{"id":33307,"date":"2025-10-28T13:55:53","date_gmt":"2025-10-28T11:55:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/wer-krieg-fuehrt-wird-immer-von-imperialen-interessen-genaehrt\/"},"modified":"2025-12-15T02:35:29","modified_gmt":"2025-12-15T00:35:29","slug":"wer-krieg-fuehrt-wird-immer-von-imperialen-interessen-genaehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/wer-krieg-fuehrt-wird-immer-von-imperialen-interessen-genaehrt\/","title":{"rendered":"\u201eWer Krieg f\u00fchrt, wird immer von imperialen Interessen gen\u00e4hrt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Robert Krieg<\/em>: Bei meinem letzten Aufenthalt in Italien habe ich erlebt, wie sehr sich Italiener\/innen Sorgen machen \u00fcber die Wiederaufr\u00fcstung in Deutschland. Was sind die historischen Gr\u00fcnde daf\u00fcr? Welche Rolle spielt dabei das kollektive Ged\u00e4chtnis der Menschen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Luciana Castellina<\/em>: Es geht dabei nicht nur um die Besorgnis \u00fcber die deutsche Wiederbewaffnung. Die Menschen in Italien scheinen sich der katastrophalen Folgen eines jeden Krieges st\u00e4rker bewusst zu sein als die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder, in denen sich ebenfalls in den 80er Jahren, aber auch danach, z.B. zur Zeit des Irak-Krieges, eine starke pazifistische Bewegung entwickelt hat. Ich denke dabei insbesondere an Gro\u00dfbritannien und Deutschland. Ich kann nicht begreifen, warum die derzeitige sinnlose Militarisierung und Aufr\u00fcstung so weithin akzeptiert wird.<br \/>\nIn diesem allgemeineren Rahmen ist die Furcht vor einer deutschen Wiederaufr\u00fcstung sicherlich besorgniserregender. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus wiegt schwer, auch wenn wir nach &#8217;68 die Mobilisierung der deutschen pazifistischen Bewegung f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnlich hielten.<\/p>\n<p><strong><em>Robert<\/em>: Bundeskanzler Friedrich Merz will Deutschland zur st\u00e4rksten konventionellen Milit\u00e4rmacht in Europa machen, damit Deutschland und Europa gegen\u00fcber Russland \u201everteidigungsf\u00e4hig\u201c werden. Sind das die Gr\u00fcnde? Oder geht es nicht vielmehr um die Wiederbelebung imperialer Machtinteressen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Luciana<\/em>: So wie es mir verr\u00fcckt erscheint, Putin f\u00fcr einen neuen Hitler zu halten, der in ganz Europa einmarschieren will, so verr\u00fcckt erscheint es mir, zu glauben, dass die derzeitigen deutschen Speerwerfer bereit w\u00e4ren, den Wiederaufbau einer milit\u00e4rischen Ausnahmemacht in ihrem Land zu unterst\u00fctzen, d.h. einer aggressiven imperialen Gro\u00dfmacht. Wer Krieg f\u00fchrt, wird immer von m\u00e4chtigen imperialen Interessen gen\u00e4hrt. Und das trotz der Katastrophe, die er unweigerlich ausl\u00f6sen wird. Niemand kann heute in Anbetracht der Toten, die ein mit Atomwaffen gef\u00fchrter Krieg verursachen w\u00fcrde, daran denken, ihn zu entfesseln, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Die Vernunft kann einen nur dazu zwingen, Streitigkeiten ohne den Einsatz von Waffen zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong><em>Robert<\/em>: Die sogenannte \u201eGeopolitik\u201c entstand im 19. Jahrhundert als Legitimationswissenschaft f\u00fcr die Ziele imperialistischer Gro\u00dfmachtpolitik. Es war die \u201eGeopolitik\u201c, die den Begriff des \u201eLebensraums\u201c f\u00fcr die Nazis bereitstellte. Seit der Krim-Annexion durch Russland 2014 ist sie wieder in aller Munde. Josep Borell, Europas fr\u00fcherer Chefdiplomat, nannte den Krieg in der Ukraine \u201edie Geburtsstunde des geopolitischen Europas\u201c. Die EU-Kommission spricht von ihrem \u201egeopolitischen Erwachen und der notwendigen Verwandlung ihrer wirtschaftlichen Soft Power in milit\u00e4rische Hard Power\u201c. Du hast zwanzig Jahre lang f\u00fcr unterschiedliche linke Parteien im europ\u00e4ischen Parlament gesessen. Wie bewertest Du diese Wende?<\/strong><\/p>\n<p><em>Luciana<\/em>: Leider hat Europa immer akzeptiert, dass seine Au\u00dfenpolitik von der NATO bestimmt wird. Als die Berliner Mauer fiel und Gorbatschow seine Truppen aus Osteuropa abzog, h\u00e4tte man erwarten k\u00f6nnen, dass die Europ\u00e4er die Gelegenheit nutzen w\u00fcrden, um ein Netz wirtschaftlicher und kultureller Zusammenarbeit mit der UdSSR und den anderen Staaten des Warschauer Paktes aufzubauen. Stattdessen wurden sie dazu gen\u00f6tigt, die gegenteilige Strategie zu akzeptieren, n\u00e4mlich die der NATO. Die NATO ist in kurzer Zeit von 12 auf 30 Mitgliedsstaaten angewachsen, von denen die neuen alle um Russland herum liegen. Mit dieser aggressiven Strategie hat die NATO den Weg f\u00fcr den russischen Revanchismus und f\u00fcr Putin geebnet, der zu seinem Anstifter geworden ist. Kriege k\u00f6nnen verhindert werden, solange sie in der Phase der Vorbereitung sind, aber wenn sie ausgebrochen sind, wird es schwer, sie zu beenden. Die EU musste damals eingreifen. In der Ukraine h\u00e4tte der Kompromiss von Minsk ((1)) eine L\u00f6sung sein k\u00f6nnen. Heute, nach dramatischen Zerst\u00f6rungen und Todesf\u00e4llen, befinden wir uns in einer Sackgasse.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Wir m\u00fcssen uns dar\u00fcber klar werden, dass wir an einem epochalen Wendepunkt stehen, dass die Welt so nicht mehr funktionieren kann, dass die Umweltkatastrophe kein Hirngespinst ist und dass wir das System von innen heraus ver\u00e4ndern m\u00fcssen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das, was als Geopolitik bezeichnet wird, ist das Aufkommen einer strukturellen Krise des Kapitalismus, die bereits seit vielen Jahrzehnten besteht. Diese Situation stellt jedoch nicht den Sieg des Kapitalismus dar, sondern bringt im Gegenteil seine epochale Krise ans Tageslicht. Sie hat gezeigt, dass das auf einer immer intensiveren Warenproduktion basierende Wirtschaftsmodell nicht global anwendbar ist und dass die westlichen L\u00e4nder nicht mehr \u00fcber den Spielraum verf\u00fcgen, um die Reformen (Wohlfahrt) zu gew\u00e4hren, die den ber\u00fchmten \u201esozialdemokratischen Kompromiss\u201c kennzeichneten, der es dem Kapitalismus erm\u00f6glichte, eine Phase lang mit der Demokratie zu koexistieren. Deshalb versch\u00e4rft sich die Krise, die Auseinandersetzungen werden heftiger, der Wettbewerb wird r\u00fccksichtsloser. Es ist diese Krise, die der Rechten die T\u00fcr \u00f6ffnet, die gewinnt, weil sie sich als autorit\u00e4re L\u00f6sung f\u00fcr jeden Widerspruch pr\u00e4sentiert. Waren nicht der Faschismus in Italien und der Nazismus in Deutschland die Folge auch der Krise nach dem Ersten Weltkrieg?<\/p>\n<p><strong><em>Robert<\/em>: Die neue Rechte ist weltweit auf dem Vormarsch und untergr\u00e4bt das westliche Demokratiemodell. Die kulturelle Hegemonie des Westens scheint unaufhaltsam in die H\u00e4nde der extremen Rechten zu fallen. \u201eDer Linken ist es nicht mehr gelungen, eine Vision zu artikulieren, f\u00fcr die es sich lohnt zu k\u00e4mpfen. W\u00e4hrend der vergangenen 30 Jahre hat sowohl die Linke als auch die Rechte innerhalb des gleichen neoliberalen Paradigmas gearbeitet. Die Mainstream-Parteien jenseits ihrer politische Farbe haben sich in eine klare technokratische Richtung bewegt, und die Politik hat sich darauf beschr\u00e4nkt, L\u00f6sungen f\u00fcr bestimmte Probleme zu finden\u201c, analysiert Daniel Chandler, ein Philosoph aus England. Jetzt beginnt sich die Situation fundamental zu \u00e4ndern: \u201eWenn die Linke sich darauf beschr\u00e4nkt zu kritisieren, ohne auf genuine und faszinierende Weise eine Vision davon zu entwickeln, was eine gerechte Gesellschaft ist, werden wir das andere bekommen.\u201c ((2)) Was hat Deiner Meinung nach zum Zusammenbruch einer linken Vision gef\u00fchrt?<\/strong><\/p>\n<p>Luciana: Die Linke hatte ihre Legitimation in der Vertretung der Arbeiterklasse. Jedoch ist sie zersplittert und geschw\u00e4cht. In vielen F\u00e4llen, u. a. auch in Italien, weil hier die PCI nicht in der Lage war, den gro\u00dfen Schub zu begreifen, der 1968 und Anfang der 70er Jahre zur Schaffung neuer und starker Arbeiterm\u00e4chte gef\u00fchrt hatte. Ich denke zum Beispiel an die Fabrikr\u00e4te ((3)). Sie wusste nicht, wie sie auf die entstandenen Neuerungen reagieren sollte, vor allem auf das Auftauchen anderer sozialer Gruppierungen, die zwar antikapitalistisch waren, sich aber von denen der Arbeiterinnen und Arbeiter unterschieden, &#8211; man denke nur an die feministische Revolution! Eine Vereinigung der Arbeiterinnen und Arbeiter war (nach Ansicht der PCI, R. K.) nicht mehr auf der Basis unmittelbarer Bed\u00fcrfnisse denkbar, sondern nur im Rahmen eines gegliederten und zukunftsorientierten Programms.<br \/>\nZugleich ist es wahr, dass es in der Zwischenzeit einen heftigen Gegenangriff gegeben hat, der vor allem zu einer weiteren Privatisierung der demokratischen Entscheidungsgewalt gef\u00fchrt hat: Wichtige Entscheidungen werden nicht mehr von den Parlamenten getroffen, weder auf nationaler noch auf europ\u00e4ischer Ebene, sondern \u201eprivat\u201c auf dem globalen Markt. Wenn Bayer Monsanto kauft, um nur ein Beispiel zu nennen, sind die Folgen dieser Vereinbarung zwischen den beiden gro\u00dfen Konzernen viel schwerwiegender als jede Entscheidung, die von Parlamenten getroffen wird, aber sie wurde durch private Verhandlungen, vor einem privaten Notar und mit privaten Anw\u00e4lten, ohne jegliche parlamentarische Einmischung erreicht. Die Folge ist, dass wir nicht einmal mehr wissen, wo die Macht liegt: Fr\u00fcher war sie, wie wir wissen, in einem Palast (z.B. dem Winterpalast der Zaren); wenn wir heute den Sitz der nationalen Regierungen oder sogar die Pal\u00e4ste von Br\u00fcssel besetzen w\u00fcrden, w\u00fcrden wir dort nicht viel finden au\u00dfer einer Vervielfachung der Polizeidienste. Die Parteien haben an Macht verloren, sie sind keine lebendigen Kommunikationskan\u00e4le mehr zwischen der Zivilgesellschaft und den Regierungen. Deshalb interessieren sich die Menschen immer weniger f\u00fcr die immer leerer werdenden parlamentarischen Debatten. Die einzigen Entscheidungen, die sie treffen k\u00f6nnen, sind die zur Erh\u00f6hung der Ausgaben f\u00fcr Milit\u00e4r und Polizei. Das ist der Grund, warum viele junge Menschen nicht mehr w\u00e4hlen gehen.<\/p>\n<p><strong><em>Robert<\/em>: Der Aufstieg des Rechtsnationalismus und Neofaschismus in Deutschland in Gestalt der AfD profitiert von der Krise der hegemonialen Kultur. Das politische Establishment hat ihre Wertma\u00dfst\u00e4be und seinen Lebensstil als Richtwerte ausgegeben und dabei nicht mit Geringsch\u00e4tzung f\u00fcr das Leben der normalen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gespart. Die AfD bringt nun besonders im Osten der Republik gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung gegen das Establishment und seine \u201elinks-liberale\u201c Kultur in Stellung. Wie k\u00f6nnen wir politische Gegenmacht entfalten, im Wohnquartier und am Arbeitsplatz?<\/strong><\/p>\n<p><em>Luciana<\/em>: Um den gef\u00e4hrlichsten Feind von heute zu besiegen, das, was die Angelsachsen THINA (there is no alternative) nennen, was Misstrauen in jede M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung bedeutet, ist es notwendig, wieder von unten zu beginnen, von der Zivilgesellschaft, um neue Formen der direkten Demokratie ins Leben zu rufen. Die Gedanken von Rosa Luxemburg und Gramsci werden dabei wieder n\u00fctzlich. Denn ich glaube, dass es nur von hier aus m\u00f6glich ist, den jungen Menschen das Gef\u00fchl zur\u00fcckzugeben, Subjekte und Protagonisten zu sein.<br \/>\nWir m\u00fcssen uns dar\u00fcber klar werden, dass wir an einem epochalen Wendepunkt stehen, dass die Welt so nicht mehr funktionieren kann, dass die Umweltkatastrophe kein Hirngespinst ist und dass wir das System von innen heraus ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Es ist ein langes und schwieriges Spiel, aber ich muss sagen, dass meine Erfahrung mit der Arbeit in den Wohnvierteln in diesem Sinne funktioniert, die Jugendlichen f\u00fchlen sich als Akteure, und so kehrt die Politisierung zur\u00fcck, aber auf eine andere Art als die, die einst die politischen Parteien belebte. Diese Etappen der Politisierung werden wieder aufgenommen, allerdings in anderer Form, mit neuen Inhalten und nicht unmittelbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Krieg: Bei meinem letzten Aufenthalt in Italien habe ich erlebt, wie sehr sich Italiener\/innen Sorgen machen \u00fcber die Wiederaufr\u00fcstung in Deutschland. Was sind die historischen Gr\u00fcnde daf\u00fcr? Welche Rolle spielt dabei das kollektive Ged\u00e4chtnis der Menschen? Luciana Castellina: Es geht dabei nicht nur um die Besorgnis \u00fcber die deutsche Wiederbewaffnung. 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