p>\n<p>Relana: Du hast angefangen, erst als Schauspieler zu arbeiten. Wie ist es dann dazu gekommen, dass du auch Regisseur geworden bist?<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Das war nach der Schauspielschule. Nachdem ich mit dem Medizinstudium begonnen hatte, habe ich mich zweieinhalb Jahre sp\u00e4ter an einer Schauspielschule beworben, in Hannover an der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater. Dort habe ich die Aufnahmepr\u00fcfungen beim ersten Versuch bestanden. Nach der Schauspielschule habe ich auf mehreren B\u00fchnen als Gastschauspieler mitgewirkt, war aber nie festes Ensemblemitglied. Die deutschen B\u00fchnen waren damals auf der Suche nach Schauspieler*innen mit Migrationsgeschichte, um die L\u00fccken f\u00fcr Rollen zu schlie\u00dfen, die dem Klischee entsprachen. Wir mussten diese L\u00fccken f\u00fcllen. Das hei\u00dft, auch wenn ein Klassiker auf dem Spielplan stand, musste ich z. B. einen Moslem spielen, so auch bei der Jungfrau von Orleans von Schiller. Ich musste einen muslimischen K\u00e4mpfer spielen, der der Jungfrau im Kampf begegnet. Steht zwar so nicht bei Schiller, aber das waren damals g\u00e4ngige Regieideen. Ich habe das gerne gemacht, nicht hinterfragt. Aber irgendwann hat mich das genervt, dass ich mich fast immer nur mit diesen Rollen zeigen konnte und nicht einen ganz gew\u00f6hnlichen deutschen Ralf oder J\u00f6rg spielen durfte. Auch einen Arzt h\u00e4tte ich gerne mal im Theater oder auf der Leinwand gespielt. Es gab aber keine Angebote. Ich war immer der, der entweder die Leute verpr\u00fcgelt oder selber eins auf die Fresse kriegt.<\/p>\n<p>Bernd: Ich m\u00f6chte eine pers\u00f6nliche Geschichte erz\u00e4hlen. Meine Liebste, mit der ich seit 1990 zusammen lebe, ist in Kurdistan geboren und unsere S\u00f6hne liegen elfeinhalb Jahre auseinander. Unser \u00c4ltester war in den Nullerjahren in M\u00fcnster Sch\u00fcler am Gymnasium, zu der Zeit war er in seiner Klasse der Einzige mit Migrationsgeschichte. Er hat viel Rassismus erlebt. Bei unserem J\u00fcngsten war das weniger krass, sein Gymnasium war international und st\u00e4rker migrantisch gepr\u00e4gt. Da hatte sich also eine Menge getan zwischenzeitlich. Aber jetzt hat der Rassismus auch hier wieder st\u00e4rker Fu\u00df gefasst. Mein \u00e4ltester Sohn lebt in Genf, war jetzt zu Besuch hier und ist dann beim B\u00e4cker angemacht worden als \u201eSchei\u00df Kanacke\u201c. Die Rassisten trauen sich wieder ihr Gift zu verspritzen. Dabei war es uns schon gegl\u00fcckt, den Rassismus in dieser Stadt stark zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Wie war das bei dir? Deine Eltern haben eine t\u00fcrkische Migrationsgeschichte. Wie war es, im konservativen M\u00fcnsterland aufzuwachsen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_33216\" aria-describedby=\"caption-attachment-33216\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-33216 size-medium\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3072-2304-max-300x225.jpg\" alt=\"3072 2304 max\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3072-2304-max-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3072-2304-max-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3072-2304-max-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/3072-2304-max.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33216\" class=\"wp-caption-text\">Bernd Dr\u00fccke, Relana Waldner, Techniker Detlef Lorber und Tu\u011fsal Mo\u011ful im Studio. Foto: medienforum m\u00fcnster<\/figcaption><\/figure>\n<p>Tu\u011fsal: Ja, es ist sehr konservativ gewesen, ich hatte auch meine Erlebnisse. Ich kann von zwei Erinnerungen berichten, die mich gepr\u00e4gt haben in der Zeit. Ich war in Beckum auf einer evangelischen Grundschule. Es gab zwei Klassen: Klasse A und Klasse B. In der Klasse A waren nur Arbeiter*innenkinder und ausl\u00e4ndische Kinder, mit einer Einwanderungsgeschichte, unter anderem ich. In der Klasse B waren Beamten- und Akademikerkinder. Das war 1977. Wir wurden schon in der ersten Klasse getrennt. In der vierten Klasse gibt es dann immer die \u00dcberlegung, f\u00fcr welche weiterf\u00fchrende Schule man vorgeschlagen wird. Bei meiner Schule war schon vorher gekl\u00e4rt worden, dass aus der Klasse A die Kinder nur entweder auf die Haupt- oder die Realschule gehen. Es sollte keiner f\u00fcrs Gymnasium empfohlen werden. Das war schon vorher festgelegt worden, so geplant, wie in einer Planwirtschaft. In der Klasse B waren die Beamten- und Akademikerkinder. Die wurden dann f\u00fcr die Realschule oder das Gymnasium eingeteilt. Keiner von denen kam auf die Hauptschule. Ich war der Einzige in meiner Klasse, der gesagt hat, ich m\u00f6chte aber aufs Gymnasium. Dann gab es Lehrerkonferenzen, die haben bei der Entscheidungsfindung lange gebraucht und dann meine Eltern angerufen. Meine Eltern mussten unterschreiben, dass sie die Verantwortung f\u00fcr diese Ver\u00e4nderung \u00fcbernehmen. Ich habe dann auf eigene Verantwortung mit zehn, elf Jahren entschieden, aufs Gymnasium zu gehen. Es war zwar nicht einfach mit der deutschen Sprache, meine Muttersprache ist ja T\u00fcrkisch, ich habe damals noch viele Fehler beim im Deutschen gemacht. Meine Deutschlehrerin, das ist meine zweite Erinnerung, meine Klassenlehrerin hat mich immer mit meinem Vornamen schikaniert. Die hat mich sechs Jahre lang Tugsal genannt, obwohl sie wusste, dass ich Tu\u011fsal hei\u00dfe und das weiche \u201e\u011f\u201d nicht wie ein \u201eg\u201c ausgesprochen wird, sondern nur der Vokal vorher, bei meinem Namen das \u201eu\u201c gedehnt wird. Die erste Generation hat es richtig schwer gehabt, also meine Eltern. Aber die zweite Generation hat es ein wenig leichter gehabt. Ich war einer der wenigen, die ausl\u00e4ndische Wurzeln hatte und Abitur in Beckum machen konnte. Wir wurden positiv hervorgehoben: \u201eGuck mal, ein T\u00fcrke hat Abitur gemacht, ein t\u00fcrkischer Junge. Bravo!\u201c Das war schon auch irgendwie skurril. Wir hatten Lehrer, die H\u00e4lfte waren Alt-68er, also junge Lehrer damals in den 80er Jahren. Und die anderen waren noch Alt-Nazis oder die, die die Nazizeit erlebt haben und dann noch weiter als Lehrer gearbeitet haben.Viele haben uns damals noch ihre Wehrmachtsgeschichten erz\u00e4hlt, wie sie z. B. London angegriffen haben oder als Wehrmachtssoldaten angegriffen wurden. Das sind meine Lehrer gewesen. In so einer Zeit waren wir damals immer noch. Die haben wir noch mitgekriegt, diese Lehrer, dieses Kollegium.<\/p>\n<p>Bernd: Gruselig.<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Absolut.<\/p>\n<p>Relana: Deine Projekte zeichnen sich durch intensive Recherchearbeit aus. Du arbeitest oft mit Betroffenen zusammen, wie zum Beispiel auch beim St\u00fcck \u201eAnd Now Hanau\u201c, das 2023 uraufgef\u00fchrt wurde. Es setzt sich mit dem rassistischen Anschlag in Hanau und dem massiven Beh\u00f6rdenversagen w\u00e4hrend und nach der Tat auseinander. Das St\u00fcck prangert auch das Versagen von Polizei, Justiz und Politik an. Es gibt den Opfern sowie ihren Angeh\u00f6rigen eine Stimme. Wie bist du bei der Erarbeitung des St\u00fcckes vorgegangen? Was war besonders an der Recherche und auch bei der Zusammenarbeit mit den Angeh\u00f6rigen? Wie kam es zu den besonderen Auff\u00fchrungsorten, zum Beispiel im Landgericht?<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Ich bin ein Jahr nach dem Anschlag emotional darauf aufmerksam geworden, weil ich einen Film von Marcin Wierzchowski gesehen habe, der dann auch die Ausstattung gemacht hat f\u00fcr unser \u201eAnd Now Hanau\u201c-St\u00fcck. Das war ein Dokumentarfilm, der lief in der ARD und hie\u00df \u201eHanau \u2013 Eine Nacht und ihre Folgen\u201c. Dieser Film hat mich emotional nochmal sehr bewegt, mich erneut kalt erwischt, obwohl ich mich schon \u00fcber Jahre mit den NSU-Morden besch\u00e4ftigt hatte. Ich habe meinen Bruder gefragt, der arbeitet u. a. beim WDR und macht auch Dokumentarfilme, ob ich mit ihm zum ersten Jahrestag nach Hanau fahren kann. Damals hat er f\u00fcr die Redaktion \u201eMonitor\u201c einen Beitrag gemacht.<br \/>\nIch habe mich bei den Dokumentaraufnahmen einfach in der Initiative 19. Februar, da gibt es diesen Laden 19. Februar, ganz abseits hingesetzt und erst mal nur zugeh\u00f6rt. Denn immer zum 19. Februar gab es damals einen Riesenauflauf von Journalist*innen, die berichten wollten. Deshalb habe mich in die Ecke gesetzt und nur zugeh\u00f6rt. Ich f\u00fchlte, es ist einfach zu fr\u00fch. Ein Jahr nach so einem rechtsextremen Anschlag ist man noch sehr traumatisiert. Und dann kam ja noch die Pandemie dazwischen. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um dieses St\u00fcck zu schreiben. Ich bin immer wieder hingefahren, habe dann peu \u00e0 peu Kontakt aufgenommen mit den einzelnen Angeh\u00f6rigen, habe mich mit ihnen unterhalten, ihr Vertrauen bekommen, war bei vielen Veranstaltungen dabei, die sie gemacht haben. Z. B. in Frankfurt wurde auch die starke Ausstellung \u201eThree Doors\u201c von Forensic Architecture gezeigt. Sie haben mir dann ihre Geschichten anvertraut beziehungsweise habe ich die Geschichten auch aus verschiedenen Berichten und Interviews gesammelt. Vor Beginn der Proben habe ich dann alle gefragt, ob sie mit dem Skript einverstanden sind. Ich habe allen noch mal das Skript vorgelegt oder das, was ich mit ihnen besprochen habe. Sie haben das dann best\u00e4tigt oder gesagt: \u201eDas bitte nicht.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Diese Tatsachen der neuen deutschen Zeitgeschichte m\u00fcssen immer wieder erz\u00e4hlt werden, es muss in alle Geschichtsb\u00fccher, was passiert ist: M\u00f6lln, Solingen, die NSU-Morde, Hanau etc., das ist ein Teil Deutschlands.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Es war eine enge Beziehung zu den Angeh\u00f6rigen in der Erarbeitung dieses St\u00fcckes, was ich bis dato noch nie so gemacht hatte. So nah sein und sie, die Angeh\u00f6rigen, so mit ins Boot holen, das war mir wichtig. Das ist erfreulicherweise aufgegangen, so dass wir bei den Ruhrfestspielen unsere Urauff\u00fchrung zeigen konnten. Das war eine Produktion vom Theater M\u00fcnster und Theater Oberhausen mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Die Angeh\u00f6rigen waren da, sa\u00dfen in der ersten Reihe mit den Bildern ihrer ermordeten Angeh\u00f6rigen. Nach der Premiere gab es nicht so einen richtigen Applaus, was es sonst am Theater gibt, sondern man lag sich weinend in den Armen. Das war sehr ber\u00fchrend f\u00fcr alle, die an dem Tag mit dabei waren. Ich war froh, dass es genau dem entsprach, was die Angeh\u00f6rigen erhofft hatten. Dann sind wir mit \u201eAnd Now Hanau\u201c bundesweit losgezogen und haben f\u00fcr die Vorstellungen Orte aufgesucht, wo die Judikative, die Exekutive oder die Legislative in Deutschland, was die Aufarbeitung angeht, versagt haben. Deshalb haben wir in vielen St\u00e4dten, in Rath\u00e4usern, Landgerichten und im Fr\u00fchjahr 2025 auch im Kanzleramt in Berlin gespielt. \u201eAnd Now Hanau\u201c wird weiter gespielt. Ich habe das St\u00fcck am Stadttheater Mainz nochmals inszeniert. Eine Theaterhaus-Stuttgart-Inszenierung gibt es auch, die ein anderer Regisseur gemacht hat, aber mit dem bin ich im engen Kontakt. Wir kriegen viele Anfragen von antifaschistischen Vereinen, St\u00e4dten und Kulturinitiativen. Ich hoffe, dass das noch mehr werden. Theater hat einen anderen Zugang zu diesem Thema als ein Film, ein Buch oder eine Zeitung.<\/p>\n<p>Bernd: Du hast dich stark mit Migration, Rassismus und Neofaschismus auseinandergesetzt. Vor zehn Jahren habe ich dein St\u00fcck \u00fcber den NSU hier im Theater gesehen. Das war ersch\u00fctternd, auch, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, was da passiert ist. Jetzt gibt es trotz dieses Wissens einen extremen Rechtsrutsch, die AfD hat zugelegt, der Rassismus macht sich wieder breit, Nazis haben Zulauf. Wie ist dein Fazit nach zehn Jahren \u201eAuch Deutsche unter den Opfern\u201c?<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Eigentlich war \u201eAuch Deutsche unter den Opfern\u201c die Blaupause f\u00fcr \u201eAnd Now Hanau\u201c. Es hat ja nicht aufgeh\u00f6rt und so f\u00e4ngt auch das zweite St\u00fcck an. Es h\u00f6rt einfach nicht auf. Damals, 2015, als das St\u00fcck \u201eAuch Deutsche unter den Opfern\u201c uraufgef\u00fchrt wurde, das hat mich nochmals verst\u00e4rkt aufger\u00fcttelt. Ich war schon immer politisch unterwegs, aber nicht so. Die NSU-Morde waren f\u00fcr mich eine Z\u00e4sur. Bis dahin habe ich es nicht so krass gedacht. Aber was da passiert ist, nach der Aufdeckung der NSU-Morde, wie viel der Verfassungsschutz da falsch gearbeitet hat und wie viele Fehler, wie viel Versagen da Raum eingenommen haben, hat mich fassungslos gemacht.<br \/>\nIch war 13 Tage beim NSU-Prozess in M\u00fcnchen dabei, f\u00fcr \u201eAuch Deutsche unter den Opfern\u201c habe ich mehrere Monate recherchiert. Im Oberlandesgericht M\u00fcnchen habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass viele Zeug*innen nichts gesagt haben, wo doch klar war, dass nicht nur dieses Trio, sondern ein ganzes Netzwerk beteiligt war, dass dieses Netzwerk schon immer ziemlich gro\u00df in Deutschland unterwegs ist und dass die Mitglieder viele Menschen weiter infizieren mit ihrem Rechtsgedankengut und mit dem Faschismus. Das hatte gr\u00f6\u00dfere Dimensionen. Es stimmt, was man dem Staat vorwirft. Der deutsche Staat war all die Jahre auf dem rechten Auge blind. Was den deutschen Rechtsextremismus angeht, h\u00e4tte man den Verfassungsschutz komplett nach der Wiedervereinigung abschaffen k\u00f6nnen. Der Verfassungsschutz hat eher alles schlechter und schwieriger gemacht, als irgendwie gegen den Neofaschismus zu helfen. An diesen Rechtsstaat zu glauben, das f\u00e4llt mir nach den NSU-Morden schwer. Wenn jetzt Leute aus Hanau sagen, sie rufen nicht mehr die 110 an, weil sie nicht sicher sind, was dann auf sie zukommt, ob sie nochmal Opfer werden, dann kann ich das gut nachvollziehen.<\/p>\n<p>Relana: Ich kann mir vorstellen, dass du auch selbst heute noch mit Anfeindungen zu tun hast. Ist das so? Wie nimmst du die Ver\u00e4nderungen im gesellschaftlichen und politischen Klima der letzten Jahre wahr, was das angeht?<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Direkt Anfeindungen gegen mich, dass ich selber k\u00f6rperliche Gewalt erlebt hatte, ist mir zum Gl\u00fcck nicht passiert.<br \/>\nIch bin aber froh, dass diese Themen jetzt im Spielplan der verschiedenen Theater gezeigt werden. Wir leben in M\u00fcnster, einer ges\u00e4ttigten Stadt, wo eigentlich von allem viel ist. Man hat das Gef\u00fchl, hier gibt es keine Probleme. Wenn man jetzt zum Beispiel nach Dortmund f\u00e4hrt und aus dem Bahnhof aussteigt, da ist das anders. Es reicht schon, wenn man 50 Kilometer au\u00dferhalb von M\u00fcnster ist. Aber in M\u00fcnster haben wir auch Probleme. Warum habe ich das St\u00fcck hier gemacht? Weil ich hier wohne. Ich h\u00e4tte es auch in Berlin oder gerade in diesen schwierigen St\u00e4dten machen k\u00f6nnen oder sollen. Wir waren auch mal in Zwickau. Dort sind wir angegriffen worden. Da gab es das Festival \u201eUnbekannte Nachbarn\u201c, wir waren eingeladen mit meinem Theaterst\u00fcck \u201eAuch Deutsche unter den Opfern\u201c. Das Festivalb\u00fcro wurde mit Steinen beworfen und wir hatten eine Security, um \u00fcberhaupt ins Theater reinzukommen und dort zu spielen. Da gab es viele, die drin waren, die antifaschistisch unterwegs waren und uns unterst\u00fctzt haben. Gro\u00dfe Teile der Zwickauer Bev\u00f6lkerung wollten uns nicht. Einen Tag zuvor gab es eine Pegida-Kundgebung. Wir hatten unser Hotel da und dort auch echt ein bisschen Angst. Aber in M\u00fcnster, Frankfurt und Hanau ist uns das nicht widerfahren. Da ist schon eine gute Mobilisierung. Aber ich sage immer, Hanau ist so lange interessant in den K\u00f6pfen, so lange das in ihrer Umgebung ist. Wenn du Leute in Flensburg fragst, was in Hanau war, dann werden die sagen: \u201eDas war das mit der Synagoge, oder?\u201c Dann sagst du: \u201eNee, das war Halle.\u201c<br \/>\n\u201eAch so, stimmt, ja, habe ich ganz vergessen.\u201c<br \/>\nDie Leute wissen es nicht mehr und das ist erschreckend, das geht verloren. Ich glaube, allein diese Theaterst\u00fccke, B\u00fccher, Ausstellungen, auch Radiosendungen, das h\u00e4lt das aufrecht, dass wir das nicht vergessen, was da passiert ist. Diese Tatsachen der neuen deutschen Zeitgeschichte m\u00fcssen immer wieder erz\u00e4hlt werden, es muss in alle Geschichtsb\u00fccher, was passiert ist: M\u00f6lln, Solingen, die NSU-Morde, Hanau etc., das ist ein Teil Deutschlands. Wie die \u00d6ffentlichkeit damit umgeht, diese selektive Wahrnehmung, das ist erschreckend. Auch wenn man sieht, wie \u00fcber Aschaffenburg und Magdeburg geredet wird und dann, wie \u00fcber Hanau geredet wurde. In Hanau gedenken sie und nach Aschaffenburg handeln sie, die Politik, die Justiz, die Exekutive. Das sagt die Bundesregierung ganz \u00f6ffentlich.<br \/>\nIm Kanzleramt gab es eine Situation, wo man das Gef\u00fchl hatte: Okay, wir haben das St\u00fcck \u201eAnd Now Hanau\u201c hier spielen d\u00fcrfen. Es war toll, gleichzeitig war das ein enormer Druck von allen Seiten. Wir durften nicht viel machen, wir sollten nur das St\u00fcck zeigen und schnell wieder weg. Es wurde keine \u00d6ffentlichkeit eingeladen. Die Veranstaltung war nur an die Mitglieder der Verwaltung des Kanzleramtes gerichtet, also nur f\u00fcr die, die im Bundestag oder im Kanzleramt arbeiten.<br \/>\nAber wie gesagt, Gewalt an mir selber, ich habe mich mal gestritten, auch mit Nazis, aber ich bin nie verpr\u00fcgelt worden, zum Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Relana: Eine wichtige Arbeit, die Ihr mit solchen St\u00fccken macht.<\/p>\n<p>Bernd: Ja, gro\u00dfartig. Hast du ein Schlusswort? Was m\u00f6chtest du jungen Leuten, die jetzt diese Sendung h\u00f6ren, mit auf den Weg geben?<\/p>\n<p>Tu\u011fsal: Ich freue mich mega, dass bei uns gerade auch im Theater das Publikum so jung ist. Wir erreichen auch 16-, 17-, 18-, 19-, 20-J\u00e4hrige. Ich finde es toll, dass es diese Bewegung gibt, dass junge Leute diese Themen im Theater sehen wollen. Als zivile Gesellschaft brauchen wir die Energie, um immer wieder den Finger in die Wunde zu legen. Ich hoffe, dass das viele tun, dass wir dann auf die Stra\u00dfen gehen, uns \u00fcberall zu Wort melden und aktiv werden. Das w\u00fcnsche ich mir f\u00fcr unsere ganze Gesellschaft.<\/p>\n<p>Relana und Bernd: Herzlichen Dank!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Ich habe mir mehrere Theaterst\u00fccke von dir angeguckt und bin begeistert. Stell dich bitte mal vor. Tu\u011fsal Mo\u011ful: Ich bin Arzt, An\u00e4sthesist in einem Lehrkrankenhaus, aber auch mit Leib und Seele Theatermacher. 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